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Frutigen (Gemeinde)

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. F. Ausgedehnte Gem. im Kander- und Engstligental zwischen Niesenkette und Gehrihorn, umfasst die Bäuerten Dorf F., Kanderbrück, Hasli, Innerschwandi, Ladholz, Oberfeld-Prasten, Reinisch und Winklen mit Weilern und Einzelhöfen im Talgrund sowie an den Talhängen bis auf 1600 m. 1234 Frutingen. 1764 1'935 Einw.; 1850 3'480; 1900 3'996; 1950 5'643; 2000 6'661.

Bronzezeitl. (Zinsmaadegg) und unbestimmte (Helken, Ried), evtl. röm. Einzelfunde (Rybrugg). Reste ma. Burgen: Halten (nicht urkundlich belegt), Tellenburg und Wohnturm Bürg. Bereits 1260 traten die Talleute als Talgemeinde und Vertragspartner (tota universitas; universitas et communitas hominum vallis de F.) auf. Dieser Landschaftsverband führte erstmals 1263 ein Landessiegel und schloss 1340 mit dem Obersimmental selbstständig Frieden. 1400 erlegte er beim Übergang der Herrschaft F. an Bern die Kaufsumme, womit sich die Talleute von Herrschaftssteuern und -diensten befreiten (sog. Freiheitsbrief von 1445). Schon vorher hatte sich F. zum Schutz vor der desperaten Politik seiner verschuldeten Herren an Bern angelehnt; 1367 zählte man in F. über 200 bern. Ausburger. Die Talleute erwarben 1391 das Fronhofstattgericht (Niedergericht), dem der Landesvenner, höchster einheim. Beamter und Statthalter des Kastlans (Landvogts), vorstand. Gerichtsort war das Landhaus (Freistatt, Taverne). Die Talgemeinde führte ein eigenes Banner; ihr im 15.-18. Jh. wiederholt kodifiziertes Landrecht galt bis 1854. Die 1228 erstmals erw. Kirche (Quirinus-Patrozinium) ist eine der zwölf Thunerseekirchen der Strättliger Chronik; der älteste Bau entstand im 8.-9. Jh. über Gräbern des 7.-8. Jh. Ihm folgten Bauten des 11./12. Jh. und von 1421. Die heutige Kirche entstand 1727 nach einem Dorfbrand. Die Talherren hatten den Kirchensatz 1395 der Propstei Interlaken geschenkt (Inkorporation 1410). Wie das übrige Oberland widersetzte sich F. 1528 der von Bern diktierten Reformation, nahm aber nach dem Zusammenbruch des Interlakner Aufstandes den neuen Glauben ebenfalls an. Von der grossen Kirchgemeinde spaltete sich 1439 Adelboden, 1840 bzw. 1860 Kandergrund mit Kandersteg ab. 1939 entstand die Bergkirche in Achseten. Zur Kirchgemeinde F. gehören auch Schwandi und Wengi (beide Gem. Reichenbach).

Seit prähist. Zeit führten Wege über Gemmi- und Lötschenpass ins Wallis. In Kanderbrück ist die Sust erhalten, ein Bau des 16. Jh. mit ma. Bauteilen. Im 16. Jh. wich die ma. Selbstversorgung einer exportorientierten Viehwirtschaft im Tal-, Vorsass- und Alpbetrieb mit Kornimporten aus dem Unterland. Der 1367 erstmals bezeugte Frutigmarkt im Dorf F. diente Vieheinkäufern aus dem Unterland und Wallis. Der zeitweise Abbau von Kupfer seit dem SpätMA hinterliess Stollenreste im Sackgraben. Zusätzl. Verdienst brachten der Abbau von Schiefer (Niesenkette), Gültstein (Gehrihorn) und Steinkohle (Horn), vor 1850 die Produktion des wollenen blauen Frutigtuches, danach Spitzenklöppelei und Uhrmacherei. 1850 entstand die erste von zahlreichen Zündholzfabriken, 1883 die Uhrenstein-, 1898 die Schiefertafelfabrik. Mit dem Ausbau der Verkehrswege (1814 Postwagen F.-Thun, 1901 Spiez-F.-Bahn, 1913 BLS mit Autoverlad, 1917 Postauto nach Adelboden) öffnete sich F. dem Tourismus (heute v.a. Sommertourismus) und der Industralisierung. Heute bieten u.a. Maschinen-, Elektroapparatebau, Baufirmen, Kies-, Schotterwerke und ein vielfältiges Kleingewerbe (Holzverarbeitung) Arbeit. Die Landwirte sind auf Viehzucht und Milchproduktion spezialisiert; daneben wird u.a. Forstwirtschaft betrieben. Aufforstungen und Verbauungen schützen vor Lawinen und Wildwasser. F. ist Sitz der Amtsbehörden, der Sekundarschule (1865), von Berufsschulen und des Bezirksspitals (1906). Seit 1959 steht in F. eine kath. Kirche; ihre Pfarrei entspricht gebietsmässig dem ma. Kirchspiel. Das Primarschulwesen der ehemals 14 selbstständigen Bäuertschulgemeinden ist seit 1947 zentralisiert.


Literatur
– K.J. Aellig, Die wirtschaftl. Verhältnisse im Frutigland unter besonderer Berücksichtigung des Fremdenverkehrs, 1957
– W. Brügger et al., Das Frutigbuch, 1977
– A.A. Häsler, Berner Oberland, 1986
– P. Bierbrauer, Freiheit und Gem. im Berner Oberland 1300-1700, 1991
– B. Müller, Bauinventar der Gem. F., 1997

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler