Oral history

Als Methode der systemat. Befragung von Zeitzeuginnen und -zeugen für geschichtswissenschaftl. Zwecke entstand O. im angelsächs. Raum und lässt sich bis in die 1930er Jahre zurückverfolgen. Sie knüpft dabei an die zweifellos älteste Form geschichtl. Überlieferung überhaupt an, nämlich an die mündl. Tradierung. Die Methode soll dazu dienen, schriftlich nie festgehaltenes Expertenwissen, Erfahrungsberichte und Ereignisse geschichtlich fassbar zu machen. Im 19. Jh. geriet sie in Misskredit, wobei die Kritik v.a. von der dt. Universitäts- und Gelehrtenkultur ausging, die sich ausschliesslich der Schriftlichkeit verpflichtet fühlte. Sie verschwand in der Schweiz weitgehend aus der akadem. Welt, wurde aber in Randdisziplinen wie der Volkskunde weiterbenutzt.

Praktisch in ganz Europa wird O. in der Geschichtswissenschaft seit den 1970er Jahren im Zusammenhang mit der Kritik an einer in ihrer Abstraktion als kalt empfundenen Sozialgeschichte regelmässig angewendet. "Geschichte von unten" und Alltagsgeschichte hiessen die Schlagworte der neuen Ansätze, die sich in zunehmendem Mass dieser Methode bedienten.

Innerhalb der schweiz. Regionalgeschichtsschreibung gehörten mündlich erfragte Hinweise von Zeitzeugen allerdings schon seit geraumer Zeit zum Methodenkanon. Ab den 1980er Jahren wurde dabei vermehrt mit der nötigen wissenschaftl. Sorgfalt vorgegangen. Darüber hinaus kam O. im Kontext der Biografieforschung zum Einsatz sowie bei Untersuchungen, welche die Entstehung und Rekonstruktion eines kollektiven Gedächtnisses thematisierten. Auch in der Geschlechtergeschichte und der Kulturgeschichte ist der Ansatz der O. oft angewandt worden. Das bisher grösste, mit öffentl. Geldern geförderte O.-Projekt der Schweiz führte der Verein Archimob durch; 1999-2001 wurden 555 Interviews mit Zeitzeugen über ihre Erfahrungen im 2. Weltkrieg auf Video aufgezeichnet.


Literatur
Vielstimmiges Gedächtnis: Beitr. zur O., hg. von G. Spuhler et al., 1994
L'histoire c'est moi: 555 Versionen der Schweizer Gesch. 1939-1945, [DVD], 2005
– S. Jäggi Arbeit im Gespräch: O. zum Wandel der Arbeit seit 1970, 2007
– C. Dejung «O. und kollektives Gedächtnis», in Gesch. und Ges. 34, 2008, 96-115

Autorin/Autor: Ueli Haefeli-Waser