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Sichel

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Die S., einst das wichtigste Arbeitsinstrument zum Mähen von Gras und Getreide, wurde im Getreidebau und in der Viehwirtschaft eingesetzt und ist seit dem Neolithikum in unterschiedl. Formen und Materialien belegt. Sichelähnl. Geräte (u.a. Gertel, Rebmesser) dienen bis in die Gegenwart dem Entlauben von Zweigen für Laubheu, dem Schneiden von Schilf und von Rebstöcken.

Das an einem kurzen Holzstiel befestigte halbmondförmige Blatt der Bogen- bzw. das gekrümmte der Hakensichel wurde vom Dorfschmied angefertigt. Vor der Ernte musste es durch Dengeln (Hämmern), während der Ernte durch Wetzen geschärft werden. Für das Ernten mit der S., das als anstrengend und beschwerlich galt, wurden meist migrierende Erntearbeiter im Akkord beschäftigt. Gebückt oder kniend, notdürftig durch Kniebinden aus Filz oder Leinwand geschützt, bündelten sie das Getreide mit der Hand zum Schnitt, der in halber Halmhöhe ausgeführt wurde. Obwohl die Sense bekannt war, blieb die S. in der Schweiz bis in die 2. Hälfte des 19. Jh. das wichtigere Gerät bei der Kornernte, insbesondere bei der ärmeren Bevölkerung. Der Vorteil der S. war der geringere Körnerverlust beim Schnitt. Noch in den 1860er Jahren brachten Saisonarbeiter aus dem Schwarzwald ihre eigenen S.n zur Ernte ins schweiz. Kornland mit. In den meisten Gebieten fand der Wechsel zur Kornsense erst ab den 1860er Jahren statt. Gründe waren die Verknappung und Verteuerung der ländl. Arbeitskräfte und die Einführung von neuen Getreidesorten mit besseren Hafteigenschaften in der Ähre. Bis heute wird die S. für kleinere Arbeiten, z.B. zum Putzen von Heckenrändern, benützt.

Mit der S. verbanden sich Erntebräuche wie die Sichellöse (-henki, -legi, -ledi, -schnitt, Sichleten), ein üppiges Erntedankmahl mit Gesang und Tanz, das der Hofbauer am Ende der Ernte seinen Arbeitern stiftete, ferner ma. Rechtsbräuche wie der Sichelwurf vom Dachfirst aus, um die Weidefläche der Hühner zu bestimmen (u.a. Offnung von Oberuzwil, 1500).


Literatur
Idiotikon 3, 1200, 1444; 7, 186
– M. Lemmenmeier, Luzerns Landwirtschaft im Umbruch, 1983, 243-245
LexMA 3, 2180-2183
– J. Mathieu, Eine Agrargesch. der inneren Alpen, 1992, 215-223

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler