Petit-Saconnex, Le

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Ehem. polit. Gem. GE und Vorort der Stadt Genf, am rechten Ufer des Genfersees gelegen, 1931 in die Stadt Genf eingemeindet. Die Gem. umfasste insbesondere den ehem. Weiler Le P. sowie Les Pâquis, Le Prieuré, Sécheron, Les Grottes, Grand-Pré, Varembé, Morillon, Beaulieu, Moillebeau, La Servette, Les Charmilles und Saint-Jean. 1850 hatte sie Les Pâquis, Montbrillant und Les Grottes an die Stadt Genf verloren. 1265 Saconay-Lo-Petit. 1530 23 Feuerstätten; 1850 1'106 Einw.; 1900 6'383; 1910 9'310; 1920 15'103.

In Les Pâquis wurden mehrere Seeufersiedlungen entdeckt, die vom mittleren Neolithikum (3000-2500 v.Chr.) bis zum Ende der Bronzezeit (um 750 v.Chr.) datieren. In der röm. Zeit führten drei Strassen vom Pont de l'Ile durch Le P., die sog. Route suisse (oder Route de Lausanne) nach Nyon, die Strasse nach Paris sowie diejenige nach Lyon. Auf dem Anwesen der Bartholoni wurden Reste eines röm. Gutshofs gefunden, in Grand-Pré und in Le P. Gräberfelder aus dem FrühMA. Die Ende des FrühMA an der Stelle eines älteren Sanktuariums (Holzbau, 6. oder 7. Jh.) errichtete Kirche Saint-Jean-hors-les-Murs vergabte Bf. Guy de Faucigny vor 1107 dem Kloster Ainay in Lyon. Dieses richtete in Le P. ein Benediktinerpriorat ein, das 1536 zerstört wurde. Im MA war das rechte Genferseeufer mit Ausnahme der Genfer Vorstadt Saint-Gervais der Herrschaft Gex unterstellt, die 1355 an Savoyen überging. 1508 schenkte Hzg. Karl III. von Savoyen die Weiden von Les Pâquis dem Pestspital in Plainpalais. Als Bern und Genf ihre 1536 eroberten Gebiete teilten, überliess Bern das Pay de Gex Genf, welches das neue Territorium den sog. Freigütern (Franchises) zuteilte. Bis zum Ende des Ancien Régime gehörte Le P. verwaltungsmässig zum Mandement Peney. Der Weiler wurde 1590 während des Kriegs zwischen Genf und den Hzg. von Savoyen in Brand gesetzt.

Die Einwohner von Le P. waren bis 1621 nach Saint-Gervais kirchgenössig, danach bildete der Ort eine eigene Kirchgemeinde. Die ref. Kirche wurde 1624-28 errichtet und mehrmals umgebaut. Im 17. und 18. Jh. war Le P. fast gänzlich in grosse Herrschaftsgüter reicher Genfer Bürger unterteilt. Eine Ziegelei in Le Pâquis wird ab 1458 erwähnt. 1677 richtete die Schifffahrtsgesellschaft in Le Pâquis einen Schiessplatz sowie einen Hafen ein und 1710 nahm dort die erste Genfer Indiennefabrik den Betrieb auf.

Die unter franz. Herrschaft 1798 entstandene polit. Gemeinde wurde von einem Maire und zwei Adjunkten verwaltet, die von einem Munizipalrat unterstützt wurden. 1917 beschlossen die Genfer in einer kant. Abstimmung, in Gem. mit mehr als 3'000 Einwohnern den Maire und seine Adjunkte durch den Conseil administratif zu ersetzen. Le P. nahm die Fusion mit der Stadt Genf im Mai 1930 mit 2'150 Ja- gegen 186 Neinstimmen (7,9%) deutlich an. Vom frühen 19. Jh. an entstand in Montbrillant, Fort-Barreau und Les Grottes ein Industriequartier. 1825-49 führte eine Hängebrücke von Les Pâquis nach Saint-Gervais. Nach dem 1849 beschlossenen Abriss der Genfer Stadtbefestigungen schritten Verstädterung und Industrialisierung weiter voran. Der erste Bahnhof wurde 1858 in Cornavin erstellt und 1927-32 umgebaut. Ab 1890 entwickelte sich Les Charmilles zu einer Industriezone, 1918-19 wurden die Werkstätten Sécheron errichtet. Die erste elektr. Strassenbahn des Kantons verband ab 1894 den Weiler Le P. mit der Genfer Innenstadt. Am Vorabend der Fusion umfasste Le P. Wohnquartiere der unteren sozialen Schichten nördlich der Route de Lausanne, Güter rund um den Dorfkern sowie Parks und Herrschaftshäuser am Seeufer, wo auf einer Parzelle des Ariana-Guts auch der 1904 eröffnete botan. Garten liegt. Nach der Fusion mit Genf und der Niederlassung des Völkerbunds entstand um den im Ariana-Park errichteten Völkerbundpalast die "internat. Zone". Die Eröffnung des Flughafens Cointrin 1920 zog den Bau neuer Zufahrtsstrassen nach sich (1924-25 Achse La Servette-Cointrin, die Umfahrungsstrasse).


Literatur
– H. Duboule, Notice historique sur la commune du P., 1907
– P. Bertrand, «Le P., du lieudit, au village, et à la commune», in Commune libre du P. - Grand-Pré - Servette, 1955, 9-39
– A. Brulhart, E. Deuber-Pauli, Ville et canton de Genève, 1985, 191-236 (21993)
HS III/1, 711-723

Autorin/Autor: Catherine Courtiau / ANS