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Delsberg (Gemeinde)

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Polit. Gem. JU, Hauptort des Kantons Jura und des Bez. D. Sie umfasst die Stadt D., die Weiler Vorbourg und Bellerive sowie einige Bauernhöfe und reicht vom Sorne-Tal bis auf die Anhöhen des Faltenjuras (930 m). Die Stadt liegt 29 km südwestl. von Basel; bei ihr verzweigt sich die von Biel kommende Juratransversale (Strasse und Bahn) in einen nach Basel und einen nach Belfort und Paris führenden Ast. Um den befestigten Stadtkern - die Altstadt liegt auf einer natürl. Terrasse über dem Zusammenfluss von Sorne und Birs - entstand ab dem letzten Viertel des 19. Jh. die Neustadt, deren ältestes Quartier das Bahnhofsviertel ist. 736/737 in figo Delemonte, 1131 Telsperg, franz. Delémont. Im Ancien Régime war D. Sommerresidenz der Fürstbf. von Basel und Verwaltungszentrum des Tals von D. und der Propstei von Moutier-Grandval, 1793-1813 franz. Unterpräfektur, 1815-1978 Hauptort des bern. Oberamts bzw. des Amtsbezirks. Seit 1979 ist die Stadt Sitz des Parlaments und der Regierung von Republik und Kt. Jura.

Bevölkerung Delsberg
JahrEinwohner
1770921
17981 062
18061 176
18091 322
18181 278
18371 422
18461 650

Quellen:Autor

Jahr 18501880a191019301950197019902000
Einwohner 1 6502 7936 1616 3937 50411 79711 54811 353
SpracheFranzösisch 1 7543 5904 5145 8468 8419 4429 574
 Deutsch 1 2282 3041 7331 4321 086450350
 Italienisch 212591372131 398576449
 Andere 489134721 080980
Religion, KonfessionKatholischb 2 2083 8613 8985 0589 1638 9097 826
 Reformiert 7142 1822 3832 3502 4681 6881 440
 Andere 85118112961669512 783
 davon jüdischen Glaubens 7775554936149
 davon islamischen Glaubens      178547
 davon ohne Zugehörigkeitc      561917
NationalitätSchweizer1 4602 6575 2846 0327 1149 4319 1128 436
 Ausländer1903168773613902 3662 4362 917

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Konfession: ortsanwesende Bevölkerung

b bis 1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:BFS; Autor

1 - Von der Bronzezeit bis zum Frühmittelalter

Die ersten Siedlungsspuren - 15 Urnengräber in der Schwemmebene westl. der Stadt - gehen auf die mittlere Bronzezeit zurück. Spätbronzeitl. Siedlungen lagen im Westen sowie im Süden der späteren Stadt und, in direkter Verbindung mit der Stätte Roc du Courroux, in der Kluse Vorbourg. Wohnstätten aus der Eisenzeit fand man südl. der Stadt. Die Reste eines galloröm. Mausoleums und eines kleinen Münzlagers wurden in der Flur Communance entdeckt; sie weisen zusammen mit einer oder möglicherweise auch mehreren Villen in der Umgebung vielleicht auf die Existenz eines Vicus hin. Abgesehen vom Weiler mit mehreren Schmieden, der westl. der Stadt nachgewiesen wurde, sind keine archäolog. Quellen aus dem FrühMA überliefert. Nicht bekannt ist auch, ab wann die natürl. Terrasse, auf der später der Stadtkern entstand, besiedelt war.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

2 - Mittelalter und Ancien Régime

2.1 - Die Institutionen

Ab dem 7. Jh. war das Tal von D. im Besitz der elsäss. Herzöge, ab dem 12. gehörte es zur Herrschaft von Pfirt (franz. Ferrette), die der Bf. von Basel 1271 erwarb. Zu dieser Zeit umfasste D. den befestigten Ortskern und zwei Schlösser über der Kluse von Vorbourg, in denen wahrscheinlich die Adligen von Telsberg hausten. Der Bf. Peter Reich von Reichenstein stellte den Ortsbewohnern 1289 einen Freibrief aus. Diese Charta verlieh D. das Stadtrecht und schuf, indem sie die Bedingungen für die Aufteilung des Bodens festlegte, günstige Voraussetzungen für das Wachstum des Städtchens. 1338 erhielt D. das Recht, das sog. Angal, eine dem Umgeld entsprechende Abgabe auf Wein und Lebensmittel, einzuziehen, 1461 das Privileg für den Salzverkauf in den Tälern von D. und Moutier. Aus diesen Einkünften sowie denen aus einer Ziegelei, zwei Mühlen und acht Bauernhöfe, deren Nutzung zwischen dem 15. und 17. Jh. einsetzte, bestritt D. den Hauptanteil der für die Verwaltung und die öffentl. Arbeiten nötigen Ausgaben.

Auf der Charta von 1289 und dem Polizeireglement von 1356, die vom Bischof erlassen wurden, sowie dem Gewohnheitsrecht, das 1530 schriftlich niedergelegt wurde, basierte die rechtl. Organisation der Stadt. Die Polizeiordnung von 1705 vereinigte alle rechtl. Vorschriften für die Lokalbehörden, die nicht nur für die Gemeindeverwaltung, sondern auch für das Niedergericht im Tal zuständig waren. Unter der Oberaufsicht des Maire (später eines Kastlans oder des Landeshauptmanns), der im Namen des Fürstbischofs die Herrschaft D. verwaltete, wurden die Geschäfte der Stadt von einem Stadtrat oder sog. Magistrat geleitet. Dieser setzte sich zusammen aus zwei Maîtres-bourgeois (Bürgermeistern), zwei Statthaltern und zehn Räten und war in zwei Gruppen aufgeteilt, die abwechslungsweise je ein Jahr im Amt waren. Wie der Bandelier (Bannerträger der Miliz) und die sechs Notabeln, die bei wichtigen Angelegenheiten beizuziehen waren, wurden die Räte auf Lebenszeit durch die Versammlung der Bürger gewählt, die allein an der Verwaltung der öffentl. Geschäfte teilhatten. Das Wahlrecht wurde, wie die volle Nutzniessung der Gemeindegüter, den Hintersassen und den Fremden, die schon einige Zeit in der Stadt wohnten, verweigert. Ab dem 17. Jh. wehrten sich die berufsständ. Organisationen, die ihre wirtschaftl. Privilegien verteidigten, gegen die Erteilung des Bürgerrechts an Zugezogene.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

2.2 - Die Stadtentwicklung

Die Stadtanlage war nahezu viereckig; sie wies zwei grosse Längsachsen auf, die von drei Querstrassen gekreuzt wurden. Die Stadt war umschlossen von Stadtmauern, die im Südwesten, wo seit dem 14. Jh. das bischöfl. Schloss stand, verstärkt worden waren. An der nordöstl. Ecke erhob sich ein grosser Rundturm mit Bossen aus dem 13. Jh. Durch vier Tore gelangte man in die Stadt: Die Porte Monsieur (oder de Porrentruy), die Porte au Loup, die Porte des Moulins und die Porte des Près (oder de Bâle). Letztere wurde 1487 zugemauert, als ein Brand einen grossen Teil der Stadt zerstörte. Ein Charakteristikum von D. sind die monumentalen Brunnen im Stil der Spätrenaissance. 1447 wurde ein Spital gegründet. Die wichtigsten öffentl. Gebäude wurden im 18. Jh. neu errichtet: 1716-21 durch Pierre Racine aus Tramelan das Bischofsschloss, das als Sommerresidenz diente, 1717 das Gebäude der Kastlanei, 1742-45 das Rathaus durch Johann Kaspar Bagnato und 1753 der Privatsitz der Familie der Landeshauptleute Rinck von Baldenstein. Die Kirche Saint-Marcel, 1762-67 nach den Plänen von Pierre-François Paris gebaut, ersetzte ein spätgot. Gebäude an gleicher Lage. Der Kirchturm wurde 1850-51 erstellt.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

2.3 - Die Berufe, die Wirtschaft

Im 15. Jh. waren die Berufsstände in fünf sog. "Chandoilles" aufgeteilt, die sowohl religiöse Bruderschaften wie auch genossenschaftl. Interessenvertretungen einzelner Berufsgruppen waren. Die "Voigneurs" oder "Cultivateurs" (Hofbauern, Müller, Bäcker), die "Chappuis" oder "Charpentiers" (Holz-, Eisen- und Erdhandwerker), die "Crevoisiers" oder "Cordonniers" (Lederberufe, Metzger), die "Texerans" oder "Tisserands" und die "Pelletiers" oder "Tailleurs" (Weber, Schneider, Textilberufe). 1716 fusionierten die beiden letzten und bildeten mit den Barbieren, Chirurgen, Gastwirten und Notaren die Körperschaft der "Marchands". 1770 ging die Hälfte der erwerbstätigen städt. Bevölkerung einem Handwerk nach, ein gutes Viertel dem Handel oder einem anderen selbstständigen Beruf und nur ein Fünftel der Landwirtschaft, während in der übrigen Herrschaft Hofbauern, Tauner und Küher zwei Drittel der Erwerbsbevölkerung ausmachten. Das wirtschaftl. Leben wurde durch den Wochenmarkt bestimmt, der 1416 zum ersten Mal erwähnt wird. Ausserdem fanden zunächst zweimal, ab 1612 viermal pro Jahr Jahrmärkte statt, an denen v.a. Vieh gehandelt wurde.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

2.4 - Die Kirche

Die 1255 erwähnte Pfarrei hatte den hl. Marcel als Schutzpatron und den Bf. von Basel als Kollator. Betreut wurde sie von einem Rektorat, das sich aus einem Priester oder Rektor und sieben bzw. ab 1760 vier Kaplanen zusammensetzte. Der Rektor von Saint-Marcel war zugleich Dekan des ländl. Kapitels von Salignon, eines der Dekanate des Bistums Basel. 1534-1792 diente die Pfarrkirche auch als Kollegiatskirche für das Kapitel von Moutier-Grandval, das vor der Reformation nach D. geflohen war. Die Kapelle Saint-Michel von 1614 wurde für den vor die Mauern verlegten Friedhof erbaut. Das Rektorat, das 1624/29 im Geiste der Gegenreformation gegründete Kapuzinerkloster und das Kloster der Ursulinen, das 1698 für die Ausbildung der jungen Mädchen eingerichtet worden war, wurden 1793 aufgehoben. Die Pfarreischule für Knaben geht vermutlich auf das 13. Jh. zurück.

In Vorbourg wurde die Kapelle Saint-Imier, die ehemalige Hauskapelle des unteren Schlosses von Telsberg, 1586 wieder aufgebaut und der hl. Jungfrau gewidmet. Der Aufschwung des Marienkults ab dem 17. Jh. zog mehrere Ausbauten und Renovationen nach sich. Nach der Krönung der Statue von Notre-Dame 1869 und dem Kulturkampf wurde Vorbourg zum populärsten Wallfahrtsort des kath. Juras.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

3 - 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Unter französischer Herrschaft

Das Fürstbistum Basel wurde, nachdem franz. Truppen es erobert und die lokalen Notabeln sich für die Revolution ausgesprochen hatten, von Frankreich annektiert. D. wurde 1793 Hauptort einer der beiden Bezirke des Dep. Mont-Terrible; ausserdem war die Stadt Sitz des Kriminalgerichts und des Militärkommandos. Die Unterscheidung zwischen Bürgern und Hintersassen wurde aufgehoben, der Magistrat durch die Munizipalgemeinde und später durch die Kantonsmunizipalität des franz. Direktoriums ersetzt. 1800 wurde D. mit der Eingliederung des Dep. Mont-Terrible in das Dep. Haut-Rhin Unterpräfektur des 3. Arrondissement und Sitz des erstinstanzl. Gerichts. Die Gemeinde wurde durch einen allmächtigen Bürgermeister und seinen Stellvertreter geleitet, die beide vom Präfekten ernannt wurden. Der Rat, der den Bürgermeister und dessen Adjunkten unterstützte, hatte rein konsultative Funktion.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

3.2 - Die bernische Herrschaft

Mit dem Anschluss an Bern 1815 wurde D. zunächst Hauptort des Oberamts, ab 1831 derjenige des Amtsbezirks. Die vorrevolutionäre Gemeindeorganisation sowie die Privilegien der Bürger wurden wieder hergestellt; die Bürgergemeinde nahm noch einige Dutzend neue Mitglieder auf, bevor sie sich nach 1820 fast hermetisch abschloss. Erst die liberale Revolution von 1831 beendete die polit. Dominanz der Bürgerschaft, indem sie die Einwohnergemeinde schuf und die polit. Rechte auf alle aktiven Staatsbürger ausdehnte. Ab 1832 war die Gemeindeorganisation durch den Dualismus zwischen der Bürger- und der Einwohnergemeinde charakterisiert. Das Abkommen über die Aufteilung der Gemeindegüter, das 1866 unter dem Druck des Kantons geschlossen wurde, übertrug der Einwohnergemeinde alle Gebäude, darunter Schloss und Rathaus, sowie Kapitalien und eine Geldschenkung als Ausgleich für die Bauernhöfe, Felder, Weiden und Wälder, die der Bürgergemeinde als Privatbesitz überlassen wurden. Der Bürgermeister und die Gemeinderäte wurden ab 1832 von der Gemeindeversammlung in geheimer Wahl und ab 1876 an der Urne gewählt. Die Zahl der Gemeinderäte wurde nach der Einführung des Proporzwahlrechts 1909 auf sechs festgelegt. Die Frauen erhielten 1968 das Stimmrecht in Gemeindeangelegenheiten. Ein 1901 eingeführter Generalrat mit 30 Mitgliedern wurde bereits 1909 wieder aufgehoben. 1940-72 war ein Schulrat mit 31 Mitgliedern für die Ernennung der Primarschullehrer zuständig; er wurde mit der gleichzeitigen Einsetzung des 51-köpfigen Stadtrates aufgehoben, der die Gemeindeversammlung ablöste. Beschlüsse über die Revision der polit. Organisation, das Budget, die Steuersätze, die Grundsätze der Bauordnung, die Zonenpläne, Änderungen des Gemeindegebiets und den Beitritt zu Gemeindeverbänden bleiben ausschliesslich dem Wahlkörper vorbehalten, der ebenfalls über Referendums- und Initiativrechte verfügt. Für das Zustandekommen einer kommunalen Initiative bzw. eines Referendums sind die Unterschriften von 10% der Stimmbürger nötig.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

3.3 - Die politischen Parteien und die separatistische Bewegung

Die parteipolit. Zusammensetzung der Behörden war mehr als ein Jahrhundert lang durch die Hegemonie der Radikalen bzw. der Liberalen geprägt; danach errang die sozialdemokrat. Partei eine gewisse Vorrangstellung. Die ersten Behörden der neuen Einwohnergemeinde hatten 1833 noch die Konservativen gestellt. 1838 wurden sie von den Liberal-Radikalen verdrängt, die dank dem Majorzsystem die Lokalpolitik fast uneingeschränkt beherrschten, bis sich gegen Ende des 19. Jh. ein Teil der wählenden Arbeiterschaft der sozialdemokrat. Partei zuwandte. Trotz der Einführung des Proporzwahlrechts behielt aber die freisinnige Partei, von zwei kurzen Unterbrüchen abgesehen, die Mehrheit im Stadtrat bis 1943, als ein kath.-konservativer Maire gewählt wurde. Nach dem Krieg gewann die sozialdemokrat. Partei an Stärke. 1952 eroberte sie das Stadtpräsidium und die Mehrheit in der kommunalen Exekutive; 1964 ging diese verloren und wurde erst 1980, nach einem Bündnis mit dem Parti ouvrier et populaire (POP), wieder erlangt und bis 1992 verteidigt. Die Kath.-Konservativen (seit 1971 CVP) verloren 1957 ihren christl.-sozialen Flügel, der mit dem Parti Chrétien-sozial Indépendant eine eigene Organisation gründete.

Während die meisten ortsansässigen Blätter sich als mehr oder weniger kurzlebig erwiesen, behauptete sich der 1877 gegründete, dem radikalen bzw. freisinnigen Gedankengut verpflichtete Le Démocrate als einzige Lokalzeitung. Er fusionierte 1993 mit "Le pays", dem kath. Konkurrenten aus Pruntrut, zum Le Quotidien jurassien. Nach 1947 wurde D. zum Zentrum der separatist. Bewegung. Die Stadt beherbergte das Generalsekretariat des Rassemblement jurassien wie die Druckerei des "Jura Libre"; seit 1948 findet in D. jedes Jahr das Fest des jurass. Volkes statt. 77% der Delsberger Stimberechtigten stimmten 1959 und 1974 der Schaffung des Kt. Jura zu. Die verfassungsgebende Versammlung tagte 1976-78 in D. und wählte die Stadt zum Hauptort des neuen Kantons. Trotz dieses Bedeutungsgewinns erlebte D. nicht die erwartete Bevölkerungszunahme, da die Erlangung der Souveränität in eine wirtschaftl. Krise fiel.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

3.4 - Städtebaulicher Wandel

Das kleine Landstädtchen, in dem zu Beginn des 19. Jh. nur rund 1'000 Menschen wohnten, wandelte sich bis zum Ende des 20. Jh. zu einer städt. Agglomeration mit fast 12'000 Einwohnern. Um 1800 war die Stadt, abgesehen von ein paar kleinen Vorstädten, vollständig von den Stadtmauern umschlossen, die sie sichtbar vom Land abtrennten. Die Ausdehnung in das Umland begann unter der franz. Herrschaft 1811 mit der Schaffung einer Promenade, welche die Ringmauer im Norden und im Westen ersetzte. Ein Brand ermöglichte 1829 die Anlage eines neuen öffentl. Platzes im Stadtzentrum, der Place brûlée (heute Place Roland-Béguelin). Der Abbau von Eisenerz aus dem Tal liess im Osten der Stadt zwei Industriegebiete entstehen, das erste 1838 um den Hochofen von D., das zweite 1854 um denjenigen von Les Rondez. 1854 wurde die Porte des Moulins, 1898 die Porte des Près abgebrochen, durch welche die 1877 neu erbaute Baslerstrasse in die Stadt führte. Weitere Impulse für die städt. Entwicklung gab v.a. der Bau des Bahnhofs 1875. Der Bahnhofplatz und die Bahnhofstrasse wurden mit ihren Hotels und Geschäften der neue Schwerpunkt des Ortes. Ab der Mitte des 20. Jh. konzentrierten sich die geschäftl. Tätigkeiten im Wesentlichen auf dieses Quartier, während Fabriken und Lagerhallen sich in den im Süden des Bahnhofs entstandenen Industriezonen ausbreiteten. Verschiedene Wohnquartiere stammen aus dem Ende des 19. Jh.: Arbeiter- und Einfamilienhaussiedlungen oder Wohnblöcke in der Bahnhofsgegend, Mietshäuser und Familienvillen am Rand der Altstadt oder auf den Höhen. Seit Mitte des 20. Jh. greifen die neuen Wohngebiete weiter in das Umland aus. Eine Ortsplanung und eine neue Bauordnung wurden 1981 angenommen und 1998 revidiert.

1900 wurden der Weiher bei der Porte au Loup zugeschüttet, die Stadtbäche in den Strassen aufgehoben und ein Kanalisationssystem eingerichtet. Die 1811 für die öffentl. Beleuchtung installierten Öllaternen wurden zunächst durch Petrollaternen, 1883 durch Gaslaternen und 1914 durch elektr. Lampen ersetzt. 1900 entstand das erste elektr. Netz, das durch das Kraftwerk in Courtételle gespiesen wurde. 1903 wandte sich die Stadt an die elektr. Werke von Wangen, die 1916 von den Bern. Kraftwerken erworben wurden. Die Gasfabrik von 1875 wurde 1963 durch die Gemeinde übernommen, die sich 1992 an das Basler Gasnetz anschloss.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

3.5 - Wirtschaft und Gesellschaft

Die industrielle Entwicklung von D. beruhte zuerst auf dem Eisenerzabbau in der Region. 1838 errichtete die Schmiedegesellschaft von Bellefontaine in D. einen Hochofen und eine Giesserei; 1854 machte die Firma Reverchon & Vallotton von Vallorbe dasselbe in Les Rondez. Der 1860 einsetzende Niedergang der Eisenindustrie führte zur Schliessung des Hochofens von D. 1883 wurde Les Rondez von der Firma Von Roll gekauft, die das Unternehmen restrukturierte und ihm zu neuem Aufschwung verhalf. 1883 beschäftigte Von Roll 25, 1900 150 und 1913 424 Arbeiter.

Der Bau des jurass. Eisenbahnnetzes (1872-77) machte D. zum Knotenpunkt, an dem die Strecken nach Paris, Basel und Bern (mit einer Anschlussstrecke bei Biel Richtung Genf) aufeinandertrafen. Das Bahnhofspersonal - 1875 waren es noch 15 Angestellte - nahm rasch zu und umfasste 1910 über 300 Eisenbahner, von denen die meisten aus der Deutschschweiz stammten. Ende des 19. Jh. entstanden eine Uhrenfabrik, eine Brauerei, Uhrengehäuse-, Schlosser- sowie Maschinenbauwerkstätten, ein eidg. Alkoholdepot, Möbel-, Zigarren- und Zementfabriken am Ufer des Ticle-Kanals oder in der Nähe des Bahnhofs. Die Messerfabrik, die 1900 von Courtételle übersiedelt war, baute Théo Wenger nach 1908 aus, während die Fam. Gerber 1909 die Uhrenfabrik Jura Watch gründete und 1911 eine grosse Manufaktur für Uhrengehäuse erstellte. 1929 zählte D. 15 Fabriken mit mehr als 1'000 Beschäftigten, die mehrheitlich in der Uhren- und Metallindustrie arbeiteten. Nach 1945 diversifizierte sich der Sekundärsektor (elektr. Öfen, Tanks und Brenneranlagen, Präzisionswerkzeuge, Druckzeichen für Schreibmaschinen, Wecker und Stiluhren, elektron. Stecker). 1975 wies D. 2'941 Arbeitsplätze in der Industrie auf, davon 1'313 in der Maschinen- und Metallindustrie und 611 in der Uhrenindustrie, sowie 2'955 im Dienstleistungssektor. 1990 zählte man 3'116 Stellen in der Industrie, wovon 1'767 in der Maschinen- und Metallindustrie und nur 202 in der Uhrenbranche; deutlich an die Spitze gesetzt hatte sich mit dem Aufschwung der Banken und Versicherungen, der Handelstätigkeiten, dem Ausbau der sozialen, medizin. und schul. Institutionen und der Ansiedlung eines Grossteils der neuen kant. Verwaltung jetzt der Tertiärsektor mit 5'452 Stellen. Das 1850 eröffnete Regionalspital beschäftigte 1935, als ein Neubau erstellt wurde, um die 20 Personen. Nach dem Ausbau 1988 waren im Spital und dem dazugehörigen Krankenheim, das aus dem 1871 eröffneten Altersheim hervorgegangen war, 560 Personen angestellt. Während des letzten Viertels des 20. Jh. hat D. als regionales Wirtschaftszentrum weiter an Gewicht gewonnen. 1990 war die Hälfte der ungefähr 8'700 Arbeitsplätze von Pendlern besetzt, die mehrheitlich in den benachbarten Gemeinden wohnten. Zw. 1990 und 2000 gingen im 2. Sektor mehrere hundert Arbeitsplätze verloren.

Die soziale Struktur wandelte sich im 19. Jh. tief greifend. Gegen 1800 teilte sich die Delsberger Gesellschaft auf in einige aristokrat. Familien, eine starke Mittelschicht und eine bedeutende Gruppe von Proletariern, die v.a. aus Hausangestellten bestand. 1818 stammten noch zwei Drittel der Stadtbewohner aus D. selber. Mit der Industrialisierung kamen Einwanderer aus der Deutschschweiz und dem Ausland, und D. wurde zu einer Arbeiter- und Angestelltenstadt. Da eine Mehrheit der Zugezogenen deutsch sprach, entwickelte sich D. 1860-1930 zur zweisprachigen Stadt. V.a. im Bahnhofsquartier sprach man deutsch. Das Kleinbürgertum (Unternehmer, Händler, Künstler, selbstständige Berufe) kontrollierte bis in die Mitte des 20. Jh. die Lokalpolitik.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

3.6 - Kulturelles Leben

Das Vereinsleben entwickelte sich entsprechend dem Bevölkerungswachstum: 1850 gab es ungefähr zehn Vereine, 1910 65 und 1990 140. Ausgehend von den für das 19. Jh. charakteristischen Gesellschaften - Musik, Turnen, Société jurassienne d'émulation, Casino (Lesen und Gemeinnutz) - entwickelte sich ein dichtes und differenziertes Vereinsnetz. Es umfasst viele neue Selbsthilfe-, Berufs-, Kultur- und Sportvereine, die sich durch ihre Zielsetzungen oder die soziopolit. Zugehörigkeit ihrer Mitglieder (Arbeiter- und Gewerkschaftsorganisationen, religiöse, ethnische oder polit. Gruppierungen) voneinander unterscheiden. 1990 machten die Sportvereine, die das 1986 fertig gestellte Sportzentrum Blancherie gemeinsam nutzten, 40% der lokalen Vereine aus.

Bis Mitte des 20. Jh. bot das ehemalige bischöfl. Schloss genügend Platz für die Primarschule, die 1812 gegründete Sekundarschule (Collège) und die Berufsschule. Das Bevölkerungswachstum erforderte aber neue Gebäude: Das Collège von 1953, das 1971 und 1996 ausgebaut wurde, die 1911 eröffnete Höhere Handelsschule und die gewerbl. Berufsschule, die 1962 unter dem gleichen Dach vereinigt wurden (Letztere zog ins 1999 eingeweihte Centre professionnel um), sowie die seit 1973 bestehende Primarschule von Gros-Seuc. Das 1846 gegründete Lehrerinnenseminar wurde nach 1979 mit dem Lehrerseminar von Pruntrut zusammengelegt; die Ecole de culture générale belegt nun dessen Räume. D. beherbergt das 1909 eröffnete kunsthist. Museum des Juras, seit den 1950er Jahren zwei Gemeindebibliotheken, eine Ludothek, die jurass. Musikschule und das regionale Kulturzentrum.

Nach dem revolutionären Zwischenspiel wurde 1802 die kath. Religion in D. mit dem Konkordat wieder eingeführt. 1873, während des Kulturkampfs, wurde der Dekanpfarrer entlassen, verbannt und durch einen christkath. Priester ersetzt; der Dekanpfarrer konnte erst 1878 zurückkehren. 1874-1907 war Soyhières der Pfarrei D. angegliedert. 1922 siedelte sich ein Kapuzinerkloster in Montcroix an; 1963 wurde das christl. Ausbildungszentrum Saint-François eröffnet. Im Bahnhofsquartier errichtete die Pfarrei 1954 die Kapelle Saint-Joseph; das Pfarreizentrum stammt von 1989. Die evang.-ref. Pfarrgemeinde wurde 1869 mit einem Deutschschweizer Pfarrer gegründet; 1906 wurde die Stelle eines französischsprachigen Pfarrers geschaffen. Die Kirche von 1865 wurde 1924 vergrössert; das prot. Zentrum wurde 1974 erbaut. Kleiner war die jüd. Gemeinschaft, die sich v.a. aus Vieh- und Textilhändlern aus dem Elsass zusammensetzte. Die 1911 erstellte Synagoge wurde 1982 geschlossen und in der Folge als Kulturzentrum genutzt.

Autorin/Autor: François Kohler / CN

Quellen und Literatur

Archive
– StadtA
Quellen
D'lem-Info, 1983-
Literatur
– A. Daucourt, Histoire de la ville de Delémont, 1900 (Neudr. 1980)
– A. Rais, Rues delémontaines, 1946
– A. Rais, Delémont, ma ville, 1956
– M. Bassand, J.-P. Fragnière, Les ambiguïtés de la démocratie locale, 1976
Delémont, une ville pour demain, 1978
INSA 4, 27-69
– «Delémont dans l'Histoire», in Actes SJE, 1989, 245-348
– M. Berthold, République et Canton du Jura, 1989, 27-46
– P. Pégeot, «Les Franchises de Delémont», in Actes SJE, 1989, 377-387
– J.-L. Rais, Les archives racontent ..., 1989
– F. Kohler et al., Delémont notre ville, 1990
– F. Kohler, Hôtel de ville de Delémont, 1995
– R. Lachat, Histoires d'eau à Delémont, 1995
– J.-L. Rais, Delémont, de rue en rue, de siècle en siècle, 2001