Belle Epoque

Verklärende Bezeichnung für die Zeit von etwa 1895 bis 1914, in der das Bürgertum, seine Lebensweise und Kultur, sein auf Wissenschaft und Technik gegr. Fortschrittsglaube triumphierten, selbst in Staaten, wo aristokrat. Eliten noch immer über eine starke Stellung verfügten. Zur nostalgischen Überhöhung trug zudem die in Europa ungebrochene Periode des Friedens sowie der nachhaltige wirtschaftl. Aufschwung im Zeichen der sog. Zweiten Industriellen Revolution bei, mit dem in der europ. Welt der endgültige Durchbruch in die Moderne erfolgte. Vom wirtschaftl. Wachstum ab 1895 profitierten zwar die Arbeiterschaft und die Angestellten ebenfalls, doch ein "schönes Zeitalter" war die B. vornehmlich für das mittlere und gehobene Bürgertum, das sich sein Leben jetzt behaglicher einrichtete, seinen Wohlstand und höheren Rang ostentativ zur Schau stellte, guten Geschmack demonstrierte und sich so gegen unten absetzte. Im kulturellen Leben erhielten Vergnügungen leichterer Art, Reisen und Ferien sowie sportl. Aktivitäten (Reiten, Automobil, Tennis) einen höheren Stellenwert. Der von zurückhaltender Wohlanständigkeit geprägte bürgerl. Lebensstil verlor damit etwas von seiner Angestrengtheit und gewann mehr von jener Eleganz, die das Bürgertum im Leben wie in der Kunst so verehrte. Damit verbunden war eine Tendenz, aristokratische oder grossbürgerliche Lebens- und Verhaltensformen nachzuahmen, in der Schweiz allerdings nicht so ausgeprägt wie in Frankreich oder England.

Nichts symbolisiert in der Schweiz das behaglich-schöne Leben der B. so gut wie die Grandhotels in Kurorten wie Vevey, Montreux, Interlaken, Luzern und St. Moritz mit Gästen aus der internat. Oberschicht. Hinter dem Glanz der B. verbarg sich jedoch eine Gesellschaft, die von grossen Klassenunterschieden, harten Verteilungskämpfen und heftigen polit. Auseinandersetzungen beherrscht war. Selbst der zukunftsfrohe Materialismus, der Glaube an Wissenschaft und Technik, an die Rationalität und den Fortschritt der Zivilisation waren nicht unbestritten. Die Kosten und negativen Folgen der Modernisierung, die Verstädterung, die Klassengegensätze, der Verlust überlieferter Lebenswelten, die Entwurzelung und Entfremdung sowie die Naturverschandelung verstärkten das latente Unbehagen an der Moderne, wie es schon Jacob Burckhardt oder noch prägnanter Friedrich Nietzsche in ihren kulturpessimist. Zeitanalysen zum Ausdruck gebracht hatten.

Anfangs des 20. Jh. entwickelte sich daraus eine Kultur- und Zivilisationskritik, die Bewegungen wie dem Heimat- und Naturschutz starke Impulse verlieh, die sich aber bis zur Diagnose einer Kulturkrise und einem konservativen Aufbruch gegen die Moderne steigerte. Scharfe Kritik sowohl an der Industrialisierung und modernen Zivilisation als auch am freisinnigen Bundesstaat kam besonders in der franz. Schweiz auf, wo sich aus Intellektuellen grossbürgerlicher und aristokratischer Herkunft wie Gonzague de Reynold und Robert de Traz eine Art "reaktionäre Avantgarde" (Hans Ulrich Jost) bildete, die in ästhet. Gegenwelten, im Antiliberalismus und Antisozialismus und der Forderung nach einer neuen Elite oder sozialen Aristokratie, aber auch in einem übersteigerten Patriotismus oder aggressiven neohelvet. Nationalismus ihre Heimat fanden. Ästhetizismus, Verachtung materieller Interessen und polit. Tageskämpfe, Flucht in eine höhere, künstlerische Welt waren jedoch Tendenzen, die auch in idealistisch gesinnten bildungsbürgerl. Kreisen der Deutschschweiz recht verbreitet waren.


Literatur
– H.U. Jost, Die reaktionäre Avantgarde, 1992
– A. Clavien, Les helvétistes, 1993
– A. Mattioli, Zwischen Demokratie und totalitärer Diktatur, 1994

Autorin/Autor: Albert Tanner