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Auvernier

Polit. Gem. NE, Bez. Boudry. Dorf am Nordwestufer des Neuenburgersees. 1750 520 Einw.; 1850 677; 1900 875; 1950 1'021; 2000 1'533. 1011 Averniacum, dt. früher Avernach.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Unmittelbar nach der Entdeckung der Pfahlbauten in Obermeilen am Zürichsee im Winter 1854-55 wurden 1855 die Seerandsiedlungen in A. bekannt, eine der reichsten prähist. Fundstätten der Schweiz. In einem 1,5 km langen Uferstreifen zwischen Colombier-Paradis Plage im Südwesten und A.-Port im Nordosten liegen neben- oder teilweise übereinander zehn Fundkomplexe mit frühgesch. Siedlungen, die zwischen dem 4. und 1. Jt. v.Chr. bewohnt waren.

Die Grabungsgesch. von A. umfasst drei Hauptphasen: 1855-1919 grub und forschte man begeistert, aber völlig planlos. Die Ausgrabungen waren wie eine märchenhafte Goldquelle, welche die archäolog. Museen weltweit mit Fundstücken versorgte. Auf dem 1. internat. Kongress für Ur- und Frühgesch., 1866 in Neuenburg, lud man die Gäste zum "Antiquitätenfischen" ein. Es sind jedoch aus dieser Zeit weder brauchbare Pläne noch Beschreibungen der Schichtung bekannt. 1876 wurde eine megalith. Grabanlage aus dem Neolithikum entdeckt, die sog. Allée couverte, die in der frühen Bronzezeit wieder benutzt worden war. 1919-20 führte Paul Vouga bei La Saunerie an der Grenze zwischen den Gem. Colombier und A. Sondiergrabungen durch und bestimmte erstmals sorgfältig die Abfolge der neolith. Kulturen in Europa. Er unterschied vier Schichten von den frühen Pfahlbauern bis zum sog. Enéolithique. Nach Grabungen von André Leroi-Gourhan (1948) und Samuel Perret (1948-50) wurden 1964-75 umfangreiche Notgrabungen auf dem Gelände der künftigen Nationalstrasse A 5 durchgeführt. Unter der Leitung von Jean-Pierre Jéquier und Christian Strahm, später von Michel Egloff und Béat Arnold, wurden 18'500 m² mittels Caissons (Senkkästen) wie auch durch Tauchausgrabungen untersucht.

Die von Vouga erkannten und inzwischen neu benannten Kulturschichten brachten vielfältige Ergebnisse für die Naturwiss. wie auch für die Gesch. der ersten Acker- und Viehbauern vom mittleren Neolithikum bis zur späten Bronzezeit. Unterbrochen von hohen Wasserständen, welche die Uferzonen unbewohnbar machten, bestanden in A. Siedlungen der Cortaillod- (La Saunerie, Hafen), Lüscherz- (La Saunerie, Brise-Lames, Ruz Chatru, Graviers, Ténevières) und Auvernierkultur (Nomenklatur durch Strahm nach dessen Grabungen bei La Saunerie), der Früh- (Hafen) und der Spätbronzezeit (A.-Nord, Brena). Mit der systemat. dendrochronolog. Untersuchung der Eichenpfähle konnten die Besiedlungsdaten innerhalb des Zeitraums 3850-850 v.Chr. festgestellt und oft auch die Abfolge der Häuser und Dörfer rekonstruiert werden. Die Grabungen lieferten grundlegende paläo-ethnograf. Erkenntnisse über langfristige Entwicklungen im Bauwesen und in der Keramik, über die wechselnde Bedeutung der Jagd und der Viehzucht, über die - häufig mit Griff oder Stiel erhaltenen - Werkzeuge wie auch zum Übergang vom Stein zum Kupfer und später zur Bronze. Sie brachten zudem eine reiche Sammlung von Korbwaren aus der späten Bronzezeit.

Autorin/Autor: Michel Egloff / GG

2 - Von der Antike bis zur Gegenwart

Aus galloröm. Zeit sind in A. eine röm. Niederlassung und eine Jupiterstatuette bekannt. 1011 gehörte A. zu den Gütern, die Kg. Rudolf III. von Burgund seiner Frau Irmingard schenkte. Im SpätMA herrschten die Gf. von Neuenburg, deren Macht vom Ende des 14. Jh. an gewachsen war, über A., allerdings nicht uneingeschränkt: Die Herren de Colombier, ihre Vasallen, hatten leibherrl. Rechte über Personen und Grundbesitz inne, und auch das Domkapitel Lausanne besass zahlreiche Güter. 1357 erlaubte Gf. Ludwig von Neuenburg den Einw. von A., den Wald von Cottendart zu nutzen, was zu Konflikten mit anderen Dorfgem. führte. Im 15. oder frühen 16. Jh. kauften sich Leibeigene in A. von der Leibherrschaft los und wurden Ausbürger von Neuenburg. 1599 verzichteten fast alle Neuenburger Ausbürger, darunter auch die von A., auf das Bürgerrecht, das die Einw. von A. erst zu Beginn des 19. Jh. wieder erlangten. Bis 1848 gehörte A. zur Mairie La Côte.

1477 wurde in A., dem grössten Dorf der Pfarrei Colombier, die Kapelle Saint Nicolas erbaut. Spätestens 1532 erfolgte der Übertritt zur Reformation. Erst 1878 wurde A. selbstständige Pfarrei. Die beiden traditionellen Wirtschaftszweige in der frühen Neuzeit waren Fischerei und Weinbau. Der Wein wurde bis nach Solothurn und Bern verkauft. Im ausgehenden 18. Jh. arbeiteten einige Einw. in den Baumwolldruckereien am Unterlauf der Areuse, im 19. Jh. in den Fabriken von Serrières. 1888 liess sich die Kant. Weinbauschule (heute Service cantonal de viticulture) in A. nieder. Auch nach dem Bau das Bahnhofs (1859-60) an den Linien Neuenburg-Verrières und Neuenburg-Yverdon sowie der Strassenbahn Neuenburg-Boudry (1892) entwickelte sich A. nur wenig und blieb eine Weinbaugem. Als 1970-77 die Autobahn gebaut wurde, konnten eine Seeuferpromenade und eine Freizeitanlage errichtet werden.

Autorin/Autor: Germain Hausmann / GG

Quellen und Literatur

Literatur
Kdm NE 2, 1963, 249-279
– J. Courvoisier, A., 1964
Mitteilungsbl. der Schweiz. Ges. für Ur- und Frühgesch. 8, Nr. 30/31, 1977, 65, (48 Titel)
Cahiers d'archéologie romande, Nr. 15-16, 1979; Nr. 23-25, 1982; Nr. 37, 1987; Nr. 45, 1988; Nr. 46, 1989; Nr. 63-64, 1995
Revue neuchâteloise, Nr. 88, 1979
Hist.NE 1