Geschlechtergeschichte

In der Schweiz wird der geschlechtsspezif. Dimension der Geschichte seit den 1970er bzw. den 80er Jahren Rechnung getragen. Zuvor lag das Schwergewicht auf der Politischen Geschichte, aber auch auf der Wirtschaftsgeschichte und der Sozialgeschichte, welche die makrohist. Aspekte, die Konjunkturen und Strukturen betonten und deshalb die Frauen lange Zeit in den Hintergrund drängten. Dennoch wurden in der 2. Hälfte des 19. Jh. und der Zwischenkriegszeit schon einzelne Themen der Frauengeschichte angegangen. Mehrere Vorläufer beiderlei Geschlechts verfassten bemerkenswerte Beiträge über die bürgerl. und polit. Rechte der Frauen (Louis Bridel, Carl Hilty) und deren Stellung in Gesellschaft und Arbeitswelt (Margaritha Schwarz-Gagg, Emma Steiger).

Seit den 1970er Jahren hat die Frauengeschichte mehrere Richtungswechsel erfahren. In einer ersten Phase wurde über die Existenz einer eigenen Geschichte der Frauen, dann über die method. Möglichkeiten und die Quellenbasis einer Frauengeschichte nachgedacht, schliesslich wandte man sich der Gender-Forschung zu (vom engl. gender), d.h. der sozialen Organisation der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, was eine erhebl. Ausweitung der Thematik bewirkte.

Die ersten Fragestellungen wurden Ende der 1970er Jahre v.a. im Rahmen der Forschung an den Schweizer Universitäten entwickelt; wissenschaftl. Tagungen ermöglichten es anschliessend, die Ergebnisse dieser Studien bekannt zu machen. Die erste wissenschaftl. Tagung über G. fand 1983 in Bern statt, anschliessend wurden in regelmässigen Abständen (alle 2-3 Jahre) Historikerinnenkongresse abgehalten. Fachzeitschriften, die ab den 1990er Jahren in Frankreich, Österreich, Grossbritannien und später auch in Deutschland auf den Markt kamen, nahmen regelmässig Schweizer Beiträge auf. Die "Schweizer Zeitschrift für Geschichte" und "Traverse" geben der G. seit einigen Jahren Raum. 1996 widmete die Schweiz. Gesellschaft für Geschichte ihre Jahrestagung unter dem Titel "Frauen und Staat" erstmals der Frauengeschichte und G. Mehrere hist. Studien wurden vom Nationalen Forschungsprogramm 35 "Frauen in Recht und Gesellschaft - Wege zur Gleichstellung" (1993-96) finanziert. Mitte der 1990er Jahre fand das Thema der sozialen Beziehungen zwischen den Geschlechtern auch in die Lehre Eingang. 1995 richtete die Univ. Genf einen interdisziplinären Studiengang für G. ein und 2001 die Univ. Basel ein Zentrum für Gender Studies. 2005 boten auch andere Schweizer Universitäten systematisch Vorlesungen zur G. an. Schliesslich sei auch die bereits 1982 gegründete Gosteli-Stiftung in Worblaufen erwähnt, deren Archive einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der Frauenbewegung leisten.

In den letzten Jahren diversifizierten sich die Themen und Ansätze und rückten so die Frauengeschichte und G. in die Nähe der übrigen Geschichtswissenschaft. Untersucht wurden etwa die rechtl. Stellung, die Erziehung, die Arbeit, die Sexualität, die Darstellung des Männlichen und des Weiblichen und natürlich auch die Frauenbewegung und ihre zahlreichen Kämpfe für die Gleichstellung. Insbesondere unter dem Einfluss des sozialen Konstruktivismus und des Linguistic turn (methodolog. Bedeutung der Diskursanalyse) ist man von Analysen abgerückt, die sich auf die Stellung der Frauen konzentrieren, und widmet sich nun der Konstruktion des Weiblichen und des Männlichen im Sinne sozialer und kultureller Kategorien.


Literatur
– A.M. Käppeli, «De l'histoire des femmes à l'histoire des genres», in Féminin-masculin, 1990, 43-66
– B. Studer, «"Le genre de l'histoire"», in Bull. du département d'histoire économique/Université de Genève 21, 1990, 1991, 27-39
– R. Wecker, «Frauengesch. - G.», in SZG 41, 1991, 308-319 (mit Bibl.)
– C. Bosshart-Pfluger, «Frauengeschichtsschreibung zwischen Tradition und Emanzipation?», in ZSK 90, 1996, 183-194
– B. Studer, «Genre, travail et histoire ouvrière», in Sozialgesch. und Arbeiterbewegung, hg. von B. Studer, F. Vallotton, 1997, 63-88 (mit Bibl.)
Traverse, 2000, H. 1
– T.-H. Ballmer-Cao, Sozialer Wandel und Geschlecht, 2000 (mit Bibl. und Liste der Publ. des NFP 35)

Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / PTO