Philanthropinum

Unter dem Begriff P. verstand man im 18. Jh. eine Erziehungsanstalt, in deren Zentrum die Menschen- und Bürgerbildung stand. Von der pädagog. Bewegung der Aufklärung (v.a. Johann Bernhard Basedow), dem System der engl. Public-Schools, dem pietist. Gedankengut und der Franckeschen Stiftung in Halle beeinflusst, gründete Martin von Planta 1761 das Seminar in Haldenstein. Damit setzte von Planta ein Erziehungsmodell in die Praxis um, das die Helvet. Gesellschaft in der Schweiz und Basedow in Deutschland bisher nur theoretisch erörtert hatten. Mittels Anschauung, Lehre und Übung in Selbstbestimmung sollten die Jünglinge zu verantwortungsbewussten Staatsbürgern heranwachsen (1770 92 Schüler). Das 1771 nach Marschlins verlegte Institut wurde nach von Plantas Tod 1772 von Ulysses von Salis und Johann Peter Nesemann, einem Zögling der Hallenser Schulen, weitergeführt. Salis nannte nun das bisherige Seminar von Planta P. und führte es von da an nach Basedow'schem Muster (1776 46 Schüler). Die Anstalt ging 1777 wegen Unfähigkeit des Direktors Carl Friedrich Bahrdt ein. Hierauf versuchte Johann Baptista von Tscharner mit seiner 1787 gegr. Erziehungsanstalt in Jenins, die er 1793 ins Schloss Reichenau verlegte, den Geist des P.s weiter zu pflegen; 1798 musste auch diese Schule ihre Tore schliessen. Die vier bündner. "Schulrepubliken" beeinflussten im 19. Jh. namhaft die Modelle der Landerziehungsheime und der Erziehungsanstalten des Berner Pädagogen Philipp Emanuel von Fellenberg.


Literatur
– A. Rufer, Vier bündner. Schulrepubliken, 1921
Lex. der Pädagogik, hg. von H. Kleinert et al., 2, 1951, 390; 3, 1952, 45, 127, 364, 404, 458

Autorin/Autor: Martin Bundi