09/08/2001 | Rückmeldung | PDF | drucken

Antiklerikalismus

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Im allg. Sprachgebrauch bezeichnet A. eine seit dem ausgehenden 18. Jh. sich durchsetzende radikale Kirchenkritik, die als Doktrin des Laizismus Politik und Mentalität vorwiegend in rom. Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien bestimmte. In dieser virulenten Form als geistige Strömung ist A. in der Schweiz nicht nachzuweisen. Erst eine weiter gefasste Begrifflichkeit, die auch verwandte Geisteshaltungen wie Antikatholizismus, Antiromanismus, Antimonastizismus oder systemimmanente Kirchenkritik, aber auch den Gegensatz zwischen Klerus und Laien einbezieht, ermöglicht es, für die Schweiz von A. zu sprechen.

Bleibende Referenzpunkte systemimmanenter Kirchenkritik und kirchl. Reformbewegung sind die Ecclesia primitiva (Urgemeinde) und die Vita evangelica (Leben nach den Idealen des Evangeliums). Träger dieser Kritik können Laien sein; doch solange das Monopol der Kleriker im Bildungsbereich vorherrschte, waren es zumeist Kleriker. Spannungen, z.B. zwischen Geistlichkeit und Bürgertum, Klosterherrschaft und Bauern, führten zu sozialen Konflikten, die auch unter dem Vorzeichen des A. gesehen werden können. Der Sturm der Schwyzer gegen das Kloster Einsiedeln vom 6.1.1314 ist dafür eines der frühesten Beispiele. In der Innerschweiz gelang es den Kirch-, Dorf- und Talgem. in langwierigen Auseinandersetzungen, das kommunale Pfarrerwahlrecht durchzusetzen, die weltl. Herrschaft der Klöster zu beseitigen und die Kompetenzen der geistl. Gerichte einzuschränken. Damit entfielen Voraussetzungen, die zu den zentralen Forderungen der Reformation gehörten. Nach Peter Blickle erklärt dies, warum in der Innerschweiz in der Reformationszeit Anreize für Umwälzungen fehlten, die andernorts (Basel, Zürich, Genf) die Ausbreitung der reformator. Predigt begünstigten. In Genf kam es zeitweilig zu Spannungen zwischen Consistoire (Sittengericht) und Rat (z.B. 1542-64). Doch die kirchl. Neuordnung innerhalb der überschaubaren Verhältnisse von Stadt- oder Landrepubliken und die enge familiäre Verbindung von Pfarrersfam. mit polit. Führungsschichten reduzierte das Konfliktpotential. Dieses blieb viel stärker im kath. Raum und führte z.Z. der kath. Reform zu lokalen Konflikten, deren ideolog. Grundlage jedoch stärker das Staatskirchentum als der A. (Udligenswilerhandel) war.

Im 19. Jh. heizten die Jesuitenfrage und die reaktionäre Politik des Papsttums einen gewissen A. an, der sich in antihierarch. Zuspitzung global gegen die kath. Kirche wandte. Im Tessin kam in aufsteigenden bürgerl. Kreisen ein virulenter A. zum Durchbruch. Aktive Vertreter des A. in der Deutschschweiz waren v.a. Katholiken, die wie Augustin Keller eine vaterländ. verlässlichere Kirche wünschten. Im Aargauer Klosterstreit und in der generellen Polemik gegen den Ultramontanismus kam dieser A. zum Tragen. Nicht zu übersehen ist jedoch, dass der A. dem modernen Staatsgedanken als Vehikel diente, um die Kirche aus ihren traditionellen Bildungs- und Gesellschaftsbastionen hinauszudrängen (Volksschule, Trennung von Kirche und Staat). Auch innerhalb der röm.-kath. Kirchenstrukturen vertrat z.B. Philipp Anton von Segesser einen gewissen systemimmanenten A. in seinem Umgang mit Bf. Eugène Lachat. Nach dem Kulturkampf und der Spaltung wurde der Katholizismus gesellschaftl. isoliert. Bemerkenswert ist, dass die Säkularisierung der Gesellschaft, die sich im Protestantismus mit zeitl. Vorsprung ankündigt, ohne ausgesprochenen A. auskommt. Im kath. Raum gewann nach dem 2. Vatikan. Konzil der antiröm. Affekt als Variante innerkath. Kirchenkritik an Boden. Diese Geisteshaltung bleibt allerdings hauptsächl. auf die dt. Schweiz beschränkt.


Literatur
– H.U. von Balthasar, Der antiröm. Affekt, 1974
– R. Rémond, L'anticléricalisme en France de 1815 à nos jours, 21985
– V. Conzemius, «Die Kritik der Kirche», in Hb. für Fundamentaltheologie 3, 1986, 30-48
– H. Raab, «Kirchengesch. im Schlagwort», in Reich und Kirche in der frühen Neuzeit, 1989, 477-510
Anticlericalism in late medieval and early modern Europe, hg. von P.A. Dykema, H.A. Oberman, 1994

Autorin/Autor: Victor Conzemius