Lexika

Die ersten alphabetisch geordneten hist. L. der Schweiz erschienen im 18. Jh. Voraus gingen ihnen hist.-topograf. Werke, etwa jene von Sebastian Münster und Johannes Stumpf, sowie gescheiterte Versuche oder solche, die nicht über handschriftl. Fassungen hinauskamen. Vorbild der ersten L. war Abbé Louis Moreris Arbeit "Le grand dictionnaire historique", die 1674 in Lyon erstmals veröffentlicht, mehrfach überarbeitet und dann übersetzt wurde. In der Schweiz nahm sich der Basler Prof. Johann Jakob Hofmann Moreri zum Vorbild und publizierte 1677 das zweibändige "Lexicon universale [...]". Später verbesserte der Basler Bibliothekar und Prof. Jakob Christoph Iselin eine dt. Ausgabe des Moreri (Leipzig, 1709), die bezüglich der Schweiz sehr fehlerhaft war. Er rekrutierte dafür in anderen Kantonen Mitarbeiter und brachte schliesslich 1726 ein "Neu-vermehrtes Historisches- und Geographisches Allgemeines Lexicon [...]" in vier Foliobänden heraus, das erstmals korrekte Artikel über die Kantone, Städte und Schweizer Persönlichkeiten enthielt. Auf diese Einträge stützte sich wiederum Pierre Roques, Pfarrer der franz. Kirche in Basel, für seine Moreri-Ausgabe von 1731-32.

Das erste, ausschliesslich der Schweiz gewidmete Lexikon, das 20-bändige Werk "Allgemeines Helvetisches, Eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon" (1747-65), stammte vom Zürcher Bankier Johann Jacob Leu. Diesem kamen seine langjährige Erfahrung mit Sammelwerken sowie seine Verbindungen zugute, die er aufgrund seiner Ämter hatte. Hingegen behinderten das Misstrauen der kath. Kantone und die teils mangelhaften Fähigkeiten seiner Informanten die Arbeit. Trotzdem trug er viel neues Material über zahlreiche Orte, Fam. und Personen zusammen, die bislang keinen Eingang in die grossen Universallexika gefunden hatten. Leu schrieb alles selbst, kam auch für die Finanzierung auf und beendete sein Werk in weniger als zwanzig Jahren, weil er sich für ein effizientes statt für ein perfektionist. Vorgehen entschied. Nach derselben Arbeitsweise reichte der Zürcher Apotheker Hans Jakob Holzhalb 1786-95 ein sechsbändiges "Supplement" nach. Allerdings konnte er deren Veröffentlichung nur finanzieren, indem er sich unter ein Patronat der kant. Regierungen stellte.

Zur gleichen Zeit vereinigte der Berner Vinzenz Bernhard Tscharner in seinem zweibändigen "Dictionnaire géographique, historique et politique de la Suisse" (Neuenburg, Genf und Lausanne, 1775-76) alle Artikel, die er für die Encyclopédie d'Yverdon verfasst hatte, wobei er sie mit Ergänzungen und Korrekturen versah. 1782-84 erschien das Werk in einer dt. Übersetzung von Friedrich König und Jakob Samuel Wyttenbach.

In der 1. Hälfte des 19. Jh. legte einzig der Basler Markus Lutz ein Lexikon vor, und zwar 1822 das Werk "Geographisch-statistisches Handlexikon der Schweiz für Reisende und Geschäftsmänner [...]" (2., erweiterte dt. Ausgabe 1827-35, 1. franz. 1836-37). Ab 1848 wurde dann, unterstützt von risikofreudigen Verlegern wie Hans Huber in Frauenfeld und Victor Attinger in Neuenburg, ein beachtl. Aufwand betrieben, um der Schweiz verlässl. Nachschlagewerke zur Verfügung zu stellen. So erschienen bei Huber das vierbändige "Schweizerische Künstler-Lexikon" von Carl Brun (1905-17), bei Attinger das sechsbändige, auf Deutsch und Französisch publizierte "Geographische Lexikon der Schweiz" (GLS, 1902-10) sowie das siebenbändige "Historisch-Biographische Lexikon der Schweiz" samt Ergänzungsband (dt. und franz., 1921-34). Letzteres hatte eine bewegte Geschichte. Nachdem Attinger auf der Grundlage des GLS und Leus Werk, von dem er sich jedoch abgrenzte, eine Stichwortliste erstellt hatte, unterbrach der 1. Weltkrieg das Unternehmen. Erst nach Kriegsende konnten unter der Leitung Marcel Godets, Direktors der Schweiz. Landesbibliothek, und Heinrich Türlers, Bundesarchivars und ehem. Berner Staatsarchivars, Redaktion und Publikation der Bände in Angriff genommen werden. Attinger besass kein Redaktionskomitee, sondern nur leitende Mitarbeiter, die er unter den Kantonsarchivaren fand und denen die Autorensuche oblag. Dank Bürgersinn fanden sich zahlreiche Verfasser, die für den Inhalt ihrer Artikel verantwortlich zeichneten, wobei die Texte von unterschiedl. Qualität waren. Mangelnde Disziplin und Weitschweifigkeit führten zu Überschreitungen des Budgets und zu beträchtl. Defiziten, was v.a. die Herausgabe der letzten Bände beeinträchtigte. Der erste Band wurde 1921, der siebte 1933 publiziert, gefolgt von einem zweiteiligen Ergänzungsband 1934. Eine Kommandit-, später eine Aktiengesellschaft lösten den vom finanziellen Einsatz überforderten Herausgeber ab.

Ein Nachschlagewerk über die Schweiz auf einer ganz anderen Grundlage bildete das am Ende des 2. Weltkriegs in Zürich erschienene "Schweizer Lexikon" (1945-48) mit einem eher enzyklopäd. als hist. Charakter, das ein breites Publikum ansprach. Es hatte in Deutschland grossen Erfolg, wo ein Nachholbedarf an nicht-nationalsozialist. Werken bestand. Im Hinblick auf die 700-Jahr-Feier des Bundes übernahm Wilhelm Ziehr, ein Chefredaktor mit dt. Wurzeln, diese Form der L. Für das sechsbändige "Schweizer Lexikon 91" (1991-93), das 1998-99 in einer zwölfbändigen Volksausgabe noch einmal aufgelegt wurde, schuf er ein Patronatskomitee und gewann eine Vielzahl von Autoren aus den unterschiedlichsten Milieus. Bei den Einträgen über die Schweiz handelt es sich im Prinzip um Originale, deren Qualität unterschiedlich ist, während die allg. Artikel aus der Enzyklopädie von Joseph Meyer stammen. Ebenfalls im Jubiläumsjahr 1991 kam das viersprachige "Lexikon der Schweizer Literaturen" heraus, das auf eine Initiative Pierre-Olivier Walzers zurückging.

Es bestehen auch kant., manchmal auf Biografien beschränkte hist. L. Den Kt. Waadt z.B. behandeln die L. von Louis Levade (1824), David Martignier und Aymon de Crousaz (1867), Albert de Montet (1877-78) und Eugène Mottaz (1912-21), den Kt. Aargau das 1958 erschienene "Biographische Lexikon des Aargaus, 1803-1957".

Aufgrund des Erkenntnisfortschritts und neuer historiograf. Methoden stiegen die Ansprüche an hist. L. und deren inhaltliches Programm wurde entsprechend breiter. Der Realisierung stand die Schwierigkeit entgegen, in einer relativ kleinen Bevölkerung mit einem drei- oder sogar viersprachigen Werk kommerziell bestehen zu können. In der 2. Hälfte des 20. Jh. wurden zwar versch. Ideen für weitere L. diskutiert, aber nur die spezialisierten, begrenzten und von der öffentl. Hand getragenen Projekte gelangten zum Abschluss: die vier nationalen Dialektwörterbücher (Dialektologie), das "Künstler-Lexikon der Schweiz XX. Jh." von Hans Christoph von Tavel und Eduard Plüss (1958-67), die L. des Schweiz. Instituts für Kunstwissenschaft (1981, 1991, 1998) sowie das auf 13 Bände angelegte "Historische Lexikon der Schweiz" (2002-), das gleichzeitig in dt., franz. und ital. Sprache erscheint und zusätzlich eine einbändige rätorom. Ausgabe vorsieht. Ferner besteht seit 2002 in Zürich das Forschungsprojekt "Allgemeinwissen und Gesellschaft. Enzyklopädien als Indikatoren für Veränderung der gesellschaftl. Bedeutung von Wissen, Bildung und Information".


Archive
– AEN, Archiv des Hist.-Biogr. Lex. der Schweiz
– ZBZ, Nachlass Johann Jakob Leu
Literatur
– L. Moreri, Le grand dictionnaire historique [...] 1, 1731, (Einleitung von P. Roques)
HBLS 7, 787 f., (Schlusswort)
– M. Vogt, Johann Jacob Leu, 1689-1768, 1976
– C. Santschi, «Les archivistes et le nouveau Dictionnaire historique et biographique de la Suisse», in Mitt. der Vereinigung schweiz. Archivare 34, 1982, 1-16
Editeurs neuchâtelois du XXe siècle, hg. von J. Rychner, M. Schlup, 1987, 30-32
HLS-Bull., 1991-2002

Autorin/Autor: Catherine Santschi / MD