Wülflingen (Gemeinde)

Ehem. polit. Gem. ZH, Bez. Winterthur. Seit der Eingemeindung 1922 Vorort von Winterthur. W. liegt nordwestlich des Stadtkerns von Winterthur zwischen den Hügeln Wolfensberg, Brüelberg und Berenberg. 897 wulvilinga. 1799 987 Einw.; 1850 2'012; 1900 3'580; 1920 3'845.

Neolith. Steinbeile, Beil- und Axtklingen aus der Bronzezeit, ein Kriegergrab aus der mittleren Latènezeit, röm. Münzen und Reste einer röm. Wasserleitung zeugen von einer frühen Besiedlung. Im Gemeindegebiet befinden sich die um 1240 über Vorgängerbauten errichtete Burg Alt-W. mit dem darunter liegenden, bis 1834 bestehenden landwirtschaftl. Gut Schlosshof, der 1372 erw. ursprünglich österr. Kelnhof, das 1525 aufgehobene Chorherrenstift Beerenberg, das 1644-45 erbaute Schloss W., das bis 1760 Verwaltungssitz der privaten Gerichtsherrschaft W.-Buch war, sowie die Jägerburg im Hardwald, welche den Gerichtsherren Hirzel ab 1734 als Jagdsitz diente. Das ehem. Bauerndorf mit Dreifelderwirtschaft und Rebbau umfasste noch um 1650 20 Höfe und Weiler ausserhalb des Kerns, meist hoch- oder spätma. Ausbausiedlungen. Der Hof Hüwinen ging vor 1400 ab, die Höfe Ober- und Untertobel verschwanden in den 1890er Jahren und der Hof Rain brannte 1911 ab.

Ausgrabungen wiesen 1972 sechs aufeinanderfolgende Kirchenbauten nach: eine merowing. Holzkirche aus dem 7. Jh., eine um 700 errichtete frühkaroling. Steinkirche, einen spätkaroling. Umbau (zwischen 800 und 900), eine rom. Kirche aus dem 11. Jh., einen spätrom. Bau des 12./13. Jh. und eine got. Erweiterung mit Turm (zwischen 1400 und 1525). Als Kirchherr verpfändete das Haus Habsburg den Kirchensatz um 1380 an die Herren von Seen. 1515 verkauften die Herren von Rümlang als Pfandinhaber Kirchensatz und Zehnten an das Spital Winterthur. Die heutige ref. Kirche wurde 1681 an Stelle der erw. Vorgängerbauten erstellt, wobei der Chor aus dem 13. Jh. und der darüber aufragende got. Turm in den Neubau integriert wurden. Der Turm wich 1757 einer Neukonstruktion mit Helm. Die kath. Kirche St. Laurentius wurde 1959 geweiht, die Pfarrei existiert seit 1962.

Die gebursami (Dorfgemeinschaft) von W. wird 1370 erstmals erwähnt. Ihre Rechte und Pflichten wurden in der Offnung von 1484 fixiert. 1492 sind vier Dorfverwalter als sog. Vierer bezeugt. Einzugsbriefe datieren von 1584, 1650 und 1748. Die 1802 eröffnete mechan. Spinnerei und Weberei im Hard W. war eine der ersten in der Schweiz. Die Spinnerei Beugger - seit 1894 Sitz der Kant. Pflegeanstalt (ab 1965 Kant. Krankenheim, seit 1998 Psychiatr. Klinik) - bestand 1820-70, die Papierfabrik W. 1834-83. Die 1839 an der Töss erstellte Schollenbergermühle wurde 1955 stillgelegt und 1960 abgebrochen. Die Ziegelhütte beim Schloss W. stellte ihre Produktion um 1910 ein. Obwohl man als Folge der Industrialisierung schon 1850 neben 184 Landwirten auch 160 Fabrikarbeiter und 142 Handwerker zählte, bewahrte W. seinen dörfl. Charakter bis um 1915. Zusammen mit Töss gehörte W. ab 1900 zu den ersten Zürcher Gem. mit sozialdemokrat. Mehrheit. Nach der Fusion mit Winterthur vereinigten sich die polit. Gemeinde, die Bürgermeinde und die Schulgemeinden von W. mit jenen Winterthurs.


Literatur
– P. Ziegler, W., 1975
– F. Schmaedecke, Das Kloster Mariazell auf dem Beerenberg bei Winterthur, 2011

Autorin/Autor: Peter Ziegler