25/08/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Marthalen

Polit. Gem. ZH, Bez. Andelfingen. Haufendorf mit markanten Fachwerkbauten im Zürcher Weinland zwischen Thur und Rhein. Zur Gem. zählen auch Ellikon am Rhein, die Weiler Niedermarthalen und Radhof. 858 Martella. 1464 27 Haushaltungen (ohne Ellikon); 1649 862 Einw.; 1771 1'012; 1850 1'401; 1900 1'164; 1920 1'296; 1950 1'215; 1980 1'259; 2000 1'803.

Siedlungsfunde aus der späten Latènezeit im Steinacker sowie einer röm. Niederlassung im Niederwil. 858 vergabte Wolvene dem Kloster Rheinau seine Besitzungen in M. und benachbarten Orten. In der Folge baute das Kloster eine weitgehend geschlossene Grundherrschaft auf und blieb bestimmend für die dörfl. Belange, bis sich die Marthaler 1754 in einem sensationellen Schritt unter Führung des initiativen Untervogts Hans Jacob Wipf für 30'000 Gulden freikaufen konnten. Die Vogtei lag als Rheinauer Lehen nach mehreren Wechseln ab 1408 bei Schaffhauser Patriziern. Die hohen Gerichte gehörten ursprünglich zur Landgrafschaft Thurgau, anschliessend zur Grafschaft Kyburg. Mit dieser kam M. 1424 ein erstes Mal pfandweise, 1452 endgültig an Zürich. Die 1126 geweihte Kapelle (Patrone Gallus und Antoninus) stand im Filialverhältnis zur Rheinauer Bergkirche. In der Reformationszeit stellte sich die Gem. vehement auf die Seite der Glaubenserneuerung und erreichte 1525 die Erhebung zur Pfarrei. 1606 Neubau des Chors, 1660 Erweiterung des Kirchenschiffs, 1975-77 Renovation mit neuem Dachreiter und Gussglasfenstern.

Neben dem dominierenden Getreidebau und Reben (1771 1'528 bzw. 224 Jucharten) verfügten die Bauern über Wässerwiesen mit einem Kanalsystem, das bis in die 1950er Jahre erhalten blieb. Anregungen zu agrar. Neuerungen im 18. Jh. gingen vom Musterbauern Hans Jacob Toggenburger aus, der mit der Ökonom. Kommission der Physikal. Gesellschaft in Zürich korrespondierte, Statistiken und Berichte erstellte, Versuche mit Wiesenklee (1766) durchführte und eine regionale landwirtschaftl. Gesellschaft gründete und leitete. Aus der 1876 gegr. Käserei-Gesellschaft entstand die Milch-Genossenschaft, aus dem 1885 gegr. Gemeindeverein die landwirtschaftl. Genossenschaft. Im Rahmen der Melioration von 1928 wurden zwei Hofsiedlungen angelegt. 1992 verfügten 60 Betriebe über 730 ha Nutzfläche: u.a. 330 ha Getreide, 135 ha Wiesen, je 85 ha Kartoffeln und Zuckerrüben, 50 ha Mais, 2 ha Reben. 1725 gewährte Zürich M. das Marktrecht, was einen Aufschwung des Gewerbes brachte (Färbereien, Gerbereien, Büchsenschmied, Kupferschmied). Erste industrielle Unternehmen waren eine Pferdehaarspinnerei (1843) und eine chem. Fabrik für Kunstdünger (1860) bei der Station der 1857 eröffneten Rheinfallbahn Winterthur-Schaffhausen; 1920 folgte eine Leichtmetallgiesserei. Ab den 1960er Jahren wurde der Kiesabbau im Gebiet Niederwiesen intensiviert. Von regionaler Bedeutung sind das Oberstufenschulhaus (Bau 1959), das Alters- und Pflegeheim für sechs Verbandsgemeinden (1987) sowie die Landesprodukte-Zentrale des Volg (1990).


Literatur
– H. Kläui, Aus der Gesch. der Gem. M., 1958
Die Kirche M., 1977
– P. Kamber, «Die Reformation auf der Zürcher Landschaft am Beispiel des Dorfes M.», in Zugänge zur bäuerl. Reformation, hg. von P. Blickle, 1987, 85-125
– M. Lee, M., 1991
– R. Nägeli, Wie die Marthaler sich frei kauften, 2003

Autorin/Autor: Reinhard Nägeli