Altstetten

1934 in die Stadt Zürich eingemeindeter Vorort (Kreis 9 zusammen mit Albisrieden), vormals selbstständige polit. Gem. ZH, Bez. Zürich. Das Stadtquartier links der Limmat ging aus einem zweikernigen Dorf hervor. 1249 in Altstettin superiori bzw. in villa Altstetin inferiori. 1467 20 Haushaltungen; 1634 280 Einw.; 1700 422; 1792 666; 1850 959; 1900 3'310; 1930 9'068; 1950 18'998; 1980 27'885; 1990 27'745.

Bei Bauarbeiten kam 1906 eine prunkvolle Goldschale zum Vorschein, wahrsch. aus der Spätbronzezeit (1000-800 v.Chr.) oder, nach älterer Forschung, aus der Hallstattzeit. Überreste röm. Villen wurden bei der ref. Kirche A. (1941) und im Loogarten (1960) entdeckt. Der Grundrissplan von 1735 zeigt den Haufendorfcharakter von Ober-A., Unter-A. war längsgestreckt. Zum Dorf gehörten u.a. eine Gerichtsstätte (Weidhube), ein Kelnhof, eine Zehntenscheune, eine Mühle (vor 1541 abgegangen) sowie der Gasthof Zur Blauen Ente (Tavernenrecht 1423). Bei einem Hausabbruch 1954 entdeckte man einen ma. Kernbau (Ende 13./Anfang 14. Jh.). A. gehörte bis 1798 grösstenteils zum Blutgerichtskreis der Grafschaft Baden. Als habsburg. Lehen befanden sich Vogtei und Niedergericht in Besitz der Zürcher Fam. Stagel (1396) und Thum(b) und kamen 1432-33 durch Kauf und Tausch als Reichslehen zur Stadt Zürich. 1442 anerkannte auch Habsburg die zürcher. Herrschaft über A. Die Stadt übte in A. auch das Mannschafts- und Steuerrecht aus. Vor der Verselbständigung (1529) gehörte A. zur Pfarrei St. Peter in Zürich. Der älteste Vorgängerbau der ref. Kirche ist rom. (Grabung 1941). Für die mit einem Marien- und einem Sabiniusaltar ausgestattete Filialkapelle wurde 1418 eine Kaplanpfründe gestiftet, 1517 ein Ablassbrief ausgestellt. Bis zur Reformation war die Kapelle auch Wallfahrtsziel (Prozessionen u.a. aus Zürich, Höngg und dem aarg. Birmenstorf). Seit 1900 bestehen eine kath. Kirche und Pfarrei A.

Über die kommunale Entwicklung A.s. geben die Offnung von 1429 und Einzugsbriefe von 1569 und 1592 Auskunft. Ein Untervogt und vier Geschworene standen der Gem. vor. 1784 ernährten sich 27% aller Haushaltungen von Lohnarbeit in der Stadt, 22% als vollbäuerl. Haushalte mit durchschnittl. 13 Jucharten Ackerland von der Landwirtschaft, 20% durch nichtagrar. Erwerbsformen von Professionisten, 18% durch Heimarbeit, 9% als Tauner- und 4% als Taglöhner-Haushalte. Die Physiokraten kritisierten die Lohnarbeit in der Stadt, da sie zur Vernachlässigung des Landbaus führe. Etappen der agrar. Modernisierungen im 19. Jh. waren 1820 bzw. 1833 der Loskauf der Zehnten bzw. Grundzinsen sowie 1830-44 die Allmendauflösung und die Gründung einer Waldkorporation durch die 44 Gerechtigkeitsbesitzer. 1846 ersetzte eine steinerne Brücke die Furt durch den Dorfbach, 1870 eine Brückenverbindung nach Höngg die Limmatfähre. Die Bahnstation A. kam an die Linie Zürich-Baden (1847) bzw. Zürich-Affoltern am Albis-Zug (1864) zu liegen. 1893 begann ein erstes kommunales Strassenbauprogramm. 1900 nahm die Limmattal-Strassenbahn den Betrieb auf. Die acht Industriebetriebe von A. beschäftigten 1890 476 Personen (u.a. Seidenzwirnerei). 1907 entstand die SBB-Werkstätte, 1913 die Micafil AG (Elektrobranche, 1926 zu BBC Baden). 1910 waren 71% der Erwerbstätigen im 2. Sektor beschäftigt und nur noch 8% in der Landwirtschaft. Das Projekt einer Feldberieselung mit städt. Abwässern war 1879 gescheitert, nachdem die Stadt dafür bereits umfangreiche Landkäufe getätigt hatte. Auf diesen Landreserven entstand 1926-86 in drei Etappen das Klärwerk Zürich-Werdhölzli. Nach der Eingemeindung, welche A. bereits 1918 begehrt hatte, wurden 1934 der Quartierverein A. und die Zunft Letzi gegründet. Während im 19. Jh. die Besiedlung entlang den Verkehrsachen längs des Limmattals bzw. nach Höngg erfolgte, setzte nach 1945 die grossflächige Überbauung ein, u.a. mit städt. und genossenschaftl. Wohnungsbau. So verwirklichte 1945-58 eine vom Quartierverein lancierte Initiativgenossenschaft die Zentrumsüberbauung Lindengarten. Die ländl. Bauzeugen verschwanden bis auf das sog. Studerhaus, einen z.T. auf das 15./16. Jh. zurückgehenden Bohlenständerbau, in dem seit 1973 das Ortsmuseum untergebracht ist. Bis 1980 wuchs der 3. Sektor auf 62% der Arbeitsplätze, der 2. schrumpfte auf 37%. 81% der Erwerbstätigen arbeiteten 1990 in anderen Stadtquartieren oder Gem.


Literatur
– H.R. Schmid, Chronik der Gem. A., 1933
– U. Ruoff, «Die bauliche Entwicklung von A.», in Zürcher Denkmalpflege, Ber. 9, Tl. 3, 1989, 62-71
– P. Nagy, «Technolog. Aspekte der Goldschale von Zürich A.», in JbSGUF 75, 1992, 101-116
– B. Haas et al., Hundert Jahre Gross-Zürich, 1994, 68-79

Autorin/Autor: Martin Illi