• <b>Deutschland</b><br>Karikatur zum Gotthardvertrag, 1909 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Beim Rückkauf der schweizerischen Eisenbahnen durch den Bund wurden Deutschland und Italien Vorteile eingeräumt, die heftige Kritik breiter Kreise hervorriefen.
  • <b>Deutschland</b><br>Staatsbesuch von Wilhelm II.: Hohe schweizerische und deutsche Offiziere wohnen in Kirchberg (SG) den Manövern des 3. Armeekorps bei. Fotografie von  Anton Krenn,  1912 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz. In der Gruppe links im Bild erkennt man Oberst Ulrich Wille, Bundespräsident Ludwig Forrer (mit Hut und Umhang) und zwischen ihnen Wilhelm II.
  • <b>Deutschland</b><br>Plakat für die deutsche Erstaufführung von Igor Strawinskys "Sacre du Printemps", dirigiert vom Waadtländer Ernest Ansermet in Berlin 1922 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne, Archives musicales, Fotografie Claude Bornand).
  • <b>Deutschland</b><br>Plakat von  Carl Scherer,  1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
  • <b>Deutschland</b><br>Versammlung von Mitgliedern und Sympathisanten der NSDAP in der Zürcher Tonhalle, 1935 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz. Die Auslandsorganisation der NSDAP, bestehend aus Mitgliedern der deutschen Kolonie in der Schweiz, feierte in Zürich ein Erntedankfest.
  • <b>Deutschland</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Deutschland</b><br>Helmut Hubacher, Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt (links), 1987 (Schweizerisches Nationalmuseum, Actualités suisses Lausanne). Willi Brandt war als Präsident der sozialistischen Internationale am 26. September 1987 Ehrengast der Wahlversammlung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Bern.

Deutschland

Der polit.-geogr. Begriff D. (vor 1500 in der Regel in der Form: die Deutschen Lande) bezeichnete ab dem 11. Jh. das Staatswesen (Regnum teutonicum), das aus dem ostfränk. Reich hervorgegangen war (Heiliges Römisches Reich). Seit 1871 wird er für das zweite Reich und für dessen Nachfolgestaaten verwendet.

1 - Von 1866 bis 1918

1.1 - Die deutsche Einigung

Der preuss. Sieg über Österreich im Kampf um die Vorherrschaft in D., der in Königgrätz/Sadowa (Juli 1866) entschieden wurde, die Auflösung des Deutschen Bundes und die Bildung eines Norddt. Bundes (1866-67) unter der Führung von Preussen, der mit den Staaten Süddeutschlands (Grossherzogtum Baden, die Königreiche Bayern und Württemberg) durch Militärabkommen verbunden war, versetzten die Eidgenossenschaft in eine neue Lage. Der Einigungsprozess rief grosse Besorgnis hervor. Die Schweiz bemühte sich jedoch um gute Beziehungen zu Preussen sowie zu Baden, Württemberg und Bayern. In jedem dieser vier Staaten, deren Gesandte sich in Bern niederliessen, wurde auch ein Minister der Schweiz akkreditiert. Am 13. März 1869 unterzeichnete die Eidgenossenschaft einen Handelsvertrag mit dem Norddt. Bund. Auch Verhandlungen über ein Abkommen über den Durchstich des Gotthardtunnels fanden statt, an denen neben der Schweiz Italien, Baden, Württemberg und der Norddt. Bund teilnahmen. Diese Länder schufen die Grundlage für einen Vertrag (15. Okt. 1869); die Räte kamen im Juli 1870 zusammen, um ihn zu ratifizieren, doch der Deutsch-Französische Krieg verzögerte seine Unterzeichnung.

Dieser Konflikt stellte die Eidgenossenschaft vor komplexe diplomatische, militärische und humanitäre Probleme. Der Schweiz gelang es aber, ihre Beziehungen zu den Kriegsparteien positiv zu gestalten. Die Furcht vor der militärischen Bedrohung, welche die dt. Siege auslösten, nahm bald wieder ab, auch wenn es ab Nov. 1870 nach der Besetzung von Belfort an der Grenze im Jura zu zahlreichen Zwischenfällen kam. Die Massnahmen, die der Bundesrat im Sept. 1870 zugunsten der von der neuen franz. Regierung ausgewiesenen Deutschen ergriffen hatte, bewirkten einen Meinungsumschwung in der dt. Presse, welche die Schweiz bis dahin einer "übelwollenden Neutralität" beschuldigt hatte. Die Schweiz nahm die bayerischen und badischen Bürger in Frankreich unter ihren Schutz und der Bundesrat intervenierte zugunsten der dt. Gefangenen bei der Delegation von Tours. Ihre Guten Dienste brachten der Schweiz keinerlei Vorteile; Bismarck stellte sich gegen jegl. Abtretungen von elsäss. Gebieten an die Eidgenossenschaft.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

1.2 - Das Kaiserreich

1.2.1 - Eine Ära der Spannungen

Nach dem dt. Sieg befand sich die Eidgenossenschaft in einer völlig veränderten geostrateg. Situation. An ihrer nördl. Grenze war eine Grossmacht entstanden; der Gürtel von unabhängigen Staaten, der sie von Preussen getrennt hatte, existierte nicht mehr. Österreich im Osten war geschwächt und aus der dt. Gemeinschaft ausgeschieden. Die Zukunft der jungen franz. Republik im Westen erschien ungewiss. Die Schweiz musste sich um korrekte, wenn nicht gar herzliche diplomat. Beziehungen zum neuen Dt. Reich bemühen, das sie am 30. Jan. 1871 anerkannte; sie beglückwünschte Wilhelm I. am 20. Februar. Am 4. April wurde General Max von Roeder als kaiserl. Gesandter in der Schweiz akkreditiert. Die diplomat. Vertretungen von Baden und Württemberg wurden geschlossen, die von Bayern blieb bestehen.

In den 20 Jahren nach der Gründung des Reichs wurden die meisten Auseinandersetzungen zwischen diesem und der Schweiz auf polit. und diplomat. Ebene ausgetragen; allerdings sind auch antideutsche Ressentiments der schweiz. Bevölkerung nachweisbar (Tonhallekrawall). Erste Konflikte entstanden in Zusammenhang mit dem Kulturkampf, der dem Kanzler Bismarck ein besonderes Anliegen war. Der Streit zwischen dem laizist. Staat und der röm.-kath. Kirche war in der Schweiz ab 1870 wieder aufgeflammt. Nachdem einzelne Ereignisse in der Eidgenossenschaft eine Protestwelle im kath. Milieu wie in Regierungskreisen Frankreichs hervorgerufen hatten, informierte Bismarck Ende Juni 1873 den Schweizer Minister in Berlin, Bernhard Hammer, dass er keinen franz. Druck auf die Schweiz dulden bzw. mit demselben Druck auf Frankreich reagieren werde. Diese Einmischung in innere Angelegenheiten der Schweiz stärkte die extremen Verfechter einer antiklerikalen Politik, die schliesslich im Dez. 1873 zum Abbruch der diplomat. Beziehungen mit dem Vatikan führen sollte.

V.a. bezüglich der Frage der polit. Flüchtlinge übte der Kanzler grossen Druck aus. Bereits lange vor dem Krieg von 1870-71 war die Schweiz zum bevorzugten Zufluchtsort für dt. Sozialisten geworden, die auch zahlreiche Vereine gegründet hatten (21 im Jahre 1871). Um sich seiner wichtigsten Gegner zu entledigen, liess Bismarck durch das sog. Sozialistengesetz im Okt. 1878 sozialist. Organisationen und deren Presse verbieten. Viele von den zur Auswanderung gezwungenen Sozialisten liessen sich in der Schweiz nieder, wo sie sehr aktiv waren. Ab 1879 veröffentlichten sie in Zürich das Blatt Der Sozialdemokrat, das heftige Angriffe gegen den Kaiser und den Kanzler richtete und heimlich nach D. gelangte. Trotz der Proteste des dt. Gesandten beim Bundesrat unternahm die Schweiz bis 1888 nichts. Im April jenes Jahres wies der Bundesrat Redakteure aus, die sich in einer heiklen Affäre auch nach einer Mahnung zur Mässigung keinerlei Zurückhaltung auferlegten: Der Zürcher Polizeichef hatte entdeckt, dass die kaiserl. Polizei in linken Kreisen in der Schweiz Lockspitzel unterhielt. Ohne seine Vorgesetzten zu informieren, setzte er zwei deutsche sozialist. Abgeordnete davon in Kenntnis, die dies dem Reichstag eröffneten. Die Krise gipfelte im April 1889 in der Wohlgemuth-Affäre. Bismarck versuchte, der Auswanderung der Sozialisten ein Ende zu setzen, doch seine Drohungen gegenüber der Schweiz blieben erfolglos. Er änderte seine Taktik und warf nun der Eidgenossenschaft vor, sich nicht an Art. 2 des Niederlassungsvertrags vom 27. April 1876 zu halten, nach dem dt. Staatsbürger, die sich in der Schweiz niederlassen wollten, ein Zeugnis über eine sittl. Lebensführung vorzulegen hatten. Er behauptete, die Ausstellung eines solchen Dokuments gewähre D. ein Aufsichtsrecht. Der Bundesrat lehnte es in seiner Antwort ab, die Aufnahme von Ausländern in der Schweiz von einer fremden Regierung kontrollieren zu lassen, weil dies eine Beschneidung der nationalen Souveränität bedeuten würde. Daraufhin kündigte Bismarck am 20. Juli 1889 den Vertrag auf. Im Winter 1889/90 beschloss Wilhelm II., in Berlin eine internat. Konferenz zur Regelung des Arbeitsschutzes einzuberufen; Bismarck hatte ihm jedoch verheimlicht, dass der Bundesrat dasselbe vorhatte. Wegen dieses Zwischenfalls und zahlreicher Differenzen bezüglich innenpolit. Fragen forderte Wilhelm II. Bismarck am 19. März 1890 zum Rücktritt auf. Von da an normalisierten sich die Beziehungen zu D. Die Wiederaufnahme von Verhandlungen führten zum Vertrag vom 31. Mai 1890, der abgesehen von einer Änderung im Art. 2 dem Abkommen von 1876 entsprach. 1909 wurde der Art. 2 bei einer erneuten Aushandlung des Vertrags gestrichen; in dieser Form trat er am 1. Okt. 1911 in Kraft. Einer der wichtigsten Verträge zwischen D. und der Schweiz - sowie Italien - war der 1909 erneuerte Gotthardvertrag.

<b>Deutschland</b><br>Karikatur zum Gotthardvertrag, 1909 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Beim Rückkauf der schweizerischen Eisenbahnen durch den Bund wurden Deutschland und Italien Vorteile eingeräumt, die heftige Kritik breiter Kreise hervorriefen.<BR/>
Karikatur zum Gotthardvertrag, 1909 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Im März 1893 empfing der Bundespräsident in Luzern Wilhelm II., der ihn seiner freundschaftl. Gefühle für die Schweiz versicherte. Die Spannungen zwischen den beiden Ländern waren von da an minimal. Im "Mehlkrieg" von 1908-09 - D. gewährte seinen Mehlproduzenten eine Exportprämie -, drohte der Bundesrat, eine Importsteuer zu erheben. In der Silvestrelli-Affäre trug die Intervention D.s 1902 zur Beilegung der ital.-schweiz. Krise bei. Vom 3. bis zum 6. Sept. 1912 unternahm Wilhelm II. einen Staatsbesuch in der Schweiz. Bei der Beobachtung von Manövern des 3. Armeekorps konnte er sich versichern, dass die Schweiz fähig zur Erfüllung der Rolle sein würde, die ihr im Schlieffen-Plan zugedacht war. Der Kaiser wurde von der deutschschweiz. Bevölkerung begeistert empfangen; allerdings wurde der Besuch von den Linken scharf kritisiert. In der Westschweiz löste er grosses Unbehagen aus - hier zeichnete sich die Entstehung des im 1. Weltkrieg offen zutage tretenden Grabens zwischen Deutsch- und Welschschweiz bereits ab.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

1.2.2 - Die wirtschaftlichen Beziehungen

Da die Verfassung von 1874 die Zuständigkeiten des Bundes erheblich ausgeweitet hatte, erhöhte die Schweiz ab 1878 die Zolltarife und ging in den 1880er Jahren - also später als die meisten anderen Länder - zu einer Schutzzollpolitik über. D. beschuldigte den Bundesrat deshalb, eine Form von Protektionismus zu betreiben. Der Handelsvertrag von 1869, der auf der Meistbegünstigungsklausel basierte, wurde neu ausgehandelt - die Unterzeichnung erfolgte 1881 - und 1891 schliesslich erneuert. In diesem Jahr hatte Frankreich strenge protektionist. Massnahmen ergriffen, welche die Schweiz D. in die Arme trieben, zumal dieses seit Bismarcks Rücktritt eine liberalere Handelspolitik praktizierte. Bis zum Vertrag von 1891 waren nur wenige Schweizer Waren nach D. ausgeführt worden, doch ab 1896 nahmen Importe und Exporte ständig zu. 1892 betrugen die Schweizer Exporte (Uhren, Maschinen, Stickerei, Textilien usw.) 162 Mio. Fr.; sie stiegen bis 1913 auf 306 Mio. D. wurde der wichtigste Handelspartner der Schweiz. Zwischen 1911 und 1913 stammte ein Drittel der Schweizer Importe aus dem Reich. Gegen diese Entwicklung hatten schon lange protektionistisch gesinnte Kreise protestiert, die D. beschuldigten, das Land mit Billigprodukten zu überschwemmen. Dank geschickter Kampfzoll- und Verhandlungspolitik gelang es der Schweiz nach der Jahrhundertwende, die eigenen wirtschaftl. Interessen allgemein besser zu schützen; ein im Nov. 1904 geschlossener Zusatzvertrag verbesserte die Bedingungen für den Export nach D. Eine Wende in den dt.-schweiz. Wirtschaftsbeziehungen brachte der Vertrag von 1910. Er führte eine Reihe von Zollsenkungen ein und regelte den Grenz- sowie den Veredelungsverkehr: Waren (in erster Linie Textilien) durften zur Weiterverarbeitung vorübergehend importiert werden, sofern sie danach wieder ausgeführt wurden. Im militär. Bereich schliesslich rüstete die Eidgenossenschaft 1904-12 ihre Artillerie fast ausschliesslich mit Krupp-Kanonen aus, was in den Staaten der Entente z.T. als Zeichen einer Annäherung an den Dreibund interpretiert wurde.

<b>Deutschland</b><br>Staatsbesuch von Wilhelm II.: Hohe schweizerische und deutsche Offiziere wohnen in Kirchberg (SG) den Manövern des 3. Armeekorps bei. Fotografie von  Anton Krenn,  1912 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.<BR/>In der Gruppe links im Bild erkennt man Oberst Ulrich Wille, Bundespräsident Ludwig Forrer (mit Hut und Umhang) und zwischen ihnen Wilhelm II.<BR/>
Staatsbesuch von Wilhelm II.: Hohe schweizerische und deutsche Offiziere wohnen in Kirchberg (SG) den Manövern des 3. Armeekorps bei. Fotografie von Anton Krenn, 1912 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.
(...)

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

1.2.3 - Die deutsche Kolonie

Bis 1914 bildeten die Deutschen die grösste Ausländerkolonie in der Schweiz (Ausländer). 1870 hielten sich 57'000 dt. Staatsbürger auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft auf. 1910 betrug ihre Zahl rund 220'000, wobei sich die grössten Konzentrationen in Zürich, Basel und St. Gallen befanden; umgekehrt waren rund 15'000 Schweizer in D. niedergelassen. Die dt. Kolonie war sehr aktiv in den Bereichen Industrie, Handel und Technik sowie auf intellektuellem Gebiet. 1905 waren 6% der Unternehmens- und Geschäftsbesitzer Deutsche und einige von ihnen hatten regelrechte Industrieimperien aufgebaut: Carl Franz Bally (Schuhe), Henri Nestlé, Georg Wander (Lebensmittel), Christian Gröninger (Metallerzeugnisse), Gustav Henckell (Hero Konserven), Walter Boveri (Brown-Boveri), der Arzt Alexander Spengler, der "Erfinder" von Davos, sowie Wilhelm Girardet und Jakob Friedrich Walz, die Gründer des Tages-Anzeigers (1893). Die Kolonie hatte sich in zahlreichen Chören, Sportgruppen, Berufsvereinigungen, Frauen-, Veteranen-, Studenten- und Unterstützungsvereinen organisiert. Einige nationalist. Gruppen verherrlichten das Reich und das Deutschtum. Auch die Sozialisten besassen ihre eigenen Organisationen und ihre Arbeitervereinigungen, die bis zum Rücktritt Bismarcks ihre in D. verbliebenen Genossen unterstützten (Deutsche Arbeitervereine). Sie besassen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss innerhalb des schweiz. Gewerkschaftsbundes und der sozialdemokrat. Partei. Im Allgemeinen zeigte sich die dt. Kolonie loyal gegenüber der Schweiz, die sie unter anderem in der Wohlgemuth-Affäre unterstützte.

Die deutsche Kolonie in der Schweiz
Jahrabsolute Zahlen % der Ausländer
188095 26245,1%
1910219 53039,7%
1920149 83337,2%
1930134 56137,8%
1941a78 27435,0%
195055 43719,4%
196093 40615,9%
1970118 28910,9%
1980b87 9139,3%
199084 4857,4%
199591 9766,7%
2000109 7857,7%

a einschliessl. der Österreicher

b 87 389 gemäss StJ 1997

Quellen:StJ

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

1.2.4 - Die kulturellen Beziehungen

Nach 1871 war der intellektuelle und kulturelle Einfluss D.s in der Deutschschweiz sehr stark und sogar in der Westschweiz spürbar. Es gab zahlreiche dt. Professoren, die an den Schweizer Universitäten lehrten, oder Schweizer Gelehrte, die an dt. Hochschulen unterrichteten. In Freiburg beispielsweise waren bei der Gründung 1889 12 von 27 Professoren dt. Nationalität, 1914 waren es 14 von 73. Ab 1902 gab es in Lausanne einen Lehrstuhl für dt. Recht, kurze Zeit später auch in Genf. Die Schweizer Universitäten, die früh den Frauen offen standen (Zürich ab 1864), zogen zahlreiche dt. Studentinnen an. Umgekehrt besuchten viele Schweizer dt. Universitäten, Kunsthochschulen und Konservatorien. Besonders attraktiv, v.a. für Künstler, waren Berlin und München. Obwohl sich die Westschweizer v.a. nach Paris orientierten, gingen einige auch nach D. (Ernest Ansermet nach Berlin, Emile Jaques-Dalcroze nach Hellerau, Charles Ferdinand Ramuz nach Weimar). Dt. Schriftsteller und Intellektuelle liessen sich für mehr oder weniger lange Zeit in der Schweiz nieder (Hermann Hesse, Ricarda Huch, Carl und Gerhard Hauptmann, Erich Mühsam, Gustav Landauer, August Bebel). Während dt. Philosophen, insbesondere Friedrich Nietzsche, in der Schweiz einen gewissen Einfluss ausübten und der Hamburger Gottfried Semper die Pläne für das Polytechnikum Zürich zeichnete, waren in D. Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer, Carl Spitteler, aber auch Johanna Spyri und Ernst Zahn en vogue, ebenso Maler wie Arnold Böcklin oder Ferdinand Hodler, der den Auftrag zur Dekoration der Univ. Jena erhielt. Im Allgemeinen waren diese intellektuellen und künstler. Beziehungen ausserordentlich rege und fruchtbar. Üblich waren auch Aufenthalte von Schweizer Offizieren beim preuss. Militär.

Bis zum 1. Weltkrieg wünschte nur eine verschwindend kleine Minderheit germanophiler Deutschschweizer die Angliederung der Schweiz an das Reich. Auf dt. Seite betrachtete der 1891 gegründete Alldeutsche Verband die Deutschschweizer als Deutsche. Doch die nationalist. Agitation dieser Organisation fand in der Schweiz nur innerhalb der dt. Kolonie eine gewisse Beachtung. Gleichzeitig, aber in einem anderen Geist, plädierte der 1880 gegründete Verein für das Deutschtum im Ausland für eine ausschliesslich kulturell verstandene Einheit. Auch dieser Verein, der die Deutschsprachigen im Jura finanziell unterstützte, hatte nur geringen Einfluss.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

1.3 - Der Erste Weltkrieg

D. versicherte dem Bundesrat bei Kriegsausbruch, dass es die Schweizer Neutralität respektiere, und wiederholte diese Aussage im Mai 1915 und im Frühjahr 1917 (Erster Weltkrieg). Der Graben zwischen Deutsch- und Westschweizern vertiefte sich vom Beginn der Feindseligkeiten an, nicht zuletzt wegen der Wahl Ulrich Willes zum General bzw. derjenigen Theophil von Sprechers zum Generalstabschef (Röstigraben). Die unterschiedlich ausgerichteten Kollektivsympathien stellten die innere Geschlossenheit der Schweiz in Frage und erschwerten die Neutralitätspolitik. So drohten z.B. die heftigen Angriffe der Westschweizer Presse, die dem Bundesrat vorwarf, nicht gegen die Verletzung der belg. Neutralität durch D. protestiert zu haben, das Reich zu verärgern. Schon im Sept. 1914 machte General Wille den Bundesrat auf die Folgen aufmerksam, die eine solche Haltung für die Schweiz haben könnte, und am 1. Okt. bat die Regierung die Bevölkerung, ihr Verhalten dem Geist der Neutralität anzupassen. Die Obersten-Affäre (Ende 1915 bis 1916) weckte heftige Emotionen in der Westschweiz und in linken Kreisen, welche die Armee beschuldigten, D. hörig zu sein. Am 27. Jan. 1916 riss eine Menge die Fahne vom dt. Konsulat in Lausanne, was zu heftigen Protesten von dt. Seite führte. Erst ab ca. 1917 verringerte sich die Kluft wieder: Infolge der sog. Grimm-Hoffmann-Affäre ging ein grosser Teil der Deutschschweizer auf Distanz zu den Mittelmächten, und die Ersetzung Bundesrats Arthur Hoffmanns durch Gustave Ador sowie der Rücktritt des zu Unrecht der Deutschtümelei verdächtigten Ludwig Forrers zeigten auch nach aussen einen kritischere Haltung der Exekutive gegenüber dem Reich an.

Die Regelung der wirtschaftl. Fragen war schwierig. Um zu überleben, musste sich die in dieser Hinsicht unvorbereitete Schweiz, die ab 1915 vollständig von Kriegsparteien umgeben war, häufig den Bedingungen ihrer Nachbarn unterwerfen und eine Einbusse an Souveränität in Kauf nehmen. D., das unter der Seeblockade der Alliierten litt, bemühte sich, von der Schweiz so viele Lebensmittel und Waren wie möglich zu erhalten. Gewisse dt. Produkte waren für die Schweiz unverzichtbar (Chemie, Medikamente, Kohle), doch das Reich befürchtete, dass diese wieder in die Länder der Entente ausgeführt würden. Das von D. am 31. Juli 1914 verhängte allg. Exportverbot wurde bald erheblich gelockert. Die dt.-schweiz. Handelsverträge blieben in Kraft, und bis zum Frühjahr 1915 herrschte reger Handel zwischen den beiden Ländern. Immer zahlreichere neue Import- und Exportverbote zwangen die beiden Länder, Kompensationsverträge abzuschliessen, welche die Menge der Handelsgüter und die Art der einzelnen Kompensationswaren genau festlegten. Im Mai 1915 wurde in Zürich eine Schweizerische Treuhandstelle für Überwachung des Warenverkehrs eingerichtet, um diese Probleme zu regeln. Zwischen 1916 und 1918 wurden mehrere Wirtschaftsabkommen mit D. unterzeichnet. Da die Schweiz die aus dem Reich importierten Güter dringend benötigte, setzte dieses sich auch mit seinen Forderungen teilweise durch.

Die Entente-Mächte, die über viele Rohstoffe verfügten, konnten die Schweiz reichlich beliefern. Sie übten ab Frühjahr 1915 zunehmend Druck auf die Schweiz aus und forderten, dass die von ihnen und neutralen Staaten gelieferten Rohstoffe nicht in Form von Industrieprodukten an die Zentralmächte gelangten, weshalb die Situation für die Schweiz immer schwieriger wurde. Schliesslich stimmte der Bundesrat im Sept. 1915 der Gründung einer Kontrollgesellschaft, der Société suisse de surveillance économique (SSS), zu. Kurz vor dem Krieg waren die Importe in die Schweiz aus den Ländern der zukünftigen Alliierten und der Zentralmächte noch ausgeglichen gewesen; 1917 kontrollierten die Alliierten die Mehrheit der Importe in die Schweiz (903 Mio. Fr. gegenüber 504 Mio. von Seiten der Zentralmächte).

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

2 - Von 1918 bis 1945

2.1 - Die Weimarer Republik

Als D. die Vereinbarung über den Waffenstillstand am 11. Nov. 1918 unterzeichnete, wurde es bereits durch revolutionäre Unruhen erschüttert. Diese beunruhigten die Schweiz, in der ja gerade der Landesstreik zu eskalieren drohte. Man befürchtete nicht nur, dass das ehemalige Reich in Anarchie verfiel, sondern sah in dessen wirtschaftl. Zusammenbruch auch eine Gefahr für eigene vitale Interessen. Die Bundesbehörden waren deshalb über die Härte der Alliierten gegenüber D. und ihr Unverständnis für dessen Probleme besorgt (Vertrag von Versailles). Am 15. April 1919 anerkannte der Bundesrat die republikanische dt. Regierung und brach damit mit der Gepflogenheit, nur Staaten anzuerkennen. Die Reaktion der Gegenseite liess jedoch auf sich warten, und der Schweizer Minister in Berlin legte sein Beglaubigungsschreiben erst im Juni vor. Im Dez. 1921 schloss der Bundesrat mit der dt. Regierung einen Schieds- und Vergleichsvertrag. Der Beitritt der Schweiz zum Völkerbund im Mai 1920 und die differenzielle Neutralität beunruhigten D. In der Schweiz lösten die von den Entente-Mächten gegen D. verhängten Sanktionen Vorbehalte und Besorgnis aus. Bei der franz.-belg. Besetzung der Ruhr (Jan. 1923) beschränkte sich der Bundesrat auf eine vorsichtige Neutralität. Innerhalb der Rhein-Zentralkommission setzte sich die Schweiz für die freie Schifffahrt ein, und im Mai 1923 schloss sie ein dahin gehendes Abkommen mit Frankreich und D. Die Eidgenossenschaft begrüsste den Abschluss der Locarno-Verträge 1925, die D. den Beitritt zum Völkerbund ermöglichten, die diplomat. Gleichheit wiederherstellten, eine Ära des Friedens einzuläuten schienen und die dt.-franz. Beziehungen entspannten, was für die Schweiz nur von Nutzen sein konnte. Ausserdem entsprachen sie den Ansichten Giuseppe Mottas, der seit jeher für die Zulassung D.s zum Völkerbund plädiert hatte. Die im Aug. 1929 in Den Haag geschlossenen Verträge, infolge deren Frankreich das Rheinland endgültig räumte, wurden in der Schweiz ebenfalls gut aufgenommen, da sie den franz. Druck von grenznahen Gebieten nördlich der Eidgenossenschaft nahmen. Auf der Konferenz von Lausanne im Juni-Juli 1932 konnte D. schliesslich die Reparationsverpflichtungen so gut wie vollständig abschütteln.

Nach Beendigung der Feindseligkeiten komplizierten zahlreiche wirtschaftl. Probleme die Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Zentral war die Frage der Kohlelieferung: Die Schweiz beklagte sich, dass D. seinen Verpflichtungen nicht nachkomme. D. berief sich in seiner Antwort auf Produktions- und Transportschwierigkeiten und führte auch als Argument an, dass sich die Entente gegen Kohlelieferungen aus der Ruhr an die Schweiz stellte. Erst nach Abschluss eines Abkommens im Juli 1920 stabilisierte sich die Situation. Die gegen das Reich verhängte Wirtschaftsblockade, die erst nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags aufgehoben werden sollte, und die Forderung der Alliierten, keine Lebensmittel nach D. zu exportieren, brachte die Schweiz in eine schwierige Lage. Auch hinderten D. die von den Siegermächten auferlegten Reparationszahlungen, seine Schulden gegenüber der Schweiz zu begleichen.

Im Bereich des Handels hemmten in den frühen 1920er Jahren die durch die Inflation bedingten tiefen Preise für dt. Produkte die Schweizer Exporte, während auf der anderen Seite exportierte dt. Güter von dem Valutavorteil profitierten. Diese Konstellation veranlasste die Eidgenossenschaft, die gerade eine Wirtschaftskrise erlebte, zu einer immer protektionistischeren Handelspolitik. D., das von diesen Massnahmen am stärksten betroffen war, hatte grosses Interesse an der Aufhebung dieser Einschränkungen. Auf Schweizer Seite erwartete man als Gegenleistung Erleichterungen für den Export eigener Produkte nach D.

<b>Deutschland</b><br>Plakat für die deutsche Erstaufführung von Igor Strawinskys "Sacre du Printemps", dirigiert vom Waadtländer Ernest Ansermet in Berlin 1922 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne, Archives musicales, Fotografie Claude Bornand).<BR/>
Plakat für die deutsche Erstaufführung von Igor Strawinskys "Sacre du Printemps", dirigiert vom Waadtländer Ernest Ansermet in Berlin 1922 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne, Archives musicales, Fotografie Claude Bornand).
(...)

Nachdem D. wieder an polit. Handlungsfreiheit gewonnen und seine Währung sich stabilisiert hatte, verbesserte der Vertrag von Juli 1926 die wirtschaftl. Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Er basierte auf der Meistbegünstigungsklausel und gewährte D. Zollvorteile; der Veredelungsverkehr wurde liberalisiert. Doch vom Beginn der 1930er Jahre an praktizierte die Schweiz erneut eine protektionist. Politik und führte ein System der Kontingentierung für Importprodukte ein, das gemäss dt. Auffassung unvereinbar mit der Meistbegünstigungsklausel war. Grund für diesen Kurswechsel war der andauernde Rückgang des Saldos der Schweizer Handelsbilanz mit D. (92 Mio. Reichsmark 1928 gegenüber 301 Mio. 1930). Dieser Saldo, der immer passiv gewesen war, erreichte 1932 einen derart Besorgnis erregenden Stand, dass der Bundesrat eine Revision des Abkommens mit D. forderte. Zähe Verhandlungen begannen, in der dt. Presse wurde die Schweiz wegen ihrer restriktiven Handelspolitik heftig kritisiert. Schliesslich wurden im Juni und Nov. 1932 zwei Verträge unterzeichnet, welche die Situation durch die Stärkung der Meistbegünstigungsklausel entspannten.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

2.2 - Das Dritte Reich

2.2.1 - Die politischen Beziehungen von 1933 bis 1939

Der Aufstieg und das Regime des Nationalsozialismus lösten in der Schweiz grosse Besorgnis aus, obwohl gewisse rechtsbürgerl. Kreise in der NSDAP zunächst einen willkommenen Verbündeten gegen den Bolschewismus gesehen hatten und das nationalsozialist. Gedankengut von Frontisten extremerer Richtung durchaus geteilt wurde (Frontenbewegung). Doch die Mehrheit der Schweizer war spätestens seit 1934/35 überzeugt, dass das Dritte Reich in diametralem Gegensatz zu den traditionellen helvet. Werten wie Demokratie, Föderalismus oder Liberalismus stand. Infolgedessen gestalteten sich die Beziehungen zwischen der Schweiz und D., das ja auch der wichtigste Handelspartner der Schweiz war, zunehmend schwieriger.

Die ab Sept. 1933 von hohen Nazis abgegebenen Erklärungen, dass die Neutralität der Schweiz respektiert werde, überzeugten hierzulande ebensowenig wie die Rede von Hitler im Mai 1935, in der dieser die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft als "wahrhaftig und real" bezeichnete. Der Leiter des Polit. Departements, Giuseppe Motta, informierte den Schweizer Minister in Berlin, dass er von Hitler eine offizielle Stellungnahme wünsche. Erst im Febr. 1937 jedoch machte Hitler dem alt Bundesrat Edmund Schulthess in Berlin Zusicherungen. Der Kanzler unterstrich, dass er die Schweiz als sichere Deckung der Südflanke D.s betrachte. Diese rein verbalen Garantien standen allerdings im Widerspruch zur antischweiz. Haltung der dt. Presse und dem Vorgehen einzelner dt. Stellen. D. interessierte sich auch eingehend für die Rolle der Schweiz im Völkerbund und begrüsste deren Rückkehr zur absoluten Neutralität 1938. Besorgt zeigte es sich hingegen über die Gefahr, die in seinen Augen die Tätigkeit des Völkerbundes auf Schweizer Territorium darstellte.

<b>Deutschland</b><br>Plakat von  Carl Scherer,  1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Plakat von Carl Scherer, 1937 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Bis Kriegsende erregten krit. Berichte in der Schweizer Presse das Missfallen der Reichsregierung, die diese beschuldigte, durch eine deutschfeindl. Haltung die Neutralität zu missachten. Die Reichsregierung verbot zahlreiche Schweizer Zeitungen in D. und setzte den Bundesrat mehrfach unter Druck, um die Gleichschaltung der Presse zu erreichen; Massnahmen wurden ab 1934 ergriffen (Zensur). Sehr gespannt war die Lage auch während der sog. Jacob-Affäre. Die Deutschen liessen den jüdischen dt. Journalisten Bertold Jacob-Salomon, den die Gestapo am 9. März 1935 in Basel verschleppt hatte, wieder frei, nachdem der Bundesrat, unterstützt von der öffentl. Meinung, energisch die Herausgabe des Gefangenen und die Bestrafung der Entführer gefordert hatten. Diese Affäre gab Anlass zu heftigen Demonstrationen gegen die Schweiz in D., während in der Schweiz ein Verbot der nationalsozialist. Organisationen gefordert wurde. Erst nach der Ermordung des Landesgruppenleiters der NSDAP Wilhelm Gustloff in Davos am 4. Febr. 1936 durch einen jüd. Studenten entschloss sich der Bundesrat zu diesem Schritt und verbot die Zentrale der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz (Gustloff-Affäre). Ab Aug. 1936 waren jedoch dt. Nazigruppen bereits wieder aktiv. Es gab auch paramilitärische Sportgruppen, die im Falle eines dt. Angriffs eine Bedrohung für die Schweiz hätten darstellen können.

<b>Deutschland</b><br>Versammlung von Mitgliedern und Sympathisanten der NSDAP in der Zürcher Tonhalle, 1935 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.<BR/>Die Auslandsorganisation der NSDAP, bestehend aus Mitgliedern der deutschen Kolonie in der Schweiz, feierte in Zürich ein Erntedankfest. <BR/>
Versammlung von Mitgliedern und Sympathisanten der NSDAP in der Zürcher Tonhalle, 1935 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.
(...)

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

2.2.2 - Der Zweite Weltkrieg

Beim Ausbruch der Feindseligkeiten notifizierte der Bundesrat am 31. August 1939 die bewaffnete Neutralität, und das Reich verpflichtete sich, diese zu akzeptieren. Am gleichen Tag bestätigte Hitler diese Verpflichtung in seiner Kriegsführungsrichtlinie Nr. 1. Während der gesamten Dauer des Konflikts nährten allerdings offizielle und offiziöse Erklärungen von dt. Verantwortlichen die Ungewissheit und zwangen den Bundesrat, unablässig seinen Unabhängigkeitswillen zu bekräftigen (Zweiter Weltkrieg).

Der dt. Angriff gegen Frankreich (Mai-Juni 1940) stellte für die Schweiz keine wirkl. Bedrohung dar. Gefahr bestand allenfalls zwischen Ende Juni und Oktober, als die Deutschen erwogen, die Lücke zwischen Genf und Saint-Gingolph zu schliessen; diese ermöglichte nämlich der Schweiz die Kommunikation mit dem nicht besetzten Teil Frankreichs und den reichsfeindl. Mächten. Der dt. Führungsstab arbeitete versch. Pläne in diesem Sinne aus. Es kam lediglich zu schweren Luftzwischenfällen, bei denen die Schweizer Jagdflugzeuge zwischen dem 8. Mai und dem 10. Juni oft siegreich auf die Maschinen der Luftwaffe trafen. Am 17. Juni bemächtigten sich die Deutschen in La Charité-sur-Loire Dokumenten des franz. Stabs. Darunter befanden sich auch vertrauliche Unterlagen über Kontakte zwischen franz. und schweiz. Militärs, die den Auftrag hatten, Grundlagen für eine Zusammenarbeit im Falle eines dt. Angriffs auf das eidg. Gebiet zu erarbeiten. Hitler hatte ab Juli Kenntnis von diesen Dokumenten, setzte sie aber nicht ein, erstaunlicherweise auch nicht, um General Guisan zu diskreditieren. Dessen während des Rütli-Rapports am 25. Juni 1940 gehaltene Rede wurde in D. nämlich als feindl. Akt empfunden und führte am 13. Aug. zu einem offiziellen Protest. Gut aufgenommen wurde von den Reichsbehörden dagegen die im Radio übertragene Rede von Marcel Pilet-Golaz vom 25. Juni 1940. In dieser rief der Bundespräsident die Schweizer Bevölkerung auf, in einem grundlegend veränderten Europa ihr Selbstvertrauen wiederzufinden. Eine Gruppe von Offizieren sah die Rede als Zeichen für ein Erlahmen des Widerstandswillens an und erwägte, im Fall einer sich abzeichnenden Kapitulationsbereitschaft im Bundesrat die polit. Führung an sich zu ziehen und den Widerstand gegen das nationalsozialist. Regime weiter zu organisieren. Viele Frontisten, aber auch reichsfreundl. Schweizer, die keine Nazis waren, darunter ebenfalls Offiziere, fühlten sich in ihren Ansichten bestärkt. Der Bundesrat, dessen Handlungsspielraum angesichts der wirtschaftl. Abhängigkeit vom Reich klein war, betrieb in dieser Situation eine geschickte und erfolgreiche, aber auch ambivalente Politik: Einerseits versuchte er, D. nicht zu brüskieren, und empfing deshalb z.B. im Sept. 1940 noch massgebende Repräsentanten der Nationalen Bewegung der Schweiz, um dann Ende Jahr diese Organisation zu verbieten. Bis 1943 folgten weitere Verbote ähnlicher, von D. aus gesteuerter schweiz. Organisationen; die NSDAP-Landesgruppe Schweiz wurde aber erst im Mai 1945 aufgelöst.

Der Schweizer Minister in Berlin von 1933 bis 1938, Paul Dinichert, verteidigte die Interessen seines Landes mit Würde, während sein Nachfolger Hans Frölicher, der von 1938 bis 1945 im Amt war, dem Reich allzu ergeben war. Die Gesandten D.s in der Schweiz, Ernst von Weizsäcker (1933-36) und Otto Köcher (1938-45), waren rücksichtslose Sprecher ihrer Regierung. Während des ganzen Krieges waren verschiedene dt. Spionagedienste auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft im militär., polit. und wirtschaftl. Bereich oder bei der Vorbereitung von Sabotageakten sehr aktiv; einige Schweizer, die aus ideolog. Überzeugung oder Gewinnsucht handelten, unterstützten sie bei ihren Machenschaften, andere verpflichteten sich sogar in der dt. Armee. Doch neben diesen "Kollaborationsschweizern" gab es in der Armee, in den Kirchen, in den polit. Parteien und in den Gewerkschaften auch eine "Schweiz des Widerstands". Insbesondere die Presse verwahrte sich gegen jegl. Kollaboration mit D. und trat für den totalen Widerstand im Falle einer Invasion ein.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in die freie Zone Frankreichs (Nov. 1942) war die Schweiz vollkommen von den Achsenmächten umgeben, und die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Neutralität stellte sich für das Reich nicht mehr. Anfang März 1943 traf sich Guisan heimlich in der Schweiz mit dem SS-General Walter Schellenberg und übergab ihm einen Brief an Hitler, in dem er sein Ehrenwort als Offizier gab, dass die Schweiz neutral bleiben und sich gegen jeden Angriff verteidigen werde sowie dass sie keine Beziehungen zu den Alliierten unterhalte. Nach dem Einmarsch der Alliierten in Italien im Juli 1943 bekräftigte die Eidgenossenschaft ihren Willen zur Verteidigung ihrer Neutralität erneut. Weil der Krieg in Oberitalien die Eidgenossenschaft direkt bedrohte, organisierte ein kleiner Kreis um den Nachrichtenoffizier Max Waibel in Ascona am 19. März 1945 ein Treffen zwischen dem SS-General Karl Wolff und zwei alliierten Generälen. Dank dieser Bemühungen konnten dt. Unterhändler über die Schweiz nach Frankreich und anschliessend ins ital. Hauptquartier der Alliierten gelangen, wo sie am 29. April 1945 die Kapitulation der in Italien stehenden Teile der dt. Wehrmacht unterzeichneten. Während der letzten Kriegstage wurde die Schweizer Gesandtschaft von Berlin nach Bayern verlegt. Am 8. Mai 1945 verkündete der Bundesrat, dass in seinen Augen die Reichsregierung nicht mehr existiere. Er ordnete die Schliessung der Gesandtschaft in Berlin an, unterhielt aber weiterhin konsularische Vertretungen - deren Zahl wurde sogar erhöht - in D. Die dt. Gesandtschaft und die dt. Konsulate in der Schweiz wurden dagegen geschlossen; der dt. Gesandte Otto Köcher ausgewiesen.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

2.2.3 - Die wirtschaftlichen Beziehungen

Von 1933 bis zum Frühjahr 1940 waren die dt.-schweiz. Wirtschaftsbeziehungen von zahlreichen Schwierigkeiten geprägt. D.s Aussenhandel, der unter staatl. Kontrolle stand, wurde durch Kompensationsabkommen geregelt. Da die Schweiz mehr Waren nach D. exportierte, als sie von dort importierte, stellte sich bald ein Ungleichgewicht im Clearing ein. Im Juni 1939 beliefen sich die dt. Schulden gegenüber der Schweiz auf 64 Mio. Fr.; trotzdem blieb der Handel rege. Ab Herbst 1938 versuchte der Bundesrat in Berlin in Sondierungsgesprächen herauszufinden, ob das Reich im Kriegsfalle der Schweiz weiterhin lebensnotwendige Produkte liefern und den Transit von Waren aus Drittländern durch dt. Gebiet zulassen würde. Die Reichsregierung vermied es bewusst, sich bezüglich dieser Fragen festzulegen. Bis zum Sieg über Frankreich blieb die Exportpolitik des Reiches gegenüber der Schweiz relativ liberal. In den Wirtschaftsverhandlungen, die im Mai 1940 aufgenommen wurden, nützte das Reich dann die neue machtpolit. Lage radikal aus; es verhängte am 11. Juni 1940 sogar ein Kohlenembargo, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Am 9. Aug. wurde ein Abkommen unterzeichnet, das bis zum 30. Juni 1941 galt. Die Schweiz hielt den Achsenmächten die Transportwege durch die Alpen offen und verpflichtete sich, strateg. Güter in grossen Mengen nach D. zu exportieren. Zu diesem Zweck eröffnete sie für das Reich einen Clearing-Kredit in Höhe von 124 Mio. Fr. Das Reich, das daran interessiert war, dass sich die Schweiz mit Gütern eindecken konnte, über die es selbst nicht verfügte, liess auch weiterhin einen beschränkten Handel der Schweiz mit Grossbritannien und überseeischen Gebieten zu, den es allerdings teilweise kontrollierte. Ausserdem hob D. das Kohleembargo auf und genehmigte den Transit von für die Schweiz bestimmten Waren aus den skandinav. Ländern. Mit dem neuen Wirtschaftsabkommen vom 18. Juli 1941 zahlte die Schweiz einen hohen Preis für den Bezug von überlebenswichtigen Rohstoffen von D. und die teilweise Aufhebung der Gegenblockade, welche die Achsenmächte gegen England verhängt hatten. Sie musste dem Reich bis Ende 1942 einen Vorschuss von 850 Mio. Fr. gewähren. Ab Sommer 1942 und während des ganzen Jahres 1943 stellte D. unter Anwendung von Drohungen und Erpressung erneut drast. Forderungen, akzeptierte aber auch eine weitere Lockerung der Gegenblockade. Die Parteien konnten sich jedoch nicht verständigen, und die Verhandlungen wurden Ende 1943 wieder aufgenommen und mündeten am 24. März 1944 in ein neues Abkommen, das bis zum 30. Juni gültig war. Da die Deutschen ihre Haltung gelockert hatten, konnten die Schweizer Exporte nach D. reduziert werden, obwohl das Reich weiterhin ebensoviel Kohle wie früher lieferte (150'000 t pro Monat) und seine Eisenlieferungen erhöhte. Auch die Gegenblockade wurde weiter gelockert. Die Lage der Schweiz änderte sich im Sept. 1944. Nachdem die Alliierten ihre westl. Grenze erreicht hatten, konnten die Schweizer Verhandlungsführer ihrerseits Bedingungen stellen. Der Transit von dt. Waren nach Italien wurde reduziert. Am 16. Febr. 1945 beschloss der Bundesrat, die dt. Guthaben in der Schweiz zu blockieren, den Transit von Kohle nach Italien zu unterbinden und dem Reich keinen Strom mehr zu liefern, bis dieses die noch ausstehenden 120'000 t Kohle geliefert hatte. Das Protokoll vom 28. Febr. 1945 war das letzte, das zwischen dem Reich und der Schweiz abgeschlossen wurde; mit ihm wurde der wirtschaftl. Austausch zwischen den beiden Ländern stark reduziert. In den letzten Kriegsmonaten wurden die Lieferungen an D. fast vollständig eingestellt. 1940-45 lieferte die Schweiz an D. für rund 2,5 Mrd. Fr. versch. Produkte; der Wert der für die Kriegsführung notwendigen Güter darunter betrug 1,4 Mrd. Fr.

Zwischen dem 1. Dez. 1939 und dem 30. Juni 1945 betrieben die Schweiz. Nationalbank und die Reichsbank einen schwunghaften Goldhandel; sie tätigten insgesamt Käufe und Verkäufe in einem Volumen von ca. 1,211 Mrd. Fr. Der Gewinn der Nationalbank aus diesen Transaktionen betrug allerdings nur bescheidene 18,4 Mio. Fr. Ausserdem erhielt die Nationalbank von der Bank für den Internat. Zahlungsausgleich in Basel und anderen Zentralbanken Gold im Wert von 428,4 Mio. Fr. Die Rolle, welche die Schweiz als internat. Finanzdrehscheibe spielte, war sicher mit ein Grund, weshalb die dt. Führung auf einen Angriff auf die Schweiz verzichtete. Problematisch am Goldhandel war, dass sich die Schweizer Nationalbank nicht um die Herkunft des dt. Goldes kümmerte. Dieses stammte zum Teil aus den Goldreserven der Zentralbanken der eroberten Länder (Holland, Belgien), zu einem - wahrscheinlich viel kleineren - Teil auch aus dem Besitz von Privatpersonen, die dem nationalsozialist. Regime zum Opfer gefallen waren. Die Frage, wieviel solches "Raub- und Totengold" in die Schweiz kam, ist zu Beginn des 21. Jh. noch offen.

Aussenhandel der Schweiz mit Deutschlanda
 Importe (in Mio. Fr.)Exporte (in Mio. Fr.)
JahrBRDDDRTotalAnteil am gesamten ImportvolumenBRDDDRTotalAnteil am gesamten Exportvolumen
1938  373,123,2%  206,115,7%
1939  440,423,3%  191,514,8%
1942  660,332,2%  655,641,7%
1943  532,230,8%  598,436,7%
1944  433,436,5%  293,625,9%
1945  54,34,4%  11,20,8%
1946  45,41,3%  7,90,3%
1947  133,42,8%  15,50,5%
1948  322,76,4%  68,92,0%
1949b  331,98,7%  313,49,1%
1950b  497,211,0%  362,29,3%
1955b1 507,331,21 538,524,0%755,034,3789,314,0%
19602 840,725,82 866,529,7%1 492,624,61 517,218,7%
19654 795,433,04 828,430,3%2 203,436,12 239,517,4%
19708 349,258,58 407,730,2%3 288,6110,83 399,415,4%
19759 552,959,89 612,728,1%4 944,2185,45 129,615,3%
198016 766,368,516 834,827,7%9 749,8220,39 970,120,1%
198522 912,7133,323 046,030,8%13 103,2189,813 293,020,0%
1990  32 634,233,8%  19 512,522,1%
1995  31 855,133,7%  22 912,523,8%

a 1939-44 inkl. Österreich

b ohne Saarland

Quellen:StJ

<b>Deutschland</b><br>Quellen: Historische Statistik der Schweiz, hg. von H. Ritzmann-Blickenstorfer, 1996, 698, 706; Eidgenössische Zollverwaltung  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Aussenhandel der Schweiz mit Deutschland 1890-2015

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

2.2.4 - Die Flüchtlinge

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten fanden Gegner und Opfer des Regimes Zuflucht in der Schweiz, die zu Beginn des Kriegs zwischen 7'000 und 8'000 Geflohene, darunter rund 5'000 Juden, aufnahm. Da die Anzahl der jüd. Flüchtlinge aus dem Reich nach dem Anschluss Österreichs stetig anstieg, führte D. nach Verhandlungen mit der Schweiz 1938 den sog. Judenstempel (Stempel "J") ein, mit dem die Pässe dt. und österr. Juden gekennzeichnet wurden. Die Erteilung eines Transit- oder Einreisevisums blieb damit den Schweizer Behörden überlassen. Diese Massnahme war sehr wirksam, zumal auch andere Staaten gemäss den Beschlüssen der Konferenz von Evian keine Juden aufnahmen, denen nicht ein Transitvisum gewährt worden war; sie führte zu einem starken Rückgang der Anzahl der jüd. Flüchtlinge. Die Einführung des Visumzwanges für alle ein- und durchreisenden Ausländer am 5. Sept. 1939 und der ergänzende Erlass vom 17. Okt., der Bestimmungen über den Aufenthalt von Flüchtlingen in der Schweiz (Abgabepflicht, Internierung) und die Ausweisung von illegal Eingereisten enthielt, erschwerten die Einreise in die Schweiz erheblich. Mit der Zahl der Eroberungen des Reichs stieg auch die Zahl der Flüchtlinge (belg. und holländ. Juden, aus D. geflohene poln. Zwangsarbeiter usw.). Ab 1942 wurde die ohnehin restriktive Aufnahmepolitik noch einmal verschärft: Am 4. Aug. beschloss der Bundesrat die Zurückweisung der sog. zivilen Flüchtlinge - auch die Juden fielen unter diese Kategorie - selbst dann, wenn diese physisch bedroht waren. Dieser Entscheid löste zahlreiche Proteste aus. Erst Mitte 1943, als sich der Sieg der Alliierten abzeichnete, wurde die Aufnahmepolitik liberaler. 1944 beherbergte die Schweiz über 70'000 Flüchtlinge, darunter ca. 22'000 Juden. Im Sommer 1944 wurden 2'000 ungar. Juden aufgenommen, im Dez. 1944 und im Febr. 1945 1'200 bzw. 1'400 Juden aus den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Theresienstadt. Im April und Mai 1944 kamen 50'000 Flüchtlinge versch. Nationalitäten aus D. in die Schweiz. Gemäss der 1999 publizierten Untersuchung der Unabhängigen Expertenkomm. Schweiz - Zweiter Weltkrieg sind über die gesamte Kriegsdauer nachweisbar mindestens 24'000 Juden zurückgewiesen worden; diese Zahlen werden allerdings angefochten. Das IKRK nahm zwar im Reich seine traditionellen Aufgaben (Gefangene, Austausch, Informationen) wahr, es war jedoch - sowohl aus rechtlichen als auch aus materiellen Gründen - in Bezug auf die Judenverfolgung völlig machtlos. 1945 beschloss der Bundesrat, keine bekannten Nationalsozialisten und keine Mitglieder der SS aufzunehmen.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

2.2.5 - Die kulturellen Beziehungen

In der Zwischenkriegszeit war der Einfluss, der von dt. Intellektuellen und Künstlern wie z.B. Oswald Spengler, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Rainer Maria Rilke oder der Bauhaus-Gruppe auf die Schweiz ausging, immer noch sehr stark; und auch die dt. Theater- und Musikszene bzw. dt. Filmproduktionen wurden durchaus beachtet. Ab 1933 distanzierten sich die Deutschschweizer zunehmend von der immer mehr von der nationalsozialist. Propaganda instrumentalisierten Kunst des Dritten Reichs und versuchten, spezifisch schweizerische kulturelle Werte zu prägen (Geistige Landesverteidigung). Die dt. Intellektuellen und Künstler, die in der Schweiz Zuflucht fanden, bereicherten das kulturelle Leben (Kabarett, Theater, Musik). Für die oppositionellen Kreise gegen den Nationalsozialismus in D. spielten die von der Schweizer Presse und dem Schweizer Rundfunk verbreiteten Nachrichten und die Kritik, die schweiz. Intellektuelle wie z.B. Karl Barth am Reich übten, eine wichtige Rolle.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / KMG

3 - Deutschland seit 1945

3.1 - Von 1945 bis 1990

3.1.1 - Unter alliiertem Druck

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wurden die Souveränitätsrechte in D. von den Siegermächten ausgeübt, die das Land in eine franz., eine brit. eine russ. und eine amerikan. Besatzungszone aufteilten. Interessierte Drittländer wie die Schweiz konnten deshalb keine diplomat. Beziehungen mehr zu D. unterhalten und mussten sich mit konsularischen Vertretungen in den einzelnen Zonen begnügen. Nach der Kapitulation der dt. Armee erklärte der Bundesrat am 8. Mai 1945, dass die Allierten auch dann, wenn sie die staatl. Gewalt in D. vollständig übernähmen, nicht die Rechtsnachfolger des Reichs seien; obwohl dieses keine Regierung mehr habe, bestünde D. als Staat gesamthaft auch weiterhin fort. Damit wollte er verhindern, dass die Sieger im Namen D.s Forderungen an die Schweiz stellten, ohne sich gleichzeitig zu verpflichten, die Schulden des Reichs gegenüber der Schweiz abzugelten. Die Schweiz sorgte für die Bestellung von Agenten ohne offiziellen Charakter, welche die dt. Interessen in der Schweiz (Fonds der Reichsbank, Liquidation der NS-Organisationen, Führung der Geschäfte für die dt. Kolonie) treuhänderisch wahrten. Erst nach langen und zähen Verhandlungen mit den Alliierten, in denen v.a. die Amerikaner grossen Druck ausübten, unterzeichnete die Eidgenossenschaft am 26. Mai 1946 das Washingtoner Abkommen, mit dem sie die Hälfte der in der Schweiz beschlagnahmten dt. Vermögenswerte den Alliierten aushändigte. Die andere Hälfte durfte sie als Ausgleich für die dt. Schulden behalten; allerdings wurde den betroffenen Deutschen ein Entschädigungsanspruch zugestanden. Weitere Klauseln des Abkommens drehten sich um das Gold, das die Schweiz. Nationalbank von D. erworben hatte. Die Alliierten hatten die neutralen Länder schon im Jan. 1943 darauf hingewiesen, dass sie diesen Handel als unrechtmässig betrachteten. Als Folge dieser Bestimmungen trat die Schweiz den Alliierten schliesslich 250 Mio. Fr. in Gold ab; als Gegenleistung wurden die während des Kriegs eingefrorenen schweiz. Guthaben in den Vereinigten Staaten von ca. 5,3 Mrd. Fr. freigegeben und die von England und den Vereinigten Staaten geführten "schwarzen Listen" schweiz. Unternehmen aufgehoben.

Erst nach der dt. Kapitulation setzte der Bundesrat der Tätigkeit der nationalsozialist. Organisationen in der Schweiz ein Ende. Angehörige der NSDAP und ihrer versch. Gliederungen mussten die Schweiz verlassen. Zahlreiche Deutsche verbüssten Haftstrafen wegen Landesverrats in schweiz. Gefängnissen. Schweizer, die für D. Wehrdienst geleistet hatten, wurden nach ihrer Rückkehr verurteilt. Um zu verhindern, dass Kriegsverbrecher in die Schweiz flüchteten, und zum Schutz vor antidemokrat. Elementen aus D. führte die Schweiz eine Visapflicht für dt. Staatsbürger ein, die 1953 wieder abgeschafft wurde.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf, Alfred Cattani

3.1.2 - Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur BRD

Auch nach der Gründung der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik 1949 blieb Bern seiner nach Kriegsende eingeschlagenen Linie treu, gemäss der D. eine Einheit bildete. Am 16. März 1951 leitete die Schweiz die Wiederaufnahme diplomat. Beziehungen mit der BRD ein. Sie anerkannte die Souveränität der BRD über deren Territorium, nicht aber deren - von den Westmächten unterstützten - Anspruch, die dt. Nation allein zu vertreten. Entscheidend für die Wiederaufnahme der diplomat. Beziehungen war die Bereitschaft der BRD, als Rechtsnachfolger des Dritten Reichs für dessen Verpflichtungen einzustehen und die noch ausstehenden Schulden gegenüber der Schweiz grösstenteils zu begleichen. Aus neutralitätspolit. Gründen und auch wegen der Schlüsselrolle, die D. im Kalten Krieg zukam, hätte der Bundesrat damals gerne auch diplomat. Beziehungen zur DDR angebahnt. Diese Erwägungen gab er jedoch nach der allmähl. Normalisierung der wirtschaftl. und polit. Kontakte zur BRD sowie der offiziellen Formulierung der Hallstein-Doktrin 1955 - gemäss dieser brach die BRD die diplomat. Beziehungen zu jedem Land ab, das solche mit der DDR pflegte - wieder auf.

1952 handelten die Schweiz und die BRD ein Abkommen aus, das 1953 in Kraft trat. Demnach zahlte die BRD der Schweiz 650 Mio. Fr. zur Begleichung der dem Dritten Reich gewährten Kredite, von denen die Schweiz allerdings 200 Mio. in D. investieren musste. Ausserdem gab die Schweiz die blockierten dt. Vermögenswerte wieder frei. 1953 wurden die inoffiziellen dt. Interessenvertretungen, die seit 1945 bestanden, aufgelöst und durch reguläre diplomat. und konsular. Vertretungen D.s in der Schweiz ersetzt. Anstelle der diplomat. Gesandtschaft bei der Alliierten Hohen Kommission trat schon 1951 die schweiz. Gesandtschaft in Köln, die 1957 zur Botschaft aufgewertet und 1977 nach Bonn verlegt wurde.

Zum ersten bevollmächtigten Gesandten der Schweiz in der BRD wurde Alfred Huber ernannt. Als erster dt. Gesandter in der Schweiz amtierte Friedrich Holzapfel (1952-58). Er war ein Aussenseiter im Auswärtigen Amt und erregte in der Schweiz Anstoss, weil er sich für die zu Haftstrafen verurteilten dt. Nationalsozialisten einsetzte. Sein Nachfolger Ernst Günther Mohr geriet in den Verdacht, an der Deportation holländ. Juden beteiligt gewesen zu sein. Dem Frh. Wolfgang von Welck, der 1963 Mohr ablöste, wurde seine Mitgliedschaft bei der NSDAP vorgeworfen. Der Bundesrat setzte sich über diese Anschuldigungen hinweg und erteilte trotz heftiger Pressekampagnen jeweils das Agrément. Erst in der 2. Hälfte der 1960er Jahre flauten die Angriffe auf D.s diplomat. Vertreter in der Schweiz ab und der Schatten, den die nationalsozialist. Vergangenheit D.s warf, begann sich langsam zu verflüchtigen.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf, Alfred Cattani

3.1.3 - Bilaterale Abkommen und Grenzfragen

Im Nov. 1949 erlangte die BRD teilweise wieder ihre Souveränität; sie durfte seit diesem Zeitpunkt wieder aus eigener Initiative aussenpolit. Verträge vereinbaren, die allerdings erst nach der Zustimmung durch die Alliierte Hohe Kommission in Kraft gesetzt werden konnten. Seit diesem Zeitpunkt trafen sich dt. und schweiz. Regierungsvertreter wieder regelmässig, um Verträge vorzubereiten. 1950 wurde ein Handelsabkommen abgeschlossen. Andere Abkommen betrafen die Bereiche Aufenthalt, Niederlassung, Fürsorge, wirtschaftl. und techn. Zusammenarbeit, das Zollwesen, den Grenzverkehr, das Erb-, Patent- und Urheberrecht, die Schifffahrt auf Rhein und Bodensee (mit Österreich), zollrechtl. Bestimmungen bezüglich der Enklave Büsingen, Probleme der Doppelbesteuerung sowie die gegenseitige Katastrophenhilfe. Im Juni 1961 wurde nach jahrelangen Verhandlungen ein Vertrag unterzeichnet, der die Entschädigung der schweiz. Opfer des Nationalsozialismus regelte und die BRD zur Zahlung von 10 Mio. DM an die Eidgenossenschaft verpflichtete.

Diskutiert wurden zwischen den beiden Ländern auch immer wieder länderübergreifende umweltpolit. Fragen; seit 1963 auch im Rahmen der damals gegründeten Regio Basiliensis. Bereits in den 1950er Jahren war es zu Auseinandersetzungen über die von aarg. Aluminiumfabriken verursachten Immissionen in der bad. Nachbarschaft gekommen. Probleme ergaben sich auch aus der Massierung von Kernkraftwerken am Oberrhein, den Abwässern der elsäss. Kaligruben, einem Öllagerprojekt am Calanda sowie den Auswirkungen des Flughafenbetriebes von Zürich-Kloten auf die dt. Nachbarschaft. Nachdem es am 1. Nov. 1986 im Lager Schweizerhalle des Chemiekonzerns Sandoz zu einem verheerenden Brand gekommen war, genehmigten 1987 die Rheinuferstaaten in Strassburg einen langfristigen Stufenplan zur Sanierung des Rheins.

Der einzige ernstere Konflikt zwischen der BRD und der Schweiz entstand aus der Einführung der in der Schweiz seit 1984 erhobenen Abgabe auf den Schwerverkehr bzw. derjenigen der Autobahnvignette 1985. Schon zur Zeit der Weimarer Republik hatten sich die Schweiz und D. verpflichtet, keine Strassenzölle- und gebühren zu erheben. Die BRD antwortete mit einer niedrigen Kraftfahrsteuer für Lastwagen aus der Schweiz, die erst 1993 wieder dahinfiel. Die Politik, mit der die Schweiz den ständig zunehmenden Transitverkehr in den Griff zu bekommen versucht, führte auch Ende des 20. Jh. noch gelegentlich zu Verstimmungen der dt. Regierung.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. wurden die bilateralen Abkommen über polit. und wirtschaftl. Fragen immer mehr verdrängt durch multilaterale Vertragswerke von europa- oder gar weltweiter Bedeutung (Europ. Zahlungsunion, OECD, Gatt, Efta, OSZE, die versch. europ. Gemeinschaften bis zur EU). 1989 haben z.B. mehrere Staaten eine Rahmenübereinkunft zum Schutz der Alpen, die sog. Alpenkonvention, unterzeichnet. Obwohl noch Differenzen über die in der Schweiz zugelassene Tonnage für Lastwagen (28 oder 40 t) bestanden, wurde die Zustimmung der Schweiz zum Ausbau der Eisenbahnlinien durch die Alpen (NEAT) 1992 in der Bundesrepublik als Zeichen dafür gewertet, dass die Schweiz sich gegenüber Europa öffne. Umgekehrt war die Enttäuschung über den negativen Ausgang der EWR-Abstimmung 1992 in D. deutlich zu spüren. Die Annahme der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU durch Volk und Stände am 21. Mai 2000 wurde in D. positiv aufgenommen.

Offizielle Staatsbesuche fanden erst statt, nachdem die BRD ihre volle Souveränität 1955 wiedererlangt hatte. Als erster hoher Repräsentant des dt. Staates seit Ks. Wilhelm II. kam 1957 Bundespräsident Theodor Heuss in die Schweiz. Ihm folgten sämtliche späteren Bundespräsidenten: Heinrich Lübke 1961, Gustav Heinemann 1972, Walter Scheel 1977, Karl Carstens 1982, Richard von Weizsäcker 1987, Roman Herzog 1995 und Johannes Rau 2000. Auch auf Regierungsebene intensivierten sich die Kontakte; so besuchten die Bundeskanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl mehrfach die Schweiz.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf, Alfred Cattani

3.1.4 - Deutschland als grösster Handelspartner

Die regen Handelsbeziehungen zwischen D. und der Schweiz, die 1945 abrupt abgebrochen waren, mussten zunächst neu aufgebaut werden. Ab 1946 unterzeichnete die Schweiz Abkommen über Güteraustausch, finanzielle Transaktionen und Verkehr mit den einzelnen Besatzungsmächten für die jeweiligen Zonen. Zwar vermittelte schon die Ankündigung des Marshall-Plans, an dem sich die Schweiz ebenfalls beteiligte, im Juni 1947 neue Impulse; der eigentl. Durchbruch erfolgte aber erst mit der im Juni 1948 in den drei Westzonen durchgeführten Währungsreform, welche mit der Deutschen Mark eine neue stabile Zahlungseinheit schuf. Das klare Bekenntnis der Bundesregierung zu einer liberalen Wirtschaftspolitik, die v.a. Ludwig Erhard vertrat, war die Voraussetzung für eine prosperierende Aussenhandelspolitik. 1954 schlossen die beiden Länder einen Handelsvertrag, der erst 1977 auslief. Seitdem führt ein schweiz.-dt. Ausschuss die Geschäfte weiter.

Schon in den frühen 1950er Jahren war D. wie vor dem Krieg wieder zum bedeutendsten Handelspartner der Schweiz geworden; dabei war die Handelsbilanz für die Schweiz stark passiv. Die Eidgenossenschaft rangierte in der dt. Zahlungsbilanz jeweils auf den Plätzen sieben bis neun; sie war während Jahren ein wichtigerer Partner als Japan oder die Sowjetunion. 1957 führte die Schweiz Güter aus der BRD für mehr als 2 Mrd. Fr. ein, während das Volumen der schweiz. Ausfuhren in die BRD 960 Mio Fr. betrug. Der Anteil der dt. Importe am gesamten Importvolumen der Schweiz stieg von ca. 6% 1948 auf knapp 34% 1990 an. 2002 importierte die Schweiz Produkte im Wert von mehr als 40 Mrd. Fr. aus D., während sie Güter für mehr als 27 Mrd. Fr. nach D. exportierte. Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Konzernen aus beiden Ländern in jegl. Form, Investitionen und Firmenkäufe im jeweils anderen Land und auch Fusionen wie z.B. diejenige der Berner Versicherung und der Elvia mit der dt. Allianzversicherung sind in allen Wirtschaftsbranchen an der Tagesordnung. Eine grosse Rolle spielen dabei die Handelskammer Deutschland-Schweiz in Zürich (als Dt. Handelskammer in der Schweiz 1912 in Genf gegr.) und die nach dem 2. Weltkrieg entstandene Vereinigung Schweizer Unternehmer in D.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf, Alfred Cattani

3.1.5 - Migrationsbewegungen

Die zwei Weltkriege und die anschliessende Teilung D.s hatten erhebl. Auswirkungen auf die Migrationsbewegungen. 219'530 Deutsche waren in der Schweiz 1910 niedergelassen; diese Zahl sank auf 134'561 im Jahr 1930 und schliesslich auf 55'437 im Jahr 1950. 2000 lebten 110'789 dt. Staatsangehörige in der Schweiz, davon zwei Drittel im Zuständigkeitsbereich des Generalkonsulates Zürich. Eine organisierte zentrale Vereinigung hat sich nicht gebildet. Die Deutschen in der Schweiz sind meist in losen, aufgrund von versch. Kriterien gebildeten Gruppen (die Herkunft aus einem bestimmten Bundesland wie etwa Sachsen oder Hamburg oder die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe wie z.B. ein Kreis dt. Künstler oder der Club Neuchâtel in der Westschweiz) zusammengeschlossen.

Analog ging auch die Zahl der in D. lebenden Schweizer seit der Zwischenkriegszeit zurück. Diese fühlten sich ab 1938 von ihrer diplomat. Vertretung im Stich gelassen und waren mit den Folgen einer gegenüber der Schweiz oft aggressiven Meinungsmache konfrontiert. 1928 lebten noch 55'800, 1945 nur noch 20'000 Schweizer in D. Von den Rückkehrern in die Schweiz stammten besonders viele aus der sowjet. Besatzungszone. 1956 hielten sich noch 18'000 Schweizer ständig in der BRD auf. 1948 beschlossen die Delegierten der ca. 40 Schweizervereine die Einrichtung einer jährlich tagenden Präsidentenkonferenz. Sie befasste sich mit den zentralen Anliegen der Schweizer in D., wobei der Themenkreis von der AHV und den anfängl. Schwierigkeiten bei der Verbindungsaufnahme mit der Heimat bis zu Doppelbesteuerung und Sozialabkommen reichte. Die schweiz. Opfer des nationalsozialist. Regimes kämpften um eine Entschädigung auf der Basis des Washingtoner Abkommens; 1957 gab die Schweiz mit einem Bundesbeschluss schliesslich einen Kredit von 15 Mio. Fr. zur Vorauszahlung solcher Wiedergutmachungsleistungen frei, weil die entsprechenden Verhandlungen mit der BRD zu diesem Zeitpunkt noch im Gange waren. Ein Problem war auch die Überalterung der in D. lebenden schweiz. Bevölkerung, weil in der Nachkriegszeit so gut wie keine jungen Schweizer nach D. auswanderten. Erst im letzten Drittel des 20. Jh. nahm die Emigration wieder zu. 1986 zählte die Schweizer Kolonie in D. 48'000 Personen; davon waren etwa die Hälfte Doppelbürger. Nach der Wiedervereinigung stieg die Zahl die Schweizer Bürger nochmals an; von den 67'728 im Jahr 2000 in D. gezählten Schweizern waren ca. 60% Doppelbürger.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf, Alfred Cattani

3.1.6 - Kulturelle Beziehungen

Langfristig waren die Nachwirkungen der nationalsozialist. Diktatur auf kulturellem Gebiet. Es kam in der dt. Schweiz zu einem eigentl. Bruch der Beziehungen, die nie mehr so eng wie vor 1933 werden sollten. Die gemeinsame Sprache zwischen Deutschschweizern und Deutschen wirkte sich jetzt eher hemmend als verbindend aus; in der Schweiz betonte man die Unterschiede gegenüber D. anstatt der Gemeinsamkeiten.

Trotzdem versuchten schweiz. Vereine und Institutionen auf privater Basis sowie einzelne Intellektuelle schon unmittelbar nach Kriegsende, D. beim Aufbau einer demokrat.-freiheitl. Gesellschaftsordnung zu unterstützen. Ein Teil der in die Schweiz geflohenen dt. Künstler und Intellektuellen beeinflussten ihrerseits die Schweizer Literatur- und Theaterszene. Seit den 1950er Jahren arbeiteten eine Reihe von bedeutenden Schriftstellern, Künstlern, Journalisten und Gelehrten in beiden Ländern. Erst die Achtundsechziger-Bewegung markierte einen Wendepunkt; da die krit. Aufarbeitung der Beziehungen zum Dritten Reich jetzt einsetzte - diese war auch zu Beginn des 21. Jh. noch keineswegs abgeschlossen - wurden auch die Vorbehalte gegenüber D. nach und nach abgebaut; dies zeigt sich z.B. daran, dass vermehrt wieder dt. Professoren an schweiz. Universitäten berufen wurden. 1995 kam jeder vierte oder fünfte Ordinarius an den Univ. Zürich, Basel und Bern aus Deutschland; und 75% aller ausländ. Professoren stammten aus D. Diese überaus starke Vertretung hat in der Westschweiz keine Entsprechung. 1975 waren 1'031, 1985 1'203 und 1995 1'626 schweiz. Studenten an dt. Universitäten eingeschrieben. An schweiz. Universitäten waren dagegen 1985 etwas mehr als 2'000 Deutsche immatrikuliert, die meisten in Basel, wo sie mehr als die Hälfte der ausländ. Studenten stellten. Seit einigen Jahrzehnten findet auch ein Schüleraustausch zwischen der franz. Schweiz und D. statt.

Schweizer Bücher und Zeitungen sind in D. weit verbreitet, und die Werke zahlreicher schweiz. Autoren erscheinen bei dt. Verlagen; umgekehrt werden auch dt. Presseerzeugnisse, darunter auch wöchentlich erscheinende Magazine wie "Der Spiegel" oder "Focus" in der Schweiz viel gelesen. Autoren wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt oder Peter Bichsel waren in D. ebenso populär wie ihre Vorgänger aus dem 19. Jh., Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer; unbekannt blieben dagegen die Autoren aus der Westschweiz. Die Musiker Arthur Honegger und Frank Martin, die Künstler Alberto Giacometti, Max Bill, Jean Tinguely oder Gelehrte wie Carl Gustav Jung fanden ebenfalls grosse Beachtung. Dt. Dirigenten leiteten, oft während mehrerer Jahre, schweiz. Orchester, so z.B. Wolfgang Sawallisch und Horst Stein das Orchestre de la Suisse Romande. Die Pro Helvetia organisierte kulturelle Anlässe für die Schweiz in D. Neben dieser Stiftung bemühen sich noch andere Vereine und Gesellschaften um den kulturellen Austausch.

Trotz der Vielfältigkeit der Beziehungen zwischen den beiden Ländern blieben diese immer ambivalent, weil sich die Deutschschweizer aufgrund ihres speziellen Dialekts, der auch auf das sog. "Schriftdeutsch" abfärbt, immer zurückgesetzt fühlten. Ausserhalb der kulturellen und intellektuellen Eliten fehlt das Bewusstsein, zu einem grösseren Kulturkreis zu gehören. Die Vorbehalte vieler Deutschschweizer gegenüber der EU gründen bis zu einem gewissen Grad auch auf den Ängsten, von dem grösseren Nachbarn "aufgesogen" zu werden.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf, Alfred Cattani

3.2 - Nach der Wiedervereinigung

Der Fall der Berliner Mauer am 9. Nov. 1989 markierte einen Wendepunkt in der Geschichte D.s; am 3. Okt. 1990 erfolgte die Wiedervereinigung. Der Bundesrat betrachtete sie als Zeichen, welches das Ende der polit. Spaltung Europas ankündige. Nachdem der Bundestag im Juni 1991 die Verlegung des Regierungssitzes und des Parlaments nach Berlin beschlossen hatte, wurde das dortige schweiz. Generalkonsulat zu einer Aussenstelle der Botschaft umgewandelt, die sich auf kulturelle Fragen spezialisierte, während die Botschaft vorderhand noch in Bonn blieb. 1991 wurde ein neues schweiz. Generalkonsulat in Dresden eröffnet. Seit 2000 ist die Schweizer Botschaft in dem restaurierten Gebäude der früheren Gesandtschaft in Berlin untergebracht.

Während im polit. Bereich die BRD die bestehenden vertragl. Verpflichtungen übernahm, zeichneten sich im kulturellen und ökonom. Bereich einige markante Veränderungen ab. Die Attraktivität Berlins als Zentrum für Literatur, Theater, Musik und bildende Künste nahm noch zu. Das wiedervereinigte Deutschland zog mehr Studenten aus der Schweiz an, und zahlreiche Schweizer erhielten Professuren an Universitäten der früheren DDR. Wirtschaftlich hat sich die Schweiz nach der Wende von 1989/90 im neuen Markt in Ostdeutschland mehr engagiert als die meisten anderen westl. Länder und dort erheblich investiert. Ca. 140 Unternehmen gingen anlässlich der Privatisierung, die von der Treuhandstelle geleitet wurden, in schweiz. Besitz über.

<b>Deutschland</b><br>Helmut Hubacher, Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt (links), 1987 (Schweizerisches Nationalmuseum, Actualités suisses Lausanne).<BR/>Willi Brandt war als Präsident der sozialistischen Internationale am 26. September 1987 Ehrengast der Wahlversammlung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Bern.<BR/>
Helmut Hubacher, Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt (links), 1987 (Schweizerisches Nationalmuseum, Actualités suisses Lausanne).
(...)

In der Nachkriegszeit galt die Schweiz in der BRD als Vorbild. Mit der Festigung der Demokratie in den letzten fünfzig Jahren wuchs im Westen des geteilten Landes das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigenen Institutionen. Die Wiedervereinigung hat die traditionellen Bindungen der BRD nicht gelockert; sie stand weiter für ihre europ. und transatlant. Verpflichtungen ein. Das vergrösserte D. hielt trotz immenser Schwierigkeiten bei dem in kürzester Zeit erfolgten Zusammenschlusses mit den neuen Bundesländern seine klare Option für den Westen aufrecht und setzte das nach 1945 entstandene gute nachbarl. Verhältnis zur Schweiz fort; insbesondere stiess die Schweiz in D. stets auf Verständnis bezüglich der besonders gearteten Probleme, die sich für sie aus dem Prozess der europ. Integration ergaben. Zu Beginn des 21. Jh. trübten allerdings mehrere Meinungsverschiedenheiten (Lärmemissionen des Flughafen Klotens, Strassentransit, das die Steuerflucht begünstigende schweiz. Bankgeheimnis) die freundschaftl. Beziehungen zwischen den beiden Staaten.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf, Alfred Cattani

Quellen und Literatur

Quellen
Archiv der Gegenwart, 1946-1997
Anfangsjahre der Bundesrepublik D.: Ber. der Schweizer Gesandtschaft in Bonn 1949-1955, hg. von M. Todt, 1987
DDS, 4-21
Literatur
  • Allgemeines

    – Bonjour, Neutralität
  • 1866-1918

    – H. Ostermann, Die dt.-schweiz. Handelsbeziehungen seit 1870, 1934
    – M. Heri, Die Neutralität der Schweiz in der Zeit des Dreibundes, 1937
    – M. Kemter, Das Verhalten der Schweiz zu D. während des Weltkrieges, 1939
    – E.A. Picard, Die dt. Einigung im Lichte der schweiz. Öffentlichkeit, 1866-1871, 1940
    – H.-U. Rentsch, Bismarck im Urteil der schweiz. Presse, 1862-1898, 1945
    – K. Urner, Die Deutschen in der Schweiz, 1976
  • 1918-1945

    – A. Häsler, Das Boot ist voll, 1967
    – H. Homberger, Schweiz. Handelspolitik im Zweiten Weltkrieg, 1970
    – D. Bourgeois, Le troisième Reich et la Suisse, 1933-1941, 1974
    – W. Rings, Schweiz im Krieg 1933-45, 1974
    – D. Bourgeois, «Documents sur la subversion nazie en Suisse pendant l'été et l'automne 1940», in Relations internationales 3, 1975, 107-132
    – H. Zimmermann, Die Schweiz und Grossdeutschland, 1980
    – «La Suisse pendant la guerre», in Revue d'histoire de la Deuxième Guerre mondiale 31, 1981, Nr. 121
    – D. Bourgeois, «Les relations économiques germano-suisses pendant la Seconde Guerre mondiale», in SZG 32, 1982, 563-573
    – J. Fink, Die Schweiz aus der Sicht des Dritten Reiches 1933-1945, 1985
    – W. Rings, Raubgold aus D., 1985
    – J.-C. Favez, Une mission impossible? Le CICR, les déportations et les camps de concentration nazis, 1988
    – P. Marguerat, La Suisse face au IIIe Reich, 1991
    – A. Fleury, «La neutralité suisse à l'épreuve de la Deuxième Guerre mondiale», in Guerres mondiales et conflits contemporains 194, 1999, 29-59
    Veröff. UEK
    – M. Fior Les banques suisses, le franc et l'Allemagne, 2002
    – J. Lätt, Refuge et écriture: les écrivains allemands réfugiés en Suisse, 1933-1945, 2003
  • Nach 1945

    Kriegsende und Neuanfang am Rhein: Konrad Adenauer in den Ber. des Schweizer Generalkonsuls Franz-Rudolf von Weiss 1944-1945, 1986
    – H.J. Meyer-Marsilius, 75 Jahre Handelskammer D.-Schweiz, 1987
    – H.J. Abs, Entscheidungen 1949-1953: Die Entstehung des Londoner Schuldenabkommens, 1991
    – L. von Castelmur, Schweiz.-alliierte Finanzbeziehungen im Übergang vom Zweiten Weltkrieg zum Kalten Krieg, 1992
    – M. Schmitz, B. Haunfelder, Humanität und Diplomatie, 2001
    – E. Flury-Dasen «"Zum Konzentrationslager gewordene Stadt". Die Schweiz. Haltung zur Berlin-Krise und zum Mauerbau 1958-1962», in 1961 - Mauerbau und Aussenpolitik, hg. von H. Timmermann, 2002, 269-292
    – M. Schmitz Westdeutschland und die Schweiz nach dem Krieg. Die Neuformierung der bilateralen Beziehungen 1945-1952, 2003
    Die Schweiz und Deutschland 1945-1961, hg. von A. Fleury et al., 2004