Wipkingen

Ehem. polit. Gem. ZH, Bez. Zürich, 1893 in die Stadt Zürich eingemeindet. 881 Wibichinga. 1467 28 Haushalte; 1637 204 Einw.; 1771 512; 1850 887; 1888 2'391; 1900 4'512; 1950 21'978, 1970 19'542; 2010 15'700.

Das Dorf bestand aus einer zeilenförmigen Bebauung entlang der Landstrasse Zürich-Höngg und aus einem Kirchenbezirk an der Limmat. Kurz nach 881 gelangte W. als Schenkung von Ks. Karl III. an die Zürcher Abtei Fraumünster; der 1247 und 1301 bezeugte Kelnhof der Abtei brannte 1895 ab. Nach der Offnung des 14. Jh. richtete anstelle der Äbtissin ein Vogt über Totschlag, Diebstahl und schwere Freveltaten. Zu Beginn des 15. Jh. lag diese Vogtei in den Händen von Zürcher Bürgern, ab 1439 bestellte die Stadt Zürich die Vögte. Nach der Säkularisierung des Fraumünsters 1524-26 zog die Stadt die herrschaftl. Rechte über W. an sich. 1637 teilte sie die Gem. der Obervogtei Vier Wachten zu. W. gehörte zur Grossmünsterpfarrei bzw. ab 1614 zur Prediger-Kirchgemeinde und verfügte über eine Filialkapelle (1270 erw., nach dem Bildersturm 1523 profaniert, 1601 mit dem Friedhof wieder instand gestellt). 1865 wurde die ref. Kirchgemeinde gegründet, 1909 die ref. Kirche erstellt. Die Gründung der Pfarrei Guthirt und der Bau der kath. Kirche erfolgten 1923. Nach der kant. Volkszählung von 1836 und der eidg. Volkszählung von 1850 setzte sich die Bevölkerung von W. aus Landwirten und Güterarbeitern sowie aus ebenso vielen Kleinhandwerkern und Fabrikarbeitern zusammen. Die 1782 von Hans Jakob Hofmeister errichtete Kattundruckerei war bis 1867 in Betrieb; die Gebäude beherbergten später die Seidenwebschule. Das 1879 von der Stadt erstellte Wasserwerk Letten diente ab 1892 der Elektrizitätsgewinnung. 1910 liess sich das Unternehmen De Trey Brothers (Zahnärztebedarf) in W. nieder, das unter versch. Eigentümern bis 1976 bestand. Die 1844 eröffnete Fährverbindung ins Industriegebiet Aussersihl am anderen Flussufer wurde 1872 durch eine Brücke ersetzt. Damit siedelten sich in W. v.a. Angehörige der Unterschichten an; der Steuerertrag pro Kopf war hier niedriger als in allen anderen Zürcher Aussengemeinden. Das stark wachsende W. konnte neue Infrastrukturaufgaben kaum mehr bewältigen und befürwortete deshalb 1891 seine Eingemeindung in die Stadt Zürich mit 88% Jastimmen. Der Bahnhof Letten an der rechten Seeuferlinie bestand 1894-1989. Die 1898 eröffneten privaten Strassenbahnen nach Zürich und Höngg sind seit 1902 bzw. 1923 städtisch. 1927 wurde die erste städt. Autobusverbindung ins Stadtzentrum, 1932 die Haltestelle W. an der Eisenbahnlinie Zürich-Winterthur eingerichtet. 1898-1926 erstellte die von Vertretern des Gewerbes mit spekulativen Absichten gebildete Baugenossenschaft Westheim das Landenbergquartier, das grösstenteils aus sechsgeschossigen Blockrandbauten mit engen Hinterhöfen besteht. 1918-94 waren in W. 36 Baugenossenschaften im kommunalen und subventionierten Wohnungsbau tätig. 1933 wurde der Ortskern für die Begradigung der Rosengartenstrasse niedergelegt. 1965-82 entstand hier die Westtangente, die wohl immissionsträchtigste Strassenachse von Zürich.


Literatur
Hundert Jahre Gross-Zürich, Ausstellungskat. Zürich, 1993, 156-167
– U. Jakob, D. Kurz, W., 1993
– M. Bürlimann, K. Gammeter, W., 2006
Baukultur in Zürich 7, 2009, 73-112
Kdm ZH NF 5, 2012, 418-430

Autorin/Autor: Martin Illi