Fluntern

Ehem. polit. Gem. ZH, 1893 in die Stadt Zürich eingemeindet. Hofsiedlungen und Vorstadt am Abhang des Zürichbergs, seit dem 19. Jh. Villenquartier. Um 1000 Flobotisreine (unsicher), um 1150 Fluentrin. 1637 312 Einw.; 1762 640; 1800 365; 1836 1'236; 1880 3'280; 1900 3'984; 1960 9'775; 1990 7'040, 2000 7'267.

Wohl ursprünglich Bestandteil der 1218 aufgelösten Reichsvogtei Zürich, bildete F. den Kern der Grundherrschaft des Grossmünsterstifts, das auch die niederen und hohen Gerichte besass. Nur wenige Güter waren von der Gerichtsbarkeit des Grossmünsters exemt. Die Besiedlung folgte in etwa der Ausfallstrasse auf den Zürichberg, die 1585 erneuert wurde. Sitz des Henkers war der Witingerhof oder die Weibelhube, wo "Schlegel und Barte" als Gerichtssymbole hingen. F. war auch für die übrigen Dörfer und Höfe des Grossmünsters Gerichtsstätte. Nach der Reformation ging die Gerichtskompetenz über F. an den Zürcher Rat. 1127 wurde das regulierte Chorherrenstift St. Martin auf dem Zürichberg gegründet, das in der Reformation aufgehoben wurde. Kirchlich war F. fest mit dem Grossmünster verbunden. 1614 wurde es der Kirchgemeinde Predigern zugeteilt. 1762 erfolgte der Bau des Bethauses. 1893 wurde F. selbstständige Kirchgemeinde; die Kirche datiert von 1920. Die kath. Pfarrei St. Martin wurde 1940 geschaffen.

Offnungen des 14. und 15. Jh. sind lateinisch und deutsch in den Grossmünsterquellen aufgezeichnet. Sie geben u.a. Auskunft über die Beziehungen zwischen Grundherren und Bauern: So mussten die Leute von F. die verstorbenen Chorherren zur Kirche tragen und sich an Totenwache und Grabvisitationen beteiligen. Die Gemeindebildung wurde 1408 mit der Zuteilung F.s zu den Vier Wachten gefördert. Das im 16. Jh. erwähnte Gemeindehaus mit Trinkstube wurde 1836 veräussert. Nach der Schleifung der Schanzen 1833 wandelte sich zunächst nur das Plattenquartier mit dem neuen Kantonsspital (1842) zur städt. Siedlung, während man im übrigen Gebiet F.s 1850 noch 56 Landwirte zählte. Reiche Stadtbürger hatten schon früh einzelne Landsitze angelegt (1513 Susenberg des Apothekers Anton Klauser), doch die Überbauung des Zürichberghangs mit Villen setzte erst im letzten Viertel des 19. Jh. ein. 1895 wurde die Zentrale Zürichbergbahn in Betrieb genommen, die seit 1905 der Stadt gehört. Da sich die Gemeinde zusehends nach Zürich orientierte, befürwortete sie 1893 mit Zweidrittelsmehrheit ihre Eingemeindung in die Stadt. Die Zunft F. besteht seit 1895, der Quartierverein seit 1898. Wegen der Nähe zum Zürcher Hochschulquartier siedelten sich zahlreiche Forschungsanstalten wie z.B. das Physikgebäude der ETH (1890) und die Schweiz. Meteorolog. Anstalt (1949) in F. an. Der Zoolog. Garten wurde 1929 eröffnet.


Archive
– GemA, im StadtA Zürich integriert
Literatur
– W.H. Ruoff, «Die Hohe Gerichtsbarkeit des Grossmünsterstiftes Zürich und seine Weibelhube», in Rechtsgesch., Rechtssprache, Rechtsarchäologie, rechtl. Volkskunde, hg. von F. Elsener, W.H. Ruoff, 1965, 343-372
– C. Brändli-Propst, Quartierfibel, 1981 (Ordner)

Autorin/Autor: Martin Illi