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Saint-Maurice (VS, Gemeinde)

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Polit. Gem. VS, Bez. S., am Fuss eines Felsens und vor einer Talenge am linken Ufer der Rhone. Die Gem. umfasst die Stadt S. sowie die Weiler Epinassey und Les Cases. Sie liegt an der Route über die Walliser Alpenpässe nach Italien. Bis 1822 umfasste sie auch Evionnaz und Vérossaz. Um 200 Acaun[ensis] [quadragesimae] Gal[liarum]. Zu Ehren des hl. Mauritius nahm Acaunum (franz. Agaune) im 11. Jh. den Namen S. an, der 1003 erstmals erwähnt wird. 1798 830 Einw.; 1850 1'224; 1900 2'162; 1950 2'728; 2000 3'596. Am Fuss des Felsens wurden Spuren aus der Bronzezeit gefunden. Die ebendort entdeckte Quellfassung stammt vermutlich aus röm. Zeit. Über die röm. Ortschaft selbst ist wenig bekannt. Acaunum war ein Zollposten, an dem die quadragesima Galliarum, ein Ein- und Ausfuhrzoll in der Höhe von 2,5%, erhoben wurde. Wahrscheinlich verfügte es über ein den Nymphen geweihtes Wasserheiligtum. Nach der Überlieferung starben der hl. Mauritius und seine Gefährten (Thebäische Legion) während der Herrschaft von Ks. Maximianus (286-310) in Acaunum den Märtyrertod. 360-370 liess Theodul, der erste Bf. des Wallis, zu ihren Ehren dort eine Basilika errichten, die sich zu einem beliebten Wallfahrtsort entwickelte. 515 gründete der spätere Burgunderkg. Sigismund die Abtei, die er mit Ländereien reich ausstattete.

523 fielen die Franken, 574 die Lombarden und Mitte des 10. Jh. die Sarazenen in S. ein. 888 wurde der Welfe Rudolf in der Abtei zum Kg. von Hochburgund gekrönt (Rudolf I.). 1034 ging das Chablais in savoy. Besitz über, und S. bildete mit Monthey eine Kastlanei. Um 1300 zog der Kastlan von Monthey nach S. um. Der Abt übte die Herrschaft über den Abteibereich der Stadt aus. Die um 1170 erstmals erw. Bürger von S. wählten spätestens ab 1275 zwei Bürgermeister. Vom 13. Jh. an war die Stadt von Mauern umgeben. 1317 bestätigte Gf. Amadeus V. von Savoyen die Freibriefe der Stadt, die damals zwischen 1'400 und 1'800 Einwohner zählte. 1475 gelangte das Unterwallis unter die Herrschaft der sieben Zenden. Bis 1798 war S. Hauptort des gleichnamigen Gouvernements. Da S. ab 1476 in der Talenge an bern. Territorium stiess, wurde zum Schutz der Grenze eine Burg gebaut. Sie wurde 1646 mit der Erweiterung der Wohngebäude vollendet, jedoch 1693 bei einem verheerenden Stadtbrand, der auf das Pulverlager der Burg übergriff, teilweise zerstört. In der Helvet. Republik war S. Bezirks-, 1802-04 Zendenhauptort und 1810-14 eine Unterpräfektur des franz. Departements Simplon. 1822 trennten sich Vérossaz und Evionnaz mit der Bewilligung des Staatsrats von der Gem. S. 2008 wurden sechs Mitglieder der CVP, vier Freisinnige und ein Vertreter der Alliance de gauche in den elfköpfigen Gemeinderat gewählt. Der dreissigköpfige Conseil général zählte 15 Mitglieder der CVP, 11 der FDP und vier der Alliance de gauche. Die von einem Burgerrat mit sechs Mitgliedern verwaltete Burgergemeinde verfügte auch zu Beginn des 21. Jh. noch über ausgedehnten Grundbesitz, so den Campingplatz Bois-Noir, Alpweiden und Wald.

Die wichtigste geistl. Institution war die Abtei. Daneben liessen sich versch. Gemeinschaften in S. nieder: ab 1611 die Kapuziner, 1865 die Schwestern von S., 1906 die Augustinerschwestern und 1996 die Bruderschaft Eucharistein in Epinassey. Die Kirche Saint-Sigismond, die spätestens seit Mitte des 12. Jh. Pfarrkirche war, wurde am Standort einer älteren, dem hl. Johannes geweihten Begräbniskirche aus dem 6. oder 7. Jh. erbaut. Die heutige Kirche stammt von 1715. Bis zur Reformation 1529 gehörte Morcles zur Pfarrei S. und die Kirche Notre-Dame Sous-le-Bourg war Pfarrkirche von Lavey. 1693 fiel auch sie dem Feuer zum Opfer. 1721 waren nur noch Mauerreste vorhanden. Die 1178 bezeugte Kapelle Saint-Laurent wurde im 19. Jh. aufgegeben. Das Hospiz Saint-Jacques aus dem 10. Jh. besteht noch, ebenso die aus dem 18. Jh. stammende Kirche Notre-Dame-du-Scex. Überreste aus dem 8. Jh. deuten auf einen Vorgängerbau hin. Das Kapuzinerkloster mit Kapelle wurde 1640 gebaut, die Kapelle des Franziskanerheims 1940 vollendet. Die Märtyrerkapelle in Vérolliez erhielt ihre heutige Gestalt im 18. Jh. Die Kapelle in Epinassey wurde 1923 errichtet. Das mit der Abtei verbundene Kollegium, das seit dem MA bezeugt ist, wurde 1806 durch ein Abkommen vom Kanton als gemeinnützige Institution anerkannt.

Die Lage an einem Engpass erleichterte S. sowohl die Handelskontrolle als auch die Verteidigung. Die ab dem 12. Jh. belegte Brücke über die Rhone war flussaufwärts die erste nach dem Genfersee. 1831, 1848, 1859 und 1892 wurde die Befestigung schrittweise ausgebaut. S. war im 2. Weltkrieg einer der drei Hauptpfeiler des Réduit. 1995 wurden die Befestigungsanlagen aufgegeben und als tourist. Sehenswürdigkeit erschlossen. Auf dem ehem. Waffenplatz der Gebirgsinfanterie von S.-Lavey wird seit den Armeereformen (Armee 95 und XXI.) die Militärpolizei ausgebildet. Mit dem Bau der Eisenbahn 1860 entstand in S. ein grosser Rangierbahnhof. 1898-1940 versorgte das Kraftwerk Bois-Noir die Stadt Lausanne mit Strom. Die Industrialisierung setzte spät ein: Von den 1950er Jahren bis 1986 war eine Zementfabrik in Betrieb, ausserdem siedelten sich mehrere Formdrehereien an. 1934 wurde die Druckerei Saint-Augustin eröffnet. Der 1903 in S. gegr. "Nouvelliste valaisan" wurde 1968 zum "Nouvelliste et Feuille d'Avis du Valais". Die ab 1899 publizierten "Echos de S." gingen ab 2000 in die "Nouvelles de l'Abbaye" über, die 1927-69 erschienene "La Patrie Valaisanne" wurde 1969-97 als CVP-Organ unter dem Titel "Valais Demain" weitergeführt. Die Abtei mit ihrem Klosterschatz sowie die 1863 eröffnete Feengrotte ziehen Wallfahrer und Touristen an. Die 1901 gegr. Klinik Saint-Amé wurde 1996 zum Unterwalliser Geriatriezentrum umgebaut. Die Stadt beherbergt eine Filiale der Mediathek Wallis (1974-99 Unterwalliser Zweigstelle der Kantonsbibliothek) und die Pädagog. Hochschule Wallis (2001 PH-VS). Der neue Zonenplan von 1996 sieht für die Entwicklung von S. an der Ausfahrt der A9 vornehmlich Gewerbe- und gemischte Zonen vor.


Literatur
– G. Coutaz, «La ville de S. d'Agaune avant la Grande Peste», in Vallesia 34, 1979, 175-278
Das Wallis vor der Gesch., Ausstellungskat. Sitten, 1986, 194 f.
Vallis poenina: das Wallis in röm. Zeit, Ausstellungskat. Sitten, 1998, 162-164
– J.-P. Coutaz, Saint-Sigismond … à chœur ouvert, 535-2001, 2002

Autorin/Autor: Gaëlle Bourguinet Eggs / MD