09/03/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Ins

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Erlach. Dorf am südl. Ausläufer des Schaltenrains über dem Gr. Moos, mit Einzelhöfen und der Siedlung Witzwil im Moos, im Süden an den Neuenburgersee und den Broyekanal grenzend. 1009 Anestre, 1179 Anes, franz. Anet. 1700 740 Einw.; 1730 864; 1764 723; 1798 853; 1818 1'041; 1850 1'378; 1900 1'537; 1950 2'233; 2000 2'947.

1 - Vorrömische Zeit

Auf dem westl. Teil des zwischen dem Gr. Moos und dem Bielersee gelegenen langgestreckten, heute bewaldeten Höhenzuges Schaltenrain fanden sich, aufgereiht auf einer Distanz von 2 km, einzelne eisenzeitl. Grabhügel und Hügelgruppen. Die mindestens vier Fundstellen haben in der älteren Literatur versch., z.T. gleichlautende Benennungen erfahren, was zu Identifizierungsproblemen führte. Die Fundstellen von West nach Ost: 1. Riederen, Holzmatt oder Einungswald (mind. vier Hügel), 2. Sunnenrain, Grossholz, Schaltenrain oder Sieben Wege (mind. zehn Hügel), 3. Grossholz oder Leuplatz (mind. zwei Hügel), 4. unmittelbar östlich anschliessend in der Gem. Brüttelen Schaltenrain oder Grossholz (mind. ein Hügel). Ausgrabungen fanden statt unter der Leitung von Gustav von Bonstetten 1848 (Funde im Bern. Hist. Museum), von Emanuel F. Müller 1849 und von Jakob Heierli 1908-09 (Funde im Museum Schwab, Biel). Der ungewöhnlich grosse und reiche Fundbestand ist heute nur noch in Einzelfällen und mit Vorbehalten einem bestimmten Hügel oder Grabinventar zuzuweisen.

Von Bonstettens Grabungen (vermutlich im Sunnenrain) förderten mind. zehn z.T. in einer Linie aufgereihte Hügel (Höhe 1,8-4,5 m) zu Tage. Der Hügel VI enthielt angeblich zwei Wagengräber (hallstattzeitlich, 7. Jh. v.Chr.). Zuunterst in einem mächtigen Steinkern befanden sich metallene Bestandteile von Wagenrädern und des Wagenkastens, während sämtl. Holzteile bis auf einige Speichenfragmente im Boden zerfallen waren. Neben einem nietenbeschlagenen Lederbesatz vom Zugjoch, Lederteilen und Trensenfragmenten des Pferdegeschirrs fand sich auch eine kleine Anhängerkugel aus Goldblech von 1,4 cm Durchmesser mit qualitativ hochstehender Granulationsarbeit, wie sie sonst nur aus etrusk. Gräbern bekannt ist. Auch die verwendeten Lotusmotive und der diagonale Flächenmäander verweisen auf die italische Halbinsel. Zur Kugel gehört eine Fuchsschwanzkette aus Golddraht (Länge 38,8 cm). Weitere Funde: ein halbmondförmiges Rasiermesser und in höherer Lage Überreste von vier Rädern eines weiteren Wagens sowie ein schlanker Dolch mit eiserner Klinge und bronzener Blechscheide.

Der Hügel VIII enthielt folgendes Ensemble, angeblich zwischen zwei aufrecht stehenden Wagenrädern: u.a. einen konischen Bronzekessel (Situla); zwei punzverzierte Goldblechkalotten mit umgebördeltem Rand (Überzüge von Trinkgefässen aus Holz?) mit Parallelen im süddt. Raum; 17 kleine Goldfolien (Perlencollier oder Kleiderbesatz?); einen goldenen Ohrring. In Hügel III fanden sich Körpergräber mit typ. Frauenschmuck der Späthallstattzeit (7./6. Jh. v.Chr.).

Die Grabungen Müllers 1849 und Heierlis 1908-09 in mehreren Grabhügeln unbekannter Lokalisierung förderten erneut Wagenteile sowie Schmuckstücke aus Glas, Bernstein, Lignit, Gold und Bronze zutage; u.a. zahlreichen Armschmuck und versch. Typen von Gewandhaften der Hallstattzeit. Bemerkenswert ist ein kurzes Eisenschwert mit bronzener Scheide und geflügeltem, durchbrochenem Ortband aus dem Beginn der Frühlatènezeit (5. Jh. v.Chr.).

Die Fundumstände wurden nicht dokumentiert. Die zu den Gräbern gehörenden Wohnstätten sind bis jetzt unbekannt. Der für das schweiz. Mittelland ungewöhnlich reiche Goldschmuck und die im Totenbrauchtum verwendeten Zeremonialwagen verweisen auf eine vermögende Oberschicht mit lokalem Herrschaftsbereich und Fernbeziehungen zu den Hochkulturen des Mittelmeerraums.

Autorin/Autor: Felix Müller (Bern)

2 - Römische Zeit bis heute

Funde weisen auf ein breites röm. Siedlungsband vom Moos bis hinauf ins ehem. Rebgelände hin, ferner auf die röm. Strasse durchs Moos (Mauriweg, Heidenweg, Lindenhof). Auf Gemeindegebiet liegt die auch Hasenburg genannte Burg Fenis, Stammsitz der gleichnamigen Grafen. Im SpätMA wurde I. als Teil der Herrschaft Erlach in die Konflikte ihrer Inhaber, der Gf. von Neuenburg-Nidau, hineingezogen: 1375 lag eine Abteilung des Heers von Enguerrand de Coucy im Winterquartier, bevor es von den Seeländern in I. überfallen wurde. In den Burgunderkriegen kam I. als Eroberung unter Berns Herrschaft. In der neuen Landvogtei Erlach blieb I. Zentrum (1385 dingstat) des Landgerichts für die Kirchspiele I., Vinelz, Gampelen und Siselen. Die ehem. Marienkirche (1228 erw., rom. Bau, Umbauten im 16. und 17. Jh.), 1453 als Filiale von Gampelen bezeichnet, liegt unweit eines frühma. Gräberfeldes. Zwei Kapellen waren St. Theodul (St. Jodel) bzw. St. Niklaus geweiht. Der Kirchensatz kam mit der Herrschaft Erlach 1474 an Bern. Dieses inkorporierte die Kirche mit der ihr damals unterstellten "Kapelle" Gampelen 1485 dem Stift St. Vinzenz in Bern; die Reformation beendete diese Abhängigkeiten.

Das grosse Reb- und Ackerbauerndorf lag erhöht über dem gemeinsam mit Nachbardörfern beweideten Moos, wo im 18. bis 20. Jh. auch Torf gestochen wurde. Seine alte Zentrumsrolle zeigt sich noch im steinernen Rathaus im Oberdorf (Tagungsort des Niedergerichts, 1848 abgebrannt), im Landgerichtsplatz mit dem steinernen "Landstuhl" für den Landvogt und Bänken für das Gericht, der Zehntscheune (1680 erbaut), den Patrizier-Rebhäusern des 17. und 18. Jh. (Schlössli, Lilienhof, Altes Spital, Wagnerhaus) und den um versch. Plätze gruppierten stattl. Bauernhäusern. Im Ort kreuzen sich die Land- bzw. Kantonsstrassen Bern-Neuenburg und Biel-Murten. Die Mai- und Oktober-Jahrmärkte zur Vermarktung von Schlachtvieh kamen im 19. Jh. auf, in einer Zeit, da sich auch Milchwirtschaft und Obstbau ausdehnten (1859 Käsereigenossenschaft, 1836-68 Bierbrauerei, Brennereien). Nach 1900 nahm der Rebbau allmählich ab. Die Juragewässerkorrektion ab 1873 setzte mit dem Bau des Broyekanals die Urbarisierung des Gr. Mooses in Gang. Sie öffnete I. dem Gemüse- und Zuckerrübenbau und regte die gewerbl. Entwicklung an (1883 Amtsersparniskasse Erlach, heute UBS), um 1900 Landwirtschaftl. Genossenschaft (heute Teil der Fenaco). Im ehem. Moos entstand die Siedlung Witzwil, seit 1891 Staatsdomäne und kant. Strafanstalt. Der Anschluss an die Bahnlinien Bern-Neuenburg (1901) und Biel-Täuffelen-I. (1917 Kopfstation) erleichterte den Versand der Agrarprodukte, die heute mehrheitlich auf der Strasse ausgeführt werden. Die Gem. hat sich zum agrar. Zentrum des bern. Seelands entwickelt (Obst- und Gemüsezentrale), daneben bestehen Kleingewerbe und Industrie (Küchenbau). Eine Gesamtmelioration und Güterzusammenlegung erfolgten 1970-85. Mit dem kontinuierl. Bevölkerungswachstum ist auch der Dorfraum gewachsen, so dass Dorf und Bahnhof auf offenem Feld heute zusammenhängen. Das schulische Angebot umfasst eine Sekundarschule (1868), eine Heimschule, das Sozialpädagog. Seminar Schlössli (1953) und ein Landwirtschaftl. Bildungs- und Beratungszentrum (1973). Die röm.-kath. Pfarrei I. (Kirche in I. seit 1963) umfasst die Gem. des Amtsbez. Erlach und einige Gem. am Bielersee. Kultureller Anziehungspunkt ist das Wohnhaus und Atelier des Malers Albert Anker.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

Quellen und Literatur

Literatur