Magie

Mit dem Begriff M. verbinden sich Vorstellungen und Praktiken, die von der techn.-zwangsläufigen Indienstnahme "übernatürl.", d.h. geheimer, automatisch-gesetzmässig funktionierender Kräfte ausgehen, deren allfällige Wirksamkeit jedoch den Glauben an eine mag. Weltsicht voraussetzt. Mag. Handlungen versuchen, auf Mensch, Tier und Natur Einfluss zu gewinnen und mit Hilfe mag. Mächte und Kräfte Unheil abzuwehren, Sicherheit zu vermitteln oder das Überleben zu garantieren. Klassisch wird zwischen wohlbringender "weisser" und unheilbringender "schwarzer" M. unterschieden. Für die Aufklärung und Naturwissenschaften handelt es sich um ein irrationales Denken, von der christl. Lehre wird sie als Aberglauben bezeichnet. Trotz aller Abgrenzungen existierte bis weit in die frühe Neuzeit hinein ein Neben- und Miteinander von M., Religion (Volksfrömmigkeit, Heiligenverehrung) und Wissenschaft, ehe im Zug der Säkularisierung und Rationalisierung mag. Überzeugungen zurückgedrängt wurden. In ihren hist. Erscheinungsformen entspricht die M. weniger einer gleichbleibenden Überlieferung denn einer Mentalität, wobei deren Ausprägung und Verbreitung auch von Ohnmachtsängsten gegenüber Natur- und Menschengewalt oder vom Glauben an die unbegrenzte Machbarkeit abhängt. Zu Beginn des 21. Jh. entwickelten sich mit der Esoterik neue Formen der M. im urbanisierten Umfeld. Schon ein Blick in den Inseratenteil populärer Zeitungen zeugt vom Ausmass des Phänomens: Spezialgeschäfte und Magier aller Art bieten ihre Künste feil.

Die Funde von vorchristl. Amuletten in Saint-Sulpice (VD) stehen in einer langen Reihe von Belegen für unheilabwehrende und glücksbringende M. zugunsten von Mensch und Tier, Haus und Hof sowie der Natur. Das Böse liess sich durch aggressiv-spitze Gegenstände wie Messer oder dreizinkige Gabeln, durch starke Zeichen wie das doppelbalkige Caravacakreuz oder das Pentagramm (Drudenfuss), durch seltene Naturgegenstände wie Lochsteine und Alraune, durch zusammengesetzte Gegenstände wie Fraisenketten (meist rote Kettenschnur mit Anhängern), durch Beschwörung, durch Räucherung sowie durch plötzl. Lärm (Fasnacht) oder steten Lärm mit Hilfe von Kuhglocken abwehren. Es konnte auch abgelenkt (Nachtgespenster mittels sog. Toggelipuppen) oder durch Verpflöcken dingfest gemacht werden: lauter Praktiken, die auf einer Agrarkultur fussten und deshalb heute weitgehend der Vergangenheit angehören. Einige Handlungen wurden auch umgedeutet und tauchen in neuem Gewand in Bräuchen wieder auf.

Die hochkomplexe magia naturalis des 16. Jh. (Alchemie, Astrologie) gilt als hervorragendstes Beispiel für die M. als hohe Kunst. Deren bekanntester Vertreter war der Schweizer Arzt, Naturphilosoph und Theologe Paracelsus. Mit dem Bedeutungsverlust der M. bei wissenschaftl. Gelehrten ab dem 18. Jh. lebte mag. Geheimwissen (in sog. "Zauberbüchern") innerhalb kleiner Zirkel fort.

Dass sich noch Ende des 20. Jh. Appenzeller Gebetsheiler gegen M. abgrenzen mussten, belegt die landläufige Gleichsetzung von M. mit Schadenszauber, der als Verursacher von Unglück, Krankheit, Tod oder Naturkatastrophen gesehen wird. Solche Vorstellungen (inklusive jener des Liebeszaubers) gehen auf das Hexenwesen zurück. Gelehrte Anklageschriften der frühen Neuzeit wie z.B. die 1674 erschienene, über 1'100 Seiten umfassende "Magiologia" des ref. Bündner Pfarrers Bartholomäus Anhorn, aber auch volkstüml. Legenden oder unzählige Abwehrpraktiken belegen die enge Beziehung zwischen M. und Hexenkult. Allerdings blieben nur wenige materielle Zeugnisse verborgener Malefizen - etwa "Beschreipäckli" (z.B. mit Fingernägeln) des zu Schädigenden oder sog. Vernagelungen - erhalten.


Literatur
– H. Niederberger, C. Hirter, Geister, Bann und Herrgottswinkel, 2000
M.!, Austellungskat. Basel, 2002
– U. Brunold-Bigler, Teufelsmacht und Hexenwerk, 2003

Autorin/Autor: Patrick Dondelinger