Môtiers (NE)

Ehemalige politische Gemeinde NE, Bezirk Val-de-Travers, seit 2009 mit Les Bayards, Boveresse, Buttes, Couvet, Fleurier, Noiraigue, Saint-Sulpice (NE) und Travers Teil der neuen Gemeinde Val-de-Travers. Dorf an Areuse und Bied, von zahlreichen Streusiedlungen (Chaux, Pré Monsieur, Sagneule, Riau, Sur le Crêt, Vers chez Bordon, Pierrenod) umgeben. 1228 Valtravers, 1267 de Mostier. 1750 404 Einw.; 1800 633; 1850 947; 1860 1'176; 1900 1'043; 1950 893; 1980 711; 2000 849.

Das Dorf entstand um das Priorat Saint-Pierre, das zwischen 909 und 1032 von der Abtei Cluny und einem der burgund. Könige gegründet worden sein soll. Die Ausgrabungen von 1997 brachten allerdings Fundamente einer Vorgängerkirche zum Vorschein, die aus dem 8. oder gar dem 7. Jh. datieren; demzufolge dürfte die Besiedlung des Val-de-Travers ein bis zwei Jahrhunderte früher erfolgt sein. Schon 1960 vorgenommene archäolog. Untersuchungen belegen, dass im 12. Jh. eine Pfarrkirche (halbkreisförmiger, rom. Chor, Marienpatrozinium) in unmittelbarer Nähe des Priorats errichtet wurde. Dies offensichtlich als Folge eines Bevölkerungsanstiegs. Priorat und Kirche bildeten das Zentrum einer Pfarrei, die das ganze Bas-Vallon von La Clusette (Noiraigue) bis nach Buttes und Saint-Sulpice umfasste und zum Dekanat Neuenburg bzw. der Diözese Lausanne gehörte (Vautravers). Zu Beginn des 15. Jh. zählte die Pfarrei mit ihren Filialkapellen in Travers, Saint-Sulpice und Buttes etwa 120 Haushalte, was weniger als 1'000 Einwohnern entspricht. Ursprünglich im Besitz der geistl. und weltl. Gewalt, verlor das Priorat Letztere zunehmend an Adlige und schliesslich an die Gf. von Neuenburg, die das Val-de-Travers ihrem Herrschaftsgebiet einverleibten, dort eine Kastlanei einrichteten und zwischen 1311 und 1344 das südlich von M. gelegene Schloss bauten. Fortan fungierte M. als Zentrum der Gerichtsherrschaft. In der 2. Hälfte des 14. Jh. bildete M. mit Couvet, Boveresse, Fleurier, Buttes und Saint-Sulpice eine Korporation (die sog. Six Communes), welche die Nutzung der gemeinsamen Waldungen und der westlich des Priorats errichteten Markthalle (Holzbau, ab Ende des 16. Jh. Steinbau) regelte. Ab 1485 fanden in M. zwei Jahrmärkte als älteste im Tal statt, die allen Bewohnern der Kastlanei Vautravers und der Herrschaft Les Verrières offenstanden. Im 16. Jh. verfestigte sich die Gemeindeorganisation von M., dem gemeinsam mit Boveresse (bis 1813) die Pachtrechte an einer Mühle, einer Sägerei, einer Stampfe (1513), an gemeinsamen Weiden (1522) und an einem Ofenhaus (1526) übertragen wurden. M. wurden zudem zwei Schützengesellschaften zugestanden, die Prix (oder Compagnie) des Mousquetaires und die Noble corporation de l'Abbaye. Trotz der Nähe des Priorats, das 1537 säkularisiert wurde, trat M. zur Reformation über. Durch die Errichtung selbstständiger Kirchgemeinden in den meisten Dörfern verlor M. zunehmend seine Rolle als Mutterkirche des Bas-Vallon; nur Boveresse als Mitbesitzerin der Kirche verblieb in der Kirchgemeinde. 1551 wurde die erste Schule des Val-de-Travers eröffnet, die von Geistlichen geleitet wurde. 1553 erhielt die Gemeinde eine zweite Mühle. Um den komplexer werdenden öffentl. Aufgaben gerecht zu werden, wurde ab 1664 ein Generalrat mit 24 Mitgliedern ernannt, dazu zwei Statthalter und vier Gerichtsbeisitzer. Erst 1669 erhielt die Kirche von M. einen Glockenturm (voher nutzte man den der Prioratskirche). Ein Brand zerstörte 1723 einen Teil des Dorfes. Der Aufenthalt von Jean-Jacques Rousseau 1762-65 machte M. international bekannt. Zwischen 1831 und 1848 beteiligten sich versch. Einwohner M.s an den liberalen Bewegungen, die auf den Sturz des monarchist. Regimes hinarbeiteten. Der Krämer Louis Grandpierre wurde zum Präs. des ersten Gr. Rats gewählt; der Spitzenhändler Charles-Louis Jeanrenaud-Besson war Mitglied des ersten Staatsrats der am 1.3.1848 proklamierten Republik Neuenburg. Ab diesem Jahr war M. Bezirkshauptort, Gerichtsort und Sitz der Präfektur (1935 aufgehoben) des Val-de-Travers und erhielt einen Posten der Kantons- sowie Ortspolizei. Seit 1891 wird eine Fischzucht betrieben; eine Verkaufsstelle der landwirtschaftl. Genossenschaft des Val-de-Travers existiert seit 1957. Das 1826 erbaute Gefängnis (früher im Schloss) diente 1872-99 als Zuchthaus für Frauen. M. liegt zwar abseits der am Nordhang des Tals entlangführenden alten Strasse nach Frankreich, doch bildete es den Ausgangspunkt des Vy aux Moines, eines ma. Wegs, der das Priorat über Boveresse, Monlési und dem Tal von La Brévine mit dem Kloster von Montbenoît (Dep. Doubs, F) verband. 1777 wurde die Strasse nach Couvet, 1812 die direktere nach Fleurier gebaut, die den Umweg über Pré Monsieur vermeidet. Die Haltestelle der Eisenbahnlinie Régional du Val-de-Travers besteht seit 1883. M. weist keine industriellen Grossbetriebe auf, verfügt aber über die verschiedensten Landwirtschafts- und Gewerbebetriebe (Anbau und Destillation der zur Herstellung von Absinth und Pfefferminzextrakt notwendigen Pflanzen, Sektkellerei seit 1829, Sämischgerberei, Klöppelei, Baumwollhäkelei, Uhrmacherei, Wein- und Spirituosenhandel). Mit dem Brunnenfest feiert das Dorf alljährlich den Beitritt des Fürstentums Neuenburg zur Eidgenossenschaft (12.9.1814). 1967-80 erfolgte eine Teilmelioration. 2005 stellte der 2. Sektor 68% der Arbeitsplätze in M., der 1. Sektor 7,5%.


Literatur
– H. Jéquier, Le Val-de-Travers, comté de Neuchâtel, des origines au XIVe siècle, 1962
Kdm NE 3, 1968, 49-90
HS III/1, 1602-1613
– E.-A. Klauser, Le prieuré Saint-Pierre de M., 1990
– J. Bujard, «Aperçu des découvertes archéologiques anciennes et récentes dans les églises neuchâteloises», in RHN, 1998, 233-240

Autorin/Autor: Eric-André Klauser / EJ