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Payot, René

geboren 11.8.1894 Monthey, gestorben 15.5.1970 Genf, ref., von Corcelles-près-Concise. Sohn des Pierre Albert, Bahnhofvorstands, und der Cécile Elise geb. Béguin. ∞ 1924 Kathleen Jane MacCarty, Tochter des Thomas. Stud. der Geisteswissenschaften an der Univ. Genf. Nach ersten Berufserfahrungen beim "Courrier de Vevey" 1912 machte P. Karriere als Journalist und Kommentator beim "Journal de Genève". Er war 1918-20 Deutschlandkorrespondent, 1920-33 Bundeshauskorrespondent, 1933-42 Chefredaktor und 1943-49 zusätzlich Herausgeber. 1941-44 produzierte P. für Radio suisse romande eine Wochenchronik, ein westschweiz. Gegenstück zur "Weltchronik" von Jean Rudolf von Salis. 1944-68 war er Vizepräs. der Schweiz. Depeschenagentur.

Als liberal-konservativer Mann der Ordnung und als Journalist mit brillanter Feder sorgte P. ab 1933 gemeinsam mit Jean Martin, dem Herausgeber des Blatts, für einen Rechtsrutsch des "Journal de Genève". Als neuer Chefredaktor fiel er durch seinen glühenden Antikommunismus, seine deutl. Sympathien für Benito Mussolini und General Francisco Franco, sein Misstrauen gegenüber Nazideutschland, dessen Gewalttätigkeiten ihn abstiessen, seinen sog. vernünftigen Antisemitismus und seine Verteidigung des Föderalismus und der schweiz. Demokratie auf. Nachdem P. zunächst Sympathien für das Vichy-Regime gezeigt hatte, unterstützte er ab Dez. 1942 General Charles de Gaulle. Seine Radio-Wochenchronik fand während des Kriegs starke Beachtung. Für unzählige Hörer in Frankreich und Belgien boten seine sachl. Kommentare Anlass zu neuer Hoffnung. Viele feierten ihn nach Kriegsende als Mann des Widerstands. In den 1990er Jahren bröckelte sein Mythos und machte einem differenzierteren Bild Platz. 1982 schufen die frankofonen öffentl.-rechtl. Radioanstalten ein nach ihm benanntes Stipendium für junge Journalisten. 1946 Offizier, 1958 Kommandant der Ehrenlegion.


Archive
– Archiv der Univ. Genf, Nachlass
Literatur
– M. Caillat, René P., 1998
Un journal témoin de son temps, hg. von J. de Senarclens, 1999
– A. Clavien et al., "La province n'est plus la province": les relations culturelles franco-suisses à l'épreuve de la Seconde Guerre mondiale (1935-1950), 2003

Autorin/Autor: Alain Clavien / GL