• <b>Benito Mussolini</b><br>Karikatur zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Lausanne, kommentarlos erschienen im "Nebelspalter" 1937, Nr. 14 (Schweizerische Nationalbibliothek). Die Universität Lausanne verlieh Mussolini im Januar 1937 auf Vorschlag des Schulrats der an die rechtswissenschaftliche Fakultät angegliederten Abteilung für Sozial- und Politikwissenschaften die Ehrendoktorwürde. Mussolini wurde geehrt, weil er in seinem Land eine "gesellschaftliche Ordnung" geschaffen habe, welche die "Wissenschaft der Soziologie bereichert" habe und in der Geschichte "tiefe Spuren" hinterlassen werde.

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Mussolini, Benito

geboren 29.7.1883 Dovia di Predappio (Emilia-Romagna), gestorben 28.4.1945 Giulino di Mezzegra (Gem. Mezzegra, Lombardei). Sohn des Alessandro, Eisenschmieds, und der Rosa geb. Maltoni, Lehrerin. ∞ 1915 Rachele Guidi. M. erwarb das Lehrerdiplom, war aber nur kurz als Lehrer tätig. Im Juli 1902 kam er, v.a. aus Abenteuerlust und ohne festes Ziel, in die Schweiz. Hier arbeitete er für das Organ der ital. Sozialisten in der Schweiz, "L'Avvenire del Lavoratore", organisierte Versammlungen und hielt Vorträge für die ital. Arbeiter. Ausserdem war er Sekr. der ital. Maurer- und Hilfsarbeitergewerkschaft in Lausanne, übte versch. temporäre Tätigkeiten aus und kam mit wichtigen Exponenten des ital. Sozialismus in der Schweiz in Kontakt. Weil er die Idee eines Generalstreiks mit gewaltsamen Mitteln unterstützte, wurde er im Juni 1903 im Kt. Bern verhaftet und ausgewiesen, nach Chiasso gebracht und der ital. Polizei übergeben, die ihn jedoch freiliess. Er kehrte in die Schweiz zurück, wurde aber im April 1904 vom Kt. Genf ausgewiesen, da er das Gültigkeitsdatum seines Passes gefälscht hatte; dank den Protesten der Genfer Sozialisten und auf Intervention der Tessiner Regierung wurde er schliesslich in Bellinzona wieder freigelassen. Am 7. Mai immatrikulierte er sich an der Univ. Lausanne, wo er Vorlesungen von Vilfredo Pareto und Pasquale Boninsegni belegte; gleichzeitig hielt er weitere Reden für ital. Arbeiter. Im Nov. 1904 kehrte er Lausanne endgültig den Rücken und ging nach Italien zurück, weil er von der Amnestie für einfache Fahnenflucht, für die er in Abwesenheit verurteilt worden war, profitieren wollte. Die zweieinhalb Jahre, die M. - mit zwei Unterbrechungen von ca. vier Monaten - in der Schweiz verbracht hatte, waren für seinen intellektuellen und polit. Werdegang grundlegend.

Nachdem er in den folgenden Jahren zu einem Führer des revolutionären Flügels der sozialist. Partei Italiens aufgestiegen und 1912 zum Herausgeber des "Avanti!", des offiziellen Parteiorgans, ernannt worden war, wurde er 1913 nach Zürich eingeladen, um eine 1.-Mai-Rede auf Italienisch zu halten; im Juli desselben Jahres sprach er vor ital. Arbeitern in Flamatt. Nach dem Krieg und der Gründung der faschist. Bewegung hielt M. als Mitglied der ital. Abgeordnetenkammer im Juni 1921 eine Rede, in der er auf die "Gotthardgrenze" anspielte (Irredentismus), weshalb die Schweiz ihn mit einem Einreiseverbot belegte. Im Nov. 1922, kurz nach dem Marsch auf Rom und der Ernennung zum Regierungschef, war er in Lausanne zur Eröffnung der Konferenz über den Frieden im Nahen Osten (Revision des Vertrags von Sèvres); im Okt. 1925 kam er nach Locarno, um den Locarno-Pakt zu verabschieden, der zu einer vorübergehenden Entspannung zwischen den europ. Grossmächten führte. Am 24.4.1933 hatte er in Rom das einzige Gespräch mit Bundesrat Giuseppe Motta, bei dem auch die Italianità des Tessins zur Sprache kam. 1937 zeichnete die Univ. Lausanne ihren ehem. Studenten mit der Ehrendoktorwürde aus, was zu einer heftigen Polemik führte. Trotz der offiziellen Freundschaftsbekundungen zögerte M. nicht, in den Jahren 1930-40 die schweiz. Anhänger des Faschismus, Arthur Fonjallaz und Georges Oltramare, persönlich zu unterstützen; zudem äusserte er sich zuweilen - wie das Tagebuch des Schwiegersohns Galeazzo Ciano zeigt - verächtlich über die Institutionen und die Demokratie in der Schweiz. Gegen Ende des 2. Weltkriegs, im Jan. 1944, gelang es der Tochter Edda Ciano, in die Schweiz einzureisen; im April 1945 wurde seine Ehefrau Rachele zusammen mit den Kindern an der Grenze in Chiasso zurückgewiesen. Als M. versuchte, sich - vermutlich Richtung Schweiz - in Sicherheit zu bringen, wurde er von den Partisanen in der Nähe von Dongo (am Comersee) aufgegriffen und zusammen mit seiner Geliebten Claretta Petacci erschossen.

<b>Benito Mussolini</b><br>Karikatur zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Lausanne, kommentarlos erschienen im "Nebelspalter" 1937, Nr. 14 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Die Universität Lausanne verlieh Mussolini im Januar 1937 auf Vorschlag des Schulrats der an die rechtswissenschaftliche Fakultät angegliederten Abteilung für Sozial- und Politikwissenschaften die Ehrendoktorwürde. Mussolini wurde geehrt, weil er in seinem Land eine "gesellschaftliche Ordnung" geschaffen habe, welche die "Wissenschaft der Soziologie bereichert" habe und in der Geschichte "tiefe Spuren" hinterlassen werde.<BR/>
Karikatur zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Lausanne, kommentarlos erschienen im "Nebelspalter" 1937, Nr. 14 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Archive
– BAR und AEG, Polizeidossier
Quellen
DDS, 8-15
Literatur
– R. De Felice, M. il rivoluzionario, 1965, 23-45
– K. Spindler, Die Schweiz und der ital. Faschismus 1922-1930, 1976
– M. Mattmüller, «M. in Svizzera (1902-1904)», in Nuova Antologia, 1981, H. 2139, 196-212
– P. Martig, «M. und die Schweiz», in BZGH, 45, 1983, 185-196
– M. Cerutti, Fra Roma e Berna, 1986
– O. Robert, Matériaux pour servir à l'histoire du doctorat h.c. décerné à Benito M. en 1937, 1987

Autorin/Autor: Mauro Cerutti / CN