Vernier

Polit. Gem. GE, die am rechten Rhoneufer liegt und neben V. die Siedlungen Châtelaine, Aïre, Le Lignon, Les Avanchets, Les Libellules sowie Balexert umfasst. 1209 Verneyer. 1816 566 Einw.; 1850 767; 1900 1'280; 1950 3'906; 1960 8'045; 1970 22'230; 2000 29'559. In Aïre entdeckte man bronzezeitl. Äxte und Ringe, entlang der alten Römerstrasse Genf-Lyon versch. Objekte, andernorts Platten- und Erdgräber aus der Zeit nach dem 5. Jh. Im MA war das heutige Gemeindegebiet in rund 20 Lehen aufgeteilt, darunter das bedeutendste, 1308 erw. Lehen Verny in V. und Poussy sowie jenes im Besitz der Fam. Lévrier in Balexert und Le Lignon. Zudem besassen das Genfer Kapitel, das Kloster Saint-Jean und der Bf. von Genf Rechte in V. Die Fam. Bourgeois, Vasallen der Herren von Gex, wurden 1410 Herren von Verny und errichteten in Poussy ein Schloss. Dieses wurde 1590 zerstört und 1680 neu aufgebaut. Im Ancien Régime folgten den Bourgeois als Herren von Verny 1611 die Sacconex, 1630 die Sauvage und 1781 die Gallatin. Mit dem Pays de Gex fiel V. 1536 an die Berner (bis 1567) und 1601 an Frankreich. 1792-98 gehörte V. zum Dep. Ain und 1798-1813 zum Dep. Léman. 1815 gehörte V. zu den sog. Communes réunies, die Frankreich der Schweiz abtrat.

Das Zentrum der Pfarrei V., die vom Priorat Saint-Jean in Genf und während der Visitation der Kirche 1481 von der Abtei Saint-Claude abhing, lag in Poussy (1153 Possiniaco), wo die dem hl. Jakobus geweihte Pfarrkirche stand. Aïre und Châtelaine gehörten zur Pfarrei Saint-Gervais. Nach der Einführung der Reformation 1538 war V. nach Meyrin, dann nach Le Grand-Saconnex und schliesslich bis 1685 nach Ferney kirchgenössig. V.s Katholiken wurden 1601 der Pfarrei Le Grand-Saconnex zugeschlagen, bis V. ab 1687 wieder eine selbstständige Pfarrei bildete. 1844 wurde die kath. Pfarrkirche Saint-Jacques durch den Neubau Saints-Jacques-et-Philippe ersetzt. Ab 1819 fanden auch wieder ref. Gottesdienste statt und 1837 wurde eine neue ref. Kirche errichtet; ihr Vorgängerbau war 1662 zerstört worden. V. und Meyrin unterstanden Satigny, bis V.-Meyrin 1909 selbstständige Kirchgemeinde wurde. 1945 wurde sie in die zwei Gem. V.-Meyrin und Châtelaine-Aïre-Cointrin aufgeteilt, bevor später jede dieser Ortschaften eine eigene Kirchgemeinde erhielt. Im MA lag der Friedhof der Genfer Juden in Châtelaine.

Bis Mitte des 19. Jh. lebten die Einwohner V.s von der Land- und Forstwirtschaft (Bois des Frères und Bois de la Grille) und dem Weinbau. Daneben wurden Molassesteinbrüche ausgebeutet, und reiche Genfer Fam. wie die Pictet oder Diodati besassen hier ihre Landgüter. Mit der Eröffnung der Bahnstrecke Lyon-Genf 1858 begann die beachtl. Industrialisierung V.s: 1896 entstand in Chèvres das erste Laufwasserkraftwerk Europas. 1914 folgte ein Gaswerk mit Bahnanbindung, 1966 eine Fernheizanlage, die versch. Quartiere mit Wärme belieferte, 1979 eine Versuchsanstalt zur Nutzung der Solarenergie (Projekt Solarcad). Andererseits wurden die Mühlen und Inseln von Aïre, wo Goldwäscher ihr Glück suchten, durch die Anhebung des Rhone-Wasserspiegels überflutet. In V. befinden sich u.a. die Firmensitze von Givaudan, eine kant. Kläranlage in Aïre, Brennstofflager, eine Mineralölverteilzentrale mit einer Pipeline zum franz. Hafen Lavéra am Etang de Berre (Provence), Zementfabriken sowie ein Verwaltungskomplex der Industriellen Betriebe. In den 1960er Jahren setzte eine starke Verstädterung durch z.T. subventionierte Grossüberbauungen mit Mietwohnungen ein, so 1961 in Balexert und Les Avanchets sowie 1963 in Le Lignon. Diese Entwicklung ging mit erhebl. Investitionen in die Infrastruktur - Schulen, Kommunikations-, Energie- und Strassennetz, öffentl. Verkehr, Abfallentsorgung, soziale Einrichtungen und Sportanlagen - einher.


Literatur
– H. Golay, Recherches historiques sur V. et le pays de Gex, 1931
– P. Pittard, Profil de V., 1975
– A. Brulhart, E. Deuber-Pauli, Ville et canton de Genève, 1985, 351-358 (21993)

Autorin/Autor: Pierre Pittard / AL