• <b>Protestantismus</b><br>Der Theologieprofessor Karl Barth in seinem Büro an der Universität Basel, 1962  © KEYSTONE/Photopress. Barth übertrug die reformierte Theologie auf das Alltagsleben und beeinflusste mit seinem Werk Generationen von Pfarrern. Sein weltweit rezipiertes Werk löste leidenschaftlich geführte Auseinandersetzungen aus.

Protestantismus

Der Begriff P. umfasst die hist. Erscheinungsformen des Christentums, die in unterschiedl. Weise die Reformation des 16. Jh. aufnehmen. Er geht auf den Reichstag von Speyer 1529 zurück. Dort wehrte sich die evang. Minderheit mit dem reichsrechtl. Mittel der protestatio gegen die kath. Mehrheit, die den einstimmigen Reichstagsbeschluss von 1526 aufhob, der das Wormser Edikt ausgesetzt und die Einführung der Reformation ermöglicht hatte. Der Einwand betraf einen reichspolit. Vorgang und nicht die kath. Kirche. Die evang. Stände wurden als protestantes bezeichnet. Das Substantiv P. kam im 18. Jh. auf und wurde im 19. Jh. analog zum Katholizismus verwendet. Das Adjektiv protestantisch wird oft synonym zu evangelisch benutzt. Anders als der Katholizismus hat der P. sowohl im Bekenntnis als auch in der Organisation eine vielfältige Gestalt. Er umfasst die Evangelisch-reformierten Kirchen (Zwinglianismus, Calvinismus), die Lutherische Kirche, die Täufer und die Anglikanische Kirche sowie die nachreformator. Kirchen, Evangelische Freikirchen und Gruppen (Freikirchen und Sekten). Die Schweiz ist neben Deutschland eines der Ursprungsländer des P.

Autorin/Autor: Martin Sallmann

1 - Reformation und Konfessionalisierung (1523-1712)

Das Streben der eidg. Orte nach Autonomie, die humanist. Kritik an der Ständegesellschaft und ein latenter Antiklerikalismus der Bevölkerung begünstigten die Reformation in Zürich (1523), St. Gallen (1524), Bern (1528), Basel und Schaffhausen (1529) sowie Genf (1536). Der städt. Rat entschied über die Einführung der Reformation und beanspruchte die Autorität in geistl. Angelegenheiten, was die Täufer ablehnten. Mit der Umsetzung der Reformation entwickelten sich charakterist. Gremien: Die Pfarrer trafen sich in Synoden, welche die Bischöfe ersetzten, versammelten sich zur theol. Arbeit (Prophezei, congrégation) und wachten mit Ratsherren über die Sittenzucht (Sittengerichte). Nach der Niederlage der Protestanten besiegelte der Zweite Kappeler Landfrieden 1531 die konfessionelle Zweiteilung der Eidgenossenschaft.

Während der Konfessionalisierung (Konfessionalismus) bildeten sich in den prot. Territorien Obrigkeitskirchen heraus. Die weltl. Obrigkeit genehmigte Kirchenordnungen und Bekenntnisschriften, die Kirche vermittelte Lehre und Normen in Gottesdienst und Unterricht (Predigt, Kirchenlied, Katechismus). Eigene Bekenntnisse hielten zur Orientierung und Abgrenzung die Lehre fest (Basel 1534, Genf 1536). Überregionale Geltung erlangten das 1. und 2. Helvetische Bekenntnis von 1536 bzw. 1566, der Consensus tigurinus von 1549 und für die Täufer die Schleitheimer Artikel von 1527. Zur Ausbildung der prot. Eliten wurden Akademien gegründet. Anfang des 17. Jh. prägte die Protestantische Orthodoxie alle prot. Kirchen der Eidgenossenschaft. Der Zweite Villmergerkrieg 1712 brachte den Protestanten die Konfessionelle Parität.

Autorin/Autor: Martin Sallmann

2 - Pietismus und Aufklärung (1690-1815)

Die Bewegungen des Pietismus und der Aufklärung versuchten die prot. Schultheologie zu überwinden und betonten das sittl. Leben gegenüber der orthodoxen Lehre. Der Pietismus kam Ende des 17. Jh. auf, wurde von den Obrigkeiten heftig bekämpft, schliesslich aber in die Kirchen eingegliedert. Es bildeten sich pietist. Gemeinschaften wie die Herrnhuter Brüdergemeine, die Heimberger Brüder oder die Inspirierten. Samuel König oder Beat Ludwig von Muralt kamen als radikale Pietisten im Ausland zu Ansehen.

Auch das von Jean-Jacques Rousseau, Albrecht von Haller und Johann Kaspar Lavater verbreitete Gedankengut der Aufklärung fand in den prot. Kirchen rege Aufnahme. Die Autorität der Kirchen und die Verbindlichkeit der Bekenntnisse wurden kritisiert und die individuelle Gestaltung des Glaubens gefördert. Inhalte des Glaubens waren Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Vernunft, Erfahrung, Gewissen und Natur fanden in Theologie und Frömmigkeit erhöhte Beachtung. In der 1761 bzw. 1762 gegr. Helvetischen Gesellschaft sammelten sich aufklärer. Kräfte, die den polit. Zusammenhalt fördern und die konfessionelle Zweiteilung aufheben wollten. Gegen Ende des 18. Jh. war die Dominanz der prot. Orthodoxie überwunden, eine Mehrheit der Pfarrer war aufklärerisch gesinnt. Pietismus und Aufklärung individualisierten die Frömmigkeit und relativierten die Autorität der etablierten Kirchen. Damit bereiteten sie die tief greifenden institutionellen Veränderungen des P. im 19. Jh. vor.

Die Helvetische Republik 1798 führte zur Erschütterung der staatskirchl. Verhältnisse. Die Verbindungen zwischen Kirche und Staat wurden gelöst. Die Kirchen sollten das sittl. Verhalten fördern, der säkularisierte Staat die bürgerl. Rechte sichern. Glaubens-, Gewissens- und Kultusfreiheit waren in der gesamten Republik gewährleistet. Erstmals wurden die Täufer offiziell anerkannt. Während der Mediation und Restauration dagegen verstärkten sich, unterstützt durch Liberalismus und Radikalismus, die staatskirchl. Tendenzen. Die etablierten prot. Kirchen konnten überall ihre Stellung halten. Die Aufsicht über das Schulwesen aber blieb ihnen entzogen.

Autorin/Autor: Martin Sallmann

3 - Erweckung, Pluralisierung und Ökumene (seit 1815)

Die Erweckungsbewegungen kämpften für eine Erneuerung des P. und propagierten traditionelle Glaubensinhalte wie Autorität der Bibel, Sündhaftigkeit des Menschen und persönl. Heilszueignung. Zahlreiche Vereine verfolgten neben den Kirchen religiöse, pädagog. oder karitative Zwecke. In Basel gingen aus der Dt. Christentumsgesellschaft (1780) die Basler Bibelgesellschaft 1804 oder die Basler Mission 1815 hervor. In Genf suchten Kreise des Réveil nach Alternativen zum rationalist. Klima in Kirche und Akademie. Während es in der dt. Schweiz zu keinen Trennungen kam, entstanden in der franz. Schweiz mehrere von der Nationalkirche unabhängige Freikirchen (Genf, Waadt, Neuenburg, Berner Jura).

Die Demokratisierung nach 1848 veränderte die Gestalt des P. Es entstanden Landeskirchen mit kant. Kirchenräten (Exekutive) und Synoden (Legislative), in welchen die Konflikte zwischen Liberalen und Konservativen ausgetragen wurden. Die liberalen Reformer, z.B. Alois Emanuel Biedermann, setzten sich für eine zeitgemässe Interpretation von Bibel und Bekenntnis sowie eine entsprechende Ausgestaltung von Liturgie und Katechismus ein. Sie erreichten die Aufhebung der Verpflichtung auf das apostol. Glaubensbekenntnis (Apostolikumsstreit). Die konservativen Positiven wie Christoph Johannes Riggenbach engagierten sich für die überlieferte Lehre und die traditionelle Kirchlichkeit, während die Vermittler wie Karl Rudolf Hagenbach als kirchl. Mitte einen Ausgleich zwischen den Parteien suchten. Ab dem 20. Jh. waren die Religiös-Sozialen, zu denen Hermann Kutter und Leonhard Ragaz gehörten, eine kirchenpolit. Kraft, die sich für das Gespräch mit der Sozialdemokratie einsetzte. Unter dem Eindruck der Katastrophe des 1. Weltkriegs vertraten sie eine antimilitarist.-pazifist. Haltung und kämpften für eine gerechtere Gesellschaft. Dieses "Richtungswesen" prägte den P. bis weit in das 20. Jh. Im Verlauf des 19. Jh. kamen andere prot. Gruppen in die Schweiz: u.a. Methodisten, Darbysten, Baptisten, Chrischona-Gemeinden, Adventisten, die Heilsarmee und die Neuapostolische Kirche.

Nach dem 1. Weltkrieg suchten Exponenten der sog. Dialektischen Theologie wie Karl Barth, Emil Brunner und Eduard Thurneysen einen theol. Neuansatz. Die kant. Kirchen gründeten 1920 den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), um ihre Anliegen gegenüber Bundesbehörden, kath. Bischofskonferenz und internat. ökumenischen Gremien vorzubringen. 1940 entschied sich der SEK für den Beitritt zum Ökumenischen Rat der Kirchen. Nach dem 2. Weltkrieg engagierte sich der P. in sozialeth., entwicklungspolit. und ökolog. Bereichen. Theologinnen wurden seit Mitte des 20. Jh. zunehmend als hauptamtl. Pfarrerinnen gewählt. Die Ökumene führte zu mehreren formellen Einigungen zwischen den Konfessionen.

<b>Protestantismus</b><br>Der Theologieprofessor Karl Barth in seinem Büro an der Universität Basel, 1962  © KEYSTONE/Photopress.<BR/>Barth übertrug die reformierte Theologie auf das Alltagsleben und beeinflusste mit seinem Werk Generationen von Pfarrern. Sein weltweit rezipiertes Werk löste leidenschaftlich geführte Auseinandersetzungen aus.<BR/>
Der Theologieprofessor Karl Barth in seinem Büro an der Universität Basel, 1962 © KEYSTONE/Photopress.
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Zu Beginn des 21. Jh. fand sich der P. in einer multireligiösen Gesellschaft wieder. Individualisierung und Pluralisierung der Weltanschauungen und Lebensstile haben die Bindungen an kirchl. Institutionen und Traditionen gelöst. Der Anteil der Reformierten an der Schweizer Bevölkerung ist stark gesunken (1950: 56%, 2000: 33%). Wie die Gesellschaft ist der P. vielfältiger geworden. Nach wie vor in die ökumen. Gremien eingebunden, fordert ihn international, national und kantonal der gesellschaftl. Wandel, v.a. in den Begegnungen mit anderen Konfessionen und Religionen.

Autorin/Autor: Martin Sallmann

Quellen und Literatur

Literatur
– R. Pfister, Kirchengesch. der Schweiz 2, 1974; 3, 1984
Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994, (21998)
Storia religiosa della Svizzera, hg. von F. Citterio, L. Vaccaro, 1996
TRE 30, 682-712
Religion in Gesch. und Gegenwart 7, 42004, 1064-1071
– P. Aerne, Religiöse Sozialisten, Jungreformierte und Feldprediger, 2006

Autorin/Autor: Martin Sallmann