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Linksradikalismus

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Der Begriff L. bezeichnet eine historisch variierende Vielfalt von anarchist., anarcho-syndikalist. und linkssozialist. Strömungen innerhalb der Arbeiterbewegung und nicht den linken Flügel des bürgerl. Radikalismus. Eine klare Definition lässt sich aufgrund des offenen Begriffsfelds und der oft fehlenden bzw. unbeständigen organisatorischen Strukturen des L. nicht machen.

Die Tradition reicht zurück zum libertären Sozialismus und Anarchismus der Fédération jurassienne der 1. Internationale. Von dort führen über James Guillaume direkte Verbindungen zum Zürcher Arbeiterarzt Fritz Brupbacher wie auch zum Anarchosyndikalismus der franz. Schweiz (Gewerkschaften). In der Fédération des unions ouvrières de la Suisse romande machte sich nach 1900, beeinflusst von der revolutionären Gewerkschaftsbewegung Frankreichs, ein stark anarchistisch ausgerichteter L. bemerkbar, der schon vor 1914 bereits wieder an Bedeutung verlor, im Kreis um Luigi Bertoni und die Zeitschrift "Le Réveil - Il Risveglio" aber weiterbestand. In der Deutschschweiz formierte sich der L. vor dem 1. Weltkrieg v.a. in Zürich unter der Parole des revolutionären Massenstreiks im Umfeld des Arbeiterbildungsvereins Eintracht, der sozialdemokrat. Jugendorganisationen um Willi Münzenberg und des Bau- und Holzarbeiterverbands. Grosses Gewicht kam im L. angesichts der Militäraufgebote gegen Streiks auch dem Antimilitarismus zu, was 1905 zur Gründung einer antimilitarist. Liga führte. Während des 1. Weltkriegs erwuchsen aus der Ablehnung von Burgfrieden und Krieg verschiedene linksradikale Strömungen inner- und ausserhalb der Sozialdemokratischen Partei (SP) von den Religiös-Sozialen über die Zimmerwalder Linke (Zimmerwalder Bewegung) bis zum anarchist. Kreis um Brupbacher oder den "Altkommunisten" um Jakob Herzog. In der damaligen gesellschaftl. Krise erlangte der L. aufgrund des ausgeprägten Aktivismus dieser soziopolit. Subkultur sowie als Projektionsfläche bürgerl. Revolutionsängste eine überproportionale Bedeutung. Nach der Spaltung der SP 1921 und der Vereinigung der Parteilinken mit den "Altkommunisten" zur Kommunistischen Partei (KP) wurde libertäres Gedankengut des L. wie das antiparlamentarische Konzept einer Rätedemokratie in den Hintergrund gedrängt und mit Lenin als "Kinderkrankheit des Kommunismus" kritisiert. In der Zwischenkriegszeit kam es nur vereinzelt zu eigenständigen Manifestationen eines L. ausserhalb der grossen Parteien der Arbeiterbewegung, wie 1930 in der Abspaltung des antistalinist. Flügels der KP in Schaffhausen, der sich als Kommunistische Partei-Opposition konstitutierte, und während des 2. Weltkriegs in antimilitarist. Aktivitäten trotzkist. Kreise. Ausschlüsse von SP-Linken führten 1939 in Genf zur Gründung der Fédération Socialiste Suisse und 1944 zur Bildung der Partei der Arbeit (PdA) als Nachfolgerin der 1940 verbotenen KP. In der PdA hatten allerdings Ansätze einer linkssozialist. Ausrichtung angesichts des aufkommenden Kalten Kriegs keine Chance.

Erst im Zuge der 68er-Bewegung gewannen neue linksradikale Bewegungen an Gewicht. Deren antiautoritäre Impulse wurden aber in den meist nach leninist. Kadermodell aufgebauten Organisationen zurückgebunden und das polit. Potential der überdurchschnittl. Aktivierung versandete in der Zersplitterung. So entstanden u.a. 1969 die trotzkist. Revolutionäre Marxistische Liga (Sozialistische Arbeiterpartei) und die Progressive Organisationen (POCH) sowie später verschiedene maoistisch orientierte Gruppen, die sich als Avantgarde von zu entfachenden Massenbewegungen für eine Volksrevolution verstanden. Neben diesen in unterschiedl. Schattierungen marxistisch orientierten Gruppen entstand - beeinflusst von "operaistischen" Gruppen in Italien und der spontaneistischen Szene in Frankreich und Deutschland - seit den 1970er Jahren eine diffusere autonomist. und anarchist. Szene, die v.a. in der Jugendbewegung der 1980er Jahre Auftrieb erhielt.


Literatur
– H.U. Jost, L. in der dt. Schweiz 1914-1918, 1973
– H.U. Jost, Die Altkommunisten, 1977
– D. Vogelsanger, Trotzkismus in der Schweiz, 1986
– Gruner, Arbeiterschaft 3
Le temps des ruptures, hg. von P. Bavaud, J.-M. Béguin, 1992
Staatsschutz in der Schweiz, hg. von G. Kreis, 1993
– D. Wisler, Drei Gruppen der Neuen Linken auf der Suche nach der Revolution, 1996

Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser