• <b>Rheinau (Gemeinde)</b><br>Ansicht des Städtchens von Westen. Gouache eines unbekannten Künstlers, um 1820 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Die Darstellung zeigt die Landschaft südlich des Rheinfalls (am linken Bildrand). Der Rhein umfliesst aus Norden kommend (von links) zunächst die unbebaute badische Landzunge, die Halbinsel Schwaben. Das Kloster Rheinau liegt auf einer Flussinsel. Das Gegenstück zu Schwaben bildet die schweizerische Halbinsel mit dem Städtchen Rheinau und der Bergkirche. Am badischen Ufer ist das Dorf Altenburg erkennbar. Am Schweizer Ufer bilden der Gasthof Salmen sowie die Kornmagazine und die Stallungen des Klosters (um 1705 erbaut) den Brückenkopf. Die gedeckte Rheinbrücke wurde nach ihrer Zerstörung im Krieg 1799 in den Jahren 1804–1806 wieder aufgebaut.

Rheinau (Gemeinde)

Polit. Gem. ZH, Bez. Andelfingen. Landstädtchen, bis 1803 dem gleichnamigen Kloster unterstehend, am Rhein ca. 6 km unterhalb der Stadt Schaffhausen in einer Flussschlinge gelegen. 1241 ante portam ville, que dicitur Rinowe. 1467 ca. 50 Haushalte; 1528 ca. 112; 1834 604 Einw.; 1850 716; 1900 1'454; 1950 2'313; 2000 1'645.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Als bislang älteste Funde aus R. gelten einige mesolith. oder neolith. Silices. Ein Randleistenbeil aus dem Rheinschotter sowie Keramik- und Sichelfragmente von der Halbinsel Au stammen aus der Mittelbronzezeit (1500-1300 v.Chr.). Späthallstattzeitl. Keramik (ca. 600 v.Chr.) fand man im Süden R.s. Im Kleinen Wurzelacker trat 1899 ein Frauengrab der Stufe Latène B (380-250 v.Chr.) zutage. Der sog. Keltenwall weist einen spätbronzezeitl. Kernwall mit Graben und Berme (Absatz) auf (C-14-Datum 1133-892 v.Chr.); er wurde in der Latènezeit deutlich vergrössert und mit einer steinernen Frontmauer bzw. mit einem hölzernen Pfostenrahmenwerk im Innern gesichert. Er bildete mit seinem rechtsrhein. Gegenstück auf der Halbinsel Schwaben in der dt. Gemeinde Altenburg die Begrenzung eines spätlatènezeitl. Doppeloppidums (150-15 v.Chr.). Luftbilder zeigen zahlreiche Gebäudestrukturen, Gruben, Palisaden und Wege. Bei Ausgrabungen fand sich u.a. der Werkplatz eines Feinschmieds. Die Masse der Funde besteht aus lokal gefertigter Keramik (z.T. mit Bemalung, Kammstrich, Eindruckzier), Importkeramik (Amphoren, Tafelgeschirr), Eisen-, Bronze-, Glas- und Knochenobjekten (Schmuck, Gefässe, Beschläge, Waffen, Werkzeuge) sowie zahlreichen Münzen (v.a. Silberquinare); tönerne Tüpfelplatten belegen die lokale Münzherstellung. Versch. Stücke bezeugen einen Fernhandel. Unter den Tierknochen (Schwein, Rind, Schaf/Ziege, Huhn, Fische) fallen diejenigen eines Schosshündchens auf. Die Funde von der Au setzen etwas später ein als diejenigen auf der dt. Rheinseite (2.-3. Viertel des 1. Jh. v.Chr.). Wachtürme des spätröm. Rheinlimes sind bei Köpferplatz-Strickboden und Mannhausen nachgewiesen; jüngst wurden auch mehrere frühma. Grubenhäuser (7.-9. Jh.) in den Arealen Au und Heerenwis entdeckt.

Autorin/Autor: Gisela Nagy-Braun

2 - Mittelalter und Neuzeit

Das Kloster R. wurde vor 858 gegründet. Die hochma. Siedlungstätigkeit vollzog sich auf einem Gebiet, das vom Rhein sowie von einer Stadtmauer (1241 erw.) an der Stelle des Keltenwalls geschützt wurde. Siedlungskerne waren der Brückenkopf (Brücke 1247 erw.) bei der Klosterinsel, die Oberstadt mit der Bergkirche sowie ein "unterer" Stadtteil. Auf Geheiss des Gf. Rudolf von Habsburg-Laufenburg, dem Vogt des Städtchens, mussten die Bewohner des unteren Stadtteils in die Oberstadt ziehen. Die archäolog. Ausgrabung R.-Austrasse (1996-97) wies innerhalb des Siedlungsgebiets von R. eine Teilwüstung bzw. den Abbruch von massiven Steinbauten nach, die wohl zum unteren Stadtteil gehört hatten. Die Bürgerschaft von R. ist 1241 bezeugt, ein Schultheiss 1243. Fischer sind ab 1259 genannt. Ein Wochenmarkt ist 1332 belegt.

Die Stadt unterstand dem Kloster R. Die Blutgerichtsbarkeit wurde allerdings von den Schirmvögten des Klosters bzw. ab 1460 vom eidg. Landvogt im Thurgau ausgeübt. Die übrigen hoch- und niedergerichtl. Aufgaben teilten sich das Abteigericht und das von der Abtei abhängige Schultheissengericht der Stadtgemeinde. 1466 zog die Stadt mit Hilfe der Eidgenossen den Brückenzoll an sich, der Abt des Klosters genoss aber Zollfreiheit. 1563 gab die Stadt Brücke und Brückenzoll dem Kloster wieder zurück. Der verstärkte herrschaftl. Zugriff führte in der 1. Hälfte des 18. Jh. zu Spannungen zwischen dem Städtchen und dem Kloster. Das Kloster setzte zwar vor der Tagsatzung der acht Orte in Prozessen 1736 und 1746-47 auch dank Bestechung der Richter seine Herrschaftsansprüche durch, blieb aber in der Folge bei der Mehrheit der Stadtbewohner unbeliebt. Die Aufhebung des Klosters 1862 erfolgte u.a. aufgrund lokaler Konflikte.

Auf der Klosterinsel lag die 1167 geweihte Pfarrkirche St. Felix und Regula (Neubau 1752, Abbruch 1864), in erhöhter Position innerhalb der Rheinschleife die Pfarrkirche St. Nikolaus (1243 erw., 1296 ins Kloster R. inkorporiert), für die sich die Bezeichnung Bergkirche einbürgerte. Im Zusammenhang mit dem Häuserabbruch in der Stadt mussten die Kirchgenossen der Felix- und Regulakirche ins Pfarreigebiet der Bergkirche ziehen (1298 erw.). Die Bürger von R. nahmen mehrheitlich die Reformation an, doch nach 1531 setzte eine Rekatholisierung ein. Die ref. Einwohner wurden der Kirchgemeinde Marthalen (seit 1980 Kirchgem. Ellikon-Rheinau) zugeteilt. Ein Ausgleich zwischen Reformierten und Katholiken wurde in längeren Verhandlungen 1608-38 erreicht, welche die parität. Nutzung der Bergkirche möglich machten. 1880 zählte man in R. 47% Katholiken und 53% Reformierte.

1803 kam R. zum Kt. Zürich. Nachdem die Franzosen die Rheinbrücke 1799 hatten zerstören lassen, wurde 1804 eine gedeckte Holzbrücke errichtet, über die der Grenzverkehr nach Deutschland erfolgte. Gemäss der eidg. Volkszählung von 1850 waren ca. 50-60 Personen in der Landwirtschaft und rund 40 Personen im Handwerk beschäftigt. In der Klosterwirtschaft arbeiteten 41 Personen. Nach der Aufhebung des Klosters errichtete der Kt. Zürich 1867 eine psychiatr. Pflegeanstalt (1901 erweitert und teilweise nach Neurheinau verlegt, ab 1965 Kantonale Psychiatr. Klinik R., seit 2004 Psychiatriezentrum R., ab 2007 mit forens. Sicherheitsstation). Die 1897 eröffnete Bahnstation Altenburg-R. an der Bahnlinie Eglisau-Schaffhausen liegt auf dt. Gebiet. 1944 und 1947 konzessionierte die Eidgenossenschaft bzw. das Landratsamt Waldshut das Elektrizitätswerk R. Natur- und Heimatschutzkreise erzwangen wegen des Rückstaus ins Rheinfallbecken und der massiven landschaftl. Eingriffe mit der sog. Rheinauinitiative einen Baustopp. In der eidg. Volksabstimmung erlitten die Initianten aber 1954 eine deutl. Niederlage; das Kraftwerk nahm 1956 den Betrieb auf. Das Dorf R. selbst wurde durch die harten Auseinandersetzungen gespalten und lehnte u.a. aufgrund des Drucks der Elektrizitätswirtschaft die Initiative ab. Wegen Klinik und Kraftwerk ist der Dienstleistungssektor in R. am stärksten vertreten (2005 91%).

<b>Rheinau (Gemeinde)</b><br>Ansicht des Städtchens von Westen. Gouache eines unbekannten Künstlers, um 1820 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Die Darstellung zeigt die Landschaft südlich des Rheinfalls (am linken Bildrand). Der Rhein umfliesst aus Norden kommend (von links) zunächst die unbebaute badische Landzunge, die Halbinsel Schwaben. Das Kloster Rheinau liegt auf einer Flussinsel. Das Gegenstück zu Schwaben bildet die schweizerische Halbinsel mit dem Städtchen Rheinau und der Bergkirche. Am badischen Ufer ist das Dorf Altenburg erkennbar. Am Schweizer Ufer bilden der Gasthof Salmen sowie die Kornmagazine und die Stallungen des Klosters (um 1705 erbaut) den Brückenkopf. Die gedeckte Rheinbrücke wurde nach ihrer Zerstörung im Krieg 1799 in den Jahren 1804–1806 wieder aufgebaut.<BR/>
Ansicht des Städtchens von Westen. Gouache eines unbekannten Künstlers, um 1820 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
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Autorin/Autor: Martin Illi

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Schäppi, Der Kampf ums Kraftwerk R. 1951-1954, 1978
– K. Wanner, Siedlungen, Kontinuität und Wüstungen im nördl. Kt. Zürich (9.-15. Jh.), 1984, 108-116
– S. Keller, Rheinaubuch 2000, 2000
– P. Nagy et al., «R.», in ArS 27, 2004, 6-15
– S. Schreyer, «Das spätkelt. Doppel-Oppidum von Altenburg (D) - R. ZH», in Colloquium Turicense, 2005, 137-154
– S. Aregger, «Städtchen, Kloster und Eidgenossen im 18. Jh.», in ZTb 2007, 2006, 175-207
– M. Roth, R.-Heerenwis: früh- und hochma. Siedlungsspuren, 2008