17/11/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken

Monte Verità

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Im Herbst 1900 gründete eine Gruppe um Henri Oedenkoven, Ida Hofmann und Gusto Gräser auf der Monescia, einem Hügel bei Ascona, eine lebensreformer. Kolonie (Lebensreformbewegung), der sie den Namen M. gaben. Zu ihren Anliegen gehörte ein strenger Vegetarismus, die Naturheilkunde, die Gleichberechtigung der Geschlechter und das Genossenschaftswesen. Bald schon wandelten sie den M. in ein vegetar. Naturheilsanatorium um. Mit Rohkosternährung, sog. Lichtluftkuren und Sonnenbädern sollten die Gäste, die in Lichtlufthütten untergebracht waren, zu einem "naturgemässen" Leben geführt werden. Die Gäste blieben durchschnittlich eineinhalb Monate auf dem M. und partizipierten als frühe Alternativtouristen an einem viel beschriebenen Zentrum eines alternativen Lebensstils (unter ihnen Erich Mühsam, Hermann Hesse, Franziska zu Reventlow). Durch den M. nahm der Tourismus in Ascona einen Aufschwung, was sich u.a. in der Eröffnung von Hotels und Pensionen und in gesteigerten Gästezahlen ausdrückte. Die hauptsächlich deutschsprachigen Zuwanderer integrierten sich in Ascona nur wenig, obschon sie mit den Einheimischen durch gemeinsame ökonom. Interessen verbunden waren. 1920 verliessen Hofmann und Oedenkoven den M. und wanderten über Spanien nach Brasilien aus.

Während der Zeit ihrer Leitung wurde der M. zu einem der wichtigsten Entstehungsorte des modernen Ausdruckstanzes (Ballett). 1913-19 war auf dem M. die von Rudolf von Laban geleitete Sommerschule für Bewegungskunst untergebracht. Ihr Ziel bestand in einer "ganzheitlichen" Schulung, zu der sowohl der Tanz, der Gesang und das Sprechen wie auch die Mitarbeit im Sanatoriumsbetrieb gehörten. Unter den internen Vorführungen, an denen u.a. die Tänzerinnen Mary Wigman, Suzanne Perrottet, Berthe Trümpy und Katja Wulff teilnahmen, ist besonders das 1917 aufgeführte Tanzdrama "Sang an die Sonne" nach einem Text von Otto Borngräber erwähnenswert.

1923 wurde der M. an die Künstler Werner Ackermann (Pseudonym Robert Landmann), Hugo Wilkens und Max Bethke verkauft, die ihn teilweise in eine expressionist. Künstlerkolonie umwandelten. Maskenfeste und vielerlei künstler. Aktivitäten machten den M. zu einem Anziehungspunkt für die künstler. Avantgarde. Doch finanzielle Schwierigkeiten beendeten schon nach zwei Jahren das Vorhaben.

1925 kaufte Eduard von der Heydt, der Bankier Ks. Wilhelms II., den M. und wandelte ihn in ein Kurhotel der oberen Preisklasse um. 1928 liess er von Emil Fahrenkamp an der Stelle des alten Zentralhauses ein Hotel im Bauhausstil errichten. In ihm und dem grossen Park wurde von der Heydts umfangreiche moderne Kunstsammlung und die Sammlung aussereurop. Kunstgegenstände ausgestellt. Beim Tod des Bankiers 1964 fiel der M. testamentarisch an den Kt. Tessin. Mit der Ausstellung von Harald Szeemann 1978 über die Geschichte des M. wurde er einer grösseren Öffentlichkeit zum Begriff für ein frühes Aussteigertum.

Seit 1989 besteht auf dem M. das von der Gem. Ascona, dem Kt. Tessin und der ETH Zürich getragene Centro Stefano Franscini, das zu natur- und geisteswissenschaftl. Themen Kongresse und Symposien durchführt. Die 1992 vom Tessiner Architekten Livio Vacchini erstellten Erweiterungen des Hotels durch ein 140 Plätze umfassendes Restaurant und einen unterird. Hörsaal haben die Umwandlung in ein Kongresszentrum begünstigt.


Literatur
M., hg. von H. Szeeman, 1978
Sinnsuche und Sonnenbad, hg. von A. Schwab, C. Lafranchi, 2001
– A. Schwab, M., 2003

Autorin/Autor: Andreas Schwab