• <b>Absinth</b><br>Karikatur zur Abstimmung von 1908, die in der satirischen Zeitschrift "Guguss'" in Genf erschien (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Absinth

Der A., ein aus Wermut (franz. absinthe) hergestellter Likör, wurde im neuenburg. Val-de-Travers vom ausgehenden 18. Jh. an industriell produziert (die Pflanze wurde urspr. medizin. verwendet). Auf Neuenburger Gebiet ist der Konsum von mit Wermut versetztem Wein ab 1737 belegt, jener eines Wermut-Extrakts ab 1769 (Branntwein). Die Ursprünge des A.s sind nicht gesichert: Fälschlicherweise werden sie auf Dr. Ordinaire zurückgeführt, einen 1768 nach Couvet geflüchteten franz. Arzt. Dagegen könnte das Rezept ebenfalls in Couvet von Henriette Henriod erfunden oder entwickelt worden sein, die es kommerziell umsetzte. 1797 gründeten Daniel-Henri Dubied, sein Sohn Marcelin und sein Schwiegersohn Henri-Louis Pernod eine A.-Brennerei in Couvet und begannen den Schnaps auf breiter Grundlage zu vermarkten. Aufgrund des grossen Erfolgs machte sich Pernod bald selbstständig und eröffnete 1805 in Pontarlier (F) eine Fabrik, die sich rasch zum Grossbetrieb entwickelte. A. wurde -- auch wegen des Wermut-Anbaus -- zur wichtigen Erwerbsquelle im Val-de-Travers (ca. 20 Brennereien). Ein grosser Teil der Produktion wurde in Frankreich konsumiert, wo die Fée verte im 19. Jh. zum Kultgetränk avancierte. Gleichzeitig begann sich die Medizin systemat. mit den Wirkungen des A.s zu befassen und warnte insbes. vor der Schädigung des Nervensystems.

1908 nahmen die Schweizer Stimmberechtigten eine Initiative für ein Verbot des A.s mit deutl. Mehrheit an. Anstoss zum Verbot hatte das Verbrechen eines jungen Weinbergarbeiters in Commugny gegeben, der wenige Jahre zuvor Frau und Kinder im Alkoholrausch erschossen hatte (Alkoholismus). Kant. Massen-Petitionen führten 1906 bzw. 1907 zu Verbotsgesetzen in den Kt. Waadt und Genf. Eine von Vertreterinnen und Vertretern der Abstinenzbewegung lancierte schweiz. Volksinitiative vereinigte die Rekordzahl von 167'814 Unterschriften. Die Mehrheit des Parlaments wie auch der Parteien stellte sich hinter die Initiative. Mit 241'078 (63,5%) zu 138'669 Stimmen wurde die Vorlage am 5.7.1908 vom Volk gutgeheissen (Art. 32ter der Bundesverfassung). Mit dem A.-Verbot vorangegangen war 1906 Belgien; Frankreich folgte im Kriegsjahr 1915. 1936 liess der Bundesrat Anis-Liköre mit geringerem Alkoholgehalt zu, u.a. unter Berufung auf die schlechte finanzielle Lage der Eidg. Alkoholverwaltung.

<b>Absinth</b><br>Karikatur zur Abstimmung von 1908, die in der satirischen Zeitschrift "Guguss'" in Genf erschien (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Karikatur zur Abstimmung von 1908, die in der satirischen Zeitschrift "Guguss'" in Genf erschien (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)


Literatur
– M.-C. Delahaye, L'absinthe, 1983
– H. Fahrenkrug «La fin merveilleuse de la "fée verte"», in Traverse, 1994, H. 1, 40-51
– P.-A. Delachaux, «L'absinthe au Val-de-Travers», in RHN, 1997, 3-22

Autorin/Autor: Rolf Trechsel