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Neuenburg (Gemeinde)

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Polit. Gem. NE, Hauptort des gleichnamigen Kantons und Bezirks. Zu N. gehören das Quartier Serrières, die Streusiedlungen am Chaumont (1171 m), der frühere Weiler Suchiez und seit 1930 die ehem. Gemeinde La Coudre. Die Gem. besitzt zudem versch. Landgüter, so das ihr 1512 zugefallene Gut Les Joux (Gem. La Chaux-du-Milieu und Les Ponts-de-Martel) und das Gut Le Champ-du-Moulin (Gem. Brot-Dessous), dessen Quellen N. seit 1887 mit Wasser versorgen. Die Stadt liegt an dem nach ihr benannten Neuenburgersee. Das Flüsschen Seyon passiert die Siedlung unterirdisch. Die Autobahn A5, die Eisenbahnlinie entlang dem Jurafuss und die TGV-Strecke Paris-Bern führen durch N. Weitere Bahnverbindungen bestehen nach La Chaux-de-Fonds und Le Locle, ins Val-de-Travers und nach Freiburg. N. ist Sitz der Kantonsverwaltung und das Zentrum der Agglomeration, welche die am See gelegenen Orte zwischen den Gem. La Tène im Osten und Cortaillod im Westen umfasst. Die Stadt macht beim Projekt Communauté urbaine du littoral mit, das 2007 im Rahmen des Agglomerationsprogramms Réseau urbain neuchâtelois eingeführt wurde. 1011 Novum castellum, 1143 Novum Castrum. Der Name entwickelte sich im Deutschen von Nuvenburch (1033) zu N. (ab ca. 1725), im Französischen von Nuefchastel (1251), über Neufchastel (1338) zu dem sich ab 1750 allmählich durchsetzenden Neuchâtel.

Bevölkerung Neuenburga
JahrEinwohner
13531 000-1 200
1530ca. 1 600
17503 666
1800ca. 4 000

Jahr18501870b18881900191019301950197019902000
Einwohner7 90112 93416 56521 19524 17122 66827 99838 78433 57932 914
Anteil an Kantonsbevölkerung11,2%13,6%15,3%16,8%18,2%18,2%21,8%22,9%20,5%19,6%
Sprache          
Französisch  11 51115 56617 54317 02721 89726 20024 57925 881
Deutsch  4 6514 5965 1614 6124 7845 1172 4671 845
Italienisch  2608019917231 0095 1152 0711 421
Andere  1432324763063082 3524 4623 767
Religion, Konfession          
Protestantisch7 09811 01213 97317 54819 75018 61521 43921 88213 19810 296
Katholischc7892 3272 3873 5003 9443 6385 89115 26213 30510 809
Andere142512051474774156681 6407 07611 809
davon jüdischen Glaubens  94801116358595558
davon islamischen Glaubens       764811 723
davon ohne Zugehörigkeitd       7915 6347 549
Nationalität          
Schweizer7 06811 30614 44718 10820 62520 64026 30730 01224 25022 801
Ausländer8332 2842 1183 0873 5462 0281 6918 7729 32910 113

a Angaben 1850-2000 gemäss Gebietsstand 2000

b Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

c 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

d zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Von der Urzeit bis ins Frühmittelalter

Die ältesten Spuren von Menschen auf dem Gemeindegebiet sind die Reste eines Jägerlagers aus dem Magdalénien, das auf 13'000 v.Chr. datiert wurde. Es kam 1990 beim Bau der A5 bei Monruz (La Coudre) 5 m unter der Kantonsstrasse zum Vorschein. Rund um die Feuerstellen fanden sich behauene Feuersteine und Knochen. Die sonnige Lage, der Uferbereich, der im Vergleich zu heute wegen des 3 m tieferen Seespiegels breiter war, und die Wanderungen des Wildes (Pferde, Rentiere) zwischen Rhone und Rhein begünstigten die zeitweilige Ansiedlung von Cro-Magnon-Menschen. Neben den Feuerstein- und Knochenartefakten fanden sich drei winzige Ohrgehänge aus Lignit, die als Fruchtbarkeitssymbole dienten und die ältesten bekannten Kunstwerke der Schweiz darstellen. Am selben Ort wie die Cro-Magnon-Menschen hielten sich später Jäger des Azilien (11'000 v.Chr.) auf. Deren Beute waren nunmehr Hirsche und Wildschweine, da sich seit dem Magdalénien mit dem Klima auch die Fauna verändert hatte.

Die im 19. Jh. erwähnten Pfahlbauten bei Le Crêt nahe der roten Kirche blieben später unauffindbar. Beim Bau der unteren Station der Standseilbahn, die Bahnhof und Universität verbindet, trat 1999 eine Ufersiedlung zutage, die der späten Cortaillodkultur (mittleres Neolithikum) zuzuordnen ist. Gemäss dendrochronolog. Untersuchungen entstand sie 3571 v.Chr.

Nicht bestätigt ist die Hypothese, dass der leicht zu verteidigende Schlosshügel während der Bronze- oder Eisenzeit besiedelt war. Ein Hallstattgrab (ältere Eisenzeit) fand sich jedoch im Wald Les Cadolles. In Les Favarges wurde ein galloröm. Grab und in Fontaine-André ein kleines Münzdepot entdeckt, während bei Grabungen an der Mündung der Serrière 1908 galloröm. Badeanlagen aus dem 2. und 3. Jh. zum Vorschein kamen.

In Les Battieux (Serrières) befindet sich eines der bedeutendsten merowing. Gräberfelder des Kantons. 1982 wurden 38 Gräber aus dem 7. Jh. freigelegt, die u.a. einige mit Silber tauschierte oder plattierte Gürtelschnallen enthielten. Ebenfalls in Serrières, in der Kirche Saint-Jean, wurden 1945 und 1997 die Reste einer Kultstätte des 7. Jh. ausgegraben.

Autorin/Autor: Michel Egloff / EM

2 - Vom Hochmittelalter bis 1848

2.1 - Ursprung und Entwicklung der Stadt

Für die Gründung einer städt. Siedlung waren die geogr. Voraussetzungen im Gebiet von N. ideal. Der See war ein wichtiger Schifffahrtsweg und zwei grosse Schluchten mündeten hier in die Vy d'Etra, die alte Verkehrsachse am Jurarand. Die Schlucht der Areuse bildete über das Val-de-Travers eine Verbindung zum Burgund und die des Seyon eröffnete einen Zugang zum Val-de-Ruz und zum Fürstbistum Basel. Eine frühe Siedlung entstand auf einem strategisch günstigen Felssporn, der im Norden und Osten durch den Seyon begrenzt war. Anhand des Grabens, der zur Sicherung des Hügels gegen Westen angelegt wurde, lässt sich die Siedlung auf Ende des 10. Jh. datieren. Erstmals erwähnt wird N. in der Schenkungsurkunde des Burgunderkönigs Rudolf III. vom 24.4.1011. Zu den Gütern, die er seiner Verlobten Irmingard gab, gehörte ein Ort namens novum castellum (neue Burg), der als regalissimam sedem (sehr königl. Gut) bezeichnet wird. Lange wurde angenommen, diese neue Burg habe eine ältere ersetzt, über deren Existenz und Standort nichts bekannt sei. Die Ausgrabung der stattlichen röm. Villa in Colombier hat die Debatte neu entfacht, da manche in dieser Anlage die Vorläuferin des novum castellum sehen. Zum Zeitpunkt der Schenkung war N. wahrscheinlich das Zentrum eines neu angelegten Königshofs, der kurz vorher in Ergänzung zu den anderen Königsgütern und Herrenhufen (sedes), über die der Kg. von Burgund seine Westschweizer Ländereien verwaltete, entstanden war.

Um diese südwestlich des Hügels gelegene erste Burg bildete sich eine Garnison. Von ihr ausgehend, wuchs die ma. curtis nach und nach zu einem kleinen Flecken heran. Er wurde von einem Graben im Westen und dem Seyon als natürl. Hindernis begrenzt. Die Stiftskirche entstand wie der rom. Teil des heutigen Schlosses im letzten Viertel des 12. Jh. Grabungen in der Kirche förderten Reste eines älteren Bauwerks zutage. Der ursprüngl. Burgflecken wurde durch je ein Tor in der Tour des Prisons und der Tour de Diesse (beide 13. Jh.) abgeschlossen. Als Ersatz für diese beiden, zu eng gewordenen Durchgänge entstanden später neben den Türmen die Porte du Chastel und die Maleporte.

Vor 1250 erweiterte sich N. zunächst um den Umschlagplatz Croix-du-Marché, später um die Rue des Moulins. In der 2. Hälfte des 13. Jh. kam das linke Seyon-Ufer dazu, wo sich ein neues Quartier (Neubourg, Chavannes, Grand-Rue und Rue de l'Hôpital) entwickelte. Im 14. Jh. liess Gf. Ludwig von N. nordöstlich des Hügels eine neue Burg bauen, aus der schliesslich das heutige Schloss hervorging. Gleichzeitig wurde um das Städtchen eine einfache Ringmauer errichtet, die im 15. Jh. ausgebaut wurde, ab Mitte des 17. Jh. jedoch ihren Zweck verlor.

Vom 16. bis 18. Jh. stiess die Stadt allmählich zum See vor und gewann neben dem natürl. Delta des Seyon auch einige künstlich angelegte Flächen dazu. Am rechten Seyonufer entstanden die Maison des Halles (1572) und mehrere elegante Wohnhäuser wie die Maison Marval (1609), die Maison Chambrier (1660) und die Maison Montmollin (1685). Am linken Ufer, wo sich die Stadt über die Umfassungsmauer hinaus entwickelte, wurde 1696 der Temple du Bas und 1790 ein neues Rathaus errichtet. Letzteres wurde, wie andere grosse öffentl. Bauwerke (Gymnasium, Verlegung des Seyon, Mädchenschule, Route des Montagnes usw.) aus dem Erbe von David de Pury finanziert, der sein Vermögen der Stadt und der Bürgerschaft von N. vermacht hatte. Im 18. Jh. wuchs die Stadt über ihre Wehrtürme hinaus nach Osten, wo sich das wohlhabende und elegante Quartier Faubourg de l'Hôpital mit prunkvollen Herrschaftshäusern wie dem Hôtel Pourtalès oder dem Hôtel DuPeyrou herausbildete. Bis Anfang des 19. Jh. konzentrierte sich die Stadtentwicklung auf die Ufer von Seyon und See. 1843 wurde die Mündung des Flusses durch eine Laufänderung 600 m nach Westen verlegt, was im Stadtzentrum Raum für neue Quartiere schuf. Drei Brände (1269, 1450 und 1714) und ein ausserordentl. Hochwasser des Seyon (8.10.1579) fügten der Stadt erhebl. Schaden zu.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

2.2 - Politik und Institutionen

Die ma. Geschichte N.s ist weitgehend unbekannt, weil das Hochwasser von 1579 das Rathaus und damit fast sämtl. Archive der Stadt zerstörte. Nur einige Rechnungen sind erhalten.

Im 11. und 12. Jh. war die Geschichte der Stadt N. noch stark mit jener der Herrschaft verknüpft. Mit ihrer vorwiegend aus Fischern, Winzern und Handwerkern bestehenden Bevölkerung blieb die Stadt eine blosse Erweiterung des Herrenhofs. Im April 1214 besass sie jedoch offenbar eine so grosse Bedeutung, dass die beiden Mitherren von N., Ulrich III. (gestorben 1225) und Berthold (gestorben 1260), ihr einen Freiheitsbrief nach dem Vorbild des Stadtrechts von Besançon verliehen, mit dem die städt. Gemeinschaft von N. (communitas nostrorum burgensium de Novocastro) und deren Verwaltungsorgane (ministeriales villae) erstmals de facto und de jure anerkannt wurden. Im letzten Viertel des 14. Jh. wird in mehreren Texten ein Rat der Vierundzwanzig erwähnt, der die Bürger repräsentierte. Er stand unter dem Vorsitz des Maire von N., der vom Grafen ernannt wurde, und sprach mit Hilfe von sechzehn "prudomes" Recht. Seine richterl. Entscheide machte er durch Anbringen des Siegels der Mairie (mayorie) von N. rechtsgültig. Dies sind die ersten Belege für eine autonome städt. Verwaltung, die jedoch noch in hohem Mass von der herrschaftl. Gewalt abhing. Die Grafen schlossen sehr früh Burgrechtsverträge mit den Nachbarstädten Freiburg (1290), Biel (1295) und Bern (1308). Erst 1406 ging die Stadt N. selbstständig ein Burgrecht mit Bern ein, und es dauerte weitere hundert Jahre, bis ihre Regierung gänzlich eigenständig und unabhängig war.

1522, während der Besetzung der Grafschaft N. durch die eidg. Orte (1512-29), gewährte der Obwaldner Landvogt Niklaus Halter der Bürgerschaft das Recht, einen vierzigköpfigen Gr. Rat einzusetzen. Dieser ergänzte den Kl. Rat, der bis dahin sämtliche administrativen, polit. und richterl. Funktionen ausgeübt hatte. Die beiden Räte, die zusammen den General- oder Stadtrat bildeten, repräsentierten die Neuenburger Obrigkeit. Innerhalb des Generalrats wurde ein als Quatre-Ministraux bezeichnetes Exekutivorgan gewählt, dem anfänglich vier, später bis zu neun Personen angehörten, darunter ein Bannerherr, zwei Schlüsselherren und vier Bürgermeister (maîtres-bourgeois). Im Verlauf des 16. Jh. gewann die Bürgerschaft von N., deren Rechtsstellung auf dem Freiheitsbrief von 1214 beruhte, zunehmend an Autonomie. Dank ihrer Ausbürger, die in besonders grosser Zahl entlang dem Seeufer und im Val-de-Travers lebten, erweiterte sich ihr Machtbereich auf Kosten des Grafenhauses allmählich über die eigentl. Stadt hinaus.

Nachdem die Grafschaft durch die Heirat von Johanna von Hochberg mit Ludwig von Orléans 1505 an Frankreich gefallen war, nahm der Einfluss der Stadt auf die Grafschaft weiter zu, weil 1509-12 Ludwig von Orléans, 1536-44 Johanna von Hochberg und 1558-68 Franz von Orléans die Einkünfte der Grafschaft an die Stadt N. verpachteten, was den Quatre-Ministraux eine immer dominantere Stellung in der regionalen Hierarchie verschaffte. So bildeten die vier Bürgermeister die alleinige Vertretung des dritten Standes im Gericht der Drei Stände, der obersten Instanz der Grafschaft. Ausserdem war nur der Kl. Rat von N. befugt, die noch geltenden Bestimmungen des Gewohnheitsrechts für die gesamte Grafschaft festzulegen. Diese Sonderstellung zeigt, welche Macht die Bürgerschaft von N. innerhalb der Quatre-Bourgeoisies, zu denen neben N. auch Le Landeron, Boudry und Valangin gehörten, innehatte. Weder das Regime Berthier (1806-14) noch die Aufnahme des Fürstentums N. in die Eidgenossenschaft (1814) hatten Auswirkungen auf die traditionellen Institutionen der Stadt. Erst die Revolution von 1848 und die Ausrufung der Republik liessen diese verschwinden.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

2.3 - Wirtschaft und Soziales

Die zerklüftete Landschaft, in die sich N. einfügte, hemmte die Entwicklung einer ausgedehnten Gewerbezone. Deshalb war der 3. stets wichtiger als der 2. Sektor. Im 1. Sektor bildeten Wein- und Fischhandel lange die wichtigsten Einnahmequellen. Bis in die frühe Neuzeit konzentrierte sich die gewerbl. Tätigkeit hauptsächlich auf das Tal der Serrière, wo sich vom Fluss angetriebene Getreidemühlen (ab 1228 erw.), Sägen, Walken, Stampfen, Schleifwerke, Papiermühlen (ab 1477) usw. ansiedelten. In einigen näher bei der Stadtmitte gelegenen Quartieren liessen sich Handwerker nieder: Müller und Holzhandwerker am Ufer des Seyon sowie Zinngiesser, Gold- und Kupferschmiede usw. im Quartier Le Coq d'Inde. In N., dem wirtschaftl. Hauptort für einen Grossteil der Grafschaft, fanden jährlich zwei, ab der 2. Hälfte des 14. Jh. drei Jahrmärkte statt. Im 17. und 18. Jh. hatte die Stadt Zentrumsfunktion in Handel, Bankwesen und Buchdruck. Die Qualität der im Fürstentum hergestellten Zeugdrucke bewog die Neuenburger Kaufleute, die Stoffe weltweit zu vertreiben. So entstanden grosse Handelshäuser, an denen sich die reichsten Fam. der Stadt (Pourtalès, Pury, Deluze, Chaillet, DuPasquier, Bovet, Coulon, Bosset, Meuron, de Tribolet usw.) beteiligten. Die Fam. Perregaux und de Rougemont gründeten in Paris bedeutende Banken. Die Buchhandlung Fauche und die Société typographique de Neuchâtel veröffentlichten Werke namhafter Autoren und lieferten diese, darunter die "Encyclopédie", nach ganz Europa.

Bis Ende des 15. Jh. war die Zunft der Kaufleute (Compagnie des marchands) die einzige der Stadt. Danach entstanden die compagnies der Winzer und Küfer, der Maurer, der Fischer und Fischhändler (cossons) sowie der Schuhmacher und Gerber, doch waren dies eher Bruderschaften als eigentl. Zünfte. Die Beute aus der Schlacht von Grandson (1476) bot die finanzielle Grundlage zur Gründung von vier als Rues bezeichneten Zünften (Château, Halles et Moulins, Hôpital et Grand'Rue, Chavannes et Neubourg), die auch Anfang des 21. Jh. noch aktiv waren. Gleichzeitig bildeten sich militär. Vereinigungen (Volontaires, Arbalétriers, Couleuvriniers, später Arquebusier et fusiliers), in denen viele Männer, die Freude am Schiessen und geselligen Beisammensein zeigten, nützl. Kenntnisse für ihren militär. Einsatz in der Miliz oder bei den Armourins (Stadtwache) erwarben.

Ein erstes Spital, das Berthold von N. 1231 im Osten der Stadt gründete, bestand offenbar nur bis Ende des 13. Jh. 1373 liess Gf. Ludwig in der Nähe des heutigen Rathauses ein zweites Spital errichten. Bis Ende des 18. Jh. besass N. als einzige Stadt im Fürstentum ein Spital, in dem alle schweren Fälle des Landes behandelt wurden. Durch zwei weitere Spitäler, die von den Mäzenen David de Pury 1783 (heute Bau- und Werkamt) und Jacques-Louis de Pourtalès 1811 gestiftet wurden, gewann sie diesbezüglich noch mehr an Gewicht. Im Osten der Stadt bestand bis 1724 ein im 13. Jh. eingerichtetes Siechenhaus für Menschen mit ansteckenden Krankheiten.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

2.4 - Kirche, Bildung und Kultur

Vom MA an gehörte N. zum gleichnamigen Dekanat der Diözese Lausanne. Ein in der 2. Hälfte des 12. Jh. gegründetes Kollegiatstift mit sechs, später zwölf Chorherren sowie die 1143 gegr. Prämonstratenserabtei Fontaine-André teilten sich die kirchl. Einkünfte des Landes. Bis zum Bau des Temple du Bas 1696 war die erst 1276 geweihte Stiftskirche (Marienpatrozinium) die einzige Pfarrkirche der Stadt. Die 1178 erw. Johanneskirche in Serrières bildete das Zentrum einer eigenständigen Pfarrei, der bis 1882 die Weiler Suchiez und Peseux angehörten. Nach einer Predigt von Guillaume Farel entschied sich N. in der Abstimmung vom 4.11.1530, dem sog. Plus, für die Einführung der Reformation. Erster ref. Pfarrer von N. wurde Antoine Marcourt, der Farels Ruf gefolgt war. Kurz nach 1537 wurde das Pfarrkapitel nach dem Vorbild derjenigen in Bern und der Waadt gegründet. Die öffentl. Messfeier wurde unter Louis-Alexandre Berthier 1806-14 vorübergehend wieder eingeführt, endgültig aber erst 1828 in der Kapelle La Maladière, die für die Schwestern des Spitals Pourtalès gebaut worden war und später als kath. Pfarrkirche diente.

Schulmeister sind bereits im 14. und 15. Jh. belegt, doch wurde ein eigentl. Schulwesen erst nach der Reformation aufgebaut. Ab dem 16. Jh. bestand eine Sekundarschule. Im 18. Jh. wurde mit der Schaffung eines Lehrstuhls für Philosophie und Mathematik (1731-42; 1792 wiederhergestellt) der Grundstein des akadem. Unterrichts gelegt. Der allgemein zugängliche öffentl. Unterricht nahm jedoch erst im 1. Viertel des 19. Jh. seinen Anfang. Von da an beschleunigte sich die Entwicklung der schul. Infrastruktur, v.a. auf kant. Ebene. 1838 wurde mit Unterstützung des Fürsten eine erste Akademie gegründet, welche die Republik bereits 1848 wieder schloss, weil sie ihr zu konservativ erschien. Im 18. Jh. begann sich mit der Aufklärung das kulturelle Angebot der Stadt zu erweitern. 1769 wurde ein Konzertsaal eröffnet (bis 1999 Stadttheater), 1788 die Stadtbibliothek, aus der die Bibliothèque publique et universitaire hervorging. 1835 schufen Paul-Louis-Auguste und Louis Coulon das naturhist. Museum und 1842 gründete Maximilien de Meuron die Gesellschaft der Kunstfreunde.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

3 - Von 1848 bis zur Gegenwart

3.1 - Siedlungsentwicklung

Die Eröffnung der Eisenbahnlinien (Jura-Industriel, Franco-Suisse, Ouest-Suisse) zwischen 1857 und 1860 erzeugte einen starken städtebaul. Druck auf die ersten Juraausläufer. In der 2. Hälfte des 19. Jh. zeichneten sich beidseits der Bahnlinien künftige Siedlungsgebiete ab: im Westen (z.B. Evole, Port-Roulant, Poudrières, Parcs, Beauregard), in der Talmulde der Ecluse und im Quartier Les Beaux-Arts. Letzteres entstand durch eine Aufschüttung in der Uferzone des Sees mit Material des Crêt-Taconnet, eines südlich des Bahnhofs gelegenen Hügels, der 1882 wegen einer Erweiterung der Bahnanlagen abgetragen wurde. In Serrières bildete sich 1892-1908 die Cité-Suchard, ein Musterbeispiel sozialen Wohnungsbaus. Erst im 20. Jh. entwickelten sich mit der Überbauung der letzten freien Flächen zwischen See, Stadt, Weinberg und Wald die heutigen grossen Wohnquartiere (Serrières, Vauseyon, Suchiez, Cadolles, Acacias, Denis-de- Rougemont, Maladière, Fahys, Orée usw.). Nach der Fusion von La Coudre mit N. 1930 umfasste das Gemeindegebiet neben dem Kern des alten Dorfs auch Aussenquartiere wie Monruz und Favarge, die in der 2. Hälfte des 20. Jh. stark wuchsen. Eine erneute Aufschüttung in der Seeuferzone in den 1960er Jahren schuf Raum für die Freizeitanlage Les Jeunes-Rives und vergrösserte das Stadtgebiet um ein paar Hektaren. Das Quartier östlich des Bahnhofs erfuhr Anfang des 21. Jh. eine beispielhafte städtebaul. Umgestaltung (Ecoparc). Es beherbergt u.a. das neue Konservatorium und die Hochschule Arc.

Die zwischen Berg und See eingebettete Stadt N. ist ein Nadelöhr für den Strassenverkehr. 1973 wandelte sich die verkehrsüberlastete Innenstadt zur Fussgängerzone. Seit 1994 wird der Ost-West-Verkehr durch Autobahntunnels unter der Stadt durchgeleitet. 2008 begann man mit dem Bau des letzten Abschnitts der A5 zwischen N. und Auvernier (Tunnel von Serrières).

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

3.2 - Politik und Institutionen

Die alten städt. Institutionen verschwanden mit der Ausrufung der Republik 1848, wobei die Bürgerschaft von N. aus Furcht, ihre Güter zu verlieren, heftigen Widerstand gegen die Schaffung neuer Strukturen leistete. 1856-88 wurde die Stadt gleichzeitig von einer republikanisch geprägten Munizipalität (Einwohnergemeinde) und einem aus der Bürgerschaft hervorgegangenen Conseil administratif (Bürgergemeinde) regiert. Erst 1874 wurde diese Opposition durch ein Urteil des Bundesgerichts, das sämtl. Ansprüche der Bürgerschaft zurückwies, beseitigt. Das Gemeindegesetz von 1888 hob alle auf das Ancien Régime zurückgehenden Rechte endgültig auf. Seither wird die Stadt von einem Generalrat (Legislative) und einem Gemeinderat (Exekutive) geleitet. Die beiden Räte, denen zunächst ausschliesslich Radikale angehörten, öffneten sich zuerst für die konservativ gesinnten Liberalen, welche die Ideen der alteingesessenen Bürgerschaft übernommen hatten, später für die Sozialisten, die mit dem Übergang zum Proporzsystem 1912 in die Legislative, 1920 auch in die Exekutive gelangten, sowie in der 2. Hälfte des 20. Jh. für verschiedene aus der extremen Linken (PdA) oder der ökolog. Bewegung erwachsene Parteien. Freisinnige und Liberale, die häufig gemeinsam antraten, sowie die Sozialdemokraten blieben im ganzen 20. Jh. die drei wichtigsten Kräfte im stadtpolit. Spektrum N.s. 1992 setzte sich erstmals in beiden Räten der Stadt eine linke Mehrheit von Sozialdemokraten, Grünen und kleineren Parteien durch (2008: 3 von 5 Sitzen in der Exekutive, 24 von 41 Sitzen in der Legislative). Im selben Jahr wurde mit der Sozialdemokratin Monika Dusong die erste Frau in den Gemeinderat gewählt (1996-97 erste Stadtpräsidentin). Die SVP zog 2004 in den Generalrat ein. 2008 schlossen sich Freisinnige und Liberale zum Parti libéral-radical neuchâtelois zusammen.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

3.3 - Wirtschaft und Soziales

Im 19. und 20. Jh. erlangten versch. Neuenburger Unternehmen Weltruf. Zu diesen zählten die bereits seit 1826 in Serrières ansässige Schokoladenfabrik Suchard, die 1860 von Matthias Hipp gegr. Fabrik für Telegrafen und elektr. Apparate (später Favag SA), die Vereinigten Tabakfabriken (1925, heute Philip Morris) sowie Ebauches (1926) und Métaux précieux (1936, heute Metalor). Daneben umfasste der eher schwache 2. Sektor auch die Papeteries de Serrières, die Mühlen der Fam. Bossy und mehrere Manufakturen der Uhrenbranche. Ende des 20. Jh. zog die Schliessung oder der Wegzug der grossen Industriebetriebe (Suchard, Papeteries, Favag usw.) tief greifende gesellschaftl. (Arbeitslosigkeit) und wirtschaftl. Veränderungen nach sich. In Serrières und Monruz richtete die kant. Verwaltung Bürogebäude ein und die Produktionsstätten spalteten sich in versch. kleinere und mittlere Unternehmen auf, während in Serrières-Sud Philip Morris weiter expandierte. Seit der Ansiedlung des Centre suisse d'électronique et de microtechnique (CSEM) 1984 fällt N. eine herausragende Rolle in der Entwicklung der Mikrotechnologie zu. Gefestigt wurde diese Position durch das 1975 gegründete und 2009 der ETH Lausanne angegliederte Institut für Mikrotechnik der Universität und den 2003 eröffneten Wissenschafts- und Technologiepark Neode. Im Gebiet Pierre-à-Bot entstand ein neues Industriequartier mit einheim. und ausländ. Unternehmen wie Autodesk (Informatik), Baxter Bioscience, Kyphon und Johnson & Johnson (Medizinprodukte) sowie Stonehage (Vermögensverwaltung). In der Stadt selbst liess sich Bulgari (Schmuck, Uhren usw.) nieder, ebenso der Uhrenhersteller Bertolucci, der 2002 der Officine Panerai, einer Tochterfirma des Richemont-Konzerns, wich. Das Bundesamt für Statistik befindet sich seit 1998 in N.

1859 nahm ein Gaswerk seinen Betrieb auf, 1896 ein Elektrizitätswerk. 1893 wurde mit dem Bau eines öffentl. Verkehrsnetzes (Strassenbahn) begonnen. Das Spital Les Cadolles ersetzte 1914 das alte Stadtspital, und 1972 übertrug die Stiftung Pourtalès die Verwaltung ihres Spitals der Stadt. Die beiden Einrichtungen bildeten zusammen die Unité hospitalière de Neuchâtel. Diese wurde 2006 vom Hôpital neuchâtelois abgelöst, in dem die Spitäler des Kantons zusammengeschlossen sind und zu dem auch das Nouvel Hôpital Pourtalès gehört. Die Aufhebung des Spitals Les Cadolles 2005 ermöglichte die Schaffung einer grossen gemischten Wohnzone (Fertigstellung vorgesehen für 2010). Das 1858 von der kath. Gemeinde N. gegr. Hôpital de la Providence ist eine private gemeinnützige Stiftung, die 2007 mit dem Hôpital neuchâtelois eine Partnerschaft einging.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

3.4 - Kirche, Bildung und Kultur

2003 vereinigten sich die bisherigen ref. Kirchgemeinden zu einer einzigen Kirchgemeinde N., die sich zunächst in acht Kirchkreise (lieux de vie) gliederte und seit 2008 noch vier Kreise umfasst. 2000 war nur noch ein knappes Drittel der Bevölkerung reformiert. Seit mehreren Jahrhunderten (1770 erste Erwähnung eines "deutschen" Pfarrers) besteht in N. eine deutschsprachige ref. Kirchgemeinde. Die kath. Gemeinde ist in vier Stadtpfarreien aufgeteilt: Notre-Dame, Saint-Nicolas, Saint-Norbert (La Coudre) und Saint-Marc (Serrières). Die neugot. Kirche Notre-Dame-de-l'Assomption, die sog. rote Kirche, wurde 1897-1906 von Guillaume Ritter aus Kunststein erbaut und 2008 zur Basilica minor erhoben. Zwei Missionen stellen die geistl. Betreuung der grossen ital. und portugies. Migrantengemeinschaft sicher. Die 1912 entstandene christkath. Pfarrei hat seit 1967 ihr eigenes Gotteshaus; ihr Einzugsgebiet erstreckt sich auf die gesamte Stadt N., die Uferregion und einen Teil des Val-de-Ruz. Die kleine jüd. Gemeinde von N. ist der Synagoge von La Chaux-de-Fonds angegliedert. Ende des 20. Jh. wurden zwei islam. Kulturzentren eröffnet.

Die Akademie, welche die Republikaner 1848 geschlossen hatten, wurde 1866 wieder eröffnet ("zweite Akademie") und 1909 zur Universität Neuenburg erhoben. In N. befindet sich auch das 1858 gegr. kantonale Observatorium, das seit 1860 die exakte Zeit in der Schweiz angibt. Es wurde 2007 in das CSEM integriert. 1871 eröffnete die Stadt eine Uhrmacherschule, die 1936 zur Ecole de mécanique et d'électricité wurde und 1978 im Centre professionnel du littoral neuchâtelois aufging. 1894 entstand eine höhere Töchterschule, aus der sich das gemischte Gymnasium Numa-Droz entwickelte. Dieses bildet zusammen mit der 1900 gegr. höheren Handelsschule seit 1997 das Lycée Jean-Piaget. Der Kanton eröffnete in N. mehrere höhere Schulen, darunter das kant. Gymnasium (1873), das 1997 mit dem Gymnasium Val-de-Travers zum Lycée Denis-de-Rougemont zusammengeschlossen wurde, sowie versch. Berufsschulen. Das 1918 gegr. Konservatorium ist seit 2008 der Genfer Musikhochschule angegliedert. 2008 beschlossen die Kt. Bern, Jura und N., die einzelnen Abteilungen der Hochschule Arc (Kunstgewerbe, Wirtschaft, Ingenieur- und Gesundheitswesen), die zur Fachhochschule der Westschweiz gehört, in N. zu vereinen.

Die Tageszeitung "L' Express", 1738 unter dem Titel "Feuille d'Avis de Neuchâtel" in N. gegründet, erscheint seit 1996 unter der gleichen Herausgeberschaft wie das Blatt "L' Impartial" von La Chaux-de-Fonds. Die Stadt N. besitzt drei grosse Museen: ein naturhist. Museum (1835), ein Museum für Kunst und Geschichte (1885) und das Musée d'ethnographie (1904). Zudem finanziert sie seit 1983 gemeinsam mit dem Kanton die Bibliothèque publique et universitaire. Das von der Stadt und den Seegemeinden geschaffene und unterstützte Théâtre du passage wurde 2000 eingeweiht. Es ersetzte den Konzertsaal von 1769, der seither unter dem Namen Maison du concert für Aufführungen unabhängiger Ensembles zur Verfügung steht. 2000 wurde das Centre Dürrenmatt, das zur Schweiz. Nationalbibliothek gehört, eröffnet. N. war einer der Standorte (Arteplages) der Landesausstellung 2002. Im Quartier La Maladière wurde 2007 ein neues Fussballstadion eingeweiht. Zahlreiche Musik- und Theatergesellschaften sorgen in N. für ein reges kulturelles Leben, zu dem auch einige bedeutende Veranstaltungen wie das 1985 gegründete Internat. Marionettenfestival oder das seit 2000 durchgeführte Internat. Festival des fantast. Films beitragen. Das Winzerfest (Fête des vendanges), das seit 1925 in der heutigen Form stattfindet, zieht jeden Herbst Zehntausende Menschen an.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / EM

Quellen und Literatur

Archive
– AEN
– BPUN
– StadtA N.
Quellen
– G.-A. Matile, Déclarations ou points de coutume rendus par le Petit Conseil de la ville de Neuchâtel, 1836
SSRQ NE, 1
Literatur