• <b>Versoix</b><br>Die Eroberung der Festung durch Genfer Truppen am 8. November 1589. Kupferstich von  Michel Bénard   aus einer Serie von sechs Tafeln, welche die Kämpfe zwischen Genf und Savoyen illustrieren, 1590 (Bibliothèque de Genève). Die von Herzog Karl Emmanuel von Savoyen in Versoix errichtete Festung und dessen Galeeren auf dem Genfersee behinderten die Flotte der Genfer und ihrer Berner Verbündeten. Daher griffen diese zu Gegenmassnahmen. Genfer Truppen eroberten die 600 Mann starke Garnison, zerstörten die Festungsanlagen und brannten einen grossen Teil der Gebäude nieder.

Versoix

Polit. Gem. GE, am westl. Ufer des Genfersees an der Einmündung des gleichnamigen Flusses gelegen, umfasst Ecogia, Richelien, Saint-Loup und Sauverny, grenzt an den Kt. Waadt und an Frankreich. 1816 war V. eine der Communes réunies von Genf. 1022 Versoi. 1481 ca. 250 Einw.; 1601 ca. 100; 1791 1'165; 1800 750; 1850 937; 1900 1'531; 1950 2'471; 2000 10'309. Eine bronzezeitl. Seeufersiedlung (ca. 1500-750 v.Chr.) sowie ein Tumulus und ein bogenförmiger Graben einer Befestigungsanlage (vallum) aus der älteren Eisenzeit (750-450 v.Chr.) bezeugen eine frühe Besiedlung. Auch in röm. Zeit war das Gebiet von V., das zur Colonia Iulia Equestris gehörte und an der Strasse von Genf nach Aventicum lag, genutzt, wie eine röm. Villa und zwei Wasserleitungen zeigen.

1022 sind ein am Hang von Saint-Loup gelegenes Schloss sowie das Gut von Ecogia (Adesgogia) erwähnt. 1177 bestätigte Papst Alexander III. dem Hospiz auf dem Gr. St. Bernhard den Besitz der Pfarrkirche Saint-Loup. 1257 überliess die Abtei Saint-Maurice ihre Güter in Commugny mit den dazugehörigen Anwesen in Saint-Loup und V. Peter II. von Savoyen, der 1258-68 eine neue Burg mit einem umliegenden Städtchen errichten liess. 1265 erhielt Peter auch das Patronatsrecht über die Kirche. 1268 von seiner Witwe Agnès de Faucigny an den Herrn von Gex, Simon de Joinville, vererbt, wurde V. erst bei der Eroberung des Pays de Gex durch Gf. Amadeus VI. 1353 wieder savoyisch. 1536 besetzte Bern das Pays de Gex, musste es aber 1567 gemäss dem Vertrag von Lausanne von 1564 wieder zurückgeben. Während des Kriegs zwischen Genf und Savoyen liess der Hzg. Karl Emmanuel V. befestigen, um die Verbindungen zwischen den Verbündeten Genf und Bern zu unterbrechen. Im Nov. 1589 wurden die Burg und der Marktflecken von V. von Genfer Truppen verwüstet. Als mit dem Vertrag von Lyon von 1601 das Pays de Gex dem Kg. von Frankreich zugeteilt wurde, zählte V. kaum 100 Einwohner.

<b>Versoix</b><br>Die Eroberung der Festung durch Genfer Truppen am 8. November 1589. Kupferstich von  Michel Bénard   aus einer Serie von sechs Tafeln, welche die Kämpfe zwischen Genf und Savoyen illustrieren, 1590 (Bibliothèque de Genève).<BR/>Die von Herzog Karl Emmanuel von Savoyen in Versoix errichtete Festung und dessen Galeeren auf dem Genfersee behinderten die Flotte der Genfer und ihrer Berner Verbündeten. Daher griffen diese zu Gegenmassnahmen. Genfer Truppen eroberten die 600 Mann starke Garnison, zerstörten die Festungsanlagen und brannten einen grossen Teil der Gebäude nieder.<BR/>
Die Eroberung der Festung durch Genfer Truppen am 8. November 1589. Kupferstich von Michel Bénard aus einer Serie von sechs Tafeln, welche die Kämpfe zwischen Genf und Savoyen illustrieren, 1590 (Bibliothèque de Genève).
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Die Kapelle Saint-Théodule in V. (1268, abgerissen 1948) gehörte zur Kirche Saint-Loup. Als Bern 1536 die Reformation einführte, wurde sie zur Gemeindekirche. Der nach 1601 wieder eingeführte Katholizismus wurde 1662 durchgesetzt und die Kirche daraufhin zerstört. Eine zweite, 1839 erstellte Kirche in Saint-Loup diente 1876-1908 den Christkatholiken. 1908 wurde sie der kath. Pfarrei zurückgegeben, die bereits 1879 die Chapelle de la Persécution erbaut hatte. Eine neue ref. Kirche wurde 1858 errichtet.

Wegen der strategisch wichtigen Lage von V. wurde wiederholt in Erwägung gezogen, dort einen Hafen oder eine Festung zu errichten. Das ernsthafteste Projekt, dessen Spuren bis heute sichtbar sind, nahm seinen Anfang mit dem Embargo von 1766, das Frankreich gegen Genf verhängte, nachdem die von polit. Wirren erschütterte Stadt das franz. Vermittlungsangebot abgelehnt hatte. Da - wie sich bald erwies - das Pays de Gex unter diesen Massnahmen stärker litt als Genf, keimte in der militär. Entourage des Staatssekretärs Etienne François de Choiseul die Idee, zur Kontrolle des Land- wie des Seewegs zwischen Bern und Genf in V. eine befestigte Handelsstadt mit Hafen zu bauen. Neben Choiseul liess sich insbesondere auch Voltaire von dem Projekt überzeugen, weil dessen Realisierung bessere Absatzmöglichkeiten für die Uhrenmanufakturen von Ferney zu versprechen schien. Trotz der Bemühungen von Genf, Bern und Turin, den Bau zu erschweren, führte ab Sommer 1768 eine neue Strasse von V. nach Lyon. Die Briefpost und das Salzlager von Genf wurden nach V. verlegt. Choiseul hoffte auf den Zuzug von Natifs aus Genf, welche die für 30'000 Einwohner konzipierte Stadt hätten bevölkern sollen. Um die Natifs für V.-la-Ville zu gewinnen, versprach er sogar, deren in Frankreich verbotenes ref. Bekenntnis zu tolerierien. Im Febr. 1770 liessen sich nach erneuten polit. Unruhen in Genf über 1'200 Personen im Bereich der grossen Hafen- (dem zukünftigen Port-Choiseul) und Kanalbaustelle - vorgesehen war eine Verbindung zwischen Rhone und Rhein - nieder. Das Projekt blieb aber unvollendet; schon im Dez. 1770 verlor die entstehende Stadt infolge des Sturzes von Choiseul ihren grössten Förderer und die religiöse Toleranz wurde fortan nicht mehr gewährt. Bis 1777 scheiterten versch. Versuche, dem Projekt neuen Schwung zu verleihen. V.-la-Ville und sein Hafen überlebten nur dank einiger privater Investoren; so gründete Ami Argan z.B. 1787 eine königl. Manufaktur für von ihm erfundene Lampen, 1793 eine bis 1795 bestehende Salpeterfabrik und 1799 eine Destillerie. Während der Franz. Revolution wurde V. 1790 in das Dep. Ain eingegliedert; Bourg, das nach 1589 wieder aufgebaut worden war, und Ville schlossen sich 1794 zur Gem. V.-la-Raison zusammen. Bei der Annexion von Genf durch Frankreich 1798 wurde V. dem Dep. Léman zugeschlagen. Gemäss den Bedingungen des Vertrags von Paris vom 20.11.1815 wurde V. 1816 definitiv Teil von Genf. Der Flecken war damals ausgeblutet; seine wirtschaftl. Erholung sollte mehrere Jahrzehnte dauern.

Die Wirtschaft konzentrierte sich lange auf die Möglichkeiten, die ihr der Fluss bot. Entlang der V. entwickelten sich ab dem 16. Jh. Mühlen, Gerbereien, Webereien und Sägereien. 1892 ersetzte eine hydroelektr. Fabrik die Mühle von Richelien. Die 1457 aufgenommene Papierfabrikation war über Jahrhunderte die wichtigste Industrie von V.; erst 2000 wurde die letzte Papierfabrik geschlossen. Ebenfalls am Fluss liess sich 1877 die 1826 in Genf gegr. Schokoladenfabrik Favarger nieder, welche zu Beginn des 21. Jh. noch bestand. Kieswerke, Torfbrüche und Ziegeleien nutzten natürl. Vorkommen am Seeufer. Die Steine von Port-Choiseul wurden beim Bau der Quais von V. (1886-88) und Cologny wiederverwendet. Der 1962-63 neu angelegte Hafen dient der Freizeit- und Sportschifffahrt. Die 1856 eröffnete Bahnlinie Lausanne-Genf verbesserte die Anbindung an Genf, wohin viele Bewohner der im 20. Jh. errichteten Quartiere (u.a. ab den 1990er Jahren das Quartier La Pelotière) pendeln. V. ist seit 1980 Sitz des Universitätsinstituts François-Alphonse Forel für Limnologie und Umweltwissenschaften, Ecogia seit 2001 derjenige des Ausbildungszentrums des IKRK.


Literatur
– J.-P. Ferrier, Histoire de la commune de V. des origines à nos jours, 1962
– J.-E. Genequand, La prise du fort de V., novembre 1589, 1989
– F. Walter, «Voltaire et V.», in Voltaire chez lui, 1994, 207-228
A la recherche de la cité idéale, Ausstellungskat. Arc-et-Senans, 2000, 70-79

Autorin/Autor: Françoise Dubosson / ASCH