12/02/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Hauterive (NE)

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. NE, Bez. Neuenburg. Am Fuss des Chaumont am Hang errichtetes Haufendorf. Um 1148 arta ripa. Die Lage des Dorfes steht offenbar in Zusammenhang mit der Ausbeutung der nahe gelegenen Steinbrüche: Von der Antike bis in die jüngste Zeit wurde aus einer nach dem Ort benannten geolog. Schicht des Neokom, dem Hauterivien, ein gelber Kalkstein gewonnen, der sog. Stein von H. Die Bauten der Stadt Neuenburg wurden oftmals aus diesem Stein errichtet. 1375 zählte der Ort 35 Haushalte; 1750 262 Einw.; 1850 345; 1900 654; 1950 745; 1960 1'097; 1970 2'213; 2000 2'637.

1 - Urgeschichte

Bereits 1858 machte Ferdinand Keller auf eine Ufersiedlung in H. aufmerksam, aber erst die Absenkung des Seespiegels im Zusammenhang mit der ersten Juragewässerkorrektion offenbarte 1880 das Ausmass der Besiedlung des Seeufers durch die Menschen des Neolithikums und der Bronzezeit. Archäolog. Fundgegenstände wurden bei diesen Ausgrabungen in grosser Zahl zusammengetragen, der Geländbefund wurde aber nur oberflächlich dokumentiert. Beim Bau der Autobahn A5 1983-86 förderten geplante Rettungsgrabungen auf dem Gebiet von Champréveyres zwei altsteinzeitl. Siedlungen aus dem Magdalénien und dem Azilien, zwei jungsteinzeitl. Siedlungen der Cortaillodkultur und der Horgener Kultur sowie ein Dorf aus der Spätbronzezeit zutage.

Der bedeutendste aus dem Magdalénien stammende Sektor (ca. 400 m2) konnte auf etwa 13'500 v.Chr. datiert werden. Es handelt sich um einen saisonalen Lagerplatz von Jägern mit Feuerstellen im Freien. Die Erkenntnisse der Palynologie lassen auf eine fast baumlose Landschaft schliessen, während die Artenvielfalt der bejagten Tiere gross war (Pferd, Hase, Murmeltier, Rentier, Steinbock). Die Skelette von Hunden zeugen von der frühesten Domestikation des Wolfs in Europa. Bei den gefundenen Gerätschaften handelt es sich um Klingen, Stichel, Kratzer und Bohrer. Diese Werkzeuge aus Silex, deren Rohmaterial aus der Region Olten und aus der Region Genf stammt, finden sich gehäuft in der Nähe von etwa zehn Feuerstellen, in deren Umkreis unterschiedl. Tätigkeiten ausgeübt wurden. So wurden hier Gerippe bearbeitet, Jagdwaffen unterhalten, Häute und Felle behandelt und Gegenstände hergestellt. Auf das Magdalénien folgt ein auf etwa 10'300 v.Chr. datierter Horizont aus dem Azilien mit einer Feuerstelle und einigen Werkzeugen aus Silex. Betreffend die Tierarten war damals der Hirsch vorherrschend, während das Rentier bereits nicht mehr vorkam.

Das älteste jungsteinzeitl. Dorf von Champréveyres entstand ab 3810 v.Chr. (dendrochronolog. Datierung) und war während 25 Jahren bewohnt; der aussergewöhnl. Komplex ist ein Musterbeispiel der klass. Cortaillodkultur. Eine parallel zum See errichtete Palisade begrenzte eine Fläche von 2'400 m2, auf der sich rechtwinklig zum Ufer acht längl. Bauten mit zentralem Dachfirst erstreckten, deren Böden mit Kieselsteinen und Platten bedeckt waren. Fast 1'800 Werkzeuge belegen, dass die Silexbearbeitung vor Ort stattfand und dabei vorzugsweise Klingen hergestellt wurden.

Die Horgener Kultur (Jungneolithikum) ist durch schlecht erhaltene, etwas vom Ufer zurückversetzte Bauten und durch ein zwischen 3242 und 3236 v.Chr. datiertes Dorf auf dem Gebiet von Rouges-Terres bezeugt. Letzteres wurde bei einer Unterwassergrabung untersucht, die ein Gebiet von 500 m2 abdeckte.

Ein zwischen 1'050 und 860 v.Chr. bewohntes Dorf aus der Spätbronzezeit nahm eine Fläche von 8'700 m2 ein. Die 7'500 Pfähle erlauben sowohl die Rekonstruktion der versch. Erweiterungsphasen des Dorfes als auch die Nachbildung der rechteckigen dreischiffigen Häuser. Diese waren durchschnittlich 85 m2 gross und in Reihen parallel zum Ufer gebaut. An diesem Ort wurden nahezu 6'000 Bronzegegenstände (Äxte, Messer, Nadeln, Ringe und Angelhaken) sowie zahlreiche Erzeugnisse aus Knochen und Hirschgeweih gefunden. Die Verwendung von Zinn, Blei und Gold ist ebenfalls nachgewiesen, desgleichen die Korberei (aufgefundenes Flechtwerk und Überreste von Körben) und die Bearbeitung von Textilien. Bernsteinperlen aus dem Baltikum zeugen vom Tauschhandel über weite Distanzen hinweg. Eine zweite spätbronzezeitl. Siedlung wurde 1992 auf dem Gebiet von Aux Jardillets erforscht. Von drei Einbäumen aus der Bucht von Champréveyres stammt einer aus dem Neolithikum (um 4'200 v.Chr.), die beiden anderen aus der Spätbronzezeit (um 1'000 v.Chr.).

1921 wurde in Au Teyeret das spätlatènezeitl. Körpergrab einer Frau mit einem Armband aus blauem Glas entdeckt. 1993 trat in Aux Jardillets bei der Ausgrabung eines Kalksteinbruchs, in dem in galloröm. Zeit vermutlich Baumaterial für die Bauwerke in Aventicum abgetragen worden war, ein Bestand an Keramikwaren aus dem 1.-3. Jh. n.Chr. zutage.

Autorin/Autor: Hervé Miévielle / AMB

2 - Die Gemeinde

Der obere, zwischen Dorf und Waldrand gelegene Teil von H. gehörte ab 1143 zum Besitz der Prämonstratenserabtei Fontaine-André, ebenso das Gebiet von Champréveyres (campus presbyteri), das eine Schenkung der Herren von Neuenburg war. Die Abtei Hauterive (ab 1158), das Kloster La Maigrauge und das Kapitel von Neuenburg (ab 1180) besassen Reben in Champréveyres. Im 14. Jh. erwarb die Fam. de Colombier ein Lehen - das sog. Pressoir (Kelterei) - das 1516 an die von Wattenwyl gelangte. Vom MA bis 1848 war H. Teil der Kastlanei Thielle und wurde dann in den Bez. Neuenburg integriert. Vom 14. Jh. an waren seine Bewohner mehrheitlich Ausbürger von Neuenburg. Die 1527 urkundlich erw. Dorfgemeinschaft verwaltete das Dorf, in dem v.a. Rebbauern und Steinbrucharbeiter lebten, weitgehend unabhängig. Kirchlich gehörte H. seit jeher zur Pfarrei Saint-Blaise. 1661 löste sich die lokale Schule von der Pfarrei. Die heutige Kantonsstrasse wurde 1870 gebaut, vorher führte die Strasse über Champréveyres. Die 1894 eingeweihte Strassenbahnlinie gab der Entwicklung der Gemeinde den entscheidenden Impuls. H. wuchs zunehmend in das Stadtgebiet von Neuenburg hinein. Sein Charakter, geprägt von Steinhäusern aus dem 16. Jh., blieb ebenso erhalten wie das grosse Weinbaugebiet, zu dem auch die renommierte Domaine de Champréveyres gehört. 2001 wurde auf dem Ausgrabungsgelände von Champréveyres das Laténium (Neuenburger Archäologiepark und Museum) eingeweiht.

Autorin/Autor: Germain Hausmann / AHB

Quellen und Literatur

Literatur