Vissoie

Ehemalige politische Gemeinde VS, Bezirk Siders, seit 2009 mit Ayer, Chandolin, Grimentz, Saint-Jean und Saint-Luc Teil der neuen Gemeinde Anniviers. Mit dem Weiler Les Morands, im Val d'Anniviers (Eifischtal) gelegen. 1250 Vyssoy, dt. früher Esso. 1798 165 Einw.; 1910 309; 1950 310; 2000 451. Ein Schalenstein in Les Morands und Funde aus der Bronze- und Eisenzeit bezeugen eine frühe Besiedlung. Anfang des 13. Jh. war V. Zentrum des Vizedominats von Anniviers, das die gleichnamige Adelsfamilie als Lehen des Bf. von Sitten verwaltete. Am Standort der bischöfl. Burg wurde 1688 die Kapelle Notre-Dame de la Compassion erbaut. 1235 liess der Bischof einen neuen Flecken in ovaler Form errichten, den ein Häuserkranz ähnlich einer Ringmauer umgab. In der Mitte erhob sich ein massiver Steinturm, die Cour neuve, und ein Holzturm, der sog. Ballios, der 1880 abbrannte. In Letzterem fanden die Bürgerversammlungen sowie die Gerichtssitzungen statt. 1381 ging das bischöfl. Lehen an das Geschlecht von Raron über, 1467 kam es wieder zum bischöfl. Mensalgut. Bis 1798 wurde V. von einem nicht residierenden Kastlan verwaltet. Mit drei kleinen Nachbargemeinden bildete V. bis zum Ende des Ancien Régime einen Viertel des Val d'Anniviers, das seinerseits von 1565 an einen Drittel des Zenden Siders darstellte. 1798 fusionierte V. mit Grimentz, verlangte aber 1814 wieder die Loslösung. Der Staatsrat gab dem Begehren 1820 unter Auflagen statt, die V. nicht akzeptierte. Darauf beschloss die Regierung 1824, V. zwischen Ayer und Grimentz hälftig aufzuteilen. 1897 forderten die alten Bürgerfamilien die Wiederherstellung der Gemeinde, was der Staatsrat 1904 genehmigte.

Bereits vor dem 13. Jh. war V. das geistl. Zentrum der gesamten Talschaft. Die Pfarrei (Kirche Sainte-Euphémie) ist seit 1231 bezeugt. Die heutige Kirche wurde 1808-09 neben einem älteren Turm erbaut. Seit 1805 bildet Saint-Luc (mit Chandolin), seit 1930 Ayer und seit 1933 Grimentz eine eigene Pfarrei. Früher lebte V. von der Alp- und Weidewirtschaft (mit saisonaler Wanderung bis um 1950). Im 19. Jh. wurde der Ort nach und nach touristisch erschlossen. Eine fahrbare Verbindung mit dem Rhonetal bestand erst von 1863 an. 1958 wurde das Wasser der Navizance zur Aluminiumfabrik von Chippis umgeleitet. Aus V. wurde eine Wohngemeinde und ein Ferienort. In einem traditionellen Wohnhaus eröffnete 1964 das Heimatmuseum .


Literatur
– E. Zufferey, Le passé du val d'Anniviers 1, 1927 (Neudr. 2004); 2-3, 1973
– B. Crettaz, Histoire et sociologie d'une vallée de haute montagne durant le 19e siècle, 1974
Mémoire d'avenir: pour un centenaire, 2005

Autorin/Autor: David Rey / MD