Visp (Gemeinde)

Polit. Gem. VS, Hauptort des Bez. V, links der Rhone am Eingang des Vispertals gelegen, umfasst das Dorf V. rechts der Vispe und seit 1972 auch die ehem. polit. Gem. Eyholz. 1034 Vesbia, 12. Jh. Vispach, 1272 Visp; franz. Viège, ital. früher Vespia. 1798 412 Einw.; 1802 359; 1850 529; 1900 934; 1950 2'727; 2000 6'550. In V. wurden u.a. eine Vase aus der Eisenzeit, eine Fibel aus der Latènezeit, eine kelt. Statue des Gottes Sucellus sowie aus röm. Zeit Silbermünzen und ein Grab gefunden.

Nach 999 setzte der Bf. von Sitten als Landesherr in V. erbl. Viztümer und Meier ein, die neben der Verwaltung die Blutgerichtsbarkeit ausübten und ihren Sitz im Meierturm aus dem 12./13. Jh. hatten. Ab dem 16. Jh. bis 1798 war V. ein Teil des ersten Viertels und Zentrum des Zenden V. Das Meieramt ging im 13. Jh. von den wahrscheinlich auf der Hübschburg wohnenden Gf. von Visp an ital. Adlige über, zunächst an die Gf. de Castello, 1248 durch Heirat an die Gf. Blandrate. Im selben Jahr wird V. erstmals urkundlich als Gem. erwähnt. Verträge von 1267, 1291, 1298 und 1300 belegen, dass V. im MA Marktort und Station auf dem Weg über den Antronapass und den Monte Moro war; Johann de Platea schloss 1351 mit den Mailänder Handelsgesellschaften einen Vertrag über Bau und Unterhalt einer Suste. Das Meieramt fiel 1365 nach der Ermordung von Isabella Blandrate an die Fam. ihres Gatten François de Compey und 1378 an die de Platea. Das Meiertum wurde um 1400 in eine Kastlanei umgewandelt; ab etwa 1500 wurde der Kastlan von der Bevölkerung gewählt. 1543 standen der Verwaltung zwei Consules vor. Aus den Jahren 1489, 1531 (Statuta consuetudinaria), 1543, 1552, 1588, 1631, 1727, 1853, 1870 und 1884 sind Burgerstatuten erhalten, weitere kamen im 20. Jh. dazu. Die Burgergemeinde existiert zu Beginn des 21. Jh. noch.

V. war mehrfach Schauplatz krieger. Auseinandersetzungen: Der savoy. Anhänger Peter vom Turn zerstörte 1260 das Dorf, die Kirche Unserer Lieben Frau und die Hübschburg. Unterstützt von den Oberwalliser Landleuten, besiegten die Visper 1388 Gf. Rudolf IV. von Greyerz, der das Wallis im Auftrag von Gf. Amadeus VII. von Savoyen erobern sollte. Noch zu Beginn des 21. Jh. wird jährlich im Dezember im Gedenken an diese Schlacht der sog. Mannenmittwoch gefeiert. 1476 verwehrten die Visper im Nanztal den mit Burgund verbündeten lombard. Truppen den Durchzug. 1799 versuchten die Oberwalliser vergeblich, die franz. Truppen in V. aufzuhalten.

Ab dem 11. Jh. war V. eine Grosspfarrei, die die nähere Umgebung und die beiden Vispertäler umfasste. Ab 1265 waren Stalden und Visperterminen, ab 1298 Saas Filialkirchen von V. Neben weiteren Abkurungen trennten sich um 1400 Saas, 1535 Stalden und 1715 Visperterminen von V. Zu Beginn des 21. Jh. ist nur noch Baltschieder nach V. pfarrgenössig. Mutterkirche der Grosspfarrei war die im 13. Jh. erstmals erw., aber wesentlich ältere St. Martinskirche, die 1650-55 in barockem Stil neu erbaut und 1953 grundlegend umgestaltet (Dreikonchenanlage im Chor) wurde. Daneben besteht die 1220 erstmals erw. Kirche Unserer Lieben Frau auf dem Gräfibiel, die inzwischen Dreikönigs- oder Burgerkirche genannt wird. Sie enthält eine Krypta aus dem 11. Jh. und wurde nach der Zerstörung 1260 neu errichtet. 1710-30 erfuhr sie eine Barockisierung des Chors und der rom.-got. Turm wurde erhöht. Die 1319 erw. Bruderschaft Unserer Lieben Frau und die Armenseelenbruderschaft widmeten sich dem Unterhalt der beiden Kirchen.

Die ersten Schutzdämme an Vispe und Rhone werden im 13. Jh. erwähnt. Nach der ersten Rhonekorrektion (1863-94) erfolgte bis in die 1. Hälfte des 20. Jh. die schrittweise Entsumpfung der Ebene. Der 1967 fertiggestellte Staudamm am Mattmark im Saastal bannte die Gefahr der Vispeüberschwemmungen durch Ausbrüche des Sees. 1573, 1587, 1755 und 1946 ereigneten sich starke Erdbeben. Jenes von 1855 beschädigte zahlreiche Gebäude und zerstörte die dreigeschossige Turmlaterne der St. Martinskirche; die Einwohner von V. lebten vorübergehend in Zelten ausserhalb des Dorfs.

Bis ins 20. Jh. bildeten Viehhaltung, Ackerbau und Forstwirtschaft die wirtschaftl. Grundlage. Wiesen und Reben wurden durch sog. Suonen bewässert, insbesondere durch die im 11. Jh. erw. Alte Suon im Westen und die von der Gamsa gespeiste, aus dem Nanztal herführende Visperi im Osten. Mit dem aufkommenden Alpinismus blühte in der 2. Hälfte des 19. Jh. das Gastgewerbe im Durchgangsort auf dem Weg nach Zermatt auf: Neben Gasthof und Fuhrhalterei Zum Weissen Pferd bzw. Zum Weissen Rösslein entstand 1860 das Gasthaus Zum Weissen Kreuz, gefolgt von weiteren Hotels; Kutscher, Träger und Säumer boten ihre Dienste an. 1876 erhielt V. einen Bahnanschluss von Leuk her, der 1878 bis Brig weitergeführt wurde. Diese Blüte endete mit der Fertigstellung der Visp-Zermatt-Bahn 1891. 1907 nahm die chem. Fabrik Lonza in V. die Produktion von Calciumcarbid auf und begann mit dem Bau des Kraftwerks Ackersand I, womit die industrielle Entwicklung der Gem. einsetzte. Das Unternehmen beteiligt sich seit seiner Ansiedlung am Ausbau der Infrastruktur, etwa der Abwasserreinigungsanlage oder der Versorgung durch Fernwärme, und unterstützt kulturelle Projekte. Mit knapp 54% der Arbeitsplätze im 2. Sektor (2005) ist V. auch zu Beginn des 21. Jh. industriell geprägt und weist einen deutlich positiven Pendlersaldo auf. V. ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern durch die Berufs- und Landwirtschaftsschule, die Kunstgalerie Zur Schützenlaube, das lokale Radio Rottu Oberwallis und das 1991 eröffnete Kultur- und Kongresszentrum La Poste auch ein kulturelles Zentrum des Oberwallis. In V. befinden sich das Bezirksgericht, das 1934 errichtete Regionalspital Santa Maria und ein Altersheim. Mit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels der Neat erhielt V. 2007 einen neuen Bahnhof und löste durch die verkürzte Bahnverbindung nach Bern das östlich gelegene Brig teilweise als Verkehrsknotenpunkt ab. Mit der Fertigstellung der A9 soll V. voraussichtlich 2016 einen Autobahnanschluss erhalten.


Literatur
– P. Jossen, V., 1988
– C. Fux, V., 2005

Autorin/Autor: Alois Grichting