Saint-Ursanne (Dorf)

Ehem. polit. Gem. JU, Bez. Pruntrut, die seit 2009 mit Epauvillers, Epiquerez, Montenol, Montmelon, Ocourt und Seleute die polit. Gem. Clos du Doubs bildet. Die befestigte Stadt am rechten Ufer des Doubs wurde rund um die Stiftskirche aus dem 12.-15. Jh. erbaut. 1139 Sancti Ursicini, dt. früher St. Ursitz. 1797 666 Einw.; 1850 726; 1900 828; 1950 1'277; 2000 769. Überreste vom Mesolithikum bis zur Bronzezeit traten bei Les Grippons und solche aus dem 7.-10. Jh. unter dem Kloster zutage. Zwischen dem Tod des Einsiedlers Ursicinus um 610 und dem Jahr 1210 entwickelt sich S. vom regionalen religiösen Mittelpunkt zum Verwaltungszentrum der Propstei. Obwohl ab Beginn des 13. Jh. jährlich ein Jahrmarkt und vom 15. Jh. an deren zwei stattfanden, blieb S. ein kleiner, wenig bedeutsamer Ort, woran auch der Bau der bischöfl. Festung um 1330 nicht viel änderte. Im 14. Jh. wurde um das Städtchen, das keinen Freiheitsbrief erhalten hatte, eine Mauer errichtet. S. unterstand dem Kollegiatsstift. Zur Stadt wurde S. erst 1378, als der Bf. von Basel ihm das Recht zugestand, zur Finanzierung seiner Festungsbauten eine Weinsteuer (Ungeld) zu erheben. Trotz des Widerstands der Pröpste gelang es der Bürgerschaft, sich allmählich von der feudalen Herrschaft zu lösen. Als die Fürstbischöfe im 15. Jh. wieder erstarkten, kamen die Emanzipationsbestrebungen zum Erliegen. S. gelang es jedoch, an den Zugeständnissen festzuhalten, die es zwischen 1376 und 1426 Johann von Vienne, der Stadt Basel und den Herren von Neufchâtel im Burgund abgerungen hatte. Es wurde der bischöfl. Schirmherrschaft unterstellt, worauf der von einem Bürgermeister präsidierte Rat seine Funktion auf die kommunale Ebene beschränken musste. Die Stadt litt unter dem Dreissigjährigen Krieg. Aus den Landestroublen 1740 und den revolutionären Umtrieben 1792 hielt sie sich heraus. Nach der Aufhebung des Stifts 1793 verlor S. seine Funktion als Hauptort der Propstei. S. gehörte zur kurzlebigen Raurach. Republik, dann 1793-1800 zum franz. Departement Mont-Terrible und 1800-14 zum Dep. Haut-Rhin. 1815 ging es an den Kt. Bern über, wo es bis 1978 Teil des Oberamts bzw. des Amtsbez. Pruntrut war. Aus Protest gegen den Beschluss des Kt. Bern, innerhalb der ehem. Grenzen der Propstei keinen Bez. S. zu schaffen, lehnte der Ort die neue Kantonsverfassung 1831 ab. Die Pfarrei S. umfasste S., Montmelon, Montenol und Seleute; 1803 wurde die ehem. Stifts- zur Pfarrkirche. Im 19. Jh. stagnierte die Stadt wirtschaftlich und litt unter der 1861 erfolgten Betriebseinstellung der Eisenwerke von Bellefontaine. Nach dem Durchstich des Eisenbahntunnels S.-Courgenay 1876 überlebte der industrielle Sektor mit der ansässigen Metallbranche und der Kalkbrennerei, die bis 1993 Bestand hatten. 2005 stellte der 2. Sektor noch 38% der Arbeitsplätze in S. Zu Beginn des 21. Jh. konzentrierte sich die Gem. auf den Ausbau des Tourismus und die Stärkung des Dienstleistungssektors, wobei es nicht gelang, den demograf. Rückgang zu stoppen. S., das seit 1986 unter Denkmalschutz steht, beherbergt das kant. Office de l'environnement.


Literatur
– F. Chèvre, Histoire de S., du chapitre, de la ville et de la prévôté de ce nom, 1887 (Neudr. 1981)
– M. Chappatte, Et cette ville s'appellera S. au bord du Doubs, 1955
– C. Lapaire, Les constructions religieuses de S., 1960
Le canton du Jura de A à Z, hg. von B. Prongué, 1991, 185-187
– J.-C. Rebetez, S. hors du temps, 2010

Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / MS