Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel (VHTL)

Gewerkschaft VHTL hiess ab 1982 der Verband der Handels-, Transport- und Lebensmittelarbeiter, der 1915 durch Fusion des Verbands der Lebens- und Genussmittelarbeiter (VLG) mit dem Verband der Handels- und Transportarbeiter (VHT) entstanden war und ebenfalls schon das Kürzel VHTL führte. Der VLG, zu dem sich 1904 der Müllerfachverein (gegr. 1889), der Zigarren- und Tabakarbeiterverband (1890), der Küferverband (1892), der Verband der Gärtnergehilfen (1893) und der Verband der Brauereiarbeiter (1895) vereinigt hatten, erweiterte seinen Bereich rasch auf Bäcker, Metzger, Arbeiter aus der Schokoladenherstellung und aus anderen Branchen. Aus den vom Ende des 19. Jh. an gegründeten Hilfsvereinen von Fuhrleuten ging 1907-08 der VHT hervor, der bald auch Packer, Magaziner, Ausläufer, Chauffeure, Beschäftigte aus Handel und Verkauf organisierte. Der Mitgliederbestand des VHTL wuchs 1915-20 von 5'452 auf 19'492, fiel bis 1924 auf 11'217 und stieg 1929-33 auf 23'358. Er erreichte 1942-47 die Zahl von 41'247, stagnierte bis 1964 und fiel dann bis 1974 auf 30'252. Nach einem weiteren Jahrzehnt des Stillstands sank die Mitgliederzahl schliesslich bis 2003 auf 14'436 ab. Der Frauenanteil erreichte 1920 ein Maximum von 39%; danach fiel er auf rund ein Viertel, obwohl überdurchschittlich viele Frauen im Organisationsbereich der Gewerkschaft beschäftigt waren (Verkauf, Gastgewerbe).

Die Gewerkschaft und ihre Vorläufer blieben infolge der ausgesprochen heterogenen Branchenstruktur und dem niedrigen Organisationsgrad immer relativ schwach; Streiks führte sie schon im 19. Jh. nur selten und wenig erfolgreich durch. Zu ihren Mitteln in Arbeitskonflikten gehörte der Boykott, z.B. 1896 und 1910 gegen Brauereien. Aufbauend auf die Gesellentradition erfolgten seit Ende 19. Jh. Tarifabschlüsse. 1911 zählte man 56, 1923 101 und 1938 165 Gesamtarbeitsverträge (ca. 25'000 Beteiligte); der Durchbruch gelang nach dem 2. Weltkrieg (ca. 450 in den 1960er Jahren). Die Gewerkschaft konkurrierte in versch. Bereichen mit anderen Arbeiter- und Angestelltenorganisationen wie mit dem Schweiz. Kaufmännischen Verband oder 1996-2004 auch mit der Dienstleistungsgewerkschaft Unia, die von der Gewerkschaft Bau und Industrie sowie der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen getragen wurde. Am 15.10.2004 beschloss der letzte VHTL-Kongress, die Unabhängigkeit aufzugeben und sich der tags darauf gegründeten neuen Grossgewerkschaft Unia anzuschliessen.


Archive
– Sozarch
Literatur
– J. Müller, Verband der Handels-, Transport- und Lebensmittelarbeiter der Schweiz, 3 Bde., 1951-63
– Gruner, Arbeiterschaft 2
– R. Fluder et al., Gewerkschaften und Angestelltenverbände in der schweiz. Privatwirtschaft, 1991
100 Jahre VHTL 1904-2004, 2004

Autorin/Autor: Bernard Degen