• <b>Aberglaube</b><br>Unheil verkündende Himmelserscheinung in der Nähe von Prag. Kolorierter Holzschnitt, Einblattdruck aus der Nachrichtensammlung von   Johann Jakob Wick, 1580 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Wickiana, herausgelöst aus Ms. F 29, Fol. 172). Zwischen 1560 und 1588 sammelte der Zürcher Chorherr Johann Jakob Wick unter anderem Nachrichten über allerlei zeitgenössische Wetterphänomene und Wunderzeichen. Die in Prag gedruckte Flugschrift berichtet von einer merkwürdigen Himmelserscheinung, die in einem kleinen Dorf am 16. August 1580 beobachtet wurde.

Aberglaube

Begrifflich und inhaltlich ist das Wort Aberglaube (mhd. aber = wider, gegen) nicht eindeutig festzulegen. Es steht wie der lat. Parallelbegriff superstitio in negativer Wertung als "verkehrter", abweichender oder überholter Glaube dem jeweils "richtigen" Glauben gegenüber. Wie dieser änderten unter dem Einfluss zeitbedingter gesellschaftl. und religiöser Normen und Werte auch seine Inhalte, was sich v.a. in den Formen Observation (Beobachtung von Zeichen), Divination (willentlich herbeigeführte Orakel) und magische Kunst (Zauberei) äusserte. Fliessend waren somit zu allen Zeiten auch die Übergänge zur Magie, aber auch zur Astrologie und zur Volksfrömmigkeit. Die hist. arbeitende Volkskunde hat in der Schweiz vieles vom Formenschatz des A.ns durch Umfragen und Sageneditionen der Nachwelt erhalten. Jedoch ist die von ihr in den 1920er bis 1940er Jahren vorgenommene Zuordnung zum Volksglauben nicht unumstritten, da sich die beiden Begriffe nur teilweise decken. Der Begriff A. selbst wird heute im wiss. Gebrauch eher vermieden.

Von den Lehren des Augustinus geprägt, bekämpfte die ma. Kirche die Verehrung heidn. Gottheiten (Götzendienst), magische und animist. Vorstellungen (Dämonenkult), später auch "überflüssige" Elemente, die der wahren Religion hinzugefügt worden waren, so bei Thomas von Aquin, der A.n zudem als Gegensatz zur Tugend, d.h. als religiösen, intellektuellen und sittl. Mangel verstand. Im Laufe des MA richtete sich der Vorwurf des A.ns zunehmend gegen Christen, die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen (Ketzer). Daneben konnte sich, von der Kirche geduldet, eine Volksfrömmigkeit entwickeln, die kirchl. mit abergläub.-magischen Vorstellungen vermengte. Darunter fielen u.a. Formen der Heiligenverehrung und des Pilgerwesens.

Durch die Reformation brachen auch in der Schweiz die Ansichten über A.n auseinander. Neu- und Altgläubige bezichtigten sich gegenseitig des A.ns, nun aufgrund versch. Kriterien: Katholiken warfen Reformierten als A.n das Abweichen vom rechten Glauben vor, Reformierte den Katholiken u.a. das Festhalten an alten Kirchenpraktiken (Heiligenverehrung als Götzenanbetung). Auch innerhalb des Protestantismus wurden bestimmte Praktiken, z.B. von der protestant. Orthodoxie, als A. ausgegrenzt, hatten aber im Pietismus und später in Freikirchen und Sekten eine tragende Funktion. Gleichermassen involviert waren Obrigkeiten beider Konfessionen an Hexenprozessen (Hexenwesen), an denen Angeklagte abergläub. und magischer Praktiken beschuldigt wurden. Weder von Konfessionsgrenzen noch durch Stadtmauern aufhalten liessen sich die wundergläubigen und abergläub. Interpretationen der vielgestaltigen Zeichen (z.B. Unheil kündende Himmelserscheinungen), die beispielsweise der Zürcher Chorherr Johann Jakob Wick in der 2. Hälfte des 16. Jh. sammelte ("Wickiana"). Tief verwurzelt war die Angst vor der Macht des Teufels und der Dämonen, denen man Unglück in Haus und Stall zuschrieb. In kath. Gebieten vertrieben die volksnahen Kapuziner mittels Haus-, Hof- und Alpsegnungen "teufl. Hexengespenster". Zu Segnungen wurden sie auch heiml. in ref. Gebiete gerufen, so vom Entlebuch aus auf grenznahe Emmentaler Höfe. Bei Ausbruch des 2. Villmergerkriegs (1712) segneten sie Amulette als magischen Kugelschutz für Soldaten.

<b>Aberglaube</b><br>Unheil verkündende Himmelserscheinung in der Nähe von Prag. Kolorierter Holzschnitt, Einblattdruck aus der Nachrichtensammlung von   Johann Jakob Wick, 1580 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Wickiana, herausgelöst aus Ms. F 29, Fol. 172).<BR/>Zwischen 1560 und 1588 sammelte der Zürcher Chorherr Johann Jakob Wick unter anderem Nachrichten über allerlei zeitgenössische Wetterphänomene und Wunderzeichen. Die in Prag gedruckte Flugschrift berichtet von einer merkwürdigen Himmelserscheinung, die in einem kleinen Dorf am 16. August 1580 beobachtet wurde.<BR/>
Unheil verkündende Himmelserscheinung in der Nähe von Prag. Kolorierter Holzschnitt, Einblattdruck aus der Nachrichtensammlung von Johann Jakob Wick, 1580 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Wickiana, herausgelöst aus Ms. F 29, Fol. 172).
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Eine erhebl. Bedeutungserweiterung von der Opposition zur wahren Religion hin zum allg. Mangel an Vernunft erfuhr der Begriff A. in der Kritik des Rationalismus und der Aufklärung. Auch in der Schweiz wandten sich die Aufklärer gegen die Unwissenheit des Volkes als Ursache des A.ns und bekämpften ihn deshalb durch Belehrung, teils mit denselben Mitteln der Almanache, die auch der Verbreitung von A.n dienten. Trotz zahlreicher Verbote aufgeklärter Obrigkeiten liess sich dem A.n in der Landbevölkerung schwer beikommen. Noch im 19. Jh. bekämpften ihn z.B. Heinrich Zschokke und Jeremias Gotthelf in Kalendergeschichten. Ausgehend von der Vorstellung seiner kulturgeschichtl. Relikthaftigkeit wurden in der Romantik Formen des A.ns als Ruinen und Reste eines alten Ganzen intensiv gesammelt.

Viele magische Vorstellungen und Praktiken erhielten sich in Bräuchen bis ins 20. Jh., so etwa die Deutung von Vogelrufen, Holzwurm-Pochen, Träume usw. als Todesvorzeichen oder Orakel (u.a. Bleigiessen als Liebesorakel). Im alpinen Raum waren Unheilsahnungen mit dem Totenzug armer Seelen (Gratzug) verbunden oder mit stechenden und schneidenden Hochzeitsgeschenken, welche die Liebe bedrohten (Tessin, Wallis). Vom Genfer- bis an den Bodensee erhielten sich abergläub. Wettervorhersagen (Bauernregeln, Hundertjähriger Kalender), Tagewählerei ("schwarzer" Freitag, Mittwoch) und Glücksbringer (Hufeisen, vierblättriges Kleeblatt usw.). Oft ist der magische Kern, etwa bei Ernte-, Alp-, Handwerks- und Festtagsbräuchen, nicht mehr bewusst.

Zwar gingen zahlreiche ländl. Praktiken des A.ns in der jüngeren Vergangenheit vergessen. Die zunehmende Technisierung und "Entzauberung der Welt" (Max Weber) im ausgehenden 19. und 20. Jh. war jedoch in der urbanisierten Gesellschaft auch von Ausbrüchen ins Irrationale begleitet, die u.a. in Astrologie, Esoterik, seit den 1960er Jahren vermehrt auch in Spiritualismus und Okkultismus zum Ausdruck kommen und in der Schweiz z.B. von Carl Gustav Jung und Sergius Golowin thematisiert wurden. In der jüngeren Geschichtswissenschaft wird das Fortbestehen abergläub. Tendenzen in der Moderne seit dem ausgehenden 20. Jh. intensiv diskutiert.


Literatur
Hwb. des dt. A.ns, 10 Bde., hg. von H. Bächtold-Stäubli, 1927-42 (Nachdr. 1987 mit Vorwort von C. Daxelmüller)
– R. Weiss Volkskunde der Schweiz, 1946, 298-330 (31984)
ASV, 1950-
Die Religion in Gesch. und Gegenwart, hg. von K. Galling, Bd. 1, 1956-57, 53-63
– D. Harmening, Superstitio, 1979
LexMA 1, 29-32
– U. Brunold-Bigler, Die religiösen Volkskal. der Schweiz im 19. Jh., 1981
– E. Derendinger Die Beziehung des Menschen zum Übernatürlichen in bern. Kal. des 16. bis 20. Jh., 1985
Glaube im Abseits, hg. von D.-R. Moser, 1992 (mit Bibl.)
– J.-C. Schmitt, Heidenspass und Höllenangst, 1993 (franz. 1988)
– K. von Greyerz Religion und Kultur, 2000

Autorin/Autor: Erika Derendinger