13/02/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Grindelwald

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Interlaken, in der Talmulde der Schwarzen Lütschine am Fuss der bekanntesten Gipfel des Berner Oberlands gelegen. Die ausgedehnte Gem. (171 km2) ist unterteilt in sieben Bergschaften; das von Streusiedlungen geprägte Siedlungsbild wird vom lang gezogenen Dorf und Touristenzentrum G. dominiert. 1146 Grindelwalt. 1764 1'816 Einw.; 1850 2'924; 1900 3'346, 1910 3'662; 1920 2'998; 1950 3'053; 2000 4'069.

Neolith. Einzelfunde wurden im Dorf, eine röm. Münze am Männlichengrat entdeckt. Eine hochma. Burgstelle lag auf dem Burgbühl. Im Tal von G. besiegte Reichsvogt Berchtold V. von Zähringen im Baronenkrieg 1191 die aufständ. Oberländer Freiherren. Bereits 1146 überliess Kg. Konrad III. der Augustinerpropstei Interlaken Reichsgüter in G.; diese rundete vom 13. bis ins 15. Jh. den Besitz durch Donationen und Käufe von Gerichten, Gütern und Alpen zielstrebig ab und trat damit an die Stelle der hier vormals begüterten Freiherren (u.a. von Rotenfluh-Unspunnen, von Ringgenberg sowie von Eschenbach) und Habsburg-Österreichs. Die Gotteshausleute von G. mussten infolge der österreichfreundl. Politik der Propstei 1315 und 1332 an Beutezügen gegen Unterwalden teilnehmen und litten unter dem Einfall der Unterwaldner in G. 1342. Sie waren 1348-49 an der Empörung der Oberländer gegen die Klosterherrschaft beteiligt und widersetzten sich 1528 erfolglos der Einführung der Reformation. Nach der Kapitulation vor den bern. Truppen kam das Niedergericht G. zur bern. Landvogtei Interlaken.

Das Bergtal erhielt Mitte des 12. Jh. eine Holzkirche, die um 1180 durch einen Steinbau (Marienpatrozinium) ersetzt wurde; dieser musste wegen Geländeabsenkungen Anfang des 16. Jh. einem Neubau weichen, auf den 1793 die heutige Kirche folgte. Die Petronellakapelle wird 1341 erwähnt. Spätestens ab 1180 war das Kloster Interlaken Inhaber des Kirchensatzes, der 1528 an Bern überging.

1538 fassten die Talleute ältere Alpreglemente zur ersten "Taleinung" zusammen. Die genossenschaftl. Alprechte waren von da an bis heute an die privaten Talgüter gebunden und durften nicht an Fremde veräussert werden. Bei den noch bestehenden sieben Bergschaften Itramen, Wärgistal, Scheidegg, Grindel, Bach, Holzmatten und Bussalp handelte es sich um selbstständige Körperschaften mit eigenem Gemeinderat; ihre Erwerbsquellen waren Viehwirtschaft, Holzverarbeitung und Hausweberei.

Dank des grossartigen Panoramas und der ins Tal vorstossenden Zungen des Oberen und Unteren Grindelwaldgletschers zog der Ort ab dem ausgehenden 18. Jh. von den Alpen begeisterte Fremde, v.a. Engländer, an. Vielfach beschrieben und in Stichen reproduziert, wurde G. international bekannt. Nach Anfängen im frühen 19. Jh. erfolgte der eigentliche Durchbruch des Alpinismus um die Jahrhundertmitte; einheim. Bergführer erstiegen mit engl. Bergsteigern die Gipfel des Finsteraarhorns (1812), des Wetterhorns (1854), des Eigers (1858), des Schreckhorns und des Fiescherhorns (1861-62). Mit dem Bau der Grindelwaldstrasse 1860-72 und der Linie der Berner-Oberland-Bahnen 1890 wurde der früher schwierige Zugang zum Tal erleichtert. Als erster Kurort im Berner Oberland öffnete sich G. 1888 auch dem Winterbetrieb; Attraktionen waren Schlittenfahrten, Curling, Schlittschuh-, ab 1891 Skilaufen, später Bobfahren und Eishockey. Die Hotellerie wuchs von 10 Häusern 1889 auf 33 1914. Die erste Zahnradbahn (Wengeralpbahn) auf die Kleine Scheidegg wurde 1893 eröffnet und 1912 bis aufs Jungfraujoch verlängert; zahlreiche SAC-Hütten wurden für die Bergtouristen erstellt. Nach längerer Krise infolge der Kriege und der Weltwirtschaftskrise setzte nach 1945 der Tourismus wieder kräftig ein. Es entstand nun auch eine ausgeprägte Parahotellerie (Chalets, Heim-, Lagertourismus, Campingplätze). Ein weites Wander- und Skigebiet wurde mit Sesselbahnen (First 1947, Männlichen 1978), Skiliften, Autobuslinien und Berggaststätten erschlossen. Heute ist G.s Wirtschaft zu über 90% auf den Tourismus ausgerichtet, bei ziemlich gleichmässiger Verteilung auf Sommer- und Winterbetrieb und unter enger Einbindung der traditionellen Landwirtschaft sowie des einheim. Holz- und Baugewerbes. Die Region G. war Gegenstand wissenschaftl. Untersuchungen, u.a. in den "Alpine Studies" des engl. Alpinisten William Augustus Brevoort Coolidge (1912) und im Unesco-Forschungsprogramm Man and Biosphere des Geogr. Instituts der Univ. Bern über die Auswirkungen des Fremdenverkehrs (1979-84). Die weitläufige Gem. unterhält sieben Primar- und eine Sekundarschule.


Literatur
– H. Michel, G., das Gletschertal, 1953
– A. Kröner, G.: Die Entwicklung eines Bergbauerndorfes zu einem internat. Touristenzentrum, 1968
– C. Rubi et al., Im Tal von G., 6 Bde., 1985-93
Leitbild G. 2000, 1987
– M. Matile, Kirche und Pfarrhaus von G., 1990

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler