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Byzanz

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Der Name B. steht in erster Linie für das Gesamtgefüge des Byzantin. oder Oström. Reichs mit dem Zentrum Konstantinopel, wie die neue Hauptstadt ab 330 n.Chr. nach Ks. Konstantin dem Grossen hiess. Bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) durchlebte das byzantin. Kaiserreich, das sich z.Z. seiner grössten Ausdehnung von Italien bis zum Euphrat und von der Donau und Schwarzmeerküste bis nach Ägypten erstreckte, eine wechselvolle Geschichte. Unter dem Aspekt des Verhältnisses allgemein zum westeurop. Raum und insbesondere zum Gebiet der heutigen Schweiz gliedert sich diese Entwicklung in drei Hauptphasen:

5.-8. Jh.: Von den germ. Neugründungen auf ehemals weström. Gebiet, so von den auf heute westschweiz. Boden siedelnden Burgundern, wurde B. als Nachfolger des Röm. Reichs anerkannt und war unbestritten dominierendes und zugleich vorbildl. Herrschaftssystem. Während der Rückeroberung des ostgot. Italiens durch Ks. Justinian (ab 535) kam es zu Kontakten und Hilfsversprechen zwischen B. und den Merowingern, welche dabei unter Theudebert I. ihre Herrschaft erstmals auf Teile Rätiens ausweiten konnten. Im Zuge der Christianisierung der Franken erfolgte aber eine stärkere Ausrichtung der fränk. Reichskirche auf Rom. Dieser Neuorientierung konnte B. vorerst nicht entgegenwirken, da es im 7. Jh. einen eigentl. Überlebenskampf gegen den expandierenden Islam führen musste. Erst als mit dem karoling. Eingreifen in Italien eine direkte Grenze zwischen dem Frankenreich und B. entstand, wurden die diplomat. Kontakte, die für mehr als ein Jahrhundert unterbrochen waren, 756 wieder aufgenommen.

9.-11. Jh.: Nach der Kaiserkrönung Karls des Grossen (800) kam es zu zahlreichen polit. Gesandtschaften zwischen dem fränk. bzw. später otton. Kaiserreich und B. So reiste 811 der Basler Bf. Haito in einer Friedensmission nach Konstantinopel. Neben Grenzstreitigkeiten in Unteritalien bestimmte nun die ideolog. Frage des Erbes des röm. Kaisertums die Verhandlungen. In religiöser und kirchenpolit. Hinsicht vergrösserte sich das Konfliktpotential, was v.a. im Bilderstreit und in der Kirchentrennung von 1054 folgenschwer zum Ausdruck kam.

12.-15. Jh.: Mit den Kreuzzügen nahm zwar der wirtschaftl. Austausch zwischen dem byzantin. Reich und v.a. den ital. Seestädten zu. Spätestens nach dem Fall Konstantinopels 1204 beherrschte aber tiefste Rivalität das Verhältnis zwischen B. und den nun bis in den Nahen Osten ausgreifenden Weststaaten. Durch die Balkanslawen und die aufstrebenden Osmanen (Türkei) wurde B. zusätzlich in einen langwierigen Abnützungskampf an allen Fronten verwickelt, der schliesslich den Untergang des Reichs bedeutete. 1366-67 begleiteten mehrere Adlige aus der Waadt Gf. Amadeus VI. von Savoyen, der seinem Vetter, Ks. Johannes V. Palaiologos, zu Hilfe eilte. Während offizielle Kontakte zwischen der Eidgenossenschaft und B. ausblieben, reisten byzantin. Gesandte in kirchenpolit. Mission anlässlich der Konzile von Konstanz (1414-18) und Basel (1431-49) letztmals in kaiserl. Auftrag in Schweizer Gebiet.

B. übte bestimmenden Einfluss auf die polit. Kultur des Westens aus, namentlich auf die ma. Herrschaftsideologie. Innerhalb der europ. "Familie" der Könige wurde der byzantin. Kaiser dabei als "Vater" (von Sigismund von Burgund) oder als "Bruder" bezeichnet (von Karl dem Grossen). Auf Schweizer Gebiet hinterliessen v.a. Handels- und kirchl. Kontakte ihre Spuren. Seidenstücke des Sittener und des Churer Kathedralschatzes sowie der Abtei Saint-Maurice oder die Reliquienbeutel der Stiftskirche St. Michael in Beromünster, von denen einzelne möglicherweise als Geschenke diplomat. Gesandtschaften mitgeführt worden waren, belegen den Austausch von Luxusgütern. Die im frühen 6. Jh. in Saint-Maurice eingeführte Laus perennis deutet auf ostkirchl. Einflüsse hin. Nachhaltig wirkte die byzantin. Kunst. Von dieser entscheidenden Prägung zeugen etwa die karoling. Kleinkunst (z.B. "Evangelium Longum" von Tuotilo) in der St. Galler Stiftsbibliothek oder die otton. Buchmalerei mit ihrem Zentrum auf der Insel Reichenau. Das Baptisterium von Riva San Vitale, ein Zentralbau mit Achteckgrundriss, ist schliesslich bekanntestes Beispiel dafür, dass die von Ravenna und auch von Venedig ausgehenden Einflüsse der byzantin. Architektur und der Ostkirche (Fresken des 12. Jh.) im Früh- und HochMA im süd- und inneralpinen Raum besonders wirksam waren.


Literatur
– F. Dölger, B. und die europ. Staatenwelt, 1953 (21964)
– I. Müller, «Beitr. zum byzantin. Einfluss in der früh- und hochma. Kunst Rätiens», in ZAK 24, 1965/66, 137-162
– B. Schmedding, Ma. Textilien in Kirchen und Klöstern der Schweiz, 1978
– T.C. Lounghis, Les ambassades byzantines en occident depuis la fondation des états barbares jusqu'aux Croisades (407-1096), 1980
– O. Mazal, B. und das Abendland, 1981
– J. Dummer, J. Irmscher, B. in der europ. Staatenwelt, 1983

Autorin/Autor: Daniel Nerlich