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Berner Aargau

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Geogr. Mittelpunkt des B.s ist das Aaretal zwischen Aarau und Brugg. Im Süden erstrecken sich die Gletschertäler der Suhre, der Wyna und des Aabachs. Im Norden erhebt sich der Faltenjura, der gegen das angrenzende Fricktal in den Tafeljura übergeht. Der B. umfasst das Gebiet der heutigen aarg. Bez. Aarau, Kulm, Zofingen, Lenzburg und Brugg, die vom 15. Jh. bis 1798 Teil des bern. Staates waren. Der Begriff ist nicht historisch und stellt auch heute keine offizielle Gebietsbezeichnung dar. Im bern. Sprachgebrauch hiessen die 1415 eroberten habsburg. Territorien seit der Heeresreform 1628 Unteraargau, in Abgrenzung zum heute noch bern. Oberaargau zwischen Langenthal und Burgdorf.

1415 stiessen die Berner im Rahmen der Strafaktion gegen den von Kg. Sigismund geächteten österr. Hzg. Friedrich IV. von Habsburg in den Unteraargau vor. Sie eroberten die habsburg. Städte Aarau, Lenzburg, Zofingen und Brugg und die meisten Burgen der habsburg. Dienstleute im Aaretal und in den Seitentälern. Bis 1514 dehnte Bern seine Landesherrschaft gegen Norden in den Jura aus und kam so in den Besitz mehrerer strategisch wichtiger Passübergänge ins vorderösterr. Fricktal. Der Unteraargau war nun bern. Untertanengebiet mit schliesslich sieben Landvogteien und den vier Munizipalstädten Aarau, Zofingen, Lenzburg und Brugg, die Sonderrechte wie die hohe Gerichtsbarkeit behielten. Neben den Munizipalstädten blieben viele ma. Twingherrschaften ehemaliger habsburg. Dienstleute bestehen. Diese verloren aber immer mehr Rechte an Bern. Die Landvogteiverwaltung stützte sich auf einen sehr kleinen Beamtenstab, nämlich die bernburgerl. Landvögte und Landschreiber, sowie auf die lokalen Honoratioren. Die von diesen Führungsgruppen getragene Gemeindeorganisation war der Hauptpfeiler der bern. Herrschaft. Nach deren Ende 1798 wurde der B. ohne das Amt Aarburg, das bei Bern verblieb, zum neuen Kt. Aargau geschlagen. In der zweiten helvet. Verfassung von 1802 sollte der ebenfalls 1798 geschaffene Kt. Baden mit dem um das Amt Aarburg erweiterten Kt. Aargau verschmelzen. 1803 schliesslich wurde aus den Kt. Baden und Aargau sowie dem Fricktal der heutige Kt. Aargau.

In wirtschaftl. Hinsicht dienten die Vogteien den neuen Landesherren zunächst als Kornkammer. Die Munizipalstädte blieben wirtschaftlich nur von regionaler Bedeutung. Im 17. und 18. Jh. förderte Bern in zunehmendem Masse Gewerbe und frühe Industrie. Im späten 18. Jh. war der B. die am stärksten industrialisierte Region im Stadtstaat. Hauptzweig war die Baumwollverarbeitung, die von Unternehmern in Aarau, Lenzburg und Zofingen im Verlagssystem organisiert wurde. Entscheidende Beiträge zur Industrialisierung leisteten die von Bern aufgenommenen hugenott. Flüchtlinge. Entsprechend hoch war der Bevölkerungszuwachs im 18. Jh.: 1764-98 wuchs die Bevölkerung um 35%, ungleich mehr als in den übrigen Kantonsteilen. Noch 1870 betrug in den Bez. Aarau, Lenzburg, Kulm und Zofingen der Anteil der Vollbauern zwischen 34 und 40% aller Berufstätigen, während er in den anderen Bezirken zwischen 46 und 57% lag. Die Berner Herrschaft bestimmte auch die Konfession: Der Rat verfügte nach der Berner Disputation 1528 die Einführung der Reformation. Zu Beginn des 16. Jh. wanderten ins obere Wynen- und ins Ruedertal zahlreiche Täufer aus Zürich zu. Trotz dem Druck der bern. Obrigkeit im 16. und 17. Jh. verschwand das Täufertum nie gänzlich aus dem B.


Literatur
– E. Bucher, «Die bern. Landvogteien im Aargau», in Argovia 56, 1944, 1-191
– A. Lüthi, Wirtschafts- und Verfassungsgesch. des Klosters Königsfelden, 1947
– G. Boner, «Der Aargau im bern. Regionbuche von 1782/84», in Argovia 76, 1964, 12-43; 84, 1972, 13-95
– M. Baumann, «Die bern. Herrschaft aus der Sicht der Untertanen», in Argovia 103, 1991, 113-123
– B. Meier, Herren - Bürger - Untertanen, 1991
– C. Seiler, A. Steigmeier, Gesch. des Aargaus, 1991
– W. Pfister, Die Gefangenen und Hingerichteten im bern. Aargau, 1993

Autorin/Autor: Dominik Sauerländer