18/08/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Genf (Gemeinde)

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Polit. Gem. GE, Hauptort des gleichnamigen Kantons, am südwestl. Ende des Genfersees beidseits der Rhone gelegen. Die Altstadt oder Oberstadt befindet sich auf einem Hügel, der seit prähist. Zeit einen von See, Rhone und Arve sowie im Osten durch Gräben geschützten natürl. Zufluchtsort bildet. Nach dem Abbruch der Befestigungen (1850-80) dehnte sich die Stadt aus. Die 1842 administrativ geschaffene Gem. oder Stadt G. fusionierte 1930 mit den Vorstadtgemeinden Les Eaux-Vives, Le Petit-Saconnex und Plainpalais. 52 v. Chr. Genua (laut Caesar), später Genava, Civitas Gevanensium (gemäss "Notitia Galliarum"). Oppidum der Allobroger, röm. Vicus, später Civitas, Hauptstadt der Burgunder, fränk. Stadt, Sitz der Gf. von G., Bischofsstadt (1387 Handfeste), 1534-1798 Sitz der Behörden der Seigneurie und Republik G., 1798-1813 Hauptort, später Präfektur des Dep. Léman, heute Sitz der Kantons- und Gemeindebehörden und zahlreicher internat. Organisationen (Rotes Kreuz, Völkerbund, Vereinte Nationen und angeschlossener Organisationen, Ökumenischer Rat der Kirchen). G. beherbergt zahlreiche öffentliche und private kulturelle Einrichtungen (Universität, Museen, Bibliotheken) und ist das regionale Zentrum einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Kultur und Verkehr. Der Schwerpunkt der wirtschaftl. Tätigkeit liegt im tertiären Sektor, u.a. im Bankenwesen. Die Stadt G., Geburtsstätte des Calvinismus ("prot. Rom") sowie im 16. und 17. Jh. Zufluchtsort für die Hugenotten, besitzt seit dem 19. Jh. ein kosmopolit. Gepräge.

Bevölkerung Genfa
JahrEinwohner
158017 330
165012 250
169016 220
um 1710über 20 000
179824 331
181421 812
183427 177

Jahr18501870b18881900191019301950197019902000
Einwohner37 72460 00475 70997 359115 243124 121145 473173 618171 042177 964
Anteil an Kantonsbevölkerung58.8%67.6%71.8%73.4%74.4%72.4%71.7%52.4%45.1%43.0%
Sprache          
Französisch  61 42977 61186 69793 058111 314111 553112 419128 622
Deutsch  10 80611 70314 56618 71720 60319 6579 6107 050
Italienisch  2 1446 1279 7137 7627 39219 8179 7867 320
Andere  1 3301 9184 2674 5846 16422 59139 22734 972
Religion, Konfession          
Protestantisch26 44635 06441 60549 87555 47466 01674 83765 39334 49226 020
Katholischc11 12327 09232 16844 95853 24849 53158 55690 55579 57566 491
Andere1551 3631 9362 5266 5218 57412 08017 67056 97585 453
davon jüdischen Glaubens  6541 0552 1702 2242 6423 1282 4442 601
davon islamischen Glaubens       9594 7538 698
davon ohne Zugehörigkeitd       6 16429 74741 289
Nationalität          
Schweizer29 20339 01247 48258 37667 43092 693118 863115 10798 81299 935
Ausländer8 52124 507 28 22738 98347 81331 42826 61058 51172 23078 029

a Angaben 1850-2000 gemäss Gebietsstand 2000

b Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

c 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

d zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Martine Piguet / EM

1 - Von der Urzeit bis ins Frühmittelalter

1.1 - Vom Paläolithikum bis in die Latènezeit

Die ältesten Spuren menschl. Besiedlung auf dem heutigen Stadtgebiet finden sich unter der Kirche Saint-Gervais am rechten Rhoneufer. Mehrere auf einer begrenzten Fläche entdeckte Feuerstellen, Gruben und Pfostenlöcher gehörten zu auf einer Terrasse über der Rhone gelegenen Wohnstätten aus dem 5. Jt. v.Chr. Die von den neolith. Bewohnern benutzten Keramikgegenstände und Steinwerkzeuge weisen auf Einflüsse der Chasséenkultur hin, die ihren Ursprung im südl. Rhonetal zwischen Provence und Ligurien hat. Sie sind ein Beispiel dafür, wie wichtig die Rhone-Achse seit frühester Zeit für den Verkehr und den Austausch zwischen G. und dem Mittelmeerbecken war.

Anfang des 4. Jt. v.Chr. entstanden die ersten Dörfer an den Ufern des Genfersees. Im Gebiet von G. liessen sich Ackerbauern und Viehzüchter in der Rade, dem untersten Teil des Seebeckens, nieder. Die Besiedlung dieses Bereichs, der heute unter Wasser liegt, ist in Zusammenhang mit den Schwankungen des Seespiegels zu sehen. Dieser war zeitweise niedriger als heute und gab somit ausgedehnte unbebaute Flächen frei, auf denen Dörfer angelegt werden konnten.

Das im 20. Jh. entdeckte archäolog. Material, das in versch. Regionalmuseen aufbewahrt wird, deutet darauf hin, dass in jeder der grossen Kulturphasen, die sich in den Ufersiedlungen rund um den Genfersee abzeichnen, auch im Gebiet von G. Menschen lebten. Allerdings wurde ein erhebl. Teil der Stätten durch Erosion zerstört. Hauptgrund dafür war die Zunahme der Strömung infolge tief greifender Veränderungen der Ufer in diesen stark urbanisierten Orten und infolge der Seeregulierung, die 1891 definitiv festgelegt wurde. Heute ist an den vier Fundstätten ausserhalb der Molen von Les Pâquis und Les Eaux-Vives nur noch die der Bronzezeit zugeordnete Phase nachweisbar. Aufgrund neuerer Untersuchungen und im 19. Jh. gemachter Beobachtungen ist zu vermuten, dass die Rade von G. im 11. und 10. Jh. v.Chr. sehr dicht besiedelt war.

Im 9. Jh. v.Chr. führte ein beträchtl. Anstieg des Seespiegels zur Aufgabe der Uferdörfer. Die urgeschichtl. Bevölkerungsgruppen verliessen die Rade und besiedelten unweit davon geeignetere Gebiete. Die seltenen archäolog. Zeugnisse geben wenig Aufschluss über den Zeitraum zwischen diesem Ereignis und der Schaffung des gall. Hafens von G. Einzelfunde (Objekte, Gräber, Megalithen in Sekundärlage, Verkehrswege) weisen nur punktuell auf menschl. Aktivitäten am Rande des Saint-Pierre-Hügels hin. Die ältesten Siedlungsspuren auf der Hügelkuppe stammen frühestens aus dem letzten Viertel des 2. Jh. v.Chr., als die Oppida in den meisten kelt. Regionen eine Blütezeit erlebten. Von da an erfuhr die Siedlung Genua eine Entwicklung, die mit ihrer befestigten Stellung in Zusammenhang stand.

Autorin/Autor: Jean Terrier / EM

1.2 - Die gallorömische Epoche

121 v.Chr. begann die Unterwerfung der allobrog. Gebiete durch die Römer. G. wurde nördl. Vorposten der Provinz Gallia Transalpina, die unter Augustus wahrscheinlich 27 v.Chr. den Namen Gallia Narbonensis erhielt. Der perfekt organisierte Hafen wurde 123-105 v.Chr. angelegt, wie die dendrochronolog. Untersuchung zahlreicher Eichenpfähle ergeben hat. Diese dienten zur Uferbefestigung und zum Bau einer Anlegebrücke, die ein Stück weit in den See hinausragte und sich parallel zur Rhoneströmung fortsetzte. Die Stadt bestand damals nur aus einer bescheidenen Siedlung mit Wohngebäuden aus Holz und Strohlehm.

Die Stadtentwicklung verlief offenbar rasch. Sehr früh bildeten sich versch. Quartiere heraus, deren Funktionen sich teilweise feststellen lassen. Um 100 v.Chr. sind eine Brücke über die Arve und ein Refugium im heutigen Carouge (Quadruvium) nachweisbar. Auf der Kuppe des Hügels oberhalb der Rade und der Rhonebrücke waren Kultstätten eingerichtet, von denen allerdings nur wenige Überreste zum Vorschein kamen. In Hafennähe standen Lagerhallen und einfachere Häuser in einem Bereich mit reger Handelstätigkeit. Am rechtsufrigen Brückenkopf wurden eine oder mehrere Kultstätten und eine Siedlung ausgemacht.

Als Caesar sich 58 v.Chr. mit seinen Truppen vorübergehend in der Nähe des Oppidums Genua niederliess, vergrösserte sich die Stadt weiter. Gräben, Erdwälle und Vorwerke aus Holz wurden angelegt. Rund um das städt. Zentrum, das ab 31 v.Chr. zur Kolonie Vienne gehörte, wurden Landwirtschafts- und Wohngebäude umgestaltet. Mit der Gründung der Colonia Iulia Equestris in Nyon konnten einige bedeutende Persönlichkeiten wichtige Funktionen in dieser regionalen Hauptstadt übernehmen, doch G. blieb ein Vicus. Die zunehmende Ausdehnung des Hafens zeugt von der Entwicklung von Handel und Gewerbe. Die Quaianlagen, durch Blockwurf, Dämme und Palisaden gesichert, erstreckten sich über weite Flächen. Daneben entstanden grosse Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude, die für die Abwicklung des von der Zunft der Genferseeschiffer betriebenen Warenverkehrs erforderlich waren. Epigrafisch belegt ist zudem ein Zollposten.

Wie eine Untersuchung der aus Holz und Lehm gefertigten Bauten der augusteischen Zeit ergeben hat, wurde der Hügelbereich Mitte des 1. Jh. n.Chr. von einer Brandkatastrophe heimgesucht. Danach veränderte sich das Stadtbild; der frühgeschichtl. Strassenraster wurde weitgehend aufgegeben. Anstelle der Gebäude aus Leichtmaterial entstanden Steinbauten wie die grosse domus von Saint-Antoine. An den neu besiedelten Hügelflanken wurden rund um den Stadtkern Terrassen angelegt. Die Alemanneneinfälle führten zur Zerstörung der im letzten Viertel des 3. Jh. errichteten Bauten. Das Hafenquartier und offenbar auch Saint-Gervais am rechten Ufer wurden vollständig abgetragen. Dagegen scheinen in der Oberstadt einige Gebäude erhalten geblieben zu sein.

Als Reaktion auf diese unsicheren Zeiten wurde wenig später eine Stadtmauer errichtet, die entgegen der These von Louis Blondel nicht nur den Hügel umschloss und die unter der Tetrarchie (ab 285) eine bemerkenswerte Wehranlage bildete. Die mit ein- und ausspringenden Winkeln sowie mit Vierecktürmen ausgestattete Mauer verlief der Geländeneigung entlang bis zum Ufer, wo Palisaden und Steinmauern die Anlage ergänzten. Eine mächtige Residenz in der Nordostecke der Befestigung überragte den Hafen und ermöglichte die Kontrolle des Übergangs über die Rhonebrücke. In dieser Zeit wurde G. zur Civitas erhoben.

Autorin/Autor: Charles Bonnet / EM

1.3 - Spätrömische Zeit und Christianisierung

In dem als praetorium (Sitz der Militär- oder Zivilverwaltung) identifizierbaren Gebäude entstand das erste christl. Heiligtum. Wahrscheinlich wurden einzelne Räume dieses Palastes ab 350 für den neuen Kult genutzt. Bis in die Jahre 376-380 entwickelte sich eine monumentale architekton. Anlage. Der im ausgehenden 4. Jh. vollendete Kathedralkomplex bestand aus einer über dreissig Meter langen Kirche mit einem angrenzenden Portikus, der zum Baptisterium und dessen Nebenraum führte. Ein zweiter Portikus verlief längs der Westfassade des Monuments zu den geheizten Zellen für Reklusen und Kleriker, die Einsamkeit suchten. Demnach verfügte der in der "Passio martyrum Acaunensium" erwähnte erste Bf. von G., Isaac, gegen Ende des 4. Jh. wahrscheinlich über eine Kultstätte mit Nebengebäuden, die ständig umgestaltet und vergrössert wurde.

Während nahe der Umfassungsmauer der Bischofspalast mit einer Privatkapelle und einem beheizten Empfangsraum Gestalt annahm, wurde auch an anderen Stellen gebaut. Um den Kathedralkomplex zu erweitern, wurde an die bestehende Kirche im Süden ein Atrium und an dieses eine zweite Kirche angefügt sowie das vergrösserte Baptisterium als Prachtbau in die Mitte der architekton. Komposition gerückt. Darum herum erhoben sich Empfangs- und Versammlungsräume, die auf die wichtige Rolle des Bischofs schliessen lassen. An eine beheizbare Aula schloss sich eine ebenfalls im 5. Jh. erbaute dritte Bischofskirche an, die vielleicht dem Märtyrer- und Heiligenkult diente. Während die erste Kathedrale mit Sicherheit für die Eucharistiefeier bestimmt war, könnte die Südkirche zur Lesung der alten Schriften oder zur Vorbereitung der Katechumenen auf die Taufe gedient haben.

In der Oberstadt bildete die Kirche Saint-Germain im 5. Jh. ein zweites frühchristl. Zentrum. Wenige Meter nördlich des Heiligtums wurden Reste eines grossen Hauses entdeckt, das entlang der ehemaligen, damals noch benutzten Hauptstrasse in Ost-West-Richtung (decumanus) stand. Weitere Wohngebäude hinterliessen Spuren an einigen Stellen dieser Strasse oder an der Nord-Süd-Achse (cardo), deren Verlauf in der heutigen Parzellierung noch erkennbar ist.

Die christl. Topografie bleibt bruchstückhaft, wenn die Gräberfelder und Gebäude ausserhalb der Ummauerung nicht einbezogen werden. Meist eingefriedete Bereiche, in denen zahlreiche Gräber angelegt wurden, säumten die zur Stadt führenden Strassen. Einige dieser Gräber waren mit Mausoleen ausgestattet, wie z.B. in Saint-Gervais und La Madeleine. Diese wahrscheinlich für die ersten Bischöfe errichteten Grabbauten wurden bald zu Stätten religiöser Verehrung, aus denen später Kirchen entstanden.

Autorin/Autor: Charles Bonnet / EM

1.4 - Frühmittelalter

Mit der Ansiedlung der Burgunder 443 (Sapaudia) und der Wahl zur deren Hauptstadt gewann G. an polit. Bedeutung, was sich aber kaum in monumentalen Bauten niederschlug. Verschönert und vergrössert wurde v.a. das bischöfl. Ensemble. Ende des 5. Jh. soll jedoch Königin Saedeleuba ausserhalb der Stadtmauer die Kirche Saint-Victor gegründet haben. Der Mittelpunkt des burgund. Königreichs verlagerte sich 467 nach Lyon, und G. litt unter den Bruderkriegen zwischen Godegisel und Gundobad. Letzterer setzte G. in Brand und leitete später wohl den Wiederaufbau der Stadt samt Heiligtümern und Umfassungsmauer.

Bis Ende des FrühMA lässt sich eine Siedlungskontinuität nachweisen, die im bischöfl. Ensemble am besten zum Ausdruck kommt. Obwohl die Nordkathedrale mehrmals verlängert wurde und deren Chor einige Erweiterungen erfuhr, verlor sie gegenüber der dritten Bischofskirche zusehends an Bedeutung. Diese entwickelte sich auf Kosten des Baptisteriums und der Empfangsräume zur einzigen Kathedrale im Jahr 1000. Die Stadt wuchs nicht über die Grenzen der spätröm. Ummauerung hinaus, doch die Vorstädte nahe der grossen Friedhöfe nahmen Gestalt an. In Saint-Gervais entstanden in dieser Zeit Gebäude und Gräben. Der Hafen neben der Kirche La Madeleine wurde immer noch benutzt, und die wirtschaftl. Tätigkeiten im Hafenquartier hielten an. 563 verursachte der Bergsturz von Tauredunum eine Flutwelle, die diesen Siedlungsteil verwüstete. Dabei wurden Mühlen zerstört und viele Menschen getötet.

Anfang des MA veränderte sich das Stadtbild nur unwesentlich. Die Adelsfamilien errichteten jedoch zur Kennzeichnung ihres Besitzes Türme, deren Grundmauern an mehreren Stellen freigelegt worden sind. Auf die horizontale Ausbreitung in der Römerzeit und die spätere, mit der Befestigung einhergehende Beschränkung des Stadtraums folgte die in die Höhe gebaute ma. Stadt. Diese Entwicklung zeigte sich besonders deutlich am Ende des 1. Jahrtausends. Die Kathedrale nahm neue, monumentalere Ausmasse an und erhielt zunächst eine über den Ostabschluss ausgreifende Krypta, später einen überhöhten, gewölbten Chor.

Autorin/Autor: Charles Bonnet / EM

2 - Vom Hochmittelalter zum Ancien Régime

2.1 - Begründung und Festigung der bischöflichen Macht

Über die Machtstruktur in der Stadt G. in der Zeit zwischen der Ansiedlung der Burgunder 443 und dem Vertragsschluss von Seyssel 1124 gehen die Meinungen bis heute auseinander. Die Burgunderkönige, die G. zu einer ihrer Hauptstädte erhoben, waren Arianer inmitten einer kath. Bevölkerung. Sie hatten jedoch eine gesetzgebende Gewalt über die beiden Völker, denn Gundobad (gestorben 516) erliess die "Lex Burgundionum" und die "Lex Romana Burgundionum". Demgegenüber besass der Bischof, unterstützt von den Frauen der burgund. Königsfamilie (Chrodechilde und Saedeleuba), eine erhebliche geistl. Macht, die sich in den reichen Bauwerken der kath. Kirche manifestierte. Die dynast. Auseinandersetzungen, die u.a. um 500 den Brand der Stadt und der Kathedrale nach sich zogen, schwächten die Burgundermonarchie, bis diese 534 von den Franken aufgelöst wurde. G. wurde Zentrum eines pagus, der bald dem in Orléans regierenden König, bald dem König von Neustrien unterstand.

Ab der Karolingerzeit stritten sich versch. Herrscher der Region um die Diözese G., darunter der Kg. der Provence und der Kaiser, der kurz vor 882 dem Volk und dem Klerus von G. das Recht auf freie Wahl des Prälaten gewährte. Der Bf. von G. verfügte offenbar nicht von Anfang an vollumfänglich über die Macht in der Stadt. Er besass zwar einige Privilegien, wie das ab ca. 1020-30 belegte Münzregal, doch erhielt er im Unterschied zu den Bf. von Lausanne, Sitten und der Tarentaise für keinen Teil seiner Diözese jemals die gräfl. Rechte. Diese Rechte wurden vom Gf. von G. ausgeübt, der in der Stadt oberhalb des Bourg-de-Four eine Burg besass. Als 1032 der letzte Kg. des zweiten Königreichs von Burgund starb und 1034 Ks. Konrad II. sich dieses bemächtigte, stellte der Gf. von G. in der Region den mächtigsten Gegner des neuen Herrschers dar.

Mit der gregorian. Reform Ende des 11. Jh. begann die Reaktion gegen die Übergriffe der weltl. Herrscher, v.a. der Gf. von G., auf die Kirchengüter. Mit Unterstützung des Papstes zwang Bf. Humbert von Grammont Gf. Aymon I. 1124 zum Vergleich von Seyssel, der die Hoheit des Bischofs über die Stadt festschrieb. Dieser verfügte über die Regalien und Herrschaftsrechte und besass somit eine nahezu uneingeschränkte Macht über die Stadt. Die Gf. von G. versuchten danach vergeblich die Macht wiederzuerlangen. 1162 besiegelte Ks. Friedrich Barbarossa in einer Urkunde endgültig die Unabhängigkeit der Bischöfe, die von da an als Reichsfürsten galten.

Zur Ausübung der Gerichtsbarkeit verfügte der Bischof über ein Gericht, dessen Vorsitz ein Vizedominus führte. Das Gerichtsverfahren war einfach und wurde mündlich in der Volkssprache gemäss den überlieferten Rechtsgewohnheiten durchgeführt. Mit der Einführung des röm.-kanon. Rechts nördlich der Alpen trat ein neuer Beamter, der seit 1225 belegte Offizial, in Erscheinung. Dieser war zunächst nur für kirchl. und geistl. Angelegenheiten zuständig, dehnte dann aber allmählich seinen Kompetenzbereich auch auf rein weltl. Zivilsachen aus und stand deswegen mitunter sogar in Konkurrenz zum Vizedominat. Der Gf. von G. hatte als Vasall des Bischofs das Amt eines Kastvogts inne und war als solcher für die Vollstreckung von Todes- und Körperstrafen zuständig.

Das Haus Savoyen kam Anfang des 13. Jh. mit Thomas I. und dessen Söhnen, v.a. Peter II., als dritter Machtfaktor ins Spiel. Die savoy. Politik zielte auf eine Schwächung der Gf. von G. ab. Am 13.5.1237 erwirkte der Gf. von Savoyen die Verurteilung des Gf. von G. zu einer beträchtl. Busse, die für dessen Geschlecht den Ruin bedeutete. 1250 nahm er die Burg beim Bourg-de-Four als Pfand in Besitz. Ab Ende des 13. Jh. griff der Gf. von Savoyen die Machtstellung des Bischofs an. Dabei stützte er sich auf die Bürger der Stadt, indem er ihnen Vorrechte gewährte, welche die Befugnisse des Bischofs einschränkten und die Autonomie der Stadt förderten.

Autorin/Autor: Redaktion / EM

2.2 - Emanzipation des Bürgertums

Der Emanzipationsprozess erhielt ab Mitte des 13. Jh. starken Antrieb durch die Messen von G. Sie führten den Bürgern das Vorbild der freien Gem. Italiens vor Augen und brachten ihnen den Wohlstand, der sie in die Lage versetzte, dem ständig unter Geldmangel leidenden Bischof ihren Willen aufzuzwingen. Auch krieger. Ereignisse förderten diese Entwicklung. Der Tod Peters II. von Savoyen 1268 und der seines Bruders Philipp 1285 lösten Kriege aus, in denen sich der Bischof, die Gf. von Savoyen, die Gf. von G., die Faucigny, die Herren von Gex, die Dauphins du Viennois und Rudolf von Habsburg in wechselnden Koalitionen gegenseitig bekämpften. Die Stadt war von einigen Ereignissen direkt betroffen. Im Aug. 1291 beispielsweise beschossen der Gf. von G. und der Dauphin die Kathedrale mit einem Katapult.

1263 begannen sich die Bürger unter dem Schutz Peters II. von Savoyen zu emanzipieren. 1285 bestellten sie für ihre Vertretung zehn Prokuratoren oder Syndics und schufen damit G.s erste ma. Gemeindeorganisation. Der Beschluss wurde am 29.9.1285 vom Bischof aufgehoben. Am 1.10. garantierte jedoch Gf. Amadeus V. den Bürgern in den "Lettres patentes" die Sicherheit der Händler, die die Messen besuchten. Zwei Jahre später nahm er das Château de l'Ile ein und erhielt 1290 von Bf. Guillaume de Conflans das Vizedominat zu Lehen. 1291 brach eine neue Bürgerrevolution aus. 1306 erklärten sich vierundzwanzig Familienvorstände und einige Einzelpersonen gegen bedeutende Vergünstigungen zu Lehensmännern des Amadeus V. 1309 anerkannte Bf. Aymon de Quart schliesslich das Recht der Bürger, für ihre kommunalen Angelegenheiten Syndics oder Prokuratoren zu bestellen, sofern diese sich nicht in die bischöfl. Gerichtsbarkeit einmischten. Als Gegenleistung verlangte er von den Bürgern den Bau einer Halle, die der Zwischenlagerung der für die Messen bestimmten Waren diente, und sicherte ihnen einen Drittel der in dieser erzielten Einnahmen zu. Von da an wählten die Bürger auf Versammlungen Anfang jedes Jahres jeweils vier Syndics, denen sie die Vollmacht erteilten, im Interesse des Gemeinwesens zu handeln. Ab 1364 amteten die Syndics im Namen des Bischofs als Richter in Kriminalsachen.

Kurz nach 1309 wurde die vom Bischof geforderte Lagerhalle an der Place du Molard erstellt. Das Seeufer wurde teilweise aufgeschüttet und reichte von den Rues Basses (heute Rue de la Croix-d'Or und Rue de la Confédération) zur Rue du Rhône. Zwischen den dort errichteten Häusern erstreckten sich drei Plätze (Longemalle, Molard und Fusterie), die alle zu einem Hafen führten. Der um 1311 erwogene Plan, eine Steinbrücke über die Rhone zu bauen, wurde nicht realisiert.

Der von den Feudalkriegen ausgehende Druck verstärkte sich, und das Haus Savoyen sah sich in seiner Expansionspolitik bestärkt, als ihm 1365 das Reichsvikariat über die Diözesen der Region, darunter auch die von G., zuerkannt wurde. Aus diesen Gründen und um der wirtschaftl. und demograf. Entwicklung Rechnung zu tragen, musste die Stadtmauer erneuert werden. Nachdem Bf. Guillaume de Marcossey den Widerruf des Reichsvikariats für Genf erwirkt hatte, liess er 1375 mittels ausserordentl. Steuern eine neue Mauer errichten, die nun auch den Bourg-de-Four mit einschloss und fortan seinen Namen trug.

1387 bestätigte Bf. Adhémar Fabri die den Bürgern und ihren Syndics gewährten Freiheiten feierlich in einer Charta, die während 150 Jahren das polit. Leben in G. bestimmte. Die Urkunde regelte in 79 Artikeln das Zivil- und Strafverfahren, die Rechtsverhältnisse zwischen Personen, die Ausübung bestimmter Berufe sowie die Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Bischof und Bürgerschaft. Ausserdem schrieb sie Massnahmen zur Sicherung der Stadt vor.

Trotz der bestehenden Gemeindesatzung rissen die Gf. von Savoyen auf Kosten des Bischofs immer mehr Machtbefugnisse an sich und drohten sich zu den Herrschern der Stadt aufzuschwingen. Die Bürger schlossen sich nun mit dem Bischof gegen den gemeinsamen Feind zusammen. Doch Amadeus VIII., der die Grafschaft G. erwarb, 1416 in den Rang eines Hzg. von Savoyen aufstieg und 1440 unter dem Namen Felix V. zum Papst gewählt wurde, erlangte für die Fürsten seines Hauses ein Präsentationsrecht in der Diözese G. In der Folge wurde der Bischofssitz mit Savoyern oder Mitgliedern von Vasallenfamilien besetzt. Bis zu den Burgunderkriegen und noch darüber hinaus war G. eine savoy. Kapitale. Die Bürgerschaft scheint sich mit ihren Schutzherren abgefunden zu haben, welche den Friedkreis zweimal erweiterten (1445 auf das Arveufer, 1508 auf Les Pâquis) und die für das Herzogtum wirtschaftlich interessanten Messen förderten.

Autorin/Autor: Redaktion / EM

2.3 - Burgrechte und Machtübernahme des Bürgertums

Die Burgunderkriege veränderten das Kräftegleichgewicht grundlegend. Die Stadt G., von ihrem Bf. Johann Ludwig von Savoyen zur Unterstützung des Hzg. von Burgund verpflichtet, wurde von den siegreichen Eidgenossen bedroht und 1475 zur Zahlung einer beträchtl. Busse verurteilt. Der Bischof suchte die Annäherung an die Sieger und schloss am 14.11.1477 mit den Städten Bern und Freiburg einen für die Dauer seines Lebens (bis 1482) geltenden Burgrechtsvertrag. 1519 unterzeichnete die Bürgerschaft einen Burgrechtsvertrag mit Freiburg, doch der Hzg. von Savoyen zwang die Genfer, dieses gegen ihn gerichtete Bündnis aufzugeben.

Der 1526 zwischen G., Bern und Freiburg geschlossene Burgrechtsvertrag kündigte das Ende der bischöfl. Macht und die Entstehung eines autonomen Herrschaftsgebildes an. Die Eidguenots, Anhänger der Eidgenossen, liessen den Vertrag von einem dem späteren Rat der Zweihundert ähnlichen Gremium und danach trotz eines Verbots des Bischofs vom Generalrat genehmigen, der sich im Kreuzgang von Saint-Pierre versammelte und dem Vertrag am 25.2.1526 mit überwältigender Mehrheit zustimmte.

Die Befugnisse des Bischofs gingen nun nach und nach an die Bürger über, so 1527 die Zivilgerichtsbarkeit und 1529 das Vizedominat. Dessen ein Jahr zuvor aufgehobenes Gericht wurde durch einen Zivil- und Strafgerichtshof ersetzt, dem ein Statthalter und vier Auditoren angehörten. Am 22.8.1533 verliess Bf. Pierre de La Baume die Stadt und verlegte den bischöfl. Hof nach Gex. Am 10.8.1535 veranlasste das Messeverbot die letzten bischöfl. Funktionäre zum Wegzug. Ihre Ämter übernahm die Stadt. Am 26.11.1535 sprach sich der Rat der Zweihundert das Münzrecht zu; drei Tage später gründete er das Hôpital général, für das die Güter und Einkünfte der im Aug. 1535 aufgehobenen Wohltätigkeitseinrichtungen verwendet wurden. Der Generalrat führte am 21.5.1536 die Reformation und gleichzeitig die allg. Schulpflicht ein.

Autorin/Autor: Redaktion / EM

2.4 - Die befestigte Stadt im Ancien Régime

Während des Ancien Régime erscheint G. überwiegend als in ihre Stadtmauern eingezwängte Stadt ohne Hinterland. Die 1536 gegründete Republik wurde in den "Ordonnances sur les offices" von 1543 als "Stadt" bezeichnet. Die lange Reihe ihrer Polizeiverordnungen, die 1609 erstmals gedruckt wurden, aber bis ins 15. Jh. zurückreichen, widmete sich fast ausschliesslich städt. Angelegenheiten. Allerdings gab es nur wenige polit. Institutionen rein städt. Charakters. G. hatte nämlich mit der Reformation Regalien und bischöfl. Herrschaftsrechte über die als Untertanen geltenden Bewohner der meisten seiner ländl. Besitzungen geerbt. Bis 1798 dehnten die Genfer Magistraten ihre Vorrechte auf das gesamte Gebiet aus, das die Stadt, die sog. Freigüter und die Mandements umfasste. Für die Landgebiete wurden eigene Kastlane eingesetzt, um einerseits die Kontrolle über diese von Feinden (Savoyen) wie Verbündeten (Bern) begehrten Territorien sicherzustellen und anderseits die gerichtl. Aufgaben zwischen Stadt und Land aufzuteilen.

Einige Ämter waren - zumindest was ihren räuml. Geltungsbereich betrifft - spezifischer auf die Stadt ausgerichtet wie diejenigen des Grossweibels, des Kerkermeisters, des Quartierhauptmanns, des Dizenier (Befehlshaber einer Zehnerschaft), und des Wächters. Innerhalb der Stadt waren die Bourgeois (Neubürger) und Citoyens (Altbürger, Patrizier) von bestimmten Steuern befreit und besassen einige Privilegien, wie die Rechte, einen Laden zu führen, den Wein aus ihren Rebbergen im Kleinhandel oder das aus ihren Besitzungen stammende Gemüse an der Place du Molard zu verkaufen.

Ab 1531 liess die Stadt die Vorstädte abtragen, wodurch sich der verfügbare Raum erheblich verringerte, und etappenweise eine Schanzenanlage erstellen, die Saint-Gervais am rechten Ufer einbezog. Die Genfer mussten auf den Wehrmauern Wache schieben oder einen Vertreter zahlen. Ende des 17. Jh. wurden die allg. Wachtpflicht der Bürger aufgehoben und stattdessen eine jährl. Steuer eingeführt, das Wachtgeld, das der Besoldung der einige hundert Soldaten starken Garnison diente. Diese entwickelte sich im 18. Jh. auf Kosten der Bürgermilizen zu einem Instrument der aristokrat. Herrschaft. An den drei Stadttoren (Rive und Neuve am linken, Cornavin am rechten Ufer), die sich jeden Abend schlossen, wurden Menschen, Tiere und Waren kontrolliert sowie Bettler und "unnütze Esser" aus- oder abgewiesen.

Autorin/Autor: Liliane Mottu-Weber / EM

2.5 - Kirche

2.5.1 - Das bischöfliche Genf

Als Bischofsstadt beherbergte G. ab Mitte des 4. Jh. eine Doppelkathedrale, ein Baptisterium und einen Bischofspalast. Der Bischof, Fürst und Geistlicher zugleich, nahm in der Stadt sowohl in geistl. als auch in weltl. Belangen eine herausragende Stellung ein. Die Gebäude, welche die Bischöfe benutzten und in mehreren Etappen renovieren oder neu errichten liessen (Ende des 4. Jh., 1. Hälfte des 5. Jh., Anfang des 6. Jh., Jahrtausendwende, Episkopat von Arducius de Faucigny 1135-85), prägten das Stadtbild und zeugten von der wirtschaftl. Stärke der Kirche von G. Die Bischöfe wie auch die Domherren des Kapitels Saint-Pierre stammten aus den Herrscherfamilien der Region, zu denen die Faucigny, die Grandson, die Gf. von G., die Savoyer und ihre Vasallen gehörten. Mit einer geschickten und aggressiven Politik schuf sich Bf. Aymo von Grandson (1215-60) eine militär. und weltl. Machtstellung, dank der er dem Expansionsdrang der Gf. von G. und des Hauses Savoyen Einhalt gebieten konnte. Dies erreichte er u.a. durch den Bau der Burg auf der Insel und den Erwerb von Ländereien und Hoheitsrechten über Dörfer, in denen er Festungen errichten liess und die er zu den Mandements Jussy, Peney und Thiez ausgestaltete.

Das Domkapitel, ursprünglich der Rat der bischöfl. Kleriker, ist seit der 1. Hälfte des 11. Jh. belegt. Es verfügte ebenfalls über weltl. Rechte und bedeutende Einkünfte in der Diözese. Die Domherren (1099 20, ab 1320 30) standen unter der Leitung eines Dompropstes. Sie lebten zunächst wahrscheinlich in Gemeinschaft, wohnten aber seit ihrer ersten urkundl. Erwähnung in einzelnen Häusern, die rund um die heutige Cour Saint-Pierre angeordnet waren und den sog. Grand Cloître bildeten. Das Kapitel löste sich allmählich aus der bischöfl. Gewalt. Ab dem 13. Jh. war es von der Gerichtsbarkeit des Bischofs ausgenommen, mit dem es häufig in Konflikt geriet. Bis 1342 wählte jedoch das Domkapitel den Bischof und trug bei einer Vakanz die Verantwortung für die weltl. und geistl. Angelegenheiten der Diözese.

Bis zur Reformation umfasste G. sieben Pfarreien. Innerhalb des Mauerrings des 14. Jh. gehörten Sainte-Croix (Pfarrei der Kathedrale), Saint-Gervais am rechten Rhoneufer (926 erstmals erwähnt, Grundmauern einer viel älteren Kirche) sowie deren Filiale Notre-Dame-du-Pont-du-Rhône, Saint-Germain (merowing. Überresten), La Madeleine (Ende des 11. Jh. erstmals erw., erste Bauten aus spätröm. Zeit) und Notre-Dame-la-Neuve (ab ca. 1250 belegt) dazu. Ausserhalb der Stadtmauer lagen die Pfarrei Saint-Victor, die sich offenbar im 11. Jh. um das gleichnamige Priorat bildete und den Mittelpunkt einer grösseren Vorstadt darstellte, und die vermutlich später eingerichtete Pfarrei Saint-Léger, die sich entlang der Verbindungsstrasse zwischen Arvebrücke und G. erstreckte. Im ausgehenden MA entstanden zahlreiche Bruderschaften (1515 rund 50).

Das ausserhalb der Mauern gelegene Benediktinerkloster Saint-Jean, erwähnt in "Vie des pères du Jura", geht auf das 6. Jh. zurück. Saint-Victor erhielt Anfang des 7. Jh. bedeutende Vorrechte und wurde gegen Ende des 10. Jh. von Bf. Hugo von G. der Abtei Cluny übertragen. Dieses Kloster, in dem etwa zehn Mönche lebten, war reich begütert, insbesondere in der Champagne (Chancy, Avully, Cartigny, Troinex, Laconnex usw.). Es fiel ab Mitte des 15. Jh. nicht zuletzt wegen seiner strategisch günstigen Lage am Genfer Stadttor in die Hände von Kommendataräbten aus der Fam. de Grolée und später der Fam. Bonivard (1514-19 François). Eine Bereicherung erfuhr die Klosterlandschaft der Stadt Mitte des 13. Jh. durch die Bettelorden, die rasch an Beliebtheit gewannen und vom Haus Savoyen unterstützt wurden. 1263 kamen die Dominikaner, die in Palais bei der heutigen Rue de la Corraterie ein riesiges Kloster mit zwei Kreuzgängen bauten. 1266 liessen sich die Franziskaner in nieder. Beide Gemeinschaften, die sich grossenteils aus den Bürgerfamilien der Stadt rekrutierten, zählten je zwischen 20 und 30 Mönche, die überall in der Region predigten und Almosen sammelten. 1476 gründeten die Klarissen ein Kloster beim Bourg-de-Four. Ihre Gebäude wurden nach der Reformation für das Hôpital général genutzt. Um 1480 liessen sich die Augustiner Eremiten nahe der Arvebrücke nieder, wo sie günstige Bedingungen für das Sammeln von Almosen vorfanden.

Die Juden gelangten ab Ende des 14. Jh. nach G.; sie richteten sich in der juiverie, einem Ghetto an der Place du Grand Mézel, ein. Ihre Lage verschlimmerte sich zusehends: 1461 wurde das Ghetto geplündert, und 1490 wurden die Juden aus G. verbannt.

Autorin/Autor: Redaktion / EM

2.5.2 - Das reformierte Genf

Mit dem Abbruch der Vorstädte wurden auch Saint-Victor sowie die Klöster der Dominikaner und der Augustiner Eremiten zerstört. Zugleich verschwanden die Pfarreien Saint-Victor und Saint-Léger. Die alte Kathedrale Saint-Pierre wurde in eine ref. Kirche umgewandelt (klass. Portikus von 1752-56), ebenso die Kirchen La Madeleine und Saint-Gervais, in denen Emporen eingezogen wurden, um der Bevölkerungszunahme Rechnung zu tragen. Die Kirche Saint-Germain wurde zeitweise als Kornspeicher, Zeughaus und Schlachthof sowie als Kanonengiesserei benutzt. Notre-Dame-la-Neuve (heute Auditoire de Calvin) diente für den Gottesdienst der ital., engl. und schott. Protestanten sowie als theol. Hörsaal, da die 1559 gegr. Akademie über keine eigenen Räumlichkeiten verfügte. Erst im 18. Jh. wurde der Temple Neuve (Temple de la Fusterie) erbaut (Einweihung 1715) und eine neue Kirchgemeinde eingerichtet. Die nichtcalvinist. Protestanten erhielten ihr Gotteshaus mit der luth. Kirche 1766. Die Reste des Klosters Saint-Jean wurden zur Verstärkung der Stadtmauer und für den Galgen von Champel verwendet, die Gebäude des Franziskanerklosters säkularisiert.

Autorin/Autor: Liliane Mottu-Weber / EM

2.6 - Wirtschaft und Gesellschaft

2.6.1 - Bevölkerung

Die period. Steuererhebungen des Bischofs geben näherungsweise Aufschluss über G.s Bevölkerung im MA. 1356-58 zählte man 491 Feuerstätten, was ca. 2'500 Einwohnern entsprach. 1464 wurden 1'232 Häuser und 2'445 Steuerpflichtige erfasst. Zu diesen Zahlen sind die Einwohner, die keine Steuern zahlten, d.h. die Adligen, Geistlichen und Untertanen, hinzuzurechnen. Somit betrug die Stadtbevölkerung im 14. und 15. Jh. schätzungsweise über 5'000 Einwohner.

Da vor 1798 - damals wurden in G. 24'331 Personen gezählt - keine Bevölkerungserhebungen stattfanden, lässt sich die Einwohnerzahl der frühen Neuzeit nur dank einiger weniger Zählungen bestimmen oder aufgrund der natürl. Bevölkerungsbewegung abschätzen. 1550 hatte G. demnach 13'150 Einwohner, 1580 17'330, 1650 12'250 und 1690 16'220. Im ersten Viertel des 18. Jh. stieg die Bevölkerung auf über 20'000 und in den 1770er Jahren auf über 25'000 Einwohner an. Die Schwankungen im 16. und 17. Jh. sind vorwiegend auf den Zuzug (in den 1550er Jahren über 5'000 Personen) oder Wegzug von prot. Flüchtlingen zurückzuführen. Zu dieser innerhalb der Stadtmauer lebenden Bevölkerung sind Ende des 17. Jh. einige hundert, Ende des 18. Jh. rund 3'000 Vorstädter hinzuzuzählen. Die Wiederbelebung der Vorstädte setzte in der 2. Hälfte des 17. Jh. ein, als die militär. Bedrohung nachliess.

Autorin/Autor: Redaktion / EM

2.6.2 - Messen und Handwerk

Wichtigster Faktor der Genfer Wirtschaft waren ab dem 13. Jh. die Messen, welche Händler, Bankiers, Spediteure, Künstler und später auch Drucker aus ganz Europa anzogen und G. zu einem Handelsplatz und kulturellen Zentrum ersten Ranges machten. Die Entwicklung der Genfer Messen begann 1260 und verlief zeitgleich mit dem Niedergang der Messen in der Champagne. Sie wurden viermal jährlich abgehalten - am Dreikönigstag, am Weissen Sonntag, an Petri Kettenfeier (1. Aug.) und an Allerheiligen - und dauerten jeweils zehn bis vierzehn Tage. In der 1. Hälfte des 15. Jh. spezialisierten sie sich im Geldhandel, und G. entwickelte sich zum wichtigsten Finanzplatz Europas. Ein Dutzend florentin. Handelshäuser, u.a. die Medici, siedelten sich in G. an. In den 1460er Jahren verliessen sie die Stadt wieder, nachdem Kg. Ludwig XI. 1462 mit der Verleihung eines Privilegs die Lyoner Messen gefördert hatte. Deutsche Händler, die zwischen 1480 und 1530 in G. tätig waren, verzögerten den Niedergang der grossen Genfer Messen, die sich in der 2. Hälfte des 16. Jh. schliesslich auflösten.

Die Präsenz des bischöfl. Hofs, der ab 1309 von der Nähe zum Papst in Avignon profitierte, sowie die Anwesenheit aufblühender Kongregationen und des savoy. Adels förderten die Ansiedlung von Luxusgewerbe und -geschäften und das Aufkommen freier Berufe, deren Vertreter einträgl. Geschäfte erwarteten. Die Erwerbstätigen waren grossenteils im Textil-, Leder- und Bekleidungsgewerbe beschäftigt: Tuchmacher, Weber, Färber, Schneider, Näher, Sticker, Kurzwarenhändler, Hutmacher, Teppichweber, Kürschner, Schuhmacher, Strumpfweber, Kaselmacher usw. Ihr guter Ruf brachte diesen Handwerkern Aufträge hoher Würdenträger der Kirche und des savoy. Hofes ein. Von insgesamt 2'101 Handwerkern, die bei einer Steuererhebung 1464 gezählt wurden, waren 340 (16%) in der Textil- und Lederbranche tätig. An zweiter Stelle folgte die Lebensmittelbranche mit 89 Beschäftigten: Metzger, Abdecker, Müller, Bäcker, Zuckerbäcker, Rotisseure, Köche und Fischer. Ab Ende des 15. Jh. waren an den meisten Flüssen in der Umgebung von G. Papiermühlen in Betrieb, die den bischöfl. Hof und die Klöster in der Stadt belieferten. Der Buchdruck verbreitete sich ab der 2. Hälfte des 15. Jh. Zwischen 1478 und 1500 wurden in G. rund einhundert Inkunabeln gedruckt. Ebenfalls gut vertreten waren Zimmer- und Bauleute. Neben einigen Töpfern, Zinngiessern und Goldschmieden sind noch 17 Gastwirte, zwölf Handwerkschirurgen, ein einziger Bankier, sieben Wechsler und 66 Notare belegt.

Die Bewohner der Freigüter (Franchises) im Stadtbereich wie in den Vorstädten wurden nach einem Aufenthalt von einem Jahr und einem Tag Untertanen des Bischofs, doch waren sie Freie mit garantierten Rechten. Die Reichsten von ihnen strebten den Kauf von Herrschaften auf dem Land an, um einen adligen Lebensstil zu führen oder sich mit savoy. Adligen zu verschwägern.

Autorin/Autor: Redaktion / EM

2.6.3 - Neue Gewerbezweige

Die Genfer Wirtschaft wurde massgeblich bestimmt durch die Lage der Stadt am Ausfluss der Rhone aus dem Genfersee und an den grossen Handelsrouten, die den Mittelmeerraum und Italien mit Frankreich, den eidg. Orten und Nordeuropa verbanden. Als prägend erwies sich auch G.s Funktion als Zufluchtsort, in den viele im eigenen Land verfolgte Protestanten strömten. Obwohl die Messen von G. ihre internat. Bedeutung verloren hatten, spielte der Grosshandel während des gesamten Ancien Régime weiterhin eine zentrale Rolle. Dies war v.a. auch den Lagerhallen an der Place du Molard zu verdanken, in denen alle Transitwaren in Konsignation gegeben und mit versch. Abgaben belegt wurden. Um die lokale Bevölkerung mit Produkten des tägl. Bedarfs und mit Grundnahrungsmitteln (Getreide, Wein, Fleisch, Milchprodukte, Obst, Gemüse und Öl) zu versorgen, wurden auf den Plätzen der Stadt und an den Häfen von Longemalle und Fusterie mehrere Märkte abgehalten. Dort führten Polizeibeamte strenge Kontrollen durch, um Betrug und Hamsterkäufe zu verhindern.

Die gewerbl. Tätigkeiten bzw. die Manufakturen, welche die Flüchtlinge im 16. Jh. nach G. brachten (v.a. Seidengewerbe, Golddrahtzieherei und Uhrmacherei) bzw. eröffneten, entwickelten sich mit Hilfe der Stadtbehörden, die Gebäude und Grundstücke zur Verfügung stellten sowie Darlehen und Steuerbefreiungen gewährten. Trotz dieser punktuellen Bemühungen stiessen die Handwerker in der Woll-, Seiden-, Leder- und Metallbranche ebenso wie die Drucker und Uhrmacher auf mancherlei Schwierigkeiten. Die Regierung war bestrebt, die Ausbildung der Handwerker, die verwendeten Techniken und die Zahl der Beschäftigen in den verschiedenen, den Nichtbürgern teilweise nicht offen stehenden Berufszweigen zu reglementieren und zu kontrollieren. Deshalb beteiligte sie sich an der Schaffung von Zünften, die das Produktionsmonopol innehatten.

Doch tat sich die Regierung schwer mit der Anpassung der für die Lagerhallen geltenden Tarife an die Erfordernisse der Produzenten, die ihre Rohstoffe aus entlegenen Gebieten importieren und ihre Erzeugnisse ins Ausland exportieren mussten. Ausserdem waren die Verleger in der von fremdem Gebiet umschlossenen Stadt gezwungen, sich innerhalb der Mauern zu betätigen, zumal ihnen die meisten Zünfte verboten, auf billigere ländl. Arbeitskräfte zurückzugreifen. Der Bevölkerungsdruck in der Stadt war gross, der verfügbare Raum knapp. Die bereits überfüllten Wohnhäuser wurden mit Webstühlen, Pressen, Seidenzwirnmühlen und Färberkesseln voll gestopft, und die wenigen vorhandenen Wiesen dienten zum Trocknen von Stoffen, Häuten und Leder. Auf der Rhoneinsel sowie an den Flussufern und auf den Rhonebrücken entstanden zahlreiche Getreide-, Walk-, Stampf- und Schleifmühlen. Im 18. Jh. stieg der Bedarf an Wasserkraft, was manchmal zu Konflikten zwischen den versch. Mühlenbetreibern führte. Das Textilgewerbe geriet in Konkurrenz mit der Uhrmacherei, Schmuckherstellung und Metallverarbeitung, ja sogar mit den Tabakreibern und Chocolatiers.

Die Bankgeschäfte, die mit dem internat. Handel, den prot. Glaubensflüchtlingen und den für die Kriege unter Ludwig XIV. aufgewandten Geldsummen eng verbunden waren, entwickelten sich ab 1700 zum Dreh- und Angelpunkt der Genfer Wirtschaft. Bankiers wie die Thellusson, Mitglieder der "hugenottischen Internationale" mit Beziehungen in Paris, Lyon, Amsterdam und London, tätigten langfristige Kreditgeschäfte (Renten) und legten den Grundstein der zukünftigen, in der Vermögensverwaltung aktiven Privatbanken. Ende des 18. Jh. finanzierte das Genfer Bankenwesen die franz. Monarchie; die Franz. Revolution zog den Zusammenbruch mehrerer renommierter Bankhäuser nach sich.

Autorin/Autor: Liliane Mottu-Weber / EM

2.6.4 - Städtebauliche Entwicklung

Die Gemeindebehörden bemühten sich von Fall zu Fall, die Probleme zu lösen, welche die Konzentration einer wachsenden kosmopolit. Bevölkerung auf beschränktem Raum mit sich brachte. Im 18. Jh. schlugen sich neue städtebauliche Überlegungen in einer Politik nieder, die darauf abzielte, die Stadt zu verschönern und die hygien. Bedingungen zu verbessern. Neue Bauten säumten die Treille (seit 1719 Rue des Granges), auf der Place de la Fusterie entstand eine Kirche, an der Porte Neuve ein Theater und am Bourg-de-Four ein neues Spital (1707-12, seit 1857 Palais de Justice). Nachdem die Stadt bis dahin von häufig privaten Quellen und Brunnen abhängig gewesen war, gelang es ihr nach mehreren gescheiterten Versuchen endlich, ihre Wasserversorgung zu verbessern. Hierfür liess sie 1708 Ingenieur Joseph Abeille an der Spitze der Rhoneinsel ein Wasserwerk errichten, mit dem Wasser aus der Rhone in sechs öffentl. Brunnen (vier davon im wohlhabendsten Quartier) gepumpt wurde. Die 1699 geschaffene Chambré de la netteté (Kammer für Sauberkeit) nahm eine schrittweise Sanierung der Stadt und ihrer Gräben vor, indem sie gedeckte Abwasserkanäle baute, die öffentl. Latrinen verbesserte sowie die Sammlung der Abfälle und deren Entsorgung ausserhalb der Stadt organisierte. Die von der Bevölkerung wiederholt geforderte Strassenbeleuchtung wurde erst im letzten Viertel des 18. Jh. eingeführt, nachdem die Regierung sich für die Anschaffung und den Unterhalt von öffentl. und privaten Laternen ausgesprochen hatte. Um die Wende zum 19. Jh. wurden diese Anstrengungen trotz wirtschaftl. Schwierigkeiten fortgesetzt.

Autorin/Autor: Liliane Mottu-Weber / EM

2.6.5 - Fürsorge

Für Arme besass die Stadt eine grosse Anziehungskraft. Mit der Armenpflege wurde das 1535 entstandene weltlich und zentral geführte Hôpital général betraut, das ausserdem für die Pflege der Kranken, die Betreuung der Waisen und die vorübergehende Unterbringung von Fremden auf der Durchreise zuständig war. Die für die Bürger von G. bestimmte Institution erwies sich als ungeeignet für die Aufnahme von Flüchtlingen, und so mussten zur Unterstützung von Franzosen, Italienern und "Deutschen" besondere Hilfsfonds eingerichtet werden.

Autorin/Autor: Liliane Mottu-Weber / EM

3 - 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Institutionen und politisches Leben

3.1.1 - Genf als französische Mairie (1798-1814)

Nach dem Anschluss an Frankreich 1798 galt die Stadt G. erstmals als von ihrem Territorium zu unterscheidende Verwaltungseinheit: Innerhalb des Canton de G., einer Untereinheit des gleichnamigen franz. Arrondissements, war eine Munizipalverwaltung für die Angelegenheiten der Stadt zuständig und eine zweite Administration für die ausserhalb der Befestigung gelegenen Gemeinden. Gemäss dem Gesetz vom 17.2.1800 (28. Pluviôse VII) wurde die nun als Präfektur eingestufte Stadt wie die anderen gleichrangigen franz. Gemeinden von einem Bürgermeister, zwei Adjunkten und einem Munizipalrat (Conseil municipal) geleitet. Die Munizipalverwaltung mit Sitz im alten Rathaus blieb während der Dauer der franz. Besatzung in Genfer Hand. Sie stand der Bevölkerung näher als die Präfektur, die sich im ehem. Sitz des franz. Residenten einrichtete.

Entsprechend seinem Status als franz. Gem. verfügte G. über ein Bureau de bienfaisance; dieses kümmerte sich um Bedürftige, die keinen Anspruch auf die den alteingesessenen Genfern vorbehaltene Unterstützung des Wohltätigkeitsvereins hatten. In diesen wirtschaftlich schwierigen Jahren musste der Maire häufig auf die alten Hilfsfonds zurückgreifen und schuf sogar einen neuen Fonds für fremde Arbeiter. Einige der Büros der Munizipalität (Finanzen, Handel und Gewerbe, Polizei) oder deren Untereinheiten (Sektionen für Ausländer, Sittenaufsicht, Gesundheit, Sauberkeit und Versorgung) übernahmen die Aufgaben, die früher die Verwaltungskammern der Republik wahrgenommen hatten. Der am längsten amtierende Maire (1801-14) war Frédéric-Guillaume Maurice, vormals Syndic und Mitglied des Rats der Zweihundert sowie zusammen mit den Brüdern Pictet Gründer der "Bibliothèque britannique". Er wurde von den Genfern, deren Interessen er - namentlich in Steuerfragen - gegenüber den Forderungen der Zentralregierung verteidigte, ebenso geschätzt wie von den franz. Behörden.

Autorin/Autor: Liliane Mottu-Weber / EM

3.1.2 - Aufhebung und Wiederherstellung der Gemeinde

1814 wurde mit der Restauration die 1800 eingeführte Form der Stadtregierung abgeschafft und die Stadt G. als einzige Genfer Gemeinde aufgehoben. Die städt. Verwaltung fiel unter die Aufsicht der kant. Exekutive, die diese über eine ihrer Komm., die Rechnungskammer, ausübte. Letztere, zusammengesetzt aus vier Mitgliedern des Staatsrats und vier von diesem ernannten Munizipalräten, hatte v.a. die Aufgabe, ein von der Regierung zu genehmigendes Budget zu erstellen. Die festgelegten Posten, die aus dem Ungeld und aus versch. anderen Abgaben gespeist wurden, dienten zum Unterhalt der Strasseninfrastruktur und der hydraul. Maschine sowie zur Tilgung der Schulden der ehem. Mairie.

In den 1830er Jahren verliehen die zunehmende Autonomie der ländl. Gemeinden und die Wirtschaftsflaute den Befürwortern eines durch Wahl zu bestimmenden Conseil municipal Auftrieb. Diese Vertreter liberaler und radikaler Anschauungen waren der Ansicht, ein solches, unbedingt von aktiven Protestanten zu leitendes Organ würde die Genfer Industrie wieder ankurbeln. Sie stiessen jedoch auf hartnäckigen Widerstand der konservativen Mehrheit im Parlament, dem Repräsentierenden Rat. Die durch Petitionen zusätzlich angeheizte Auseinandersetzung löste den Handstreich vom 21.11.1841 aus, der zur Schaffung eines Verfassungsrates führte.

Die Verfassung von 1842 gab der Stadt G. ihre Autonomie zurück. Sie sah als Exekutive eine Stadtregierung (Conseil administratif) mit elf Mitgliedern vor. Gewählt wurden diese von einem Stadtparlament (Conseil municipal, Legislative), dem 81 durch allg. Wahl bestimmte Räte angehörten. Die Verfassung von 1847 behielt dieses System weitgehend bei und verminderte lediglich die Zahl der Ratsmitglieder auf fünf bzw. 41. Dagegen vergrösserte sich die Stadtverwaltung, die 1850 mit Waisenkommission, Baubüro, öffentl. Bibliothek, akadem. Museum, botan. Garten, Uhrmacherschulen, Zivilstandsamt und Ungeldverwaltung nicht weniger als acht Büros umfasste. Die Stadt erweiterte auch ihre kulturellen, sozialen und finanziellen Kompetenzen, was häufige Konflikte mit dem Kanton nach sich zog.

Autorin/Autor: Irène Herrmann / EM

3.1.3 - Stadt und Kanton: eine schwierige Kompetenzverteilung

Die Stadtgemeinde G. in ihrer heutigen Form entstand 1930 mit der Fusion der Gem. G., Plainpalais, Les Eaux-Vives und Le Petit-Saconnex, die ab 1924 Gegenstand polit. Debatten war. Am Anfang dieses Zusammenschlusses war eine Ausweitung des Zuständigkeitsbereichs der Stadt G. über ihr begrenztes Territorium hinaus v.a. in kulturellen Fragen gestanden. In dieser Zeit war die Stadtbevölkerung im Schrumpfen begriffen, weil die Vorortsgemeinden sich entwickelten und viele Innenstadtbewohner dorthin zogen. Der Zusammenschluss sollte die Gemeindeverwaltung rationalisieren und der Stadt die benötigten finanziellen Mittel sichern.

Das Vorhaben, die Gem. G. aufzuheben und die Stadt unter Aufsicht des Kantons zu stellen, scheiterte im Dez. 1926 am Genfer Stimmvolk. Eine andere Vorlage, welche die Aufgaben von Kanton und Stadt klarer voneinander abgrenzte, wurde im März 1930 angenommen. Vier Kreise, welche die Namen der früheren Gem. trugen, blieben bis 1958 bestehen; dann wurden sie aufgegeben, weil sie mit der Entvölkerung des Stadtzentrums und der noch grösseren Bevölkerungsverschiebung in die Peripherie ihre Daseinsberechtigung verloren hatten. Eigentlich waren städt. und kant. Verwaltung klar voneinander getrennt, wobei die Stadt sich um die Abfallentsorgung, den Feuerwehrdienst, die Sportanlagen und die öffentl. Parks kümmerte, einen beträchtl. Immobilienbestand verwaltete und v.a. auch weiterhin die volle Verantwortung für den Grossteil der kulturellen Einrichtungen trug. Dass die Versorgungsbetriebe bis 1974 in Händen der Stadt blieben, weist jedoch auf einige nicht ganz gelöste Probleme hin.

Ab den 1960er Jahren entwickelte die Stadt wie die Kantonsverwaltung neue Aktivitäten, um den erkannten gesellschaftl. Bedürfnissen besser gerecht zu werden. So schuf sie z.B. nach und nach Einrichtungen für Kleinkinder (Krippen, Kindergärten). Parallelentwicklungen der Verwaltungstrukturen von Stadt und Kanton führten bei der Erfüllung neuer Aufgaben, u.a. im Polizeibereich, zu Kompetenzkonflikten. Auseinandersetzungen, die etwa die Raumplanung und die Verkehrspolitik betrafen, liessen weitere solche Konflikte bezüglich der Gebietsverwaltung offen zu Tage treten, so insbesondere 1996 das von den Stadtbehörden bekämpfte Projekt einer Über- oder Unterquerung der Rade und 1999 die Ablehnung einer Parkgarage unter der Place Neuve in einer kommunalen Abstimmung. Immer wieder stellt sich die Frage in versch. Form, inwieweit die Stadtbürger für den ganzen Kanton verbindl. Entscheidungen treffen können.

1931-95 regierte eine zusehends schwindende bürgerl. Mehrheit die Stadt. 1967-91 verfügten die traditionellen Rechten nach der Wahl von Vertretern der fremdenfeindlichen rechtsextremen Partei Vigilance nicht mehr über die Mehrheit im Stadtparlament (Conseil municipal), doch blieb die Linke in der Minderheit. 1970 brachte die Partei der Arbeit erstmals einen Abgeordneten in die Stadtregierung, und die Rechte versuchte vergeblich, die Wahl eines kommunist. Maire zu verhindern. 1991 gewannen die Linke und die seit 1987 vertretenen Grünen mit 40 Sitzen die Hälfte der Mandate im Stadtparlament sowie die Mehrheit in der Stadtregierung (Conseil administratif). Seit 1995 halten Linke und Grüne die Mehrheit im Stadtparlament (44 Sitze) wie in der Stadtregierung (1995 3 Sitze, 1999 und 2003 mit der Wahl eines Kandidaten des Linksbündnisses 4 Sitze). Der Maire von G. wird jeweils für ein Jahr gewählt. 1968-69 hatte mit Lise Girardin erstmals eine Frau dieses Amt inne.

Zu Beginn des 21. Jh. besteht offenbar immer noch keine befriedigende Abgrenzung der Aufgaben von Stadt und Kanton; eine Neuverteilung der kant. und der städt. Verantwortlichkeiten wird weiterhin diskutiert. Allerdings laufen Rationalisierungen in Zeiten einer Wirtschafts- und Haushaltskrise meist auf blosse Streichungen hinaus. In diesem Kontext ist der Vorschlag des Staatsrats von 1999 zu interpretieren, Stadt und Kanton zu fusionieren. Der mehrheitlich bürgerl. Genfer Kantonsregierung stand jedoch in der Stadt eine linke Mehrheit gegenüber, weshalb das Vorhaben scheiterte.

Autorin/Autor: Charles Heimberg / EM

3.2 - Wirtschaft und Gesellschaft

3.2.1 - Krisenjahre (1798-1814)

G.s Eingliederung in das Departement Léman war den Beziehungen zu seinem Hinterland und zu Frankreich keineswegs zuträglich und erschwerte den Handelsverkehr. Die Ein- und Ausfuhr von unbearbeiteten und bedruckten Stoffen wurden mit Verboten und Abgaben belegt und an eigens dafür errichteten Schranken an den Stadttoren eine neue, für den Strassenunterhalt bestimmte franz. Abgabe erhoben (die Indiennes mussten während ihrer Herstellung ständig zwischen den Vororten und einigen Werkstätten im Stadtzentrum hin und her verfrachtet werden). Auf den Handwerkern der Fabrique lasteten Patentrechte und die Tür- und Fenstersteuer, die ihre Werkstätten besonders hart traf. Nun konnten sie auch bestimmte unverzichtbare Güter aus Stahl nicht mehr beschaffen, weil diese wegen ihrer mutmasslichen engl. Herkunft verboten waren. Für die wenigen Teile, die sie dennoch einzuführen vermochten, waren hohe Abgaben zu entrichten. Der Mangel an Kohle führte sporadisch zum Anstieg der Arbeitslosigkeit, die einen erhebl. Teil der Bevölkerung betraf.

Die Munizipalität stand zwischen den Bürgern, die ihre Steuern nicht zahlen konnten und sich gegen den Wachtdienst sträubten, und der Präfektur, die von ihr die ausserordentlich hohen, der Gem. auferlegten direkten Steuern einforderte. Obwohl sie die Einführung eines Ungelds erwirkte, dessen Erträge ihr zufielen, litt sie unter ständigem Geldmangel. Sie schaffte es nicht, die Mittel für die notwendigen Ausgaben der Stadt aufzubringen, deren Pflaster und Wasserwerk instand gestellt werden mussten. Zuweilen sparte sie bei der Strassenbeleuchtung, so dass die Laternen nur brannten, wenn Private dafür aufkamen. Zudem musste die Munizipalität den Katholiken eine Kirche (1803 Saint-Germain) und einen Friedhof (1807) zur Verfügung stellen und sich an der Besoldung des Pfarrers beteiligen.

Autorin/Autor: Liliane Mottu-Weber / EM

3.2.2 - Die Schleifung der Stadtbefestigung

Während die Revolution von 1841 der Stadt eine Bestätigung ihrer Gemeindeautonomie brachte, führte die von 1846 zum Abbruch der Befestigungsanlagen, welche die Stadt in ihrer Ausdehnung hemmten und deren Bevölkerungswachstum bremsten (1814 21'812 Einw. ohne Vorortsgemeinden; 1834 27'177; 1843 29'289). Im beginnenden 19. Jh. waren die Wehrmauern nur mehr von geringem Nutzen, zumal sie zunehmend verfielen. Als G. 1815 der Eidgenossenschaft beitrat, verlangten daher mehrere einflussreiche Persönlichkeiten deren Abbruch. Ihnen standen andere Kreise gegenüber, die - von einer Belagerungsmentalität geprägt - die Mauern als Garanten der Genfer Eigenständigkeit erhalten wollten. Um die drei Tore des Hauptortes zu entlasten, wurden Stege über die Mauern geführt. Es wurde beschlossen, in dem am wenigsten exponierten Bereich auf der Seeseite eine Bresche zu schlagen. In den 1830er Jahren wurden die Genferseeufer neu gestaltet und die alte Bastion der Ile aux Barques (heute Ile Rousseau) in eine Promenade umgewandelt. Diesen Neuerungen lag ein umfassender Bauplan für die Rade zugrunde; aktiv unterstützt wurde dieser von den Liberalen, die dabei eigene Interessen verfolgten (Société immobilière des Bergues).

Den entscheidenden Schlag zur Schleifung der Befestigungsanlage führten die Radikalen von 1849 an aus und leiteten damit eine Umgestaltung der Stadt ein: Wohnviertel (Les Tranchées), öffentl. Bauten (1874-79 Grand Théâtre, 1903-10 Musée d'art et d'histoire) und zahlreiche Schulgebäude entstanden, wobei Letztere meist in einem als typisch schweizerisch geltenden Stil gehalten waren. Die Universität Genf, welche die Akademie ablöste, erhielt im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin ein eigenes Gebäude (1868-73). Mit dem Verschwinden der Umfassungsmauer veränderte sich auch der alte Stadtkern. Neue Strassen und Boulevards (ceinture fazyste) wurden angelegt, architekton. Relikte wie die dômes (Vordächer zum Schutz von Warenauslagen) oder das Kornhaus von Longemalle entfernt und schmucke Promenaden gestaltet. Daneben entstanden auch mehrere Sakralbauten wie Notre-Dame (1852-59), die erste nach der Reformation errichtete kath. Kirche der Stadt G., die 1853 geweihte engl. Kirche, die Synagoge (1857-58), die russ. Kirche (1866) und der Freimaurertempel (1857-58), der 1875 in die Kirche Sacré-Cœur umgewandelt wurde. Der Pont de Coulouvrenière (1857 erbaut und 1896 für die Landesausstellung erneuert) und die Mont-Blanc-Brücke (1861-62) ergänzten den alten Pont de l'Ile und den 1832 erbauten Pont des Bergues. Der Haupthafen, die Rade von 1858, diente bis Anfang des 20. Jh. dem Handel auf dem Genfersee.

Die Öffnung der Stadt leitete nicht nur eine städtebauliche Erneuerung ein, sondern gab auch der wirtschaftl. und gesellschaftl. Modernisierung Anstösse. Die riesige Baustelle schwächte zunächst einmal die grosse, von 1846 bis 1849 dauernde Krise ab, indem sie zahlreichen Erwerbslosen Arbeit verschaffte. Die Bebauung und Bewirtschaftung der versch. Gelände begünstigte wiederum die Immobilienspekulation, um deren Erträge sich Stadt und Kanton stritten. Der frei gewordene Platz wurde auch genutzt, um 1858 den Bau von Eisenbahnanschlüssen in Angriff zu nehmen, welche die Stadt mit dem franz. und schweiz. Schienennetz verbinden sollten. Doch kam man zu spät; die Linienführung der grossen Strecken, die G. abseits liegen lassen sollten, waren damals bereits festgelegt. Dagegen spielte G. bei der Strassenbahn eine Vorreiterrolle (1862 Pferdebahn, 1878 Dampf-, seit 1894 Elektroantrieb). Der Jet d'eau, die Fontäne im Genfersee, wurde 1891 zur 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft eingeweiht.

Mit dem immer grösseren Zustrom ausländ. Arbeitskräfte veränderte sich schliesslich die soziale Struktur der Stadt. Während zu Beginn des 19. Jh. ein Zugewanderter vom Land noch deutlich von einem Städter zu unterscheiden war, verwischten sich dann die Unterschiede allmählich. Die Bevölkerung wurde mehr und mehr kosmopolitisch, was auch der neu gewonnenen internat. Bedeutung der Stadt entsprach. 1843-1910 verdoppelte sich die Bevölkerung der Stadtgemeinde G., die von 29'289 auf 58'337 Einwohner stieg, nahezu. Das grösste Wachstum verzeichneten allerdings die Vorortsgemeinden. 1843 zählte Les Eaux-Vives 1'761, Plainpalais 3'030 und Le Petit-Saconnex 2'612 Einwohner; 1910 war die Bevölkerung dieser Gem. auf 17'580, 30'016 bzw. 9'310 Personen angewachsen, was einer Gesamtzunahme von 7'403 auf 56'906 Einwohner entsprach. Nach dem 1. Weltkrieg schrumpfte die Stadt G. (1920 56'292 Einw.), während die Nachbargemeinden (70'334 Einw.) weiter wuchsen.

Autorin/Autor: Irène Herrmann / EM

3.2.3 - Die Agglomeration Genf

Im 20. Jh. erfasste die Urbanisierung weitere Teile der Agglomeration Genf. 1941 lebten in der Gem. G., die 1931 um drei Vorstadtgemeinden erweitert worden war, noch 71,2% der Kantonsbevölkerung (124'431 von 174'855 Einw.). 2000 betrug dieser Anteil nur noch 43%; von den 177'964 Einwohnern der Stadt waren damals über 40% Ausländer. Nach wie vor ist die Stadt jedoch im Vergleich zu den anderen Gem. ausserordentlich gross und zählt immer noch sechsmal mehr Einwohner als Vernier, die bevölkerungsmässig zweitgrösste Gem. des Kantons. Die Agglomeration ragt über die Grenzen des verhältnismässig kleinflächigen Kantons hinaus; zu ihr zählen Gebiete des Kt. Waadt und der franz. Dep. Ain und Haute-Savoie.

Die wirtschaftl. Entwicklung war von einer Desindustrialisierung der Stadt bzw. des Stadtkerns und einer Zunahme des Dienstleistungsbereichs geprägt, nicht zuletzt, weil sich viele Unternehmungen des sekundären Sektors in die neuen Industriezonen am Stadtrand verlagerten (z.B. Charmilles Technologies). Die Präsenz internat. Organisationen (Völkerbund ab 1920, Sitz der UNO ab 1946) förderte u.a. die Entwicklung des Tourismus, des Freizeitangebots und des Geschäftslebens (Autosalon, Palexpo).

In den 1920er und 30er Jahren entstand das internat. Quartier am rechten Ufer anstelle der früheren grossen Landgüter, deren Parks erhalten blieben. Satellitenstädte wie Lignon wurden in den umliegenden Gem. hochgezogen. Dagegen wurde die Genfer Altstadt im 20. Jh. kaum angetastet (eine Ausnahme diesbezüglich ist der 1934-36 am rechten Ufer angelegte Place de Cornavin). Zu den baulichen Neuerungen des 20. Jh. gehören das Wohnviertel Champel, das Industriequartier La Praille-Acacias, das ab 1958 Gestalt annahm, und der 1972-73 für das Westschweizer Fernsehen errichtete Fernsehturm. Nach dem Mai 1968 betraten Vereinigungen zum Schutz beliebter Quartiere die polit. Bühne, die mitunter wie z.B. im Quartier Les Grottes grössere Eingriffe verhinderten. Die Verkehrsberuhigung der Innenstadt sowie der Ausbau des öffentl. Verkehrs führten mitunter zu Konflikten mit den zuständigen kant. Behörden.

In kultureller Hinsicht sorgte die Stadt G. nicht nur für den Fortbestand der vorhandenen Strukturen, sondern schuf auch neue Kulturstätten (Kunsthaus Grütli) und Museen (1964 Museum für Wissenschaftsgeschichte, 1966 Naturhist. Museum, 1972 Uhren- und Emailmuseum, 1994 Museum für moderne und zeitgenöss. Kunst, 2005 internat. Reformationsmuseum). Wie das Beispiel des 2002 vom Volk abgelehnten Völkerkundemuseum zeigt, liessen sich jedoch nicht alle Projekte verwirklichen.

Autorin/Autor: Charles Heimberg / EM

Quellen und Literatur

Archive
– AEG
– StadtA Genf
Literatur
– M.-A. Haldimann, P. Moinat, «Des hommes et des sacrifices», in ArS 22, 1999, 170-179