27/11/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Handwerkschirurgen

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Während sich die gelehrten (internistischen) Ärzte als ausschliessl. Verwalter und Mehrer der medizin. Wissenschaft (Medizin) verstanden, vermochten die handwerklich ausgebildeten, weniger geachteten Bader, Barbierchirurgen, Wundärzte, Feldscherer und Geburtshelfer das Gebiet der Chirurgie und gleichzeitig des Barbierberufs bis ins 18. Jh. als Domäne zu verteidigen.

Die Chirurgen durchliefen eine handwerkl. Lehre und bildeten einen Stand, der in der Regel zu den ehrenhaften (Bern, Zürich), zuweilen aber auch zu den unehrenhaften Berufen (Basel) zählte. Oft in Zünften zusammengeschlossen, die den Chirurgen der Zunftstädte den Zugang zu polit. Ämtern bis zur Bürgermeisterwürde öffnete (z.B. Heinrich Walder, 1524-42 Bürgermeister von Zürich), führten sie einen bemerkenswert erfolgreichen Kampf gegen Übergriffe der Internisten in ihr Arbeitsgebiet, aber auch gegen das freie Arznen von umherziehenden Gauklern und Marktschreiern, Zahnbrechern, Bruch- und Steinschneidern, Okulisten oder Arzneimittelverkäufern. Die zunftmässig organisierten Chirurgen erreichten, dass nur geprüfte Berufsleute die öffentl. Anerkennung erhielten, die sich den jeweiligen Satzungen der Gesellschaften unterwarfen. In den Stadtorten unterstanden die Chirurgen der Landschaft ihren städt. Berufskollegen.

In das Arbeitsgebiet der Chirurgen fielen einfache Wundversorgungen, Zahnextraktionen, Bruch- und Steinschnitte, Starstiche, Amputationen, Trepanationen (Schädelöffnung), Kauterisationen (Brennen, Ätzen), die Geburtshilfe, die versch. Haut- und Geschlechtskrankheiten, das Einrenken verrenkter Glieder, die Fremdkörperentfernung, die Behandlung von Knochenbrüchen, das Öffnen von Abszessen usw. Manche präventiven oder therapeut. Eingriffe, wie z.B. der Aderlass, geschahen auf Anweisung des gelehrten Arztes. Den vom 16. Jh. an vereidigten Stadtchirurgen oder Stadtschnittärzten oblag die Aufsicht über die Ausbildung der Chirurgen; sie wirkten mit bei der Spitaleinweisung und Betreuung der chirurg. Kranken. Die Berufsgruppen der Chirurgen und der gelehrten Ärzte wirkten meist einträchtig in versch. Kommissionen des öffentl. Gesundheitswesens (Wundgschau zur Einweisung in die Krankenanstalten, gerichtsmedizin. Behörden, Schlichtungsinstanzen von Streitigkeiten zwischen Ärzten bzw. Ärzten und Patienten, Sonderkommissionen zur Bekämpfung von Seuchen), da die Chirurgen die geistige Überlegenheit der Doktoren anerkannten, diese sich aber ihrerseits verpflichteten, alle den Chirurgen vorbehaltenen Eingriffe zu respektieren.

Im 18. Jh., z.T. aber erst nach 1850 verlor sich der Gegensatz zwischen Ärzten und Chirurgen, indem akademisch ausgebildete Ärzte zunehmend das Fachgebiet der Chirurgie übernahmen oder den Chirurgen an meist privat gegründeten medizin.-chirurg. Ausbildungsstätten (z.B. Zürich 1782, Bern 1797) eine bessere anatom. und physiolog. Grundlage boten. Methoden und Ergebnisse der naturwissenschaftl. Forschung (Anästhesie, Asepsis, Röntgendiagnose, Blutersatz) erweiterten im 19. und 20. Jh. die Grenzen des chirurg. Handelns und sicherten dem Chirurgen als nunmehr universitär ausgebildetem medizin. Spezialisten ein dem Internisten ebenbürtiges Ansehen.


Literatur
– G.A. Wehrli, Die Bader, Barbiere und Wundärzte im alten Zürich, 1927
– G.A. Wehrli, Die Wundärzte und Bader Zürichs als zünftige Organisation, 1931
– G.A. Wehrli, Die Krankenanstalten und die öffentlich angestellten Ärzte und Wundärzte, 1934
– E. Olivier, Médecine et santé dans le Pays de Vaud, 4 Bde., 1962
– P. Schläppi, U. Boschung, Die ärztl. Ausbildung in der Schweiz, 1988
– S. Brändli, "Die Retter der leidenden Menschheit", 1990
– M. Widmann, C. Mörgeli, Bader und Wundarzt, 1998

Autorin/Autor: Christoph Mörgeli