• <b>Pfründen</b><br>Fassaden- und Grundrissplan der Pfrundscheune im bernischen Bürglen, Neubauprojekt von   Emanuel Ludwig Zehender,  1781 (Staatsarchiv Bern, AA III 811). Bis zur 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielten die reformierten Pfarrer die Erträge ihrer Pfründen in Form von Naturalien und Geldzahlungen. Waren ihnen aber die Pfrundgüter zur Bewirtschaftung überlassen, so gehörte zum Pfarrhaushalt auch ein Landwirtschaftsbetrieb. Die Pfrundscheune von Bürglen, die nach einem Beschluss des Berner Grossen Rats 1781 neu gebaut wurde, umfasste einen Kleintierstall für Schafe und Schweine, einen Kuhstall, ein Futtertenn, einen Pferdestall, ein Tenn sowie einen Wagenschopf (unteres Bild, von links nach rechts).

Pfründen

Eine Pfründe ist im kanon. Recht ein kirchl. Amt, das zugleich einen Anspruch auf die Erträge einer mit diesem Amt verbundenen Vermögensmasse gewährt. In diesem Zusammenhang wird auch von beneficium, im Bereich der Dom- und Stiftskirchen von praebenda gesprochen.

Bereits im FrühMA bildeten sich mit der Errichtung von Eigenkirchen (Patronatsrecht) Sondervermögen, die zum Unterhalt des Geistlichen und des kirchl. Gebäudes bestimmt und vom Bistumsvermögen unabhängig waren. Mit der Ausdehnung der merowing.-fränk. Landleihe auf das Kirchengut (Lehen) im 8. Jh. begann - zuerst bei den Landkirchen - die Versorgung der Geistlichen durch die Verleihung bestimmter Güter aus kirchl. Besitz die Regel zu werden. Ab dem 8./9. Jh. wurden den Geistlichen nicht nur einzelne Güter, sondern die gesamte Landkirche verliehen. Nach Einführung des Zehnten im 9. Jh. setzte sich die bereits von Papst Gelasius I. (494) bekräftigte Aufspaltung des Kirchenvermögens in Pfrundgut, Almosenvermögen sowie Fabrikvermögen durch. Zum Pfrundvermögen gehörten Grundstücke, Nutzungsrechte sowie Ansprüche auf Natural- und Geldleistungen. Die P. konnten sehr unterschiedlich dotiert sein, wurden nach Kirchenrecht auf Lebenszeit verliehen und waren nicht vererbbar.

Im Hoch- und SpätMA trat die Amtspflicht gegenüber den P. in den Hintergrund. Trotz kirchenrechtl. Verbote war es keine Seltenheit, dass ein Geistlicher mehrere P. innehatte, damit handelte oder die Dienstpflichten einem Vertreter überliess. Durch die Inkorporation von Pfarrpfründen konnten auch Klöster zu Pfrundinhabern werden. Gegen diese Missstände regte sich der Widerstand der Pfarrgenossen, die eine intensive Seelsorge und weitgehende Mitbestimmungsrechte in kirchl. Angelegenheiten anstrebten. Besonders im Alpenraum, aber auch im Mittelland und Jura, konnten die Kirchgenossen dank kommunalen Stiftungen von Kirchen und P. ab dem 15. Jh. (im Tessin bereits im HochMA) Patronatsrechte erwerben, die ihnen die Verwaltung des ortskirchl. Vermögens und z.T. auch die Wahl des Seelsorgers zusicherten.

Mit der Reformation blieb das Rechtsinstitut der P. bestehen, in den ref. Gebieten reduzierte sich jedoch die Zahl der P. durch die Umnutzung von Kirchen und Aufhebung vieler Klöster stark (Säkularisation). In den dominierenden städt. Territorien stand ab dem 16. Jh. das Pfarrwahlrecht zahlreicher P. dem Rat zu, der das Kirchenwesen unter seine Aufsicht stellte. Staatskirchl. Tendenzen herrschten in allen eidg. Orten.

<b>Pfründen</b><br>Fassaden- und Grundrissplan der Pfrundscheune im bernischen Bürglen, Neubauprojekt von   Emanuel Ludwig Zehender,  1781 (Staatsarchiv Bern, AA III 811).<BR/>Bis zur 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielten die reformierten Pfarrer die Erträge ihrer Pfründen in Form von Naturalien und Geldzahlungen. Waren ihnen aber die Pfrundgüter zur Bewirtschaftung überlassen, so gehörte zum Pfarrhaushalt auch ein Landwirtschaftsbetrieb. Die Pfrundscheune von Bürglen, die nach einem Beschluss des Berner Grossen Rats 1781 neu gebaut wurde, umfasste einen Kleintierstall für Schafe und Schweine, einen Kuhstall, ein Futtertenn, einen Pferdestall, ein Tenn sowie einen Wagenschopf (unteres Bild, von links nach rechts).<BR/>
Fassaden- und Grundrissplan der Pfrundscheune im bernischen Bürglen, Neubauprojekt von Emanuel Ludwig Zehender, 1781 (Staatsarchiv Bern, AA III 811).
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In Appenzell Ausserrhoden, Glarus, Graubünden, Uri und im Toggenburg kam den Einzelgemeinden mehr Gewicht zu. So konnten die Bündner Gem. ihre Konfession frei wählen, das Kirchengut verwalten und den Pfarrer selbst anstellen und besolden. Einige Gem. lösten sogar das Pfrundgut auf und bestimmten andere Quellen zur Finanzierung der Seelsorge. In der 2. Hälfte des 17. Jh. unternahmen die Regierungen der ref. Orte erste Versuche, das Einkommen der P. auszugleichen. Im 18. und 19. Jh. entstanden in ref. und kath. Gebieten zu diesem Zweck Fonds unter Staatsverwaltung. Erst im 19. Jh. im Zuge der Ablösung der auf den Grundstücken ruhenden Feudallasten und des Verschwindens der Naturalleistungen wurde das Pfrundsystem allmählich zurückgedrängt und durch die Einführung der Löhne ersetzt. Die Säkularisation des Kirchenguts führte zu Staatsleistungen für den Besoldungs- und Versorgungsbedarf der Kirche. Heute finanzieren die Kirchen die Seelsorge v.a. mit den vom Staat eingezogenen Kirchensteuern.

In den kath. Gebieten wurde das Pfrundwesen erst durch den "Codex Iuris Canonici" 1983 beseitigt. Die Bischofskonferenz bekam den Auftrag, Normen zu erlassen, um mit Einkünften und Vermögen der P. Fonds für den Unterhalt der Geistlichen zu bilden.


Literatur
TRE 5, 577-583, (mit Bibl.)
– D. Gugerli, Zwischen Pfrund und Predigt, 1988
– M. Jorio, «Die unbewältigte Säkularisation», in Kirche, Staat und kath. Wiss. in der Neuzeit, 1988, 479-515
– M. Ries, «Die Kirchenfinanzierung in der Schweiz», in Die Kirchenfinanzen, hg. von E. Gatz, 2000, 358-372
– S. Arend, Zwischen Bischof und Gem., 2003

Autorin/Autor: Immacolata Saulle Hippenmeyer