Brun'sche Zunftrevolution

Zu Beginn des 14. Jh. setzte der regierende Rat der Stadt Zürich sich zu einem Drittel aus adligen Rittern und zu zwei Dritteln aus bürgerl. Notabeln (Rentner, Wechsler, Kaufleute und Goldschmiede usw.) zusammen. Das Schwinden des Einflusses der Adligen brachte Ritter Rudolf Brun dazu, sich an die Spitze einer Umsturzbewegung zu setzen. Mit Hilfe der Handwerker, welche bislang lediglich in sog. Innungen, nicht aber in Zünften mit polit. Mandat organisiert waren, stürzte er im Juni 1336 den alten Rat. Nach dem Umsturz wurden die Einflussmöglichkeiten des bürgerl.-kaufmänn. Patriziats im 1. Geschworenen Brief eingeschränkt. Gemäss dieser neuen Verfassung setzte sich der Rat aus 26 Mitgliedern zusammen: 13 stellte die sog. Konstaffel, welche die Ritter und die Grosskaufleute umfasste; davon mussten sieben Ritter sein. Die 13 anderen Räte waren die Zunftmeister der jeweiligen Handwerkerzünfte. Damit neutralisierten sich die gesellschaftl. Kräfte, und der tatsächl. Einfluss der Handwerkerzünfte blieb eher gering -- diesbezüglich ist der von der älteren Forschung geprägte Begriff der Zunftrevolution revisionsbedürftig. Weil Brun sich das Bürgermeisteramt auf Lebenszeit zuerkennen liess, dominierte er den Rat derart, dass seine Stellung von modernen Autoren auch mit derjenigen eines ital. Stadttyrannen verglichen wurde. 1337 besiegte Brun seine aus der Stadt verbannten oder geflohenen Gegner, die sich in Rapperswil (SG) versammelt hatten, in der Schlacht bei Grinau. Ein Gegenputsch der äusseren Opposition im Jahr 1350 wurde blutig unterdrückt (sog. Zürcher Mordnacht).

Die grundlegende Stellung, welche den Zürcher Zünften als Wahlkörper im 1. Geschworenen Brief zugesprochen wurde, hatte trotz vieler Änderungen bis zum Ende der Alten Eidgenossenschaft bestand. Die Besonderheiten der Brun'schen Verfassung, nämlich die ungewöhnlich starke Stellung des Bürgermeisters sowie der grosse Anteil an Rittern im Rat, wurden dagegen nach Bruns Tod 1360 rasch aufgegeben. Die reale polit. Macht verlagerte sich auf die Kaufleute und auf einzelne Handel treibende Handwerker, die in der Stadt als Ganzes wie auch in der Konstaffel und den einzelnen Zünften mehr und mehr den Ton angaben (Zunftstädte).


Literatur
– K. Dändliker, Gesch. der Stadt und des Kt. Zürich 1, 1908, 126-145
– O. Sigg, «Zunftherrlichkeit 1336-1798», in 650 Jahre Zürcher Zünfte, 1336-1986, 1986, 12
GKZ 1, 366-369

Autorin/Autor: Martin Illi