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Monthey (Gemeinde)

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Polit. Gem. VS, Hauptort des gleichnamigen Bezirks. Urbanes Zentrum des Chablais auf dem Schuttkegel der Vièze am linken Rhoneufer und am Eingang zum Val d'Illiez sowie über den Pas de Morgins zum Val d'Abondance. Die Gem. umfasst die Stadt M., Outrevièze, Choëx und Exklaven in der Gem. Collombey-Muraz. 1215 Montez. 1329 182 Feuerstätten; 1422 56; 1850 1'841 Einw.; 1900 3'392; 1950 5'608; 1970 10'114; 2000 13'933. In Marendeux fanden sich Reste einer augusteischen villa, die teils im 4., teils im 5. Jh. aufgelassen wurde. Die Burg, de la Motte oder Château-Vieux genannt, von der keine Überreste erhalten blieben, und der Marktflecken am rechten Ufer der Vièze bildeten den ursprüngl. Stadtkern. Ab dem 12. Jh. unter der Herrschaft der Savoyer, gehörte M. zur gleichnamigen Kastlanei in der Vogtei Chablais. 1206 sind ein Vitztum und ein Meier erstmals erwähnt. Nach den Pestepidemien 1349-52 und 1422, den Überschwemmungen der Vièze 1350 und 1378 sowie Feuersbrünsten 1390 und 1525 entstanden ausserhalb der Mauern vier Neuansiedlungen: die erste in Outre-Vièze am rechten, die zweite in der Nähe des Meierturms (1411) am linken Ufer, die dritte an der Strassenkreuzung Collombey-Saint-Maurice bei Crochetan, deren Mauern aus dem 15. Jh. noch existieren, und die vierte am Weg nach Troistorrents, in der Nähe des Schlosses der Montheolo oder de Montheys. Dieses neue, 1437 erwähnte Schloss, brannte 1606 ab, wurde 1663-64 umgebaut und in jüngerer Zeit renoviert. Es beherbergt das bestehende Verwaltungsgebäude sowie das 1938 gegr. Musée du Vieux-M. 1352 erhielt M. von Gf. Amadeus V. von Savoyen das Stadtrecht. Die Bürger, durch ihre Tätigkeit in Landwirtschaft (Kastanienkultur, Reb- und Ackerbau, Viehzucht), Gewerbe (Mühlen, Gerbereien, Färbereien an der Vièze) und Handel (Wochenmarkt, Messe, die auch von Abondance her besucht wurde) zu Wohlstand gekommen, richteten 1418 an Stelle der 1384 erbauten Kapelle Saint-Antoine ein Hospiz ein. Dieses wurde mehrere Male umgebaut und im 19. Jh. zum Gemeindehaus umfunktioniert.

Zur Zeit der Eroberung des savoy. Teils des Wallis bis Massongex (1475-76) erkaufte sich M. seine Unabhängigkeit. Die Schwächung Savoyens und die Berner Bedrohung zwangen den Ort, 1536 bei den Walliser Zenden Schutz zu suchen. Die Stadt wurde zum Sitz des für zwei Jahre gewählten Oberwalliser Landvogts, der ab 1547 im neuen Schloss residierte. 1571 akzeptierte M. die neuen Statuten der Zenden. Der Landrat bestätigte zwar die herkömml. Rechte und Ämter (Kastlan, Bannerherr, Meier), schaffte aber trotzdem zuerst den Vitztum, danach den Meier ab und stufte den Kastlan zu einem untergeordneten Richter zurück. Ab dem 16. Jh. geriet die Stadt M. durch ihre Übermacht mit den anderen Gem. der Landvogtei, insbesondere mit Troistorrents, in Konflikt. 1787 wurde die Landvogtei M. in drei kleinere Kastlaneien unterteilt.

Die Misswirtschaft der Landvögte und der Einfluss der Revolution nährten das Bedürfnis nach Emanzipation. Der Syndic Pierre Guillot und Charles Emmanuel de Rivaz stellten Forderungen und im Sept. 1790 kam es zu einem Aufstand unter der Führung von Pierre-Maurice Rey-Bellet, Gros-Bellet genannt. 1791 wurde M. von den Zenden besetzt und der Aufstand niedergeschlagen, wodurch sich die Fronten weiter verhärteten. Im Jan. 1798 pflanzte M. einen Freiheitsbaum auf und war während der Helvetik Hauptort des neuen gleichnamigen Bezirks. Die Unabhängigkeitsbestrebungen trugen der Stadt 1801-02 eine Besetzung durch die Franzosen ein. 1802-10 war sie Hauptort des gleichnamigen Zendens und 1810-15 des Kt. M., nachdem das Wallis 1810 zum franz. Departement Simplon geworden war. Während der Restauration führte die Gem. für kurze Zeit (1824-26) den als liberal geltenden wechselseitigen Unterricht (Lancasterschulen) ein. 1838 verlangte sie die Proporzvertretung im Landrat und stellte aktive Mitglieder bei der radikalen Bewegung Junge Schweiz. 1882 wurde eine erste Sektion des Grütlivereins (1868-69) wiederbelebt, in der sich hauptsächlich deutschsprachige Arbeiter der Glashütte engagierten. Unterstützt wurde der Verein von der ersten, 1901 gegr. Druckerei von M. sowie vom liberal antiklerikalen Wochenblatt "Le Bas-Valaisan, Feuille d'Avis du district de Monthey" (1904-06), aus dem der radikal sozialdemokrat. "Le Simplon" hervorging, der 1907 mit einem Kioskverkaufsverbot belegt und 1908 eingestellt wurde. 1909 erfolgte nach der 1.-Mai-Demonstration von etwa hundert Arbeitern der Glashütte im September in Martigny die Gründung einer Arbeiterpartei. Vier lokalpolit. Kräfte waren zu Beginn des 21. Jh. in M. vertreten: Freisinnige, Christdemokraten, Entente pour M., die 1996 als Reaktion auf die Parteien entstanden war, und die Gauche plurielle, die vereinigte Linke. Während der Legislaturperiode 2005-08 setzte sich der Gemeinderat aus 5 FDP-, 5 CVP-, 3 Entente- und 2 SP-Vertretern, der Generalrat (Legislative) aus 21 Mitgliedern der FDP, 17 der CVP, 11 der Entente und 11 der Gauche plurielle zusammen. 1848 wurde die Einwohner- von der Bürgergemeinde abgetrennt, wobei Letztere die Gemeindegüter behielt und das Bürgerrecht verlieh. Sie geriet aber in finanzielle Schwierigkeiten und musste 1936 Teile ihrer Besitzungen an die Einwohnergemeinde verkaufen. Ihr blieben Wälder und Weiden im Vallon de They, einer Exklave in der Gem. Troistorrents.

Bevor die Kirche in M. 1708 zur eigenen Pfarrei erhoben wurde, war sie eine Filiale der Kirche von Collombey-Muraz, die auch Troistorrents und Illiez umschloss und die 1263 im Tausch gegen die Kirche Bioley-Magnoux vom Priorat Lutry an die Abtei Saint-Maurice gelangt war. Die Kollatur lag bei der Abtei, 1848-1912 beim Walliser Gr. Rat. Die abgebrannte, mehrmals überschwemmte Kirche Saint-Didier wurde 1851 durch den Maria Immaculata geweihten Neubau ersetzt. Die 1775 erbaute Kapelle Notre-Dame-du-Pont geht auf die 1490 eingeweihte Vorgängerkapelle Annonciation de Notre-Dame (Mariä Verkündigung) zurück. Die Kirche Saint-Sylvestre in Choëx, eine Schenkung des Gf. Aymon von Savoyen an die Abtei Saint-Maurice 1237, blieb bis 1993 in deren Besitz.

M. nutzte ab Ende des 19. Jh. die Lage als Grenz- und Durchfahrtsort, seine Holz- und Wasserressourcen (Vièze, Rhone) sowie seine Elektrizitätsreserven, um sich wirtschaftlich und industriell zu entwickeln. 1859 erhielt die Stadt einen Bahnhof an der Eisenbahnlinie Bouveret-Saint-Maurice (aus unklaren Gründen "Ligne du Tonkin" genannt). Die Aigle-Ollon-M.-Bahn, die 1907 eine Brücke über die Rhone erhielt, brachte den Anschluss an die Simplonlinie; 1908 wurde sie mit dem Teilstück M.-Champéry fertig gebaut. Zum traditionellen Handwerk und zur Glashütte von 1824 gesellten sich kurzlebige Unternehmen wie 1841 der Abbau von Findlingen durch ital. Einwanderer, 1881 eine Tabak-, 1892-97 eine Zucker-, 1893 eine Seifen- und eine Wanduhrenfabrik. Die 1888 gegr. Metallwerkstatt Giovanola, die zur Giovanola Frères und 2002 zur GTec SA wurde, beschäftigte 1931 134 Arbeiter, schloss aber 2007 ihre Tore. Sie war für ihre Schweisstechnik international bekannt und stellte den Rumpf der beiden Unterseeboote Auguste Piccard und Ben Franklin her. Die 1898 entstandene Société des usines de produits chimiques verarbeitete die Sole der Salinen von Bex und wurde 1904 von der Basler chem. Fabrik (1945 in Ciba umbenannt) aufgekauft und 1905 in die Fabrique électrochimique de Monthey umgewandelt. 1949 erstellte dieses Unternehmen eine Kläranlage. Seit 2003 umfasst der Chemiestandort M. die Ciba Monthey SA (chem. Spezialitäten), Huntsman (Plastikmaterialien) und Syngenta (Pflanzenschutzmittel). Gas (1910 Gaswerk, 1974 Gaznat) löste Holz als Energieträger ab; 2007 erhielt die Elektrizitätsgesellschaft Atel die Baugenehmigung zur Errichtung eines Gaskombikraftwerks (einer Wärmekraftkoppelungsanlage). Hrand Djevahirdjian eröffnete 1914 eine Fabrik für synthet. Rubine. Sie wurde 1924 in eine AG umgewandelt. Die Ultra Précision SA Décolletages, die 1965 mit zehn Mitarbeitern begonnen hatte, zählte 1980 230 Beschäftigte und 2007 deren 60.

Als regionales kulturelles Zentrum spielt M. eine wichtige Rolle. Die Stadt ist Sitz zweier höherer Lehranstalten, die eine für Handel und Allgemeinbildung, die andere für Gesundheit und soziale Arbeit, und seit 1984 des Studios von Radio Chablais sowie seit 1989 des Théâtre du Crochetan. Der seit 1872 gefeierte Karneval geniesst über die Kantonsgrenze hinaus Bekanntheit. Das 1901 gebaute Spital von Malévoz behandelt psychisch Kranke des französischsprachigen Teils des Wallis. Das Hôpital du Chablais wurde zu Beginn des 21. Jh. als Teil des Walliser Spitalnetzes gegründet; es wird von den Kt. Wallis und Waadt gemeinsam betrieben und besteht aus den Spitälern von M. und Aigle.


Literatur
– «Etudes montheysannes», in Ann. val., 1952, 1-240
– «M.», in Vallesia 50, 1995, 379-387
– P. Weissbrodt, Ombres et lumières au pays de M., 1997
– V. Balet, 1824-1933, la Verrerie de M., 2005

Autorin/Autor: Pascal Dubey / MS