Antimilitarismus

A. richtet sich gegen das Überhandnehmen militär. Interessen und Strukturen in Staat und Gesellschaft sowie gegen die Übersteigerung soldat. und kämpfer. Werte. Die grundsätzl. Ablehnung alles Militärischen gehört nicht zum Kern des A., lässt sich aber in der Praxis oft schwer davon trennen, was die Abgrenzung zum Pazifismus verwischt. In der Schweiz hatte sich der A. nie gegen Kriegspläne zu wehren, sondern konnte sich v.a. mit Rüstungsausgaben, der Lage der Wehrpflichtigen sowie dem Ordnungsdienst der Armee auseinandersetzen.

1 - Bis zum 2. Weltkrieg

Die seit den 1860er Jahren in der sozialist. (Johann Philipp Becker) und anarchist. (James Guillaume) Arbeiterbewegung formulierte Kritik blieb zunächst abstrakt und richtete sich nicht konkret gegen das dezentrale einheim. Militärwesen. Daneben bestand eine gewichtige Gruppe von liberalen Militärkritikern und -gegnern, die sich selbst aber weit weniger dem A. als vielmehr dem Pazifismus zuordneten. Angesichts der häufigen Truppenaufgebote bei Streiks -- insgesamt 38 zwischen 1880 und 1914 -- verbreitete und konkretisierte sich der A. in den Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei nach 1900. Beim Generalstreik 1902 in Genf und beim Maurerstreik 1904 in La Chaux-de-Fonds leisteten mehrere Hundert dem Aufgebot keine Folge, und Charles Naines Dienstverweigerung fand in der Arbeiterbewegung breite Zustimmung. Das sog. Maulkrattengesetz, das Berichte der Arbeiterpresse über "Soldatenschinderei" unterbinden sollte, scheiterte 1903 am Referendum der Linken. Auf SP-Parteitagen 1903-07 waren das Verbot von Truppenaufgeboten bei Streiks sowie die Rüstungsbegrenzung Dauerthemen (Abrüstung). Radikalere Kräfte versuchten mit der 1905 gegr., kurzlebigen Antimilitarist. Liga vergebl., die SP zu konkreten Schritten zu bewegen (z.B. Vorbereitung eines Generalstreiks im Falle eines Truppenaufgebots). Immerhin ergriff diese gegen die Militärorganisation 1907 das Referendum, wobei v.a. das fehlende Verbot für innere Einsätze kritisiert wurde. Sie unterlag aber in der Abstimmung. Bei Kriegsbeginn 1914 sprach die SP-Fraktion im Nationalrat den Behörden das Vertrauen aus; kurz darauf stimmten jedoch einige SP-Nationalräte gegen die Militärkredite. Wegen Affären, "Soldatenschinderei", Repressalien gegen Kritiker und ständig drohender Einmischung in soziale Auseinandersetzungen genoss die Armee nicht nur in Arbeiterkreisen keinen guten Ruf. Bereits 1916 reichte die SP eine Initiative zur Abschaffung der Militärjustiz ein, die 1921 verworfen wurde. 1917-18 entstanden krit. Soldatenorganisationen, v.a. der Schweiz. Soldatenbund (Walther Bringolf). Der Berner SP-Parteitag 1917 distanzierte sich klar von der Armee und erklärte antimilitarist. Propaganda und Ablehnung aller Militärgesetze und -kredite zur Daueraufgabe. 1917-32 verweigerten die SP-Nationalräte dem Militärbudget jeweils ihre Zustimmung. 1925-26 diskutierten versch. Parteigremien eine Initiative zur Abschaffung der Armee, begnügten sich jedoch mit einer Komm. zur Bekämpfung des Militarismus. Daneben wirkten versch. weitere antimilitarist. Organisationen, u.a. eine beachtl. Vereinigung antimilitarist. Pfarrer (1925-37). Unter dem Eindruck der nationalsozialist. Bedrohung änderte die SP trotz Vorbehalten ihre Haltung, um schliessl. 1935 den "bewaffneten Grenzschutz" anzuerkennen. Im 2. Weltkrieg befanden sich die Soldaten in einer weit besseren Lage als 1914-18, weshalb die Kritik wesentl. bescheidener ausfiel. Wer aber Missstände im Dienstbetrieb anprangerte, riskierte schwer bestraft zu werden, wie 1940 einige Trotzkisten erfahren mussten.

Autorin/Autor: Bernard Degen

2 - Nach dem 2. Weltkrieg

Die allg. Anerkennung der Armee nach 1945 verleitete dazu, Reformen wie die Entkriminalisierung der Dienstverweigerung aufzuschieben. Heftige Reaktionen riefen 1954-56 die beiden sog. Chevallier-Initiativen zur Rüstungsbeschränkung hervor, obwohl sie nie zur Abstimmung gelangten. Seit den späten 1950er Jahren regte sich erneut antimilitarist. Widerstand, wobei sich dieser vielfältig mit dem Pazifismus vermischte. Die 1958 gegr. Schweiz. Bewegung gegen die atomare Aufrüstung trat den Plänen des Bundesrats nicht nur mit einer Initiative für ein Atomwaffenverbot entgegen (der eine gemässigtere Variante der SP folgte), sondern auch mit neuen Protestformen (z.B. Ostermärschen). Die seit den frühen 1960er Jahren stark zunehmende Dienstverweigerung führte zu Konflikten mit der Militärjustiz und förderte den Aufstieg des 1963 erneut gegr. schweiz. Zweiges der Internationalen der Kriegsdienstgegner (IdK). Ab 1971 erschien die anfängl. radikal armeekrit. Zeitschrift "offensiv". Nach Unruhen in Rekrutenschulen bildeten sich ab 1972 Soldatenkomitees, die bei der Truppe für materielle und rechtl. Verbesserungen agitierten. Obwohl IdK, "offensiv" und Soldatenkomitees in der Regel nur die Meinungsfreiheit beanspruchten, gingen Polizei und Justiz v.a. in den 1970er Jahren nicht selten hart gegen sie vor. Der 1982 gegr. Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) musste in der offeneren Gesellschaft weit mehr Spielraum gewährt werden. Ihre 1986 eingereichte Initiative zur Abschaffung der Armee erreichte 1989 mit 1'052'218 Ja gegen 1'903'797 Nein ein noch kurz zuvor fast undenkbares Ergebnis. Seit den 1990er Jahren nahm sich der nicht zuletzt wegen der internat. Entspannung über mehr Spielraum verfügende A. v.a. der Rüstungsfrage an, namentl. mit den Initiativen gegen neue Waffenplätze und gegen neue Kampfflugzeuge (beide 1993 abgelehnt) und für weniger Militärausgaben (1995 ungültig erklärt, 2. Fassung 2000 abgelehnt).

Quellen und Literatur

Literatur
– J. Etter, Armee und öffentl. Meinung in der Zwischenkriegszeit 1918-1936, 1972
– M. Schmid, Demokratie von Fall zu Fall, 1976
Hb. Frieden Schweiz, 1986
– Gruner, Arbeiterschaft 3
L'antimilitarismo libertario in Svizzera, hg. von G. Bottinelli, E. Zarro, 1989

Autorin/Autor: Bernard Degen