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Hermance

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Polit. Gem. GE, am linken Seeufer gelegen. 1247 intra Armentia, 1271 Eremencia. 1444 etwa 400 Einw. (80 Haushaltungen); 1801 307; 1850 498; 1900 362; 1950 400; 1980 594; 2000 816. Reste einer Seeufersiedlung, neolith. Grabstätten, Kapitell und Münzen aus der Römerzeit, frühma. Plattengräber. Um 1100 war H. ein blosses castrum, das einige Fischerhütten schützte. In dieser Zeit entstanden nicht weit voneinander in bereits bestehenden Ansiedlungen die beiden Pfarreien Cusy und Villars. Sie waren vielleicht Pfründen des Genfer Priorats Saint-Jean; ihr Gründer war vermutlich Guy de Faucigny, Bf. von Genf. Die Lage am See, an einer Flussmündung und an der wichtigen Strasse nach Langin erklärt wohl den späteren Aufschwung von H. Neuere Grabungen zeigen, dass H. sehr dicht mit Wohnhäusern aus der 2. Hälfte des 13. Jh. bebaut war, die im 14. Jh. erweitert und im Verlauf des 18. Jh. zum Teil zerstört wurden. 1247 liess Aymon II de Faucigny eine Burg und einen befestigten Marktflecken errichten. Die Kirche dieser Neugründung wurde Pfarrkirche. Damit verlor die Pfarrei Villars an Bedeutung, und das Einflussgebiet der Pfarrei Cusy verlagerte sich in Richtung des heutigen Dorfs Chens (Savoyen). Den Zuwanderern, die durch die günstige Lage des neuen Fleckens angezogen wurden, verlieh der Herr von Faucigny 1351 gewisse Rechte (franchises) und förderte dadurch den Aufschwung von H. Nach der Niederlage Faucignys gegen Savoyen ergab sich H. 1355 und wurde Sitz einer savoy. Kastlanei. Es hatte sich zu einem bedeutenden Ort entwickelt, der sein Masssystem in der Gegend durchsetzte und ein Pfandleihhaus besass. Ein Spital (Hospiz) wurde 1373 errichtet. 1459 ist eine Schule bezeugt.

1536 drangen Berner Truppen mit ihren franz. Verbündeten ins Chablais ein. Den savoy. Dörfern wurde der ref. Glaube aufgezwungen. Die Genfer Kirche ernannte einen Pfarrer für H. und die umliegenden Dörfer. 1542 wurde das Spital wiederaufgebaut und die Schule erweitert. 1567 kam H. wieder zu Savoyen. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde es Kriegsschauplatz in den Auseinandersetzungen zwischen Genf und seinen Verbündeten Frankreich und Bern auf der einen, Savoyen und Spanien auf der anderen Seite. Im Frühjahr 1589 wurde der Flecken von der Armee Nicolas Harlay de Sancys geplündert; Wehrmauer und Burg wurden mit Ausnahme des Turms geschleift. Am 4. Aug. 1589 schlugen die Berner unter Johann von Wattenwyl den Lokalherrn von H., François-Melchior de Saint-Jeoire. Mit dem franz.-span. Vertrag von Vervins im Mai 1598 kehrte wieder Friede ein; über die gegensätzl. Ansprüche Genfs und Savoyens kam es im Oktober in H. zu Verhandlungen. Der kath. Kultus wurde wieder eingeführt. Nur langsam erholte sich der Flecken von den Zerstörungen; er zog sich auf seine lokalen Bedürfnisse zurück und seine Bedeutung schwand. So wurde die schwer beschädigte Kirche erst um 1680 wieder aufgebaut, das Spital ging um 1740 ein. Mit dem Chablais erlitt H. 1743-48 die span. Besetzung. Bis zur Revolution waren mehrere Geschlechter Herren von H., so die Miolan, die Ballaison, die Saint-Jeoire und die Blonay (1756). Später gehörte die Burg den Marcet, den Boissier und den de la Rive.

1792 besetzten franz. Truppen das Chablais. Ab 1797 gehörte H. zum Arrondissement Thonon des Dep. Léman. Ein Munizipalrat, ein Ortsvorsteher (maire) und dessen Stellvertreter wurden eingesetzt, ein Zivilstandsamt wurde geschaffen. Im März 1816 kam H. mit dem Vertrag von Turin zum Kt. Genf, doch ein Teil seines Umlandes (weniger als die Hälfte) blieb sardisch. Mit dem Bau der linksufrigen Seestrasse sowie der Errichtung von Uferquai und Schiffsanlegestelle trat H. ab 1851 aus seiner Abgeschiedenheit heraus. Von 1873 an liefen regelmässig Dampfschiffe den Hafen an. 1902 erhielt H. Anschluss an die Genfer Tramlinie, die 1958 durch einen Busdienst ersetzt wurde. Die Einwohnerzahl blieb vom 15.Jh. bis 1950 recht stabil, wogegen sich die Bevölkerungsstruktur stark veränderte. War H. früher ein Bauern-, Fischer- und Handwerkerdorf, sind die meisten Einwohner nun im Dienstleistungssektor tätig.


Literatur
– G. Fatio, H., 1954
– J. Bujard, «H., 1247-1997», in BHG 25, 1995, 1-81

Autorin/Autor: Anne-Marie Piuz / AA