15/01/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Hotelbau

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Die modernen Hotels gehen auf die alten Poststationen und Gasthäuser zurück, die um die Mitte des 19. Jh. noch in Betrieb waren, aber die wachsende Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten nicht mehr zu decken vermochten. Berichte von ausländ. Reisenden, die auf ihrer Grand Tour den Spuren von Jean-Jacques Rousseau, George Byron oder Mary und Percy Bysshe Shelley folgten, belegen den improvisierten Charakter der ersten Unterkünfte, wie sie die Einwohner von Montreux den fremden Besuchern in ihren eigenen Häusern zur Verfügung gestellt hatten. Der Ausbau der Strassen, das Postkutschennetz und die Inbetriebnahme der ersten Dampfschiffe begünstigten in den 1830er und 40er Jahren den H. in den Städten (z.B. 1830-34 Hôtel des Bergues in Genf, 1842 Hotel Dreikönige in Basel, 1844 Baur au Lac in Zürich). Ab den 1850er Jahren verstärkte sich der Zustrom von Reisenden v.a. dank der Entwicklung der Eisenbahn. Die Schweiz, die sich im 18. Jh. als Zwischenstation auf dem Weg nach Süden aufgedrängt hatte, wurde ab der Mitte des 19. Jh. nun selbst zum Reiseziel. Die Zahl der Sommeraufenthaltsorte nahm mit dem saisonalen Touristenandrang und dem Aufkommen versch. Kurpraktiken zu (Tourismus).

In der Folgezeit löste ein schrittweiser, aber rascher Übergang zu versch. Hotel- und Pensionstypen mehrere Wellen des H.s aus, so um 1870, 1885, 1900 und 1955. Infolge der steigenden Zahl von Übernachtungen wurden viele Hotels mehrfach durch die Errichtung von Anbauten oder die Aufstockung, Vertiefung bzw. Verbreiterung des Baukörpers vergrössert. Die Zunahme des Hotelangebots war nicht nur durch die wachsende Schar ausländ. Gäste bedingt, unter denen Engländer und Deutsche den grössten Anteil stellten - 1896 wurden in Montreux 5'740 Engländer und 4'849 Deutsche gezählt -, sondern auch durch die unterschiedl. Ansprüche bezüglich Komfort und Prestige. 1874 nannte Eduard Guyer-Freuler in einer Aufzählung der angesehensten Palasthotels Europas an erster Stelle das Beau-Rivage in Lausanne und den Schweizerhof in Luzern. Neben den an Seen und in den Alpen gelegenen Ferienorten, die sich für Sommeraufenthalte empfahlen, bestanden Thermalbadstationen wie St. Moritz und Leukerbad, in denen die Hotels zusätzlich zu den Kurgästen auch Feriengäste aufnahmen, die Sommer- und Wintersportarten betrieben. Die Höhenhotels fielen manchmal mit Kliniken oder Sanatorien zusammen, z.B. das Grand-Hôtel von Leysin, das 1892 von der Société climatérique erbaut wurde. Der beträchtl. Aufschwung, den der H. im 19. Jh. erlebte, zog eine regelrechte tourist. Kolonisierung der Schweiz nach sich, die jedoch mit dem Kriegsausbruch 1914 und dem damit verbundenen drast. Rückgang der ausländ. Besucher ein rasches Ende fand. Die Stagnation in der Hotellerie (Gastgewerbe) dauerte bis in die 1950er Jahre. Darauf zogen der Massentourismus, Festivals und Kongresse neue Gästesegmente an.

Nach Ansicht von Nikolaus Pevsner zeigt die Entwicklung der versch. Hotelbautypen, welch entscheidenden Einfluss die Aufenthaltsarten auf die Komfortverbesserungen hatten. Der techn. Fortschritt ermöglichte es den Hotels, ihre Bauten mit Zentralheizungen, Aufzügen, individuellen Badezimmern und anderen Annehmlichkeiten auszustatten. Für Luxushotelbauten in städt. Umgebungen wurden aus Platzmangel vielfach Grundrisse mit zentralen Innenhöfen gewählt. Auf frei stehenden Grundstücken hingegen bevorzugte man oft lang gezogene und schlossähnl. Bauten. Im 19. Jh. liess sich die Architektur zunächst vom Historismus, dann vom Eklektizismus mit Anleihen bei einheim. oder exot. Stilen inspirieren. Bereits um 1920 kamen im Zeichen der sachl. Architektur der Moderne Eisenbetonbauten mit Flachdächern und vorspringenden Terrassen auf. Insgesamt bildet aber der moderne H. die Ausnahme, während traditionell gestaltete Hotels, die dem Wunsch des Publikums nach familiärer Atmosphäre entsprechen, überwiegen.


Literatur
– E. Guyer-Freuler, Das Hotelwesen der Gegenwart, 1874
– P. Meyer, «Hotelbauten und Stilgesch. des Hotels», in Das Werk, 1942, 211-227
– O. Birkner, Bauen + Wohnen in der Schweiz 1850-1920, 1975
UKdm 29, 1978, 4
INSA, 1982-2004
– M. Schmitt, Palast-Hotels, 1982
– I. Rucki, Das Hotel in den Alpen, 1989
– T. Ott, Palaces, 1990
Hist. Hotels erhalten und betreiben, hg. von R. Flückiger-Seiler, 1996
– N. Pevsner, Funktion und Form: die Gesch. der Bauwerke des Westens, 1998 (engl. 1976)
Lugano Hôtels, Ausstellungskat. Lugano, 1998
– R. Flückiger-Seiler, Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen, 2001
– R. Flückiger-Seiler, Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit, 2003
– C. Seger, Grand Hotel: Schauplatz der Literatur, 2005

Autorin/Autor: Gilles Barbey / GL