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Martigny (Gemeinde)

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Polit. Gem. VS, Bez. M., entstanden aus dem Zusammenschluss von M.-Ville und La Bâtiaz 1956 sowie von M.-Bourg und M.-Ville 1964. Auf dem Schwemmland der Dranse am Rhoneknie gelegen, Ausgangspunkt der Pässe nach Italien (Grosser Sankt Bernhard) und Frankreich (Col de la Forclaz). Nach 1018 Martiniacum, dt. früher Martinach. 1850 2'545 Einw.; 1900 3'550; 1950 5'915; 1970 10'478; 2000 14'361 (M.-Bourg: 1850 1'076 Einw.; 1900 1'298; 1950 1'863, 1960 2'354. M.-Ville: 1850 1'066 Einw.; 1900 1'827; 1950 3'487; 1960 5'239). Die heutige Gem. liegt an der Stelle der ehem. gallischen Siedlung Octodurus und des Forum Claudii Vallensium, des Hauptorts der röm. civitas Vallensium. Über M.s frühma. Entwicklung ist nichts bekannt. Der Ort gehörte zur bischöfl. Kastlanei M., die sich 1351 unter den Schutz des Hauses Savoyen stellte. Nach der Eroberung des Unterwallis durch die sieben Zenden 1475 wurde die Kastlanei der Landvogtei Saint-Maurice angegliedert. Die Gem. M. erhielt 1338 vom Bf. von Sitten und 1399 vom Gf. von Savoyen Freiheiten. Sie konnte ihre lokalen Behörden, die Syndics, deren Funktion 1798 erlosch, selbst wählen, nicht aber die Richter, da die Gerichtsbarkeit weiterhin in den Händen des Bischofs lag.

In der Helvet. Republik (1798-1802) gehörte die Gem. zum Bez. M., in der Republik Wallis (1802-10) sowie 1814-48 zum gleichnamigen Zenden, 1810-14, als das Wallis ein Teil Frankreichs war, zum Kt. M. (Dep. Simplon) und ab 1848 zum Bez. M. 1800 beherbergte der Ort Napoleon Bonaparte und die Italienarmee. 1840-47 bildete M. den Schauplatz der Konfrontationen zwischen der liberal-radikalen Bewegung Junge Schweiz und der konservativen Vereinigung Alte Schweiz. Die Schlacht am Trient, in der die Junge Schweiz unterlag, fand am 21.5.1844 wenige Kilometer von M. entfernt statt. Am folgenden Tag marschierte der Truppenkommandant der Alten Schweiz in M. ein. Die Emanzipation der Viertel der ehem. Grossgemeinde M. geschah unter dem Druck liberaler Ideen. Das Viertel La Ville, das sich fortan M.-Ville nannte, wurde 1835 selbstständige Gem., ihm folgten 1836 Charrat, 1841 Le Bourg (M.-Bourg) und La Combe (Martigny-Combe), von dem sich La Bâtiaz 1845 und Trient 1899 abspalteten. Die Bürger dieser sechs neuen Gem. unterstanden weiterhin derselben Burgergemeinde.

M. ist die Bastion des Unterwalliser Freisinns in einem mehrheitlich konservativen Kanton. 1998 wurde der Stadtpräsident von M., Pascal Couchepin, in den Bundesrat gewählt. Während der Legislatur 2005-08 zählte der Gemeinderat neun Mitglieder (sechs Freisinnige, zwei Christdemokraten und einen Sozialdemokraten), der Generalrat (Legislative) 66 Mitglieder (37 Freisinnige, 19 Christdemokraten und 10 Sozialdemokraten) und der Burgerrat fünf Mitglieder (vier Freisinnige und einen Christdemokraten). Der Conseil mixte aus den Vertretern der Gem. M., M.-Combe und Charrat verwaltet den gemeinsamen Friedhof. M.-Bourg besass zwei Rathäuser, das eine war ein Renaissancebau, das andere wurde 1842 errichtet. Jenes von M.-Ville (1866 gebaut) ist zum Rathaus von M. geworden.

Der erste Bf. des Wallis, Theodul oder Theodor, wählte 381 Octodurus zum Residenzort. Seine Nachfolger verlegten den Bischofssitz nach Sitten, wo sie sich 585 definitiv niederliessen. 1163 trat der Bf. von Sitten die Kirche von M., die vermutlich an der Stelle der ursprüngl. Kathedrale steht, an das Priorat Mont-Joux (Gr. St. Bernhard) ab. Sie wurde 1177 Maria und 1420 Notre-Dame-des-Champs (heutiges Patrozinium) geweiht. Die Kirche aus karoling. Zeit wurde in rom. Zeit und im Barock (1645-87) umgebaut. Den Gottesdienst versehen die Augustinerchorherren des Gr. St. Bernhard, deren Propstsitz (16. Jh., Neubau 1753) an die Kirche angrenzt, die bis heute Mutterkirche der Pfarrei geblieben ist. Mehrere Gotteshäuser sind ihr unterstellt: die vom Rektorat von Le Bourg betreute Kapelle und Kirche Saint-Michel, die Pilgerkapelle Notre-Dame de Compassion in La Bâtiaz (1595), die 1869 erbaute und seit 2007 von der orthodoxen Pfarrei benutzte Kapelle in Le Guercet sowie die Kapelle Notre-Dame-des-Neiges in Chemin (um 1900). Die Kapelle von Trient wurde 1868 Pfarrkirche. Die Reformierten bildeten ihre Kirchgemeinde 1939, nachdem sie 1932 eine Kirche gebaut hatten.

Während Jahrhunderten waren sowohl M.-Bourg wie M.-Ville ökonomisch weitgehend auf Landwirtschaft und Rebbau ausgerichtet. Rund zehn Wasserräder lieferten im 18. Jh., etwa vierzig im 19. Jh. die Energie für den Betrieb von Mühlen, Schmieden und Gerbereien. 1847 wurde der Meunière genannte Monneresse-Kanal gebaut. 1830 leitete die Stadt ihr Wasser vom Mont Tiercelin herbei. Führten die Dranse und Rhone Hochwasser, wurde M. oft überschwemmt, besonders stark 1595 und 1818. Dank der Rhonekorrektion gewann M. Land für Gemüsekulturen und Obstbau. Die 1889 gegr. Destillerie Morand liess ihren Branntwein aus Williamsbirnen unter dem Namen Williamine als Marke eintragen. M.-Bourg besass ab 1392 ein Markt- und Messerecht. M.-Ville erlebte mit dem Anschluss ans Eisenbahnnetz einen wirtschaftl. Aufschwung: 1878 erhielt die Stadt eine Station an der Simplonlinie, 1906 bzw. 1910 den Kopfbahnhof der Eisenbahnlinien M.-Châtelard-Chamonix und M.-Orsières, die 1953 um die Strecke M.-Sembrancher-Le Châble verlängert wurde. Die Betreiber schlossen sich 2000 zu den Transports de M. et Régions zusammen. Das Tram, das ab 1906 den Bahnhof von M. mit Le Bourg verband, wurde 1957 durch einen Busbetrieb ersetzt. Die Stadt profitierte auch von der 1981 gebauten Autobahn A9 mit Ausfahrt zum Gr.-St.-Bernhard-Pass. Ende des 20. Jh. nahm die Beschäftigung im Dienstleistungssektor zu, als sich mehrere Unternehmen in M. ansiedelten: 1987 das Centre de Recherches Energétiques et Municipales, 1991 das Institut Dalle Molle d'Intelligence Artificielle Perceptive, das eng mit der ETH Lausanne zusammenarbeitet, und 1985 das Centre du Réseau des Bibliothèques Cantonales et Universitaires. Die Ortschaft zählt zwei Kongresszentren, das Centre d'expositions et de réunions de Martigny (1977) und das Centre du Parc (1998).

Kultureller Anziehungspunkt ist die 1978 gegr. Fondation Pierre Gianadda mit dem galloröm. Museum, dem Automobilmuseum, den Räumen für Dauer- und Wanderausstellungen, dem 1996 entdeckten Mithräum und dem Skulpturenpark. Die Ausstellungszentren Le Manoir und die Fondation Louis Moret zeigen zeitgenöss. Kunst, Architektur und Design. Die Fondation Claude Bellanger, ein Dokumentations- und Recherchezentrum für die Presse, wurde 1984 von der Schriftstellerin Christine Arnothy, der Frau des franz. Historikers Claude Bellanger, errichtet. Die 1987 eröffnete Médiathèque-Valais-Image-Son sammelt und erschliesst audiovisuelle Medien des Kt. Wallis. Neben einer Primar- und Sekundarschule verfügt M. über eine höhere Handelsschule mit einer Abt. für sportlich und künstlerisch begabte Schüler sowie über die Berufsschule des Unterwallis. Die kulturelle Ausstrahlung von M. reicht weit über den kant. Rahmen hinaus.


Literatur
– P. Farquet, M., 1953
– H.-J. Lehner et al., Restauration de l'église paroissiale de M., 1993
– E. Morand, M., 1940-1990, 1993
– P.-L. Pelet, A la force de l'eau, 1998, 12

Autorin/Autor: Albano Hugon / AHB