Molkenkur

Die Molke (Schotte, Sirte) fällt als flüssiges Nebenprodukt nach der Gerinnung der Milch bei der Käse- und Ziegerherstellung an. Als Getränk genossen ist sie wenig sättigend und energiearm, besteht v.a. aus Wasser und enthält Milchzucker, Mineralstoffe sowie Vitamine. Seit der Antike wurde ihre abführende und gesundheitsfördernde Wirkung hervorgehoben. Die aus Ziegenmilch gewonnene Molke aus dem Gebirge galt wegen der Alpenkräuter im Futter der Ziegen als besonders heilsam.

Die M. kam in der 1. Hälfte des 18. Jh. im viehwirtschaftlich geprägten Voralpen- und Alpengebiet (Alpstein) als Fremdenverkehrsangebot im Appenzellerland und in Graubünden auf, z.B. 1749 in Gais oder 1730 in Seewis im Prättigau, und bestand bis gegen Ende des 19. Jh. weiter. Im Umfeld der aufklärer. Geselligkeitskultur und der Bäder wurde die M. mit zeitgenöss. Diätvorstellungen, der Naturheilkunde sowie mit der Anwendung von Heilkräutern kombiniert. Anfang des 19. Jh. entstanden im Berner Oberland (1803 Interlaken, Wengen, Grindelwald) und Jura (1829 Weissenstein) weitere Kurbetriebe.

Im 18. und 19. Jh. wurde die M. zur Behandlung der unterschiedlichsten Leiden und Krankheiten empfohlen und als Heilmittel v.a. gegen die Begleiterscheinungen der ungesunden und bewegungsarmen Lebensweise der städt. Bevölkerung betrachtet. In Gais wurde sie - vor der Einführung von Höhenkuren - auch zur Behandlung von Lungenkrankheiten und Tuberkulose eingesetzt. Eine Kur dauerte zwei bis vier Wochen, war geprägt vom abwechselnden Rhythmus von Trinken und Spazieren (Licht und Luft) und galt als gesellschaftl. Ereignis. Während 1890 in der Schweiz noch fast 30 Molkenkurorte existierten, wurde die M. bereits um 1900 als nutzlos betrachtet. Nach dem 2. Weltkrieg erfuhr sie etwa in Heiden eine Reaktivierung, wo es sie zu Beginn des 21. Jh. noch als Fasten- und Wellnessangebot gab.


Literatur
– U. Hegner Die M., 1819, (Nachdr. 1981, 1983)
– E. Bircher «Die M., ihr Werden und Vergehen und ihre heutige Bedeutung», in AJb 77, 1949, 94 f.
– R. Gallati Interlaken, vom Kloster zum Fremdenkurort, 1977, 55-57 (21996)
– W. Schläpfer, Wirtschaftsgesch. des Kt. Appenzell Ausserrhoden bis 1939, 1984, 205-213
– R. Gallati, Aarmühle Interlaken 1838-1988, 1991, 51 f.

Autorin/Autor: Quirinus Reichen